Mein eigen Fleisch und Blut

Auslaufmodell Familie Über den Streit zwischen kinderlosen Egoisten und selbstlos Gebärenden, die neue Romantik der ehelichen Gemeinschaft und das bombenfeste Modell der Paarbeziehung

Nehmen wir zum Beispiel diese kleine Kolumne im Feuilleton der Zeit-Weihnachtsausgabe. "Ihr Kinderlein kommet? Von wegen" ist sie untertitelt. Die Autorin, Elisabeth von Thadden, erzählt uns von Jesus aus Nazareth, dem Einzelkind, der gegenwärtig kläglichen Rate von 1,4 Geburten pro potenzieller Mutter in Deutschland, sie erzählt von Hannah Arendt, die zwar selbst kinderlos blieb - es sei ihr verziehen -, aber das Prinzip der "Geburtlichkeit" zum zentralen philosophischen Thema erhob und sie schreibt vom Wunder des dritten Kindes: "Manchmal, ganz selten, trifft man noch die menschliche Verkörperung des Unnötigen an: .... das dritte Kind, das heute kaum noch einer bekommt." Den "Dritten Weg" nennt von Thadden das dritte Kind, eine "Mitgift der Freiheit".

Das kleine Lehrstück ist symptomatisch, es evoziert das Bild von der Familie als dem Hort des Widerstandes gegen Rationalisierungszwang und Vernutzung durchs allgemeine Gewinnstreben, und es transportiert gleichzeitig die halb mit erhobenem Zeigefinger, halb mit seufzender Resignation vorgetragene Botschaft, man solle doch endlich wieder ein bisschen mehr gebären in Deutschland.

Artikel dieser Art liest man oft in letzter Zeit, "Neuer Höchststand bei Ehescheidungen", "Immer mehr nicht-eheliche Lebensgemeinschaften", "Trend zu kleinen Haushalten hält an", titelt das statistische Bundesamt in seinen Pressemitteilungen und auf die "Krise" reagiert die veröffentlichte Meinung mit Bildern, Filmen und Serien zur Zukunft der Familie, als wolle man mit aller Macht kitten und kleben, was längst nicht mehr zu retten ist.

Der Ernst der Lage ist allen klar: es droht die Überalterung der Gesellschaft und unterm demographischen Druck zeichnet sich eine untergründig sehr emotional geführte Kontroverse zwischen Kinderlosen und Eltern ab. Es sind zwei Wertsysteme, die hier konkurrieren, und während die Elternfraktion - mit gerechtfertigtem Ärger über Benachteiligung und latentem Neid auf Wohlstand und easy-going des kinderlosen Lebens - sich immer noch gegen den Verdacht des kleinbürgerlichen Spießertums und gedankenloser Kinderproduktion zu wehren scheint, sehen sich die Kinderlosen mittlerweile dem Vorwurf des Egoismus, des konsumistischen Individualismus ausgesetzt. Dem Bild vom Familienglück und der Beziehungsfähigkeit haben sie nichts entgegenzusetzen als einen Lebens-Luxus, der zur moralischen Erzählung nicht taugt.

Die Debatte wird sich in absehbarer Zukunft noch verschärfen und es scheint, als neige sich die Waagschale der Argumente beträchtlich auf Seite eines neuen Familienglücks. Heiraten nicht auch in unserer Umgebung plötzlich wieder die Menschen, von denen wir es nie erwartet hätten? Gründen sich nicht Familien? Selbst schwule und Lesben - Trendsetter und Trendmesser - machen mit.

Die Artikelserien über das Familienglück oder, seltener, ihr Elend bleiben jedoch auf eine eigenartige Weise steril, sie dringen selten zu dem vor, was uns, im wahrsten Sinne des Wortes, am Thema Familie so reizt: die eigenen Kindheitserfahrungen, die bedingen, dass sich Familie niemals eindeutig positiv oder negativ besetzen lässt. Familie ist der unvergleichliche Raum der ersten Erfahrungen. Unvergleichlich auch ist die emotionale Qualität ihrer Bindungen, nichts vermag so sehr aufzubringen wie Eltern oder Geschwister (oder Menschen, die an sie gemahnen), ein paar lächerliche Kindheits-Jahre Frühprägung bieten genug Stoff, um sich ein Leben lang nicht mehr vom Vater, von der Mutter zu erholen, keinem Begehren hängen wir so tragisch an, wie dem damals nicht gestillten. Das Pathos der Formulierung "mein eigen Fleisch und Blut", drückt die archaische Tiefe dieser Seelenverwandtschaft aus, wir werden keine Leidenschaft finden, die nicht hier ihre Wurzeln hätte.

"Heimat", sagte einmal Adorno, "ist Entronnensein". Wer Familie nicht los werden wollte, hat nie in einer gelebt. Man muss fort von ihr und bleibt im "weg davon" an sie gefesselt. Gute therapeutische Prozesse enden damit, Frieden zu schließen und eine bekannte Kur, der eigenen Familie zu entkommen, ist es, selber eine zu gründen. Wenn das nicht Dialektik ist.

Familie ist Beschütztsein und Einengung, sie ist Leidenschaft und Normierung, sie ist Heuchelei und Gefängnis. Ihren Circulus vitiosus haben Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim Anfang der neunziger Jahre in dem genialen Buch Das ganz normale Chaos der Liebe beschrieben. Im Prozess der Moderne, der zunehmenden Individualisierung, wird die Idee der Familie demnach zur Bedingung ihrer eigenen Unmöglichkeit. Sie zerreißt an den divergierenden Ansprüchen einer auf Dauer angelegten Institution, dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, der jetzt auch Frauen erreicht, und dem zur "irdischen Religion" erhobenen Ideal der Liebe. Familie wird - mangels Alternativen - zum überdimensionierten Wunschraum und ist mit den auf sie gehäuften Erwartungen hoffnungslos überfordert. Dass Ehen hieran zerbrechen, ist nicht eine persönliche Schuld, es liegt in der Logik der Sache, des gesellschaftlichen Wandels, der sich im Privatraum Familie niederschlägt.

Eine hochschwangere Frau ist zu sehen, halb auf einem Sofa liegend, zu ihren Füßen der schlafende Gatte. Ein friedliches Bild. Es ist Teil einer auffälligen Anzeigenserie Familie Deutschland, die die Bundesregierung derzeit überregional in Zeitungen schaltet. Die Buchstaben der Worte "Familie" und "Deutschland" gehen ineinander über und bilden so den grafischen Ausdruck der Idee der Familie als "Keimzelle" des Staates.

Wir werden nicht loskommen von solchen Bildern, seit der zur Ikone erhobenen heiligen Familie in Bethlehem sind wir auf sie geeicht und halten, was wir sehen, für wahr. Der Betrachter, die Betrachterin solcher Krippenspiele ist immer in die Position des Kindes versetzt und kindlich ist der Wunsch nach der heilen Familie, den uns die Imagekampagnen und Ikeakataloge zu erfüllen versprechen. Kann man solche Bilder überhaupt ideologisch nennen?

Nicht zu leugnen ist derzeit eine Re-Biologisierung und eine Re-Moralisierung des öffentlichen Diskurses. Zwar machen die neuen Reproduktionstechnologien das biologisch Unmögliche möglich und trennen die Zeugung vom Körper, doch unter der Hand verstärkt der artifizielle Vorgang offensichtlich das naturalistische Denken. Die Gene treten an die Stelle der alten Metapher des Blutes. Weit entfernt, die Idee von der Familie als leiblichem Vererbungszusammenhang zu untergraben, stärken Techniken wie die In-Vitro-Fertilisation den Wunsch nach dem eigenen Kind. Adoption ist in diesem Diskurs nur die zweite Wahl bei der Lösung ungewollter Kinderlosigkeit, Einwanderung kein Mittel der Steuerung demographischer Entwicklung. Es sollen, wenn schon nicht ganz echte, so doch mindestens eigene Kinder sein, die wir in Deutschland zeugen.

Was das Thema "trautes Heim" betrifft, so scheint es, als sei das linksbürgerliche Feuilleton nun dort angekommen, von wo sich die Bunte-Leserschaft nie wegbewegt hat. Beliebt ist es, sich mit halbrevolutionärer Geste konservativ zu geben, den Wert der Traditionen, der Ehe und der Familiengründung wieder zu betonen. Schon sind unter den Familienexperten im liberalen Lager einige Scharfmacher, wie beispielsweise die ehemalige Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke, die in empörtem Moraltantentum die antiautoritären 68er-Gesinnung in eine "Erziehungskatastrophe" münden sieht. Im letzten Jahr geisterte für kurze Zeit der Vorschlag durch die Sozialdebatte, man solle Menschen, die keine Kinder in die Welt gesetzt haben, mit Rentenabzügen belegen. Von solchen Überlegungen bis zur Verleihung gesinnungsmäßiger Mutterkreuze ist es wirklich nicht mehr weit.

Mag der neue liberal-konservative Geist Schreckensszenarien der Single-Manager-Gesellschaft und Wunschbilder von neuer Familie aufstellen, die Wirklichkeit schreitet unbeirrt im Prozess der Moderne fort. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung jedenfalls kann, trotz der gegenwärtigen Romantikwelle, keinen neuen Trend zur Ehe feststellen. Die erhobenen Daten sind träger als die diskussionsfreudigen Medienmacher und geben keinen Anlass, über kurzfristige Entwicklungen zu spekulieren, es ändert sich wenig. Von den Frauen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren ist heute immer noch die Mehrheit, 57 Prozent, verheiratet und hat Kinder. Zehn Prozent sind verheiratet und kinderlos, elf Prozent leben alleine, neun Prozent in Lebensgemeinschaft ohne Kinder, acht Prozent sind allein erziehend und, erstaunlich, dreieinhalb Prozent wohnen noch bei den Eltern.

Aus verschiedensten Gründen ist die Ehe als Lebensform heute nicht mehr die ausschließliche Wahl - in den siebziger Jahren waren 90 Prozent der Erwachsenen verheiratet, heute sind es 70. Zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland leben also in Ehe, ein Drittel bleibt ledig. Immer noch sind Kinder der ausschlaggebende Grund für Paare zu heiraten, immer noch steigt die Scheidungsrate. 40 Prozent der Eheleute trennen sich wieder, aber dennoch haben im Schnitt noch nie so viele Menschen zeitlich so lange mit demselben Partnern zusammengelebt wie heute. Zu anderen Zeiten haben Tod, Krieg und Krankheit erledigt, was heute eine Scheidung tut.

Trend ist, dass es keinen eindeutigen Trend mehr gibt. Die soziologische Forschung weiß auf die Frage "quo vadis Familie" keine eindeutige Antwort, sie spricht von einer Vervielfältigung der Lebensformen, geht, wie Dieter Hoffmeister in einer neuen Studie zum familialen Wandel, davon aus, dass Familie sich zu einer Art "Zweckform" gestaltet, die möglichst viele Unterschiede ihrer Mitglieder auffängt, die sich in kleinere, flexible Einheiten aufspaltet, in Fortsetzungsfamilien und Patchworks: ein Mann lebt in zweiter Ehe zusammen mit einer Frau und deren Kindern, die sie wiederum aus einer früheren Partnerschaft mitbringt et cetera.

Mythen machen die Welt eindeutig, sie sollen beruhigen. Vielleicht aber kommt es uns auf Dauer teurer zu stehen, am Idealbild Familie zu scheitern, als ihre Ambivalenz auszuhalten. Mythen bilden beide Seiten, sowohl die Apologeten der Familie, wie ihre verbissenen Kritiker. Die neueste Anti-Familien-Tirade kommt aus Frankreich, vom Geschmacksphilosophen Michel Onfray, der gerne über Sinnliches, vor allem übers Essen schreibt. Seine Theorie des verliebten Körpers ist ein fulminantes Plädoyer gegen die Ödnis der Ehe, gegen alle Liebesromantik und wirbt für die polygame Libertinage der Geschlechter, für Sterilität und Freiheit von Beziehung. Solche enfant-terrible-Spiele treffen einerseits genau ins Mark der Zweifel, die die Institution Ehe aufwirft, und kommen doch in ihrer Mischung aus nachgemachtem Hedonismus und Nietzsche-Nachfolge seltsam altmodisch daher - genau das Problem, das Onfray beschreibt, haben wir nicht.

Die Wünsche nach einem vollständig anderen Lebensstil, wie sie die 68-Generation hatte, sind zerbrochen, der Traum von befreiter und befreiender Sexualität, selbst ein Mythos, ist ausgeträumt. Warum aber kursieren - abgesehen von einigen individuell anders gewählten Lebensformen - keine ernst zu nehmenden gesellschaftlichen Alternativen zu Familie, zur Ehe oder eheähnlichen Partnerschaft? Das ist die Frage, die zu stellen ist. Wir rebellieren nicht gegen die Institution Familie, wir sind so ratlos wie sie selbst, wir ziehen nicht in die nächste Landkommune, wir konsultieren den Paartherapeuten. Bleib Single oder bilde ein Paar, das ist die Alternative, die sich stellt.

Die von Michel Onfray so verachtete Beziehungs-Kugel, die Zweierkiste, sei es aus Kind und Erziehendem, sei es aus zwei Partnern, wird uns - auch als Imagination unserer Wünsche - wohl noch längere Zeit erhalten bleiben. Leibliche Mutterschaft wird dabei in der Regel stärker binden als gewählte Partnerschaft, die Liebesbeziehung stärker als sonstige Wahlfamilien. Um das Modell "Zweierbeziehung" als Zielvorstellung gelungenen Lebens scheint heute niemand wirklich herumzukommen. Auch wenn wir anders wollten, wir könnten nicht. Das geschieht, so erklärt es Dieter Hoffmeister, weil wir Beziehungen - historisch ist das noch nicht so alt - weiterhin auf dem schwankenden Gefühl der Liebe aufbauen. Wir werden, prophezeit der Soziologe, in immer kürzeren Zyklen unsere Partnerschaften neu arrangieren. "Dieses Faktum dürfte die Liebe als immer wieder neu zu definierendes Gefühl überleben, Familie als tradierte Struktureinheit dagegen untergehen lassen." Eine neue Familien-Moral wird da nicht viel retten können. Das ist ein gutes Omen für die Scheidungsrichter - und ein gutes für die Standesbeamten.

Zum Thema:
Dieter Hoffmeister: Mythos Familie. Zur soziologischen Theorie familialen Wandels, Leske und Budrich, Opladen 2001
Michel Onfray: Theorie des verliebten Körpers. Für eine solare Erotik, Merve-Verlag, Berlin 2001
Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999

00:00 04.01.2002

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