„Mein Großvater brachte mich zur Musik“

Porträt Thibaut Dumas repariert Celli und schaut dabei nicht aufs Geld. Er hilft auch den Handwerkern seines Viertels in Lissabon

Gekonnt hantiert er mit dem Besteck, öffnet und zergliedert die gegrillten Geißbrassen auf dem Teller, streift die Haut ab, sortiert haarfeine Gräten aus, bis die kleinen, weißen Filetstücke mundgerecht auf der Gabel liegen. Das lässt auf den handwerklichen Präzisionsarbeiter schließen. Der Wein, den Thibaut Dumas zum Mittagessen mitgebracht hat, ein blumiger trockener Weißer, könnte nicht besser zum Fisch passen. Er verrät, wie sein accent, französischen Lebensgeist.

Dumas, Geigenbauer, 38 Jahre alt, hat die Einladung von uns, seinen neuen Kunden, die bei ihm ein altes Kindercello für 300 Euro gekauft haben, sofort angenommen (es wird in Portugal schnell persönlich und familiär). Er erzählt von seiner Kindheit in der Provence, seiner tschechischen Mutter, die Klavier spielte, ihrem Vater, dem Komponisten Václav Dobiáš, der unter mysteriösen Umständen nach einem Empfang in der sowjetischen Botschaft in Prag starb. Von Musikern, mit denen er in Lissabon spielt, und von den Menschen, die in seine Werkstatt kommen: Studenten des Konservatoriums, Orchestermusikern, reichen Ausländern. Mal erscheint ein berühmter portugiesischer Chirurg mit seiner wertvollen Violine, mal ein alter Straßenhändler mit einer ramponierten Fiedel.

Vor ein paar Wochen kamen wir zum ersten Mal in seine Werkstatt in einer verwinkelt steilen Gasse des Bairro Alto in Lissabon, zwischen alten Stadtpalais verschiedener Epochen und Arbeiterwohnhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Schräg gegenüber liegt der Seiteneingang der Lissabonner Musikakademie. Das Viertel wurde nach dem Erdbeben von 1755 als Arbeiterquartier aufgebaut, aber auf dem Stadthügel thronen alte Villen.

An einer Wand seiner Werkstatt reihen sich alte Violinen und Violen entlang einer Halterung wie wertvolle Schinken in einer spanischen Bodega. Gegenüber steht ein altes Klavier, früher gehörte es einem katholischen Priester, erzählt Dumas. Es stand dann irgendwann in einer Bar und wurde mit kleinen, nackten Frauenfiguren (mehr Matisse als Kamasutra) bemalt und lackiert. Neulich zog diese erotische Klaviermalerei alle Aufmerksamkeit der Jungen einer Schülergruppe auf sich, die zu Besuch in der Werkstatt waren, während Dumas die Konstruktion einer Geige mit ihren 80 Bauteilen erklärte. Er überlege, ob er das Klavier beim nächsten Mal abdecken sollte, sagt er. Auf dem Boden liegen Celli in verschiedenen Größen auf der Seite, neben ihnen ein Kontrabass.

Ein achtjähriges Mädchen sitzt auf einem niedrigen Stuhl am Eingang der Werkstatt und strahlt. Sie hält ein glänzend restauriertes Einviertel-Cello über den Knien, fährt mit der Hand über das warme, lackierte Holz. Der Vater des Mädchens zählt ein paar Geldscheine ab, streicht sie glatt, legt sie auf eine Ecke des Werktisches. Kleine Stemmeisen, Zangen, Feilen, Raspeln, Winkel, Wirbel aus Ebenholz. Dutzende von Holzteilen, einige sind nur wenige Millimeter groß, sind auf der Arbeitsfläche in unkenntlicher Ordnung um einen leicht gewölbten, neu aussehenden Geigendeckel aus noch unbehandeltem Holz verteilt.

Der Kunde stellt einen metallenen Gegenstand, einen Adergrabenschneider, als Gewicht auf die Scheine. Dumas ignoriert das Geld. Der Kunde besteht darauf, dass er es nachzählt. Dumas winkt ab und redet lieber weiter über die Notenbücher mit einem roten Einband und goldenen chinesischen Schriftzeichen, die über einer alten Schrankvitrine aufgestellt sind.

Prunkvolle Einbände

Die prunkvollen Einbände enthalten einige der Kompositionen seines Großvaters, der an der Prager Akademie Komposition unterrichtete und mit Schostakowitsch, Honegger, dem Pianisten Swjatoslaw Richter und dem US-amerikanischen Musiker und Bürgerrechtler Paul Robeson befreundet war. Als linientreuer offizieller Künstler reiste er viel um die Welt, seine Werke verbreiteten sich bis nach China. Nach dem Prager Frühling wurde er dann eine kritische Stimme. „Er war immer eine Inspiration für mich, er brachte mich, obwohl ich ihn nie kennengelernt habe, zur Musik“, sagt Dumas, der mit sieben Jahren anfing, Violine zu spielen.

Dumas’ Eltern lernten sich kennen, als sich sein Vater, der Sympathien für die Kommunisten hegte, in der Tschechoslowakei aufhielt und dort seine zukünftige Frau traf, die ihm nach Frankreich folgte. Trotz seines musikalischen Talents war Thibaut Dumas von Instrumenten und ihrer Konstruktion so begeistert, dass er nach der Schule nach England ging, um dort an der Newark School of Violin Making vier Jahre lang Geigenbau zu lernen. Danach arbeitete er weitere vier Jahre, bis 2002, in der Werkstatt von Katya Louis Remis Berthaud in Avignon, nur wenige Kilometer von seiner Geburtsstadt Cavaillon entfernt.

„Es ist das Holz“, sagt Dumas, der viele Jahre mit seiner Mutter im Auto von Frankreich in die Tschechische Republik fuhr, um dort das Holz zu kaufen, das noch jetzt in seiner Werkstatt in Lissabon und in seinem kleinen Landhaus in der Nähe vom Wallfahrtsort Fátima lagert. In Tschechien würden „die besten Hölzer wachsen“.

Die Resonanzdecke eines Streichinstruments muss bei geringem Kraftaufwand leicht in Schwingung geraten und gleichzeitig dem Druck des Steges widerstehen. Das dafür verwendete Holz sollte über teilweise widersprüchliche Eigenschaften wie Elastizität und Widerstandskraft verfügen. Fichtenholz vereint diese Merkmale am besten. Seine Mutter wusste, wo die besten Lieferanten zu finden waren. „Mein aktueller Vorrat reicht für 20 Geigen, dann muss ich sehen, wie es weitergeht“, sagt Dumas.

Truthahn in der globalen City

Das 500 Jahre alte Bild eines unbekannten holländischen Malers, Vista da Rua Nova dos Mercadores (Blick auf die Neue Straße der Händler), zeigt das Lissabon des 16. Jahrhunderts. Aus diesem Bild entstand das Buch und die Ausstellung einer holländischen und einer britischen Historikerin The Global City. Auf dem Ölgemälde ist ein Truthahn zu sehen, ein Tier, das es sonst nirgends in Europa gab. Auch Araber und Afrikaner sind zu erkennen. In der portugiesischen Hauptstadt gab es vor einem halben Jahrtausend Nordeuropäer, Inder, Indianer aus Südamerika und vor allem viele Afrikaner, die als Sklaven, aber auch als freie Händler kamen. In manchen Fällen wurden sie in den Ritterstand aufgenommen.

Lissabon war die erste weltumspannende, globale Stadt. Ausländer gehören seither zum Stadtbild dazu. Laut SEF (Serviço de Estrangeiros e Fronteiras), der portugiesischen Grenz- und Ausländerbehörde, haben im letzten Jahr 31 Prozent mehr Ausländer eine Aufenthaltsberechtigung bekommen als im Vorjahr. Die meisten sind Franzosen und Italiener. In den letzten 17 Jahren hat sich die Anzahl der Ausländer, die legal in Portugal leben, verdoppelt, heute sind es 4,5 Prozent. Deren Lage spiegelt Portugal als ehemalige Welt- und Kolonialmacht, die heute eine offene, verwundbare Wirtschaft ist und die Menschen aus aller Welt anzieht: als Investoren, aus steuerlichen Gründen, um legal oder illegal im Land zu arbeiten, als Rentner. Vor allem kommen immer noch Menschen aus zwei ehemaliger Kolonien: Brasilianer und Kapverdier. Es folgen Ukrainer, Rumänen, Chinesen, Briten, Angolaner, Franzosen, Guinea-Bissauer und Italiener.

Mitte der nuller Jahre kam er in Lissabon zur Probe in die Werkstatt von Christian Bayon, der schon lange als Geigenbauer in der portugiesischen Hauptstadt ansässig war. Thibaut hatte gerade sein erstes selbst gebautes Cello für 6.000 Euro verkauft. Mit dem Geld ließ er sich in Lissabon nieder (sein Meisterstück wurde ein paar Jahre später für 12.000 Euro in Avignon weiterverkauft). Die Freunde in Frankreich und England staunten.

Lissabon war damals weit entfernt von dem heutigen Hype, der Stars wie John Malkovich oder Madonna anzieht. Dumas suchte nicht nur Arbeit, ihm gefiel die Eigenart der Stadt. Lissabon fand er exotisch, wegen der Vegetation, der Hitze, der maurischen Architektur. Er blieb, lernte Portugiesisch und machte seinen Weg von der Werkstatt Bayons bis zu seiner eigenen Meisterwerkstatt im historischen Zentrum Lissabons. In einer Ecke der Werkstatt, vor einem Fenster, durch das Tageslicht direkt auf ein Paar arbeitende, faltige Hände fällt, steht ein alter Mann und restauriert mit langsamen Fingerbewegungen das Korbgeflecht eines alten Holzstuhls. João Gomes ist 89 Jahre alt, er hatte in dritter Generation eine Möbelschreinerei an der Straßenecke ein paar Meter die Straße hinunter. Dann wurde die Miete erhöht und der Schreiner musste raus. Dumas stellt ihm seitdem einen Arbeitsplatz zur Verfügung. Die vergilbten Konstruktionspläne der Möbel, die Senhor João von seinem Vater und Großvater übernahm, hat Dumas fotografiert, eine Freundin entwarf das Design und sie stellten eine Postkartenserie her, deren Verkaufserlös den Schreiner unterstützt. Daraus entstand Dumas’ Idee für die Aktion Fortissimo, die neue Künstler und Handwerker mit den alten Handwerkern des Bairro Alto zusammenbringen soll. Sie sollen mit ihren Werkstätten nicht aus dem Stadtbild verschwinden.

Inzwischen leben weit mehr Ausländer in Lissabon. Wenn sie vom reichen Norden kommen, sind sie Expats, die anderen sind Immigranten, Gastarbeiter. Die meisten bleiben unter sich. Thibaut Dumas wurde im Laufe der elf Jahre zum Portugiesen, trotz des französischen Klangs, wenn er spricht. Aber er sieht sich auch als Kosmopoliten, macht Musik mit Einheimischen, Afrikanern und Menschen aus aller Welt.

Das war sein Leben, bis bei seiner Mutter vor Jahren ein Krebsleiden diagnostiziert wurde. Dumas fuhr nach Frankreich, um bei ihr zu sein. „Sie war immer für uns drei Kinder da, sie war unser Licht, spielte Klavier, damit ich einschlief“, erzählt er. „Sie gab mir so viel, ich wollte bei ihr sein.“ Es war nicht leicht für ihn, sich nach dem Tod der Mutter wieder zu fangen.

Einmal im Jahr fliegt er eine Woche auf die Azoren, nach São Miguel, und setzt dort alle Streichinstrumente des Conservatório de Ponta Delgada, der einzigen Musikakademie der Insel, instand. „Es ist eine sehr intensive Arbeit. Die Feuchtigkeit mitten auf dem Atlantik setzt den Instrumenten sehr zu. Aber außer mir haben sie niemanden und ich muss 50 Kilo Material mitschleppen, um das machen zu können.“ In Indien hat Dumas ein paar Monate lang als Freiwilliger der „Geigenbauer ohne Grenzen“ an einem Musikprojekt mit Kindern auf dem Land gearbeitet, hat sie in Musik unterrichtet und darin, Instrumente zu bauen. Auch in Portugal lernen die meisten Kinder bis heute nicht, ein Instrument zu spielen. Klassischer Musikunterricht und das langjährige Erlernen von Klavier, Gitarre oder Cello sind das Privileg einer hauchdünnen Elite. Erst seit wenigen Jahren ist Musik in der Schule ein Pflichtfach, aber erst in der Sekundarstufe. Und selbst da wird außer rudimentären Grundkenntnissen wenig vermittelt.

Die Pilze der Provence

Mariana Silva ist die Lehrerin des achtjährigen Mädchens, das sich in Thibault Dumas’ Geigenwerkstatt über ihr Cello gefreut hat.

Frau Silva, Mitte zwanzig, unterrichtet an der Academia de Música de Almada, der Stadt auf der südlichen Seite des Tejo-Deltas. Diese Akademie ist eine Ausnahme in einem Land, in dem überall das Geld fehlt. Hier bekommen ausgewählte Schüler Einzelunterricht in verschiedenen Orchesterinstrumenten, ohne dass die Eltern etwas zuzahlen müssen. Bis 2009 studierte Mariana Silva am Konservatorium in Lissabon und kam wie so viele andere Musikschüler häufig in die Werkstatt des Geigenbauers. „Er hat sie alle in Schuss gebracht und kein Geld verlangt. Er hat nie jemanden weggeschickt, wenn ihn jemand brauchte, und deswegen kam der Bau seiner eigenen Instrumente immer zu kurz. Oft hat er gesagt, er wolle sich mehr dem Instrumentenbau widmen, aber dann kam wieder jemand mit einer Geige oder einem Cello in die Werkstatt. Und er konnte nicht Nein sagen, weil ihm die Schüler immer wichtiger waren als sein Auftragsbuch.“ Als Kunde spürt man das sofort: Das rein Geschäftliche ist ihm weniger wichtig als die Musik und die menschlichen Beziehungen. Oft repariert er Instrumente von Leuten, von denen er weiß, dass sie ihn nicht bezahlen können.

Jedes Wochenende verlässt Dumas seine Werkstatt und die chaotische Innenstadt Lissabons. Er fährt dann eine Stunde mit dem Auto oder dem Bus nach Norden, nach Casal Duro, in die Nähe des Wallfahrtsorts Fátima. Dort hat er ein kleines Landhaus renoviert, die Eingangstür nicht größer als er selbst, die Farben in Pastelltönen und Ocker. Die Nachbarn kommen vorbei und bringen Eier oder Gemüse. In den Wäldern sammelt er Pilze. „Die Landschaft ist karg und steinig, sie erinnert mich an die Provence. In der Provence habe ich die gleichen Pilze gesammelt.“

Der Fisch, der am frühen Morgen vom Fischerboot an der Mole in São João da Caparica gekauft wurde, ist alle. Dumas schwärmt von dem französischem Jazz der 1930er Jahre, von den Interpretationen des deutsch-lettischen Violinisten Gidon Kremer. Im Hintergrund ertönt der lang gezogene satte Bass eines vorbeifahrenden Schiffes.

06:00 15.03.2019

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