Mein Haus, dein Haus, Beinhaus

Berliner Abende Kolumne

Hinter sich weiß sie den Traum einer indischen Prinzessin. Eine Moschee aus weißem Marmor, deren schlanke Minarette in den wolkendurchzogenen, blauen Herbsthimmel stechen. Rosen verblühen. Vor ihren Augen wölbt sich eine helle Kuppel über 16 Kalksteinsäulen. Warum zögert sie vor der Pforte, die noch leise schwingend in den rostigen Angeln quietscht? Am Fuß des rechten Seitenflügels, auf dem großen Rasenrund, sind weiße Zelte aufgestellt. Schwarzgekleidete Männer und Frauen stehen hinter langen Tischen oder gehen umher und besuchen sich. Links lehnt ein freundliches Bäckereischild und weist zu Kaffee und Kuchen. Der Anblick stärkt. Sie fasst sich ein Herz und steigt die Stufen hoch. Im Inneren des Kuppelbaus wird sie von Feierlichkeit überfallen. Ein Mann verbeugt sich vor applaudierendem Publikum. Er steht vor einem kleinen Altar, in einem Meer von wächsernen Alpenveilchen, dunkelrot, kalt beglänzt von hohen Leuchtern mit angeschraubten Flammen. Er hebt sich auf die Schuhspitzen, dankt noch einmal strahlend aber gemessen und kündigt nun an, so zu spielen, wie Zigeuner trauern. Die vor ihr sitzende Frau wippt auf dem Stuhl. Der breite, blonde Knoten nickt im Takt der Pusztapferdchen. Ihr Begleiter schlägt kleine Trommelwirbel auf dem rosa Stuhlpolster. Von draußen, durch die geöffnete Tür klingt ein Meißel auf Stein. Als laute Bravo-Rufe in die verrauschenden Schlussakkorde brechen, der farbenprächtige Lilienstrauß einer Verehrerin vom Pianisten mit gezirkeltem Lächeln abgelehnt wird, muss sie laut lachen. Unbekümmert der strafenden Blicke des Stuhltrommlers eilt sie hinaus auf die Galerie, wo mehrere Gefäße zu einer Art Stilleben angeordnet stehen. Sieht aus wie ein Aschenbecher, denkt sie von einer kleinen schwarzen Schale mit silbernen Deckel. Und liest, wie vor den Kopf geschlagen: Aschenkapsel für ein Kind. Da stehen polnische und russische und amerikanische Urnen. Aus Holz. So sieht zu Hause das kleine Kistchen für die Schachfiguren aus. Ein Fach für die weißen und eins für die schwarzen. Vielleicht ein bißchen zu klein für kremierte Körper von Erwachsenen. Neben ihr beugt sich der Hüter des kleinen Ensembles rauchend über das Geländer. Müde nickt er ihr zu und drückt die Zigarette aus. In einer Schale, die sonst gefüllt ist mit Erde. Das weiß sie. Sie ahnt das Schäufelchen darin. Sie hört die Brocken auf den Deckel poltern. Der auch blau sein darf, wie sie jetzt sehen kann. Gelbäugige Pinguinvölkchen treiben über den Sarg, auf kleinen Schollen durchs ewige Eis. Aber auch warm und glutrot wie die Liebe darf das letzte Gehäuse sein. Ja; warum denn immer nur so kalt und eichenschwer? Was war denn ein Toter? Ei, eine Mahnung ans Leben. Weiter gar nichts.

Ihr Schritt wird leicht. Beschwingt eilt sie am Krematorium vorbei und sieht den Steinmetzlehrling letzte Hand anlegen an ein Kindergrabmodell. Sie stößt sie an, ganz sanft, die kleine Marmorschaukel. Und fühlt sich selbst auf einmal schwerelos. Wie eine Feder, die der Wind durch die Alleebäume treibt. Er lässt die Lindenblätter rauschen und rascheln und zaust ihr die Haare. Auch die Röcke hebt er von zwei bleichen Frauen in purpurnen Kostümen. Die Seide leuchtet in der Sonne, die langen Haare wehn im Wind. Eine sieht aus wie die andere. Beide treten in schwarzglänzenden Lackschuhen behutsam über den Rasen. Nur eine trägt eine gefüllte grüne Gießkanne. Ihre rechte Schulter wird vom Gewicht heruntergezogen. Auch die Zwillingsschulter senkt sich, ohne Kanne; auf dem Weg zum frischen Hügel. De mortibus nihil nisi bene, liest sie auf einem abgebrochenen Säulenstück. Warum sollte sie Böses über Tote sagen? Über die Lebenden schon. Was haben sie nur gegen ihre Gestorbenen, dass sie ihnen so furchtbare Steine in den Weg legen müssen? Da steht ein schwarzpolierter Granit, von dem schreit´s: "Mutti!" Sonst gar nichts. Immer nur Mutti sein. Bis in das kühle Grab hinein. Und der Stein ist geputzt. Kein Fleckchen und kein Blättchen sind zu sehn. Die Fleißigen Lieschen blühen ohn´ Unterlass.

Da ruht das "Mütterlein". Sanft neben ihrem "Elselein". Das haben sie später hineingelegt. 82 Jahre alt ist es geworden. Und der Werner hat immer so gern Fußball gespielt. Nun schläft er da unten. Auf ihm liegt ein runder Ball. Ein Fußball, der ist aus weißem Marmor. Wie alt bist du bloß geworden? Wieviel Spiele hast du gespielt ? Hast du immer nur nach dem Ball geschaut? Und dann bist du gestürzt und im Graben gesessen und dann haben dich die Raben gefressen? "Nein", flüstert sie leise und macht sich eilig auf den Weg zur Urnenhalle. Der Friedhofstag ist bald zu Ende. "Es ist gar so angenehm unterrichtend, wenn Sarkophagen, Urnen und alle dazu gehörigen Leichen- und Grabgeräthe in nachgeahmten Columbarien aufgestellt sind", fand schon Goethe.


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00:00 08.10.2004

Ausgabe 39/2020

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