Mein Feldzug ist meine Sprache

STEVAN TONTIC Der Schriftsteller Stevan Tontic über seine Flucht aus der Kriegshölle auf dem Balkan, die Sprachlosigkeit zwischen den Teilen Ex-Jugoslawiens und warum er in Gedichten nicht lügen kann

FREITAG: Es herrschte schon fast ein Jahr Krieg in Sarajevo, als Sie sich entschlossen, die Stadt zu verlassen. Warum haben Sie so lange gezögert?

STEVAN TONTIC: Ich wusste schon am Anfang, es kommen gefährliche Zeiten. Aber ich habe mich einfach geschämt, besonders vor meinen Freunden. Nach ungefähr zehn Monaten war es dann nicht mehr auszuhalten. Ich stand vor der Einberufung in die bosnisch-muslimische Armee. Ich wollte weder bei Serben noch bei Moslems als Soldat oder überhaupt dienen. Manchmal haben mich moslemische Freischärler malträtiert: ich musste an die vorderste Linie der Front und Unterschlüpfe für die Soldaten graben. Das war lebensgefährlich. Ich bin geflohen. Habe also illegal die Stadt verlassen, was ich nicht durfte. Dann bin ich durch ein Visum der deutschen Botschaft in Belgrad nach Deutschland gekommen. Erst für drei Monate. Später bekam ich eine Aufenthaltsbewilligung.

Warum gingen Sie nach Deutschland, warum nicht nach Frankreich, warum nicht in ein anderes Land?

Weil ich nur Deutsch als Fremdsprache kann. Als ich klein war, hatte es in meinem Heimatort keinen Russisch- oder Englischlehrer gegeben, dafür aber einen Deutschlehrer. So lernten alle Kinder in meinem Alter in der Schule Deutsch. Ich war dann Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre als Stipendiat in Berlin. So war auch eine gewisse Verbindung zu der Stadt entstanden. Ich hatte dort ein paar Freunde. Einer von ihnen, ein kroatischer Schriftsteller, der auf Deutsch schreibt, nahm mich am 1.Mai 1993 vorläufig auf. Ich las damals zufällig Die Zelle von Horst Bienek. Diese Zelle kam mir irgendwie vergleichbar vor mit der Kriegshölle, aus der ich mich hatte retten können.

Was hatten Sie als Flüchtlingsgepäck mitbringen können?

Leider überhaupt nichts, weil mein Koffer von Dieben gestohlen wurde. Beim Umsteigen in Budapest, am hellen Tag. Zum Glück waren mein Pass und ungefähr zweihundert Mark in meiner Brusttasche. Alles andere ging verloren. Ein paar Manuskripte, ein paar Bücher, zwei Anzüge, mein ganzes Hab und Gut in diesem Moment. Das war schrecklich.

Als Sie ankamen, da hatten Sie nur das, was Sie am Leibe trugen?

Ja. So kam ich zu meinem kroatischen Freund. Er hat gesagt, oh mein Lieber, kommst du gerade aus dem Theater? Ich sagte ihm ja, gerade komme ich aus dem größten Todestheater der Welt.

Wovon leben Sie?

Von Stipendien und Lesungen. Ich habe im Jahre 1994 einen Lyrikband veröffentlicht, von dem es schon eine dritte Auflage gibt, und der in der Öffentlichkeit relativ gut aufgenommen worden ist. Anderthalb Jahre bekam ich auch Sozialhilfe, aber nicht länger.

Schreiben Sie nach wie vor in Ihrer Muttersprache?

Ja, denn leider konnte ich beim Schreiben meine Sprache nicht wechseln. Das ist oft so bei Autoren. Nur manche, vielleicht jüngere, oder Autoren mit einem gewissen Talent dafür, können das. Ich nicht. Aber ich übersetze aus der deutschen Literatur, besonders Poesie. Zur Zeit mache ich gerade Nachdichtungen zu Gedichten von Christoph Meckel und Peter Huchel. Ich möchte in Serbien oder Bosnien eine Auswahl von ihnen herausgeben,

    Stevan TonticDortDort, wo die Orgeln die Ankunft der himmlischen Heerscharen priesen,

    dort erschienen die Scharen der Mörder zuerst.

    Dort, wo die Lieder von ewiger Liebe und Bruderschaft schallten,

    erschallte der Aufruf zum gegenseitigen Schlachten.

    Dort, wo du letzte sichere Zuflucht erwartest,

    eilend, deinen Kopf zu retten -

    von dorther kommen grad alle geflohen

    Hals über Kopf.

Hat sich durch den Krieg die Möglichkeit zu publizieren verändert?

Ja, sie ist geringer geworden. Viele große Verlage sind kaputtgegangen. Sie spielen keine Rolle mehr. Auch der Verlag in Sarajevo, bei dem ich Lektor war, der größte Verlag Jugoslawiens in dem Jahrzehnt vor dem Krieg, hat Konkurs gemacht. Immerhin gibt es schon wieder mehrere kleine Verlage. Manchmal veröffentlichen sie auch ausländische Autoren. Doch kaum ein Verlag kann ein Honorar zahlen.

Liegt das daran, dass weniger Leute lesen, oder sich nur wenige das Lesen leisten können?

Die große Mehrheit der Menschen dort lebt sehr arm und hat kein Geld für Bücher. Und der Markt ist viel kleiner geworden. Der Vorkriegsbüchermarkt umfasste Serbien, Kroatien, Bosnien und Montenegro und auch Slowenien und Mazedonien. Jetzt ist alles geteilt worden. Die Bücher, die in Serbien erscheinen, kann man nicht in Kroatien oder Bosnien kaufen. Das ist eine Folge des Krieges. Es gibt nur wenige Buchhandlungen, die da eine Ausnahme bilden. Für das Buch und den Autor ist das katastrophal. Durch die Zeit des Krieges und die Kriegspropaganda ist aber auch auf allen Seiten das Interesse viel geringer geworden.

Die Nationalität des Autors gilt demnach als Qualitätsmerkmal, im negativen wie im positiven Sinn?

Es besteht immer noch keine normale Kommunikation zwischen den Staaten Ex-Jugoslawiens. Es gibt keine normalen Handelsbeziehungen. Natürlich gibt es durchaus auch Leute, die gerne gewisse Bücher lesen möchten. Aber sie können sie nicht kaufen.

Wenn es jetzt eine ausgezeichnete Baudelaire- Übersetzung ins Serbische gibt, kann man sie in Bosnien - Herzegowina nicht lesen?

Sie wird einfach nicht vorhanden sein. Auch in den Schulen will man sozusagen die eigene, also die nationale Übersetzung haben, obwohl die Sprache eine Sprache ist. Natürlich gibt es auch Unterschiede, aber jetzt werden die Unterschiede betont. Sprachwissenschaftler arbeiten daran, auch Übersetzer. So sind zum Beispiel Bücher mit kyrillischen Buchstaben - das war ein Merkmal für die serbischen Autoren und für das Serbentum - in Kroatien nicht mehr zu finden. Sie sind nicht erwünscht und wurden während des Krieges aus den Bibliotheken entfernt. Verrückt ist das und dumm.

Welche Rolle spielt für Ihr Schreiben, oder das der Kollegen, die Sie in Sarajevo getroffen haben, ein nationales Bewusstsein?

Es spielt bei mehreren eine Rolle. Sprache ist nämlich kein Esperanto. Sie ist nicht abstrakt, hat also gewisse Farben. Die eines Landes oder einer Tradition. Das ist etwas, das unbewusst wirkt und mitbestimmt, was ein Autor denkt und wie er schreibt. Bei anderen Autoren, ich gehöre dazu, ist das nicht so wichtig. Sie betrachten sich als Kosmopoliten und sind multikulturell orientiert. Dennoch ist Literatur keine Physik oder eine abstrakte Tätigkeit. Man kann eine nationale, geistige Tradition nicht einfach amputieren. Insofern verstehe ich, dass manche Autoren sich immer wieder legitimieren - obwohl sie im Grunde genommen eine Sprache sprechen und benutzen - indem sie sagen, ja bitte, ich bin ein kroatischer Dichter, ich bin ein serbischer Dichter. Auch die bosnischen Muslime wollen nun um keinen Preis mehr zur serbischen oder kroatischen Literatur gehören. Dabei kommt es zu vielen tragikomischen Übertreibungen, aber man muss das verstehen. Das ist ein Phänomen.

War das Bemühen um nationale Identität in der Literatur auch vor dem Krieg zu spüren oder ist es erst durch das Auseinanderbrechen Jugoslawiens erfolgt?

Es kam schon lange vor dem Krieg zum Ausdruck. Eigentlich hat alles in der Sprache und in Diskussionen über die nationale Identität, auch über nationale Literatur, begonnen. Manchmal war das eine offene Diskussion, manchmal nahm sie eine exzessive Form an. Die Kommunisten wollten die Auseinandersetzung verhindern. Aber dann, Mitte der achtziger Jahre, war sie schon sehr breit - und sehr unangenehm, von gegenseitigen Beschuldigungen erfüllt. Man hatte das Gefühl, dass der Raum des öffentlichen Diskurses bereits vergiftet war. Ein paar Jahre später war der Boden für den Krieg vorbereitet. Leider waren daran auch viele Autoren beteiligt. Sie sind mitverantwortlich für die Katastrophe, die kam.

Das sind aber jetzt nicht die Autoren mit denen Sie sprechen oder diskutieren würden?

Ich habe keinen besonderen Wunsch mit Extremisten in Kontakt zu treten, die Hass gegen andere Völker predigen. Aber es gibt viele national bewusste und dabei keineswegs schlechte Autoren, die nicht verbohrt sind. Mit solchen wäre ich bereit zu diskutieren. Warum denn eigentlich nicht?

Haben Sie im Lauf der letzten Jahre schon einmal den Wunsch gehabt, nach Sarajevo zurückzukehren?

Ich hätte gekonnt und gedurft. Aber die Angst und der Schock aus dem ersten Kriegsjahr waren noch so wirksam, dass ich zögerte. Obwohl nicht mehr so intensiv wie früher, bleibt der Schock in mir. Ich sage manchmal, dass ich und viele andere, die den Krieg erlebt haben, uns bis ans Ende unseres Lebens von diesem Schock heilen müssen.

Hilft das Schreiben dabei?

Natürlich schreibt man nicht zur Selbsttherapie. Aber ich glaube, dass mein Schreiben dennoch eine heilsame Wirkung hat.

Ist Ihnen nach dieser Reise der Gedanke, irgendwann wieder in der alten Heimat zu leben, vorstellbar geworden?

Immer habe ich geglaubt, irgendwann kehre ich zurück. Ich habe nie Asyl in Deutschland beantragt. Vielleicht nähert sich die Zeit meiner Rückkehr. Moslems und Kroaten kehren allmählich zurück nach Banja Luka und auch die Serben und Kroaten nach Sarajevo. Aber es sind immer noch nicht alle, die eigentlich zurückkehren möchten, weil die jeweiligen Bevölkerungsgruppen die Rückkehr der anderen sabotieren. Moslems, Kroaten, Serben möchten weiterhin diese relativ geteilten und gesäuberten Territorien beibehalten. So ist es natürlich verdammt schwer als ein Staat zu funktionieren.

Würden Sie beispielsweise auch nach Belgrad ziehen?

Das weiß ich noch nicht. In Belgrad, Gott sei Dank, ist Milos?evic weg. Ich hoffe, dass auch in Serbien jetzt eine neue Zeit beginnt. Für mich ist das Wichtigste meine Sprache. Also könnte ich in Serbien oder Bosnien weiterleben, auch in Kroatien, warum denn nicht? Überall dort, wo ich nicht bedroht werde, könnte ich leben.

Sie sagten, dass jeder Autor eine Farbe hat, aus der heraus er schreibt, die sozusagen die Grundierung seines Schreibens ist. Hat sich durch die Jahre in Deutschland die Farbe ihrer Worte verändert?

Alles was ich hier geschrieben habe, bezieht sich auf meine Exilerfahrungen und Kriegserlebnisse in Sarajevo. Der Krieg steht derart im Zentrum meines Schreibens, dass alles schon wesentlich bestimmt ist, die Richtung und Tonalität. Ich musste das aus meinem Gedächtnis zur Sprache bringen. Es gibt in allen meinen Gedichten vielleicht einen Klang, der dieser tragischen Erfahrung gilt.

War das vorher auch so?

Nein. Vorher war für mich eine Mischung von Lyrismus und Ironie charakteristisch. Jetzt ist die Ironie etwas zurückgetreten. Etwas anderes kommt nun mehr zum Ausdruck. Wieder ein gewisser Lyrismus, aber dunkler, ein Lyrismus des Todes. Die Erfahrung des Mordens, die Todeserfahrung, die Kriegstragödie, haben für mich eine fast bedrohliche Faszination. Ich kann mich von den Bildern des Krieges nicht leicht befreien. Aber ich möchte sie doch dichterisch verarbeiten und so vielleicht meine Seele ein bisschen erleichtern. Das ist so eine Last, so ein Druck ...

Was bedeutet Literatur für Sie? Was bedeutet das eigene Schreiben?

Poesie, Literatur, Kunst bedeuten mir heute viel mehr als vor dem Krieg. Ich unterscheide zum Beispiel Poesie jetzt viel radikaler von Geschichte. Besonders der Geschichte, die man mit Gewalt, mit Terror und Kriegen macht. Ich habe mich für die Sprache der Poesie und Kunst entschieden, nicht für die Sprache der Geschichte. Das sind für mich jetzt absolut polarisierte Werte.

Die Geschichte contra Poesie?

Geschichte einerseits ist ein Pol, und ein anderer Pol ist Kunst. Ich habe zuviel Gewalt und Terror auf dem Feld erfahren, wo sich Geschichte ereignet. Eine Geschichte die man nur mit Gewalt, Terror, Lügen und Manipulation macht, ist etwas, was ich wirklich hasse. Ich lehne sie ab.

Das ist eine radikale Aussage, aber was kann das bedeuten?

Dass ich Geschichte ablehne, ist ein bisschen verrückt. Aber damit sage ich: nein, ich will daran nicht teilnehmen. Es gibt ein anderes Feld, wo ich mich so souverän und als Mensch vielleicht finden kann. Das ist die Welt der Kunst, der Poesie.

Aber Sie sagten selber, dass Autoren mit ihrer Kunst sich für den Krieg mitverantwortlich gemacht haben.

Ich habe aber erfahren - und das ist vielleicht eine meiner wichtigsten Erfahrungen - dass ich mit Gedichten nicht lügen konnte. Wenn ich als Mensch, als Bürger, meine Haut retten musste, weil man mich mit größter Erniedrigung oder dem Tod bedrohte, konnte ich auch lügen. Aber in einem Gedicht geht das nicht. Man spürt gleich, dass man lügt. Auch ein guter Leser kann spüren, wenn ein Dichter versucht zu lügen. Deswegen war für mich meine dichterische Sprache eine gewisse Möglichkeit, wenn auch nur eine ganz innerliche, der Befreiung und gleichzeitig der Selbstverteidigung in einer verdammten und terroristischen Welt des Krieges.

Stehen sich Poesie und Gewalt gleichgewichtig gegenüber oder ist die Poesie immer in der Defensive?

Man kann sie nicht trennen. Ohne diese Geschichtserfahrung könnte ich vielleicht auch nicht Poesie machen. Oder eine bestimmte Poesie. Weil sie eben eine reale Erfahrung braucht. Man kann nicht bloß aus dem Kopf dichten. Beide Welten stehen ja in Verbindung und durchdringen sich. An einem gewissen Punkt aber entscheidet man, ich finde mich eher hier und nicht dort. Oder umgekehrt: ein Politiker oder ein General fühlen sich dort auf dem Schlachtfeld der Geschichte zu Hause. Ich nicht. Was ich dort erfahren habe, als einer der ausgeliefert war, war zu brutal für mich, war zu unmenschlich und zu erschütternd. Mein Feldzug ist meine Sprache, die Sprache der Poesie, der Kunst. Ein Feldzug, bei dem ich mich als Mensch fühlen kann.

Wie schätzen Sie die Chancen für ein zukünftiges Zusammenleben auf dem Balkan ein?

Während einer Reise auf Einladung des Pen im vergangenen Oktober fuhr ich von Sarajevo nach Banja Luka mit dem Bus. Dabei habe ich große Wahlplakate von kroatischen Volksparteien gesehen. Mit einem Slogan, der mich ein bisschen erstaunt hat: "Selbstbestimmung oder Ausrottung". Also die Kroaten wollen weiter ihre eigenen nationalen Institutionen in der bosnisch-kroatischen Föderation ausbauen. Sie haben Angst, in dieser Föderation von Bosniaken dominiert zu werden. Das hat mir gezeigt, dass dieses Staatsgebilde Bosnien sehr zerbrechlich und eigentlich noch nicht gesichert ist. Aber ich hoffe doch, dass es allmählich besser wird. Auch davon konnte ich etwas spüren. Ich war Gast in einem Verlag, der meine neuen Gedichte veröffentlicht hat. Da habe ich auch einen muslimischen Mitarbeiter kennengelernt, was früher kaum vorstellbar gewesen wäre.

Gibt es bei den Autoren Perspektiven oder Ideen für die kulturelle Zusammenarbeit in Ex-Jugoslawien?

Wir befürworten eine Normalisierung und den Austausch von Büchern und Ideen. Alle wollen sich dafür einsetzen. Nur ob das die Politiker realisieren möchten und bald können, weiß ich nicht. Ich will es hoffen.

Das Gespräch führte Carsten Hueck

Stevan Tontic, geboren 1946 im bosnischen Sanski Most, studierte Philosophie und Soziologie und arbeitete als Verlagslektor in Sarajevo. Seit 1993 lebt der Lyriker und Übersetzer im Berliner Exil, getrennt von seiner Familie in Belgrad. Zuletzt erschienen von ihm im Verlag Landpresse die Gedichtsammlung Sonntag in Berlin (2000), Handschrift aus Sarajevo (1998) und in der Editon Neue Wege der Band Mein Psalm-Paraphrase zu Psalm 90 (1997).

00:00 09.02.2001

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