Mein erster Teelöffel

Mutlos Katja Oskamps Debütband "Halbschwimmer"

Kindheits Ende. Was wäre die Literatur ohne diese grundlegende Zäsur? Der Einbruch der Realität in das geschützte Terrain der Unschuld ist noch immer der wichtigste Anstoß für den Aufbruch ins Schreiben. Childhoods End: your fantasies merging harsh realities - die Songzeile der Pop-Band Pink Floyd schreibt die 1947 geborene Karin Struck ihrem Roman Kindheits Ende als Motto mit auf den Umschlag. Journal einer Krise heißt Strucks Werk im Untertitel, das bei seinem Erscheinen im Jahr 1982 großes Aufsehen erregte. In einem verstörenden Protokoll zeichnet sie darin die Trennung von ihrem Mann, dem Mann nach. Strucks Roman ist ein zwiespältiges Beispiel für die Suche nach Authentizität der Frauenliteratur der achtziger Jahre. Vielleicht ist es heute deshalb so gut wie vergessen. Dass sich die 1970 in Leipzig geborene Autorin Katja Oskamp in ihrem Debütband Halbschwimmer nicht auf die "radikale Subjektivität" Strucks eingelassen hat, wollen wir ihr hoch anrechnen. Für etwas scheinen Literaturinstitute wie das in Leipzig, wo Katja Oskamp studiert hat, doch gut zu sein. Verstörung freilich sucht man in ihrem ersten Buch vergebens. Oskamp lässt ihre Protagonistin Tanja auf weichstem Schaum ins harte Leben gleiten.

Oskamp reiht sich mit ihrem im letzten Herbst erschienenen Buch in den derzeit marktgängigen Trend ein, die Kindheit in der DDR literarisch zu verwursten. Prompt bekam sie dafür in Österreich soeben den Rauriser Literaturpreis 2004 übergestülpt. Doch was ist dran an der Lobeshymne vom "großen Abschiedsbild ... in das auch die schmerzlichen Erfahrungen eingebunden sind" und die Juroren so begeisterte? Zwischen den Extrempositionen von Jana Hensel Zonenkinder (Freitag 46/02) und Claudia Ruschs Meine Freie Deutsche Jugend (Freitag 37/03) liegt Katja Oskamp in der Mitte. Weder pflegt sie den nostalgisch verklärten Blick zurück in ein verschwundenes Kindheitsparadies im Osten. Noch muss sie damit abrechnen.

Als Tanja, Tochter eines NVA-Offiziers und einer Lehrerin, deren langsames Hinübergleiten ins Erwachsenenalter, in Beziehung und Beruf wir in diesem Bändchen mitverfolgen können, sich einmal in der Schule über irgendwelche Missstände mit einem Brief an das zuständige Ministerium beschwert, kommt sie nicht gleich in Stasi-Verließe. Der graue Gesandte der Diktatur, der den Fall untersuchen soll, findet plötzlich "Engagement doch begrüßenswert". Es geht auch einmal ohne blutrünstige Klischees von Verfolgung, ohne dass die Schattenseiten des Systems ausgespart werden. So nebenbei, ja geradezu entspannt diese politischen Knotenpunkte in den Text gewoben werden, ist Oskamps Buch ein neuer Beleg für die allmähliche Entideologisierung des Ost-West-Verhältnisses. So unscharf wie die ideologischen Kulissen in diesem Text sind, so unscharf sind sie inzwischen auch im öffentlichen Streit.

Das Diffuse, Sanfte, Unmerkliche von Oskamps Debüt ist einerseits seine Stärke. Der historische Rahmen dieser Kindheit bleibt vage. Die Familie, die da im DDR-Plattenbau ihren ganz normalen Alltag lebt, unterscheidet sich nur in Nuancen von durchschnittlichen Kleinbürgern in, sagen wir Recklinghausen. Wenn Tanjas erster Freund Karl an einem festlichen Silvesterabends im Palast der Republik nicht den ersten Teelöffel aus dem Palast-Service mitgehen lassen würde, würden wir fast nicht merken, dass der Band im Osten spielt. Auch der Übergang von dem geschlossenen System des DDR-Sozialismus zur Wende von 1989 kommt auf leisen Sohlen. Von der Spießerfamilie mit Bratkartoffeln, Duftshampoo und Treppenhauspflanzen zur kleinen Berliner Boheme-WG im Theatermilieu, wo der Rotwein reichlich fließt, vollzieht sich ein Systemwechsel nahezu ohne eruptive Erschütterungen. Nirgends fällt eine Mauer. Nirgends skandieren Menschenmassen: "Wir sind das Volk". Oskamp verschlüsselt die Geschichtswende poetisch. Der Epochenbruch ist bei ihr ein Riss in der Seele. Karl, der "sanftwütigste aller Schauspieler", der Dresden mit Berlin vertauschte, bekommt keine Rollen mehr an der Volksbühne, hadernd mit sich und der Welt fällt er langsam aber sicher aus derselben und aus der Beziehung mit Tanja.

In der Diffusität liegt freilich auch das Problem dieses Erstlings. Halbschwimmer muss man leider durchaus wörtlich verstehen. Zum literarischen Freischwimmer hat es für Oskamp mit diesem Band noch nicht gereicht. Das Problem des Buches ist die poetische Vorsicht, mit der seine Autorin zu Werke geht. Mutlosigkeit, wohin man blickt: Die Aufstückelung in Episoden trifft zwar das Assoziationsgemisch, in dem die Kindheit nachträglich immer aufquillt. Doch es wirkt auch wie ein Kneifen vor der Form. Und wirklich unter die Haut gehen diese sorgsam abgeschliffenen Erzählstücke nicht. Oskamp traut sich (noch) nicht das zu, was ihr Landsmann Jurek Becker in einer Poetikvorlesung einmal den "Zugang zum Unerhörten" genannt hat - ein neues Beispiel für den Trend zum soliden Mittelmaß.

Stoff dafür böte dieses Mädchenerwachen durchaus. Geradezu paradigmatisch lauern hier allüberall die Abgründe im Alltag: Onkel Rolf, nach dessen Berührung mit den weichen und warmen Händen die kleine Tanja sich sehnt, scheint ein pädophiler Feinschmecker gewesen zu sein. In der Schule gleitet Tanja beim Anblick der Atompilze über Hiroshima ins Bodenlose. Der geliebte Opa Karl, der Taubenzüchter, der mit einem Holzbein aus dem Weltkrieg zurückkehrte, stirbt. Die blutigen Laken der Defloration tauchen in der Erinnerung auf, die ersten Brüste. Karl, der Loser der Wende, hat sich am Ende zu Tode gesoffen. Und den "dunklen Klumpen", den Tanja nach einer durchzechten Nacht auf der Toilette los wird, muss man wohl als Metapher einer Abtreibung verstehen. An Erschütterungen des Humanen herrscht also kein Mangel in diesem Leben. Man kann diesem Buch keine echten Fehler vorhalten: schiefe Metaphern, verunglückte Perspektiven oder sonstige grobe Schnitzer. Doch es fehlt ihm die Dimension der Auflehnung in der Sprache. Alles Existenzielle köchelt darin wie in einem Wasserbad des sanftesten Erzählens. Man würde sich wünschen, dieses lauwarme Gemisch würde wenigstens einmal überkochen. Dann, ja dann wäre wirklich die Kindheit am Ende.

Katja Oskamp: Halbschwimmer. Ammann, Zürich 2003, 190 S., 18,90 EUR


00:00 13.02.2004

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