Mein Gen liebt dich

Serien In „The One“ und „Soulmates“ weisen neue Technologien den Menschen ihre Liebespartner zu

Die Liste an Produktionen, die sich mit Optimierungsfantasien auseinandersetzen, ist lang: von Filmklassikern wie Gattaca über zahlreiche Young-Adult-Produktionen wie Der Hüter der Erinnerung bis hin zu aktuellen Serienadaptionen wie Schöne Neue Welt (2020). Obwohl sie sich mit ganz unterschiedlichen Methoden und Bereichen der Optimierung befassen, lässt sich doch eine wichtige Gemeinsamkeit feststellen: Bei ihnen allen handelt es sich um Dystopien, alle spielen sie mit der Angst vor einer eigentümlich rationalisierten Zukunft. In den meisten Visionen wird die Frage, was die Veränderungen speziell für Paarbeziehungen und die Liebe ganz allgemein bedeuten, zwar mitverhandelt. Nun sind gleich zwei Serien veröffentlicht worden, die sie alleinig in den Fokus rücken.

Nach der AMC-Produktion Soulmates, die seit Februar auf Prime Video gestreamt werden kann, ist vergangene Woche auf Netflix The One erschienen. Die Prämisse der beiden Serien ist nahezu gleich: In einer nicht weit entfernten Zukunft existiert eine Technologie, die es ermöglicht, mithilfe der DNA den idealen Partner zu ermitteln. Einmal ist es der titelgebende „Seelenverwandte“, einmal das perfekte „Match“. Stets ist es ein einzelner Konzern, der den Test für einen nicht geringen Betrag durchführt. Dass die Methode funktioniert, steht angeblich außer Frage.

Kurz: Aus dem Sci-Fi-Genre bereits bekannte Optimierungsfantasien werden konsequent auf eine der letzten Bastionen des Undurchsichtigen und vermeintlich Unmessbaren übertragen: die bis dato der Rationalisierung noch einigermaßen trotzende, weil regelmäßig jeder Wahrscheinlichkeit zuwiderlaufende Liebe. Wobei zunächst auffällt, dass sich keine der handelnden Figuren in den beiden Serien über die Vorstellung angemessen empört, dass ein monopolartiges Unternehmen ihnen den bestmöglichen Partner vermittelt und sie damit auch um ein existenzielles Erlebnis ärmer machen könnte.

Was in den sechs beziehungsweise acht Episoden beleuchtet wird, unterscheidet sich allerdings. Während die von William Bridges (Black Mirror) und Brett Goldstein (Ted Lasso) kreierte Anthologie-Serie Soulmates verschiedene Szenarien durchspielt, die um die Folgen des neuen Partnervermittlungsverfahrens kreisen, interessiert sich Howard Overmans (Misfits) The One vor allem für die Personen, die es entwickelt haben. Doch trotz der brisanten Prämisse bleibt es hier wie dort überraschend oberflächlich. Und das, obwohl sie in Form von Dating-Apps und deren Verständnis des Kennenlernens als lästigen Prozess, den es zu vereinfachen gilt, doch bereits rudimentär in der Realität vorhanden ist.

Dabei thematisiert Soulmates den Optimierungsdruck, den das Wissen um eine bestmögliche Option auslöst, gleich in seiner ersten Episode: Nikki (Sarah Snook) und Franklin (Kingsley Ben-Adir) sind seit über 15 Jahren ein Paar, verheiratet und haben Kinder. In ihrem Freundeskreis gelten sie als glücklich; man ist sogar ein wenig neidisch auf die Harmonie, die sie ausstrahlen. Doch dann wird das „Seelenpartikel“ entdeckt, alte Beziehungen zerbrechen, es regnet Blitzhochzeiten – und schon ist man sich seines eigenen zufälligen Glückes gar nicht mehr so sicher. Sie möchte den Test machen, er nicht. Sie macht den Test nicht, er schon. Die Beziehung ist vorbei, beide gehen ganz vernünftig mit ihrem „Seelenverwandten“ eine neue ein. Bevor man sich tiefer damit auseinandersetzen könnte, ob die beiden ihr Ende langfristig bereuen, ist die Folge vorbei. Nächste Geschichte.

Neben Trennungen werden noch einige weitere unangenehme Auswirkungen der neuen Technologie, manche sind weiter hergeholt als andere, durchdekliniert: Was, wenn mein ermittelter Partner ebenso böse ist wie ich und wir uns gegenseitig verstärken? Was, wenn mein Seelenverwandter bereits tot ist und ich mich in meiner Verzweiflung in eine Selbstmordsekte verwickeln lasse? Was, wenn jemand vorgibt, meine große Liebe zu sein, das Testergebnis aber nur gefälscht hat, um mir nahezukommen? Auf diese Weise arbeitet sich das bereits für eine zweite Staffel bestätigte Soulmates zwar an negativen Nebeneffekten der Technologie ab – nicht aber am grundsätzlichen Optimierungsversuch selbst. Anders ausgedrückt: Nicht Tinder und die damit einhergehende Rationalisierung des Datens werden als Problem behandelt, sondern dass das „Tindern“ eben auch unangenehme Seiten, wie von einem Match „geghostet“ zu werden, mit sich bringen kann. Nur eben in der Zukunft und damit noch eine ganze Spur krasser.

Das gerade auf Netflix erschienene The One – Finde dein perfektes Match ist noch weiter davon entfernt, grundlegende Kritik zu üben. Das beginnt bereits damit, dass sich die auf dem gleichnamigen Roman von John Marrs beruhende Serie weniger für die Technologie und ihre Folgen als für ihre Entwickler interessiert. Denn wie sich schnell herausstellt, haben Rebecca (Hannah Ware), Geschäftsführerin des titelgebenden Unternehmens, und Co-Gründer James (Dimitri Leonidas) die notwendigen Daten für ihre Erfindung vom Arbeitslaptop eines Freundes gestohlen. Als dieser nun tot in der Themse gefunden wird, heften sich sowohl das Ermittlerduo Kate (Zoë Tapper) und Nick (Gregg Chillin) als auch Journalist Mark (Eric Kofi Abrefa) an ihre Fersen. Einen Großteil der Spielzeit nimmt damit ein durchschnittlich spannendes Thriller-Geschehen ein; die Ausgangsprämisse wird beinahe auf die Größe eines bloßen Stichworts geschrumpft.

Wenn die DNA stimmt

Nur durch die in das Szenario verwobenen Figuren werden die Konsequenzen der Technologie doch noch ein wenig beleuchtet: Während Mark und seine Partnerin Hannah (Lois Chimimba) aus Prä-Match-Zeiten ob der neuen Technologie die gleichen Fragen wie Nikki und Franklin in Soulmates quälen, verbringt Kates Match nahezu alle acht Episoden im Koma. Zu ihrer Verwunderung wurde der Polizistin, deren lesbische Erfahrungen bereits eine Weile zurückliegen, mit Sophia (Jana Pérez) eine Frau zugeteilt. Bereits bei den ersten Skype-Gesprächen fliegen zwar tatsächlich die Funken, doch als die Spanierin zum Haupthandlungsort London reist und prompt den Linksverkehr vergisst, treibt auch dieser Strang auf einen Plot zu, der wenig mit der technologischen Neuerung zu tun hat. Sophia ist nämlich nicht nur bereits verheiratet, sondern scheint ein gar nicht mal so düsteres Familiengeheimnis im Gepäck zu haben, dessen allmähliche Aufklärung sich ähnlich dröge gestaltet wie das zentrale Gerangel zwischen Rebecca und ihren Widersachern.

Deutlich weniger unterhaltsam aufbereitet und ohne besondere inszenatorische Kniffe zeichnet The One die Idee von optimierter Liebe noch weniger als Dystopie als Soulmates. Immerhin wird hier gegen Ende schnell noch angedeutet, dass das Verfahren nicht unfehlbar ist: Da man hier nicht nur mit einem ominösen „Seelenpartikel“ arbeitet, sondern der DNA im Allgemeinen, kann es nämlich auch sein, dass die Anziehungskraft, die von genetisch ähnlichen Geschwistern ausgeht, ebenso groß ist wie die des eigentlichen Matches. Und so verliebt sich Kate auch noch unbeabsichtigt in Sophias Bruder. Aber auch hier ist es so, als würde man sich über den Netflix-Algorithmus aufregen: eben nicht, weil es ihn gibt und er uns vorschreiben möchte, was wir uns ansehen sollten, sondern dass er uns Dinge vorschlägt, die nicht so recht passen wollen. Die Empörung über die Übertragung einer neoliberalen Vernunft auf Urmenschliches, die selbst die Liebe einer Wettbewerbslogik und damit dem Streben um das bestmögliche Ergebnis unterwirft, bleibt also aus. Die Erleichterung darüber, dass das Leben vereinfacht und einige Verantwortung von uns genommen wird, scheint letztlich doch über existenzielle Zweifel erhaben.

Womöglich haben Soulmates und The One die Bemühungen der Tech-Start-ups ja nur weitergedacht: Wenn uns Lieferando durchgehend mit einer warmen Mahlzeit versorgt, wenn Alexa immer weiß, wie spät es ist, und Smartwatches uns sagen können, wie gut wir geschlafen und wie weit wir gelaufen sind – vielleicht ist es dann einfach eine logische Konsequenz, dass wir im nächsten Schritt auch für die herausfordernde Frage „Wen soll ich lieben?“ eine praktische Technologie erwarten, die uns die Antwort verrät. Auch wenn das Entmündigung bedeutet. Dass es weder in Soulmates noch in The One ein Empfinden für das Dystopische daran gibt, ist vor diesem Hintergrund jedoch bedauernswert.

Info

Soulmates William Bridges, Brett Goldstein USA 2020, Amazon Prime Video

The One Howard Overman Großbritannien 2021, Netflix

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06:00 09.04.2021

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