Mein bester Freund

Leseprobe Im Wahlkampf nutzte Donald Trump seine Biografie für politische Attacken. Nun spricht Hunter Biden selbst, er erzählt über seine Sucht, die Drogenabstürze, den Tod

Prolog

„Wos ist Hunter?“

Als ich dieses Buch im November 2019 in der relativen Ruhe meines Arbeitszimmers zu schreiben begann, befand ich mich im Zentrum eines politischen Feuersturms, dessen Folgen den Lauf der Geschichte verändern konnten.

Der Präsident der Vereinigten Staaten verunglimpfte mich beinahe täglich vom South Lawn des Weißen Hauses aus. Er beschwor meinen Namen auf seinen Wahlkampfveranstaltungen, um seine Anhänger aufzuhetzen. Wo er früher »Sperrt sie ein!« gerufen hatte, um die Stimmung anzuheizen, hieß es jetzt »Wo ist Hunter?«. Auf seiner Wahlkampf-Webseite wurden sogar »Wo ist Hunter?«-T-Shirts angeboten, für fünfundzwanzig Dollar, Größe S bis XXXL.

Info

Bei dieser Leseprobe handelt es sich um eine Zusammenarbeit mit dem Verlag Hoffmann und Campe

Nicht lange nachdem er diesen Kampfruf in sein Standardrepertoire aufgenommen hatte, tauchten die ersten Unterstützer mit ihren blutroten MAGA-Mützen am Einfahrtstor des Hauses auf, das ich mit meiner Frau Melissa, die damals im fünften Monat schwanger war, in Los Angeles gemietet hatte. Sie keiften in ihre Megafone und schwenkten Poster, die mich als die Titelfigur von Wo ist Waldo? darstellten. Rote Mützen und Fotografen verfolgten uns, wenn wir im Auto unterwegs waren. Wir und auch einige unserer Nachbarn riefen die Polizei, um sie zurückzudrängen. Doch Drohungen – einschließlich einer anonymen SMS, die an eine meiner Töchter in der Schule gerichtet war, mit der Warnung, dass sie wüssten, wo ich wohnte – zwangen uns dazu, einen sichereren Ort zu finden. Melissa hatte schreckliche Angst – um sich selbst, um uns, um unser Baby.

Ich war für Donald Trump zu einem Symbol geworden für seine eigene Sorge, nicht wiedergewählt zu werden. Er verbreitete längst widerlegte Verschwörungstheorien über meine Arbeit in der Ukraine und in China, obwohl seine eigenen Kinder Millionen in China und Russland verdient hatten und sein eigener Wahlkampfmanager in einer Gefängniszelle saß, weil er noch größere, aus der Ukraine stammende Summen gewaschen hatte. All das tat er, während seine Schattendiplomatie, die von seinem persönlichen Anwalt Rudy Giuliani angeführt wurde, vor aller Augen scheiterte.

Es war eine durchaus vorhersehbare Taktik, die direkt aus der Feder von Roy Cohn zu stammen schien, dem Großmeister des McCarthyismus, der ihn in die Schwarze Kunst der Politik eingeführt hatte. Ich war davon ausgegangen, dass mich der Präsident bereits viel früher persönlich angreifen würde, um die Dämonen und Süchte auszunutzen, mit denen ich jahrelang gerungen hatte. Doch zumindest zu Beginn des Wahlkampfs überließ er dies seinen Trollen. Als ich eines Morgens an meinem Buch arbeitete, sah ich zum Fernseher auf, wo Matt Gaetz, ein Kongressabgeordneter aus Florida und Handlanger Trumps, in einer Sitzung des Justizausschusses, der mit dem Amtsenthebungsverfahren befasst war, einen Ausschnitt aus einem Zeitschriftenartikel vorlas und zu Protokoll gab, in dem meine Drogenkarriere detailliert dargestellt wurde.

»Ich möchte mich nicht über die Drogenprobleme anderer lustig machen …«, erklärte Gaetz, grinste in die Kamera und tat genau das.

»Wie gesagt, ich möchte … niemanden für die Schwierigkeiten verurteilen, die er in seinem Privatleben hat«, fuhr Gaetz fort und tat genau das.

Das von einem Mann, der einmal festgenommen wurde, weil er betrunken mit Dads BMW unterwegs war, und dessen Anklage wenig später unter geheimnisvollen Umständen zurückgenommen wurde. Hier tat jemand alles, um die Reality-TV-Geschichte am Laufen zu halten.

Nichts davon zählt in einem Orwell’schen politischen Klima, in dem alle Tatsachen verdreht werden. Wenn er mich – und damit meinen Vater – zerstören könnte, glaubte Trump, dann wäre er in der Lage, jeden mit Anstand agierenden Konkurrenten, egal welcher Partei, loszuwerden und gleichzeitig von seinem eigenen korrupten Verhalten abzulenken.

Wo ist Hunter?

Hier bin ich. Ich habe schon Schlimmeres durchgemacht. Ich habe die Extreme des Erfolgs und des Absturzes kennengelernt. Meine Mutter und meine kleine Schwester, die noch ein Baby war, starben bei einem Autounfall, als ich zwei Jahre alt war, mein Vater erlitt mit Mitte vierzig ein Aneurysma und eine Embolie, die ihn das Leben hätten kosten können, und mein Bruder starb viel zu jung an einem schrecklichen Hirntumor. Ich komme also aus einer Familie, die von Schicksalsschlägen geformt wurde und von einer außerordentlichen, unzerbrechlichen Liebe zusammengehalten wird.

Ich bleibe, wo ich bin. Ich bin nicht der Freak am Rande eines historischen Augenblicks, den all die krass überzeichneten Angriffe am liebsten aus mir machen würden. Ich bin kein Billy Carter oder Roger Clinton, Gott segne sie. Ich bin kein Eric Trump und kein Donald Trump junior – denn ich habe schon für andere Leute als meinen eigenen Vater gearbeitet, ich habe selbst Erfolg und Misserfolg gehabt. Das wird dieses Buch zeigen.

Um dies gleich klarzustellen:

Ich bin ein einundfünfzig Jahre alter Familienvater, der mitgeholfen hat, drei wunderschöne Töchter großzuziehen, von denen zwei zurzeit studieren und die dritte im vergangenen Jahr ihr Jurastudium abgeschlossen hat. Und ich habe einen Sohn, der ein Jahr alt ist. Ich selbst habe erfolgreich an den Universitäten von Yale und Georgetown studiert und an der School of Foreign Service unterrichtet.

Ich war im Management eines der größten Finanzinstitute des Landes (das inzwischen von der Bank of America übernommen wurde), habe international operierende Kanzleien gegründet und als Anwalt bei Boies Schiller Flexner gearbeitet, die viele der größten und angesehensten Organisationen der Welt vertreten.

Zum Autor

Robert Hunter Biden, Jahrgang 1970, ist Anwalt, Wirtschaftslobbyist und Sohn des US-Präsidenten Joe Biden. Als sein Vater US-Vizepräsident war, bekam er einen Vorstandsposten beim ukrainischen Gasproduzenten Burisma. Donald Trump machte daraus 2020 ein Wahlkampfthema

Ich wurde (vom republikanischen Präsidenten George W. Bush) in den Aufsichtsrat des Bahnunternehmens Amtrak berufen und war Vorstandsvorsitzender der amerikanischen Sektion des Welternährungsprogramms, der weltweit größten Organisation zur Bekämpfung von Hunger. Als Teil meines ehrenamtlichen Engagements für das Welternährungsprogramm besuchte ich Flüchtlingslager und Katastrophengebiete rund um den Globus – in Syrien, Kenia, auf den Philippinen. Ich habe mit traumatisierten Familien in aus Aluminiumcontainern hergestellten Hütten gehockt, ich habe Kongressabgeordneten davon berichtet und mit Staatschefs darüber gesprochen, wie sich schnelle, lebensrettende Hilfe am besten organisieren ließe.

Davor habe ich als Lobbyist die Interessen der Jesuitenuniversitäten vertreten. Ich habe mitgeholfen, mobile Zahnkliniken im unterversorgten Detroit zu finanzieren, Lehrerfortbildungsprogramme in den ärmeren Vierteln von Philadelphia und eine Einrichtung für die psychiatrische Versorgung unterprivilegierter und verwundeter Veteranen in Cincinnati.

Was ich damit sagen möchte: Ich habe ernsthafte Arbeit geleistet, für ernsthafte Menschen. Keine Frage, mein Nachname hat mir Türen geöffnet, aber meine Qualifikationen und Leistungen sprechen für sich. Dass diese Leistungen manchmal den Einflussbereich meines Vaters berührten, der acht Jahre lang Vizepräsident der USA war, war eigentlich unvermeidlich. Was ich nicht vorhersah, war, dass Trump Präsident werden würde und aus seinem Amt heraus rücksichtslos seinen politischen Vorteil suchen und ungestraft davonkommen würde.

Das habe ich zu verantworten. Das haben wir alle zu verantworten.

Und dann ist da noch Folgendes: Ich bin alkoholkrank und drogensüchtig. Ich habe auf den Straßen von Washington, D. C., Crack gekauft und in einem Hotelbungalow in Los Angeles mein eigenes gekocht. Ich brauchte so dringend Alkohol, dass ich schon auf dem kurzen Weg vom Kiosk zu meiner Wohnung die Wodka-Flasche öffnen musste, um einen Schluck daraus zu nehmen. In den letzten fünf Jahren ist meine Ehe, die zwei Jahrzehnte gewährt hat, in die Brüche gegangen, man hat mir Pistolen ins Gesicht gehalten, und einmal bin ich völlig abgetaucht, als ich in einem Neunundfünzig-Dollar-Motel an der I-95 wohnte und meiner Familie mehr noch als mir selbst einen riesigen Schrecken einjagte.

Seele und Herz

Dieser Absturz kam kurz nachdem ich meinen Bruder umarmte, als er seinen letzten Atemzug tat, Beau, den besten Freund, den ich je gehabt habe, den Menschen, den ich auf dieser Welt am meisten geliebt habe. Es gab praktisch keinen Tag in unserem Leben, an dem wir nicht miteinander gesprochen haben. Während wir als Erwachsene beinahe so oft stritten wie gemeinsam lachten, endete keines unsere Gespräche, ohne dass der eine sagte: »Ich liebe dich« und der andere antwortete: »Ich liebe dich auch.«

Ich habe mich nie so einsam gefühlt wie nach Beaus Tod. Ich verlor jede Hoffnung.

Inzwischen habe ich mich aus diesem düsteren, trostlosen Loch herausgezogen, was Anfang 2019 noch undenkbar war. Ohne die bedingungslose Liebe meines Vaters und die immerwährende Liebe für meinen Bruder, die über seinen Tod hinausgeht, hätte ich mich niemals fangen können.

Die Liebe, die mich mit meinem Vater und mit Beau verbindet – die tiefste, die ich je erfahren habe –, bildet den Kern dieser Erinnerungen. Es ist eine Liebe, die mir das Überleben ermöglicht hat in einem Zangengriff aus persönlichen Dämonen und dem Druck der Außenwelt, nicht zuletzt vonseiten eines blindwütigen Präsidenten.

Natürlich ist es eine Liebesgeschichte nach Biden-Art, und das bedeutet, dass sie kompliziert ist: tragisch, menschlich, leidenschaftlich, widerstandsfähig, bombastisch und letztendlich erlösend. Sie hört nie auf, egal was kommt. Mein Vater hat oft gesagt, dass Beau seine Seele war, und ich bin sein Herz. Und genauso ist es.

Info

Beautiful Things: Meine wahre Geschichte Hunter Biden übersetzt von Bernhard Robben, Kirsten Riesselmann, Gregor Hens, Hoffmann und Campe Verlag, 272 S., 22 €

Ich habe über diese Worte oft nachgedacht, ihre Bedeutung in meinem Leben. Beau war auch meine Seele. Ich habe gelernt, dass man auch ohne Seele weiterleben kann, solange nur das Herz noch schlägt. Aber herauszufinden, wie man es anstellt, wenn die Seele herausgerissen ist – wenn sie so vollständig ausgelöscht wurde, dass man sich mitten in der Nacht hinter einer Tankstelle in Nashville, Tennessee, wiederfindet, wo man Crack kauft, oder in einem Palast in Amman, wo man sich nach den Schnapsfläschchen in der Hotelbar sehnt, während man mit dem König von Jordanien zusammensitzt –, das ist die eigentliche Herausforderung.

Millionen von Menschen leben noch immer an diesem düsteren Ort, an dem auch ich war, vielleicht an einem noch viel schlimmeren. Ihre Umstände mögen andere sein – und ihre Mittel und Möglichkeiten weit geringer, aber der Schmerz, die Scham, die Hoffnungslosigkeit der Sucht sind für alle gleich. Ich habe in diesen Crackmotels gelebt. Ich habe mit »solchen« Leuten Zeit verbracht – bin mit ihnen durch die Stadt gefahren, immer auf der Suche. Ich habe mich mit ihnen weggeschossen. Das hat in mir ein überwältigendes Mitgefühl geweckt für diejenigen, die einfach nur versuchen, es von einem Augenblick zum nächsten zu schaffen.

Doch selbst in den Tiefen meiner Drogensucht, als ich an den erbärmlichsten Orten angeschwemmt wurde, habe ich doch außerordentliche Dinge erfahren. Ich erfuhr die Großzügigkeit von Menschen, die von der Gesellschaft wie Unberührbare behandelt werden. Ich begriff endlich, dass wir alle durch unsere Menschlichkeit miteinander verbunden sind – und vielleicht auch durch einen gemeinsamen Schöpfer.

Meine Biografie ist eigentlich keine gute Grundlage für ein solches Bekenntnis. Das verstehe ich, glauben Sie mir. Doch so abgründig, gefährlich und wahnwitzig dieser Lebensweg an vielen Stellen ist, so erfüllt ist er auch von einfachen, bejahenden menschlichen Verbindungen.

Ich wünsche mir, dass diejenigen, die noch immer im finsteren Loch des Alkoholismus und der Drogensucht stecken, sich selbst in meiner Misere wiedererkennen und Hoffnung schöpfen aus meiner Flucht, wie sie mir zumindest bis jetzt gelungen ist. Wir sind mit unserer Sucht immer allein. Es spielt keine Rolle, wie viel Geld man hat, mit wem man befreundet ist, aus welcher Familie man kommt. Am Ende müssen wir selbst damit zurechtkommen – einen Tag lang, dann noch einen und immer so weiter.

Und ich möchte mit Ehrlichkeit und Demut und einem gehörigen Maß an Ehrfurcht zeigen, dass die Liebe meiner Familie mein einziger Schutz war gegen die vielen Dämonen, gegen die ich ankämpfen musste.

Es war nicht leicht, dieses Buch zu schreiben. Manchmal war es kathartisch. Dann wieder hat es mich zurücktransportiert. Ich habe mich mehr als einmal von meinem Schreibtisch weggestoßen bei dem Versuch, meine Gedanken über die vergangenen vier Jahre, die ich in der Wildnis von Alkoholismus und Cracksucht verbracht habe, zu Papier zu bringen – weil die Erinnerungen zu haarsträubend waren, zu verstörend oder noch zu frisch, um mich nicht ins Grübeln zu stürzen. Es gab Momente, in denen ich tatsächlich anfing zu zittern, in denen sich mein Magen zusammenzog und der Schweiß in einer Weise, die mir allzu vertraut ist, auf meine Stirn trat.

Als ich ein knappes Jahr lang clean war – ich arbeitete gerade am ersten Teil dieses Buchs – , dachte ich noch immer jeden Morgen als Erstes an Crack. Es war, als müsste ich meinen Krieg wie im Fieberwahn immer wieder von Neuem führen, ich musste jeden erbärmlichen Schritt, jedes Ritual meiner Sucht akribisch nachvollziehen – ohne die Droge selbst, und mit Melissa, die neben mir lag und schlief. Ich streckte den Arm aus und tastete auf dem Nachttisch nach Crack. Ich stellte mir vor, ich hätte ein Bröckchen gefunden, ich würde es in die Pfeife stecken, die Pfeife an meine Lippen legen, es mit dem Feuerzeug erhitzen und das totale, uneingeschränkte Hochgefühl spüren. Nichts war verführerischer, verlockender …

Dann fing ich mich, ließ von dem Gedanken ab. Melissa wachte auf, und ein neuer Tag begann, der von all dem frei war. Mein Dad, der sich im Vorwahlkampf befand, rief aus Iowa oder Texas oder Pennsylvania an. Meine älteste Tochter, die noch im Jurastudium war, meldete sich aus New York und fragte wieder, ob ich endlich den Aufsatz gelesen hätte, den sie mir geschickt hatte. Ein Habicht kreiste über dem Canyon vor meinem Fenster, neckend, höhnend, wunderschön, und ich dachte an Beau, nur an ihn. Doch egal, wie weit ich schon gekommen war, ich wurde das Gefühl nicht los, dass mir diese alten, schrecklichen Gespenster noch immer im Nacken saßen.

Dies ist die Geschichte meines Weges, von dort nach hier.

SIEBZEHN MINUTEN

Am Vormittag des 29. Mai 2015 ließen wir die Geräte abschalten, die Beau am Leben hielten. Er war nicht ansprechbar, seine Atmung war schwach. Die Ärzte auf der Intensivstation des Walter-Reed-Militärkrankenhauses in Bethesda, Maryland, erklärten, dass er innerhalb weniger Stunden, nachdem sie die Tracheostomiekanüle gezogen hätten, von uns gehen würde. Ich wusste, dass es länger dauern würde – denn so war Beau. Also saß ich am Bett meines großen Bruders und hielt seine Hand.

Eine ganze Schar von Verwandten war ebenfalls da – vierundzwanzig Bidens, die hereinschauten und wieder verschwanden, die durch die Krankenhauskorridore liefen, ihren Erinnerungen nachhingen, warteten. Ich blieb bei Beau, die ganze Zeit.

Der Vormittag ging schleichend in den Nachmittag über, in den Abend, dann in die Nacht. Die Sonne ging noch einmal auf, ihre Strahlen brachen nur an wenigen Stellen durch die zugezogenen Vorhänge. Es war ein wirres, quälendes Warten: In ein und demselben Gebet hoffte ich auf ein Wunder und wünschte mir, dass das Leiden meines Bruders ein Ende nähme.

Weitere zähe Stunden. Ich redete auf Beau ein, ununterbrochen. Ich flüsterte ihm ins Ohr, wie sehr ich ihn liebte. Ich sagte ihm, dass ich wüsste, wie sehr er mich liebte. Ich sagte ihm, dass wir immer zusammen sein würden, dass es nichts gebe, was uns trennen könne. Ich erklärte ihm, wie stolz ich auf ihn war, wie mutig er gekämpft hatte, durch die Operationen hindurch, die Bestrahlungen und die letzte, experimentelle Behandlung, bei der ein verändertes Virus in seinen Tumor gespritzt worden war – direkt in sein Gehirn.

Er hatte nie eine Chance.

Er war sechsundvierzig.

Doch von der ersten Diagnose an, die weniger als zwei Jahre zurücklag, und während der gesamten Behandlung wiederholte Beau zwei Wörter immer wieder, wie ein Mantra, das er mir schenkte: »Beautiful things, schöne Dinge.« Er verlangte, dass wir, wenn er wieder gesund wäre, unser ganzes Leben der unerschöpflichen Schönheit dieser Welt weihen würden, dass wir sie genießen und fördern würden. »Schöne Dinge« wurde zu einem Sammelbegriff für menschliche Beziehungen und Orte und Augenblicke – für alles. Wenn dies hier vorbei sei, erklärte er, würden wir zusammen eine Anwaltskanzlei gründen und uns gemeinsam nur für »schöne Dinge« einsetzen. Wir würden auf der Veranda unseres elterlichen Hauses in Schaukelstühlen sitzen und die »schönen Dinge« betrachten, die vor uns lägen. Wir würden in den »schönen Dingen« schwelgen, die unsere Kinder und Familien würden, mit jedem Schritt mehr.

Es war unser Geheimcode für das neue Lebensgefühl. Wir wollten nie wieder zulassen, dass wir zu müde würden, zu abgelenkt, zu zynisch. Wir wollten uns nicht mehr vom Weg abbringen lassen durch das, was uns das Leben vor die Füße warf, wir wollten schauen und sehen und lieben.

»Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.«

Ein einziges Erinnerungsbild blitzt auf aus dem ersten und folgenschwersten Augenblick meines Lebens. Ich bin mir nicht sicher, in welchem Maß dieses Bild aus Zeitungsberichten, die ich gelesen habe, und den Geschichten, die wir uns in der Familie über die Jahre erzählt haben, zusammengesetzt ist – und wie viel davon die tatsächliche, verdrängte Wirklichkeit ist, die sich nun wieder bemerkbar macht.

Aber es ist ein lebhaftes Bild.

Es ist der 18. Dezember 1972. Mein Vater hat gerade den Wahlkampf um den zweiten Senatssitz von Delaware gewonnen. Er ist drei Wochen nach der Wahl dreißig geworden, erst beim Amtseid im Januar wird er das Mindestalter für Senatoren erreicht haben. Er ist an diesem Tag in Washington, D. C., wo er die Bewerbungsgespräche für seinen neuen Mitarbeiterstab führt. Meine Mutter Neilia – wunderschön, hochintelligent und ebenfalls dreißig – hat mich, meinen Bruder Beau und unsere kleine Schwester Naomi mitgenommen, um in der Nähe unseres renovierungsbedürftigen Hauses in Delaware einen Weihnachtsbaum zu kaufen.

Beau wird bald vier. Ich werde bald drei. Ich bin ein Jahr und einen Tag später geboren als er – wir sind beinahe irische Zwillinge.

Vor meinem geistigen Auge passiert jetzt Folgendes:

Ich sitze auf dem Rücksitz unseres geräumigen weißen Chevy-Kombi, hinter meiner Mutter. Beau ist auch da, hinter Naomi, die wir beide Caspy nennen – ein blasses, pummeliges Baby, das dreizehn Monate zuvor wie aus dem Nichts in unserer Familie aufgetaucht ist, weshalb ihr Spitzname von einer unserer Lieblingscomicfiguren abgeleitet ist: Casper, das freundliche Gespenst. Sie schläft tief und fest in einem Babykorb auf dem Vordersitz.

Mein Bruder, der Stern

Plötzlich sehe ich, wie sich der Kopf meiner Mutter nach rechts dreht, ich sehe ihr Profil, aber ich erinnere mich weder an den Blick noch an den Gesichtsausdruck. Ihr Kopf schwingt einfach herum. Im selben Moment stürzt oder schleudert mein Bruder auf mich zu.

Das ist alles. Es geht schnell, wie ein Zucken, ein chaotischer Augenblick: Meine Mutter ist langsam auf eine Kreuzung gefahren, ein mit Maiskolben beladener Lastwagen hat uns seitlich getroffen.

Meine Mutter und meine kleine Schwester waren auf der Stelle tot. Beau wurde mit einem gebrochenen Bein und zahllosen weiteren Verletzungen aus dem Autowrack gezogen. Ich erlitt einen schweren Schädelbruch.

Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich im Krankenhaus aufwachte. Beau lag im Bett neben mir, verbunden und geschient, er sah aus, als wäre er auf einem Spielplatz verprügelt worden. Er flüstert immer wieder dieselben drei Wörter in meine Richtung:

»Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.«

So fing alles an. Beau wurde mit diesen ersten bewussten Momenten meines Lebens mein bester Freund, mein Seelenverwandter, der Stern, der mich führt.

Drei Wochen später wurde Dad in unserem Krankenhauszimmer vereidigt, er war jetzt Senator.

Beau hatte zwei Amtszeiten lang als Generalstaatsanwalt von Delaware gedient, er war der Vater einer kleinen Tochter und eines Sohns, als ihm die Ärzte die Diagnose überbrachten: Glioblastoma multiforme – ein Hirntumor.

Vermutlich breitete sich der Tumor bereits seit drei Jahren in seinem Kopf aus. Im Herbst 2010, etwa ein Jahr nachdem er von einem Einsatz im Irak zurückgekehrt war, hatte er über Kopfschmerzen geklagt, Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen. Damals hatten die Ärzte seine Symptome auf einen Schlaganfall zurückgeführt.

Wir beobachteten seine Entwicklung danach sehr genau. Etwas schien nicht in Ordnung. Beau scherzte Freunden gegenüber, dass er plötzlich Musik hörte. Ich fand das nicht witzig – eher unheimlich. Er wusste einfach nicht, was los war, aber aus heutiger Sicht bin ich mir sicher, dass es der Tumor war, der auf einen Teil seines Gehirns drückte und dort akustische Halluzinationen auslöste – eine Geschwulst, die eine Nervenzelle anstößt, die eine weitere anstößt, bis man plötzlich im Hintergrund Johnny Cash hört. Das war es, was Beau erlebte.

Schließlich, an einem warmen Spätnachmittag im August 2013, sah ich entsetzt mit an, wie Beau in einem Kleinstadtkrankenhaus in Michigan City, Indiana, einen Grand-mal-Anfall erlitt. Dieser Anfall bestätigte, dass bösere Mächte im Spiel waren. Am Tag zuvor war Beau mit seiner Frau und seinen Kindern elf Stunden von Delaware gefahren, wie jedes Jahr, um mit uns am Lake Michigan, ganz in der Nähe des Ortes, an dem meine damalige Frau Kathleen aufgewachsen war, Urlaub zu machen. Ich selbst war nach einem Wochenende im Reservedienst der U. S. Navy aus Norfolk, Virginia, gekommen und zog mich gerade um – wir wollten bei den Verwandten vorbeisehen, die im Haus von Kathleens Cousine, nur wenige Schritte von unserem Sommerhaus entfernt, versammelt waren –, als ich sah, dass Beau mit unseren Familien die Einfahrt hinaufkam. Alle um ihn herum waren panisch.

Beau behauptete, es gehe ihm gut. Doch es war offensichtlich, dass er kämpfte, er ging gebeugt, mit unsicheren Schritten. Wir fuhren ihn zum Krankenhaus, wo die Radiologieassistenten gerade ein MRT vorbereiteten, als er den Anfall hatte. Es war grausam, wie eine Szene aus dem Film Der Exorzist. Die Gewalt in seinem Körper brach in Zuckungen und Konvulsionen aus ihm heraus, man konnte den Sturm, der in seinem Gehirn wütete, förmlich sehen. Es schien überhaupt nicht mehr aufzuhören. Ich fühlte mich machtlos. Ich wollte den Schmerz meines Bruders in mich aufnehmen, um ihm zu helfen, aber ich konnte nichts tun.

Nichts.

Als sich der Sturm schließlich legte, wurde Beau per Hubschrauber ins Northwestern Memorial Hospital in Chicago überführt. Seine Frau Hallie und ich folgten im Auto, wir rasten und schafften die Strecke in der Hälfte der üblichen siebzig Minuten. Beau hatte bereits sein MRT bekommen, als wir ankamen. Die Ärzte zeigten uns die Bilder.

Ich war erleichtert. Ich hatte seit Beaus Schlaganfall so viele MRT-Bilder angesehen, dass ich genau zu wissen glaubte, was los war.

»Das ist ja nur der Infarkt«, sagte ich und zeigte auf die Region des Gehirns, die durch den Schlaganfall beschädigt war. Auf der Stelle lag ein trüber Schatten.

Der Chirurg, einer der besten des Landes, seufzte mitleidig.

»Hunter«, sagte er ernst, »ich glaube, es ist ein Tumor.«

»Auf gar keinen Fall«, sagte ich. »Das sieht genauso … Ich sehe mir diese Bilder doch seit einem Jahr an. Das ist genau die Stelle, an der der Schlaganfall passiert ist – genau da.«

»Also, dazu kann ich nichts sagen«, meinte der Chirurg. »Aber das hier sieht wie ein Tumor aus.«

Wir flogen Beau nach Hause und brachten ihn ins Thomas Jefferson University Hospital in der Nähe von Philadelphia. Die Diagnose wurde bestätigt, es war ein Tumor.

Einige Tage später stieg ich mit Beau noch einmal in ein Flugzeug, diesmal mit dem Ziel Houston, wo wir einen Hirnchirurgen treffen sollten, der am MD-Anderson-Krebsforschungsinstitut der University of Texas arbeitete.

Die Diagnose

Ein Glioblastom ist ein gemeines, unerbittliches Grauen. Die erste Operation sei erfolgreich verlaufen, erklärten die Ärzte Beau, sie hätten den Teil des Tumors entfernt, den sie sehen konnten. Zugleich sei aber der Krebs von der aggressivsten Art – eine gefährlichere gebe es nicht. Niemand war bereit, Beau die Zahlen – seine Überlebenschancen – zu nennen, doch als nur noch Dad, der Arzt und ich im Raum waren, fragte ich danach. Später sah ich im Internet nach, um auszuschließen, dass der Arzt uns eine falsche Überlebensrate genannt hatte: unter ein Prozent. Patienten leben nach der Diagnose im Schnitt noch etwa vierzehn bis achtzehn Monate, und von denjenigen, die es länger als fünf Jahre schaffen, haben die wenigsten eine Lebensqualität, die man bestenfalls als erträglich bezeichnen könnte.

Es war ein Todesurteil.

Es dauerte nicht lange, bis aus meiner Fassungslosigkeit Wut wurde, ich war mir sicher, dass die Ärzte den Tumor damals, als Beau angeblich den Schlaganfall gehabt hatte, einfach übersehen hatten. Hätte er bessere Chancen gehabt, wenn man es früher erkannt hätte? Das ist eine andere Frage, die sich so überhaupt nicht beantworten lässt.

Nun fanden sich Beau und wir alle in derselben unlösbaren Situation wieder wie so viele Patienten mit ihren Familien, die eine derart schlechte Prognose erhalten. Wir hatten ein Blatt bekommen, mit dem man praktisch nicht gewinnen konnte, und verdoppelten unseren Einsatz. Da wir nicht imstande waren – möglicherweise auch nicht gewillt –, etwas anderes zu tun, da wir vielleicht auch einfach eine Scheißangst hatten, ließen wir uns mit kämpferischem Optimismus auf jede neue Behandlung ein, die Beaus Ärzte empfahlen. Zu diesen Empfehlungen gehörten in einem Zeitraum von einundzwanzig Monaten zwei weitere große Operationen, eine Chemotherapie und brutale Bestrahlungen – alles letzten Endes vergeblich.

Wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte, würde ich dieser Standardbehandlung niemals zustimmen, besonders nicht der Strahlentherapie. Angesichts der verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, dass er auch nur annähernd wiederhergestellt werden würde, angesichts auch der Schmerzen und der Beeinträchtigungen – er hatte Schwierigkeiten beim Sprechen, konnte seine Schuhe nicht mehr selbst anziehen – war die Behandlung fast schon barbarisch. Doch in dem Augenblick, in dem man diesen herausragenden, höchst engagierten und einfühlsamen Spezialisten ausgeliefert ist, glaubt man, selbst die winzigste Chance ergreifen zu müssen.

Unsere letzte Hoffnung war ein überaus riskanter Eingriff, dessen Ausgang völlig offen war: Ein biologischer Wirkstoff, den ein vom MD-Anderson-Institut finanzierter Krebsforscher entwickelt hatte, wurde Beau direkt ins Gehirn gespritzt. Uns war klar, dass die Wahrscheinlichkeit, den Tumor zurückzudrängen, äußerst gering war, doch wir hofften auf ein Wunder.

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06:00 17.04.2021

Ausgabe 30/2021

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