Mein Haus, mein Boot, meine Follower

Digital Detox Die Selbstvermarktung im Netz funktioniert über eine Art digitales Kapital. Einfach darauf verzichten ist nicht für jeden eine Option
Mein Haus, mein Boot, meine Follower
Ob ich den Job will?

Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images

Nicht nur einen trockenen Jahresbeginn, einen „Dry January“, wollen viele einlegen, auch ein Verzicht auf digitale Medien, ein Digital Detox, ist beliebt. Laut Daten des Branchenverbandes Bitcom plant jeder zehnte Deutsche einen. Warum? Offenbar ist vielen die digitale Welt zu viel. „Ich habe bald ein Date, aber sie hat so viele Instagram-Follower, das schreckt mich ab“ ist ein Satz, den ich kürzlich mitgehört habe. Ein anderer: „Die sind nur befreundet, um sich gegenseitig Follower zuzuschieben.“ Zugegeben, es war in Berlin. Die Gespräche in Köln, München oder Hamburg dürften aber ähnlich klingen. Aus den Beobachtungen spricht: Was auf unseren Social Media-Kanälen passiert, greift viel tiefer in unser Leben ein, als uns nur vom Einschlafen abzuhalten. Dazu muss man nicht einmal versessen nach Likes sein, sondern einfach nur online.

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Rund 106 Minuten pro Tag benutzen Frauen laut einer Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft e. V. ihr Smartphone. 81 Minuten sind es bei Männern. Die Zahlen sind im Vergleich zu 2018 gestiegen, in jeder Altersgruppe. Am häufigsten werden soziale Netzwerke verwendet. Dass das besonders bei Frauen einen negativen Einfluss auf Stresslevel und Selbstwert haben kann, insbesondere auf der selbsternannten Positivity-Plattform Instagram, ist bekannt. Dennoch war es nie leichter, Kontakte zu knüpfen und zu halten. Räumliche und soziale Grenzen können überwunden werden.

Die feinen, virtuellen Unterschiede

Welches Leben wir online führen, ist Teil unserer Ressourcen geworden. Formuliert mit dem französischen Soziologen und Sozialphilosophen Pierre Bourdieu, der zur Einteilung einer Gesellschaft in Klassen verschiedene Kapitalsorten einführte: Jeder Mensch mit Internetzugang verfügt potentiell über digitales Kapital. Eine Einflussgröße, die wie finanzielles oder kulturelles Kapital (zum Beispiel Bildung) über gesellschaftlichen Aufstieg oder Stagnation mitbestimmen kann.

Bourdieu würde wahrscheinlich sagen: Digitales Kapital ist eine Unterkategorie von sozialem Kapital, eine Art virtuelles Vitamin B. Gleichzeitig ist das Netz der ideale Ort, um sämtliche anderen Formen von Kapital und Status öffentlichkeitswirksam zu performen – meine berühmten Freunde, mein Designer-Kinderwagen, meine bildungsbürgerliche Privatbibliothek. Im beruflichen Kontext wird die digitale Zweigstelle der Identität immer genauer unter die Lupe genommen. Nicht wenige Musiker- oder Modelkarrieren begannen auf Instagram.

Ob jemand Follower im Internet hat, ist längst nicht mehr nur eine Randinformation. Seit sich so viele Menschen auf sozialen Netzwerken bewegen, bewerten wir automatisch: Wer folgt wem auf Instagram und Twitter? Wie viele Kontakte hat jemand auf LinkedIn oder Xing? Besonders im beruflichen Kontext wird die digitale Zweigstelle der Identität immer genauer unter die Lupe genommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand den Job als Social-Media-Managerin oder Art Director bekommt, ist mit einem erfolgreichen Account bei Instagram oder Twitter ungleich höher gegenüber dem privaten Account von Mitbewerberin @biene_09, 0 Posts, 24 Follower

@Mama: Ich hab’ den Job

Ein Beispiel, das natürlich vor allem in Medien- oder Kreativberufen funktioniert. Aber auch außerhalb davon ist es kein Geheimnis, dass Jobs nicht (nur) nach Qualifikation, sondern aufgrund von guten Kontakten vergeben werden – auch digitale. Oder, ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: Keinen meiner Jobs habe ich aufgrund meines durchschnittlichen Bachelors in Kulturwissenschaften bekommen, sondern aufgrund der Fähigkeit, im Netz Reichweite zu generieren. Ein glücklicher Zufall, dass zeitgleich zu meinem Eintritt ins Berufsleben genau diese Reichweite als geldwerter Vorteil erkannt wurde und plötzlich Personal gefragt war, sie zu generieren.

Die wertvollste Information eines Accounts ist unterdessen gar nicht mehr unbedingt die Anzahl der Likes oder Follower. Sondern die Zeile knapp darunter ist entscheidend: Welcher der Leute, denen ich folge, folgen auch diesem Account? Es ist die Sichtbarmachung des Netzwerks und erleichtert die Einsortierung der Person im sozialen Raum. Die Anzeige der gemeinsamen Freunde bei Facebook lässt Nutzer*innen in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob ein neuer Kontakt gerne oder gar nicht angenommen wird.

Dafür einen ernst und groß klingenden Begriff wie Digitales Kapital einzuführen, ist ein Weg, über Sprache ein Bewusstsein für die Dimension und das Potenzial zu schaffen. Ich glaube nicht, dass es ausreicht, ein Digital Native zu sein oder sich einigermaßen gut im Netz auszukennen. Der Einfluss der sozialen Medien ist mittlerweile zu groß, um darin eine aus dem Ruder gelaufene Freizeitbeschäftigung zu sehen. Dafür einen ernst und groß klingenden Begriff wie „digitales Kapital“ einzuführen, ist ein Weg, über Sprache ein Bewusstsein für die Dimension und das Potenzial von Social Media zu schaffen. Das oft als so gesund beschworene Digital Detox zum Schutz vor Reizüberflutung in einer digitalisierten Welt funktioniert nicht für alle. Man muss es sich leisten können. Zu lernen – und zu lehren – wie man im Internet nicht verrückt wird, sondern die Möglichkeiten für sich am besten nutzt, wäre eine wichtige Aufgabe für alle, die im Einzugskreis eines Routers leben. PS: Folgt mir auf Instagram.

Ilona Hartmann ist Autorin in Berlin. Ihr Instagram-Handle lautet @ilona_hartmann

06:00 13.01.2020

Ausgabe 22/2020

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