Meidet den Himmel!

Sportplatz Noch streiten die Meteorologen, ob es als Vorbote der Klimakatastrophe gelten muss, wenn die Quecksilbersäule in einer mitteleuropäischen ...

Noch streiten die Meteorologen, ob es als Vorbote der Klimakatastrophe gelten muss, wenn die Quecksilbersäule in einer mitteleuropäischen Februarnacht auf plus 14 Grad Celsius steht, und die Osterglocken vor der Fastenzeit blühen. Wie immer die Diagnose schließlich ausfallen mag, bedroht bereits das bloße Phänomen all jene Sportarten in ihrer Existenz, die der einst "kalten Jahreszeit" ihren Namen verdanken.

Um den Kapriolen des Wetters zu entgehen, haben sich die meisten Wintersportarten mittlerweile vom Zyklus der Natur unabhängig gemacht. So ist Eishockey längst zu einer Ganzjahressportart mutiert, die ihren diesjährigen Weltmeister Anfang Mai ermittelt. Im grauen Liga-Alltag müssen die "Puckjäger" die Hallen mit Sportarten teilen, die, wie der Handball, früher einmal ausschließlich im Sommer und unter freiem Himmel ausgetragen wurden.

Letzteren meiden die Eisschnellläufer schon seit Jahren konsequent. Kaum sind die im "Winkingerschiff" von Hamar/Norwegen ausgetragenen Weltmeisterschaften im Mehrkampf beendet, besteigen die Kufenflitzer Mitte März das Flugzeug nach Seoul, um am einstigen Austragungsort Olympischer Sommerspiele die Weltmeister über die Einzelstrecken zu ermitteln. Und sollte es zur Eröffnung der Eiskunstlauf-WM am Tag des Frühlingsbeginns nach Pferd riechen, erklärt sich das aus dem Umstand, dass in der Dortmunder Westfalenhalle eine Woche zuvor ein Internationales Turnier der Spring- und Dressurreiter stattfindet.

Curling ist seit den letzten Olympischen Winterspielen "Trendsportart", die live im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. Als es noch auf zugefrorene Gebirgsseen angewiesen war, hieß es Eisstockschießen und war nördlich des Allgäus unbekannt. Inzwischen gibt es eine jährliche Weltmeisterschaft, die in Mehrzweckhallen ausgetragen wird und "heuer" am 17. April beginnt - einen Tag, nachdem in den Straßen von London und Hamburg die ersten großen Stadtmarathone dieses Jahres gelaufen werden und die meisten "Frühjahrsklassiker" der Radrennfahrer bereits entschieden sind. Während die sich auf dem Weg von Paris nach Roubaix noch über Kopfsteinpflaster quälen müssen, ermitteln Rodler und Bobfahrer ihre Besten längst in pottebenen betonierten Röhren, die mit gekühltem Ammoniak "vereist" werden.

Größere Schwierigkeiten, sich vom Klima zu emanzipieren, haben jene Sportarten, die nicht auf Kufen, sondern auf Skiern ausgetragen werden. Doch ist der Fortschritt auch in diesen Disziplinen so weit gediehen, dass die Veranstalter kaum etwas mehr fürchten als einen Winter, wie er in unseren Kinderbüchern steht. Seit sich die "weiße Pracht" künstlich herstellen lässt, ist das Wort Neuschnee eine Drohung, die einer Hundertschaft Freiwilliger im Wortsinn schlaflose Nächte bereitet, in denen Frau Holles Hinterlassenschaft von den mit Kunstschnee präparierten Pisten und Loipen entfernt werden muss.

Weil dieses aus Schneekanonen abgefeuerte Gemisch aus Wasser und Chemie weitgehend wärmeresistent ist, können alpine und nordische Wettbewerbe nicht mehr nur im Hochgebirge oder den eisigen Weiten Skandinaviens, sondern auch im Flachland ausgetragen werden. Zwar handelt es sich bei dem "zwischen den Jahren" in der Gelsenkirchener "Arena auf Schalke" vor 50.000 Zuschauern ausgetragenen Mixed-Wettbewerb der Biathleten noch um einen reinen "Showkampf". Beim Skilanglauf am Düsseldorfer Rheinufer ging es jedoch genauso um Weltcuppunkte wie am legendären Osloer Holmenkollen.

Dort endet Mitte März die Wintersaison der Skispringer, die es naturgemäß am schwersten haben, die Kapriolen der Natur zu ignorieren: Eine Sportart, deren Ausübung jeder Windstoß - es sei denn, er käme "weitenträchtig" direkt von vorn - zu einem lebensgefährlichen Unterfangen macht, ist auf äußere Bedingungen angewiesen, die sich in Zeiten ausbleibender stabiler Hochdruckgebiete nur selten bieten. Doch auch hier zeichnet sich eine Lösung ab. Nach einer kurzen schöpferischen Pause beginnt der Weltcup im Mattenspringen. Einst zu Trainingszwecken erdacht, hat sich die sommerliche Variante eines Wintersports mittlerweile weitestgehend emanzipiert.

Um den eingeschlagenen Weg in die Unabhängigkeit konsequent zu Ende zu gehen, sollten die Funktionäre des Weltskiverbandes wohl Rat bei einer Sportart suchen, die vom Slalom bis zum Schanzenspringen sämtliche Attribute eines Wintersports auf sich vereinigt und doch der Inbegriff des Sommers ist: Wasserski.


00:00 20.02.2004
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