Mein Huhn mag Spaghetti

Adoptivhennen Der britische „Hen Welfare Trust“ vermittelt aussortierte Legebatterie-Hennen an Privatleute. Über 250.000 Hühner haben so schon ein neues Zuhause gefunden

Es gibt eine Geschichte, die meine Mutter immer wieder gern erzählt: Bis ich zwei Jahre alt war, habe ich kaum ein Wort gesprochen. Damals war ich einmal mit ihr in der Küche, als sie gerade ein Brathuhn in den Ofen schob. Ich rief plötzlich laut: „Das kannst du doch nicht machen! Das sind unsere Freunde!” Ich bin mir nicht sicher, wie diese frühe Verbundenheit mit Hühnern zustande kam, vielleicht hatte ich zuvor zu viel Sesamstraße geguckt. Hühner sind ja eigentlich nicht gerade das, was bei Kindern als „cooles Tier“ gilt. Aber ich mochte sie sehr, ich mag sie heute noch. Deswegen wollte ich auch das Re-Home-Projekt dokumentieren, bei dem für Hühner aus Legebatterien ein neues Zuhause bei Privatleuten gesucht wird.

Sobald die Tiere in Legehennenbatterien 18 Monate alt sind, gehen sie in „Rente“. Für die Hühnerfarmer gelten sie dann als unproduktiv, obwohl die meisten von ihnen noch bis zu vier Jahre weiterleben können. Wenn sich nicht ein neues Zuhause für sie findet, bedeutet das für sie den Tod. Anders als bei komplexeren Umweltthemen können sich hier viele ganz konkret beteiligen. Ein gerettetes Huhn kostet gerade mal drei britische Pfund und versorgt einen bei guter Haltung vier Jahre lang kostenlos mit Eiern aus Freilandhaltung: auch ökonomisch eine ganz sinnvolle Entscheidung.

Der von Jane Howorth gegründete British Hen Welfare Trust – die größte Organisation im Vereinigten Königreich, die sich um die Rettung von Hühnern kümmert und ihnen ein neues Zuhause vermittelt – legt in Bezug auf Tierrechte eine erfrischend pragmatische Haltung an den Tag. Anders als radikalere Tierschutzorganisationen versucht der Trust mit den Legehennen-Besitzern zusammenzuarbeiten, anstatt sie zu bekämpfen. Mir gefällt diese pragmatische Herangehensweise. Aus diesem Grund habe ich auch versucht, bei meiner Arbeit originelle Aufnahmen zu machen und den Betrachter mit Humor zu fesseln, anstatt mich abgegriffener und klischeehafter Schock-Bilder zu bedienen, die die Kontroverse nur weiter anheizen und nichts zur Lösung des Problems beitragen.

Das erste Bild dieser Fotoserie wurde 2002 aufgenommen. Es hat also knapp zehn Jahre gedauert, bis die Serie fertig war. Als ich anfing, war mir nicht klar, wie viel Persönlichkeit ein Huhn besitzen kann. Viele Leute, die ehemalige Legehühner bei sich aufnehmen, können die Tiere genau voneinander unterscheiden und sagen, sie seien ebenso gute Haus- wie Nutztiere. Die Menschen, die sich für eine Hühnerrettung entscheiden, sind dabei sehr unterschiedlich: Die Bandbreite reicht von Rentnerehepaaren bis hin zu jungen Familien und Großstadt-Singles.

Sind das Extremisten?

Es gibt zum Beispiel Leute wie Diana Millard aus Kent. Sie hat den Garten hinter ihrem Haus vollständig mit Hühnerhäusern bebaut, um Hunderte von Hennen unterzubringen, die sie jeden Monat rettet. Nachdem sie die neuen Hühner auf Krankheiten untersucht und geimpft hat, werden sie zur Adoption freigegeben. Wo keine Hühnerställe stehen, ist der Garten mit einem Labyrinth aus Ausläufen, Rampen und modifizierten Schuppen übersäht. Für viele ehemalige Legebatterie-Hühner ist dies der erste Ort, an dem sie sich frei bewegen können und echtes Sonnenlicht zu sehen bekommen. Wenn man den zum Hühner-Asyl umfunktionierten kleinen Garten sieht, kann man sich aber kaum vorstellen, dass Diana Millard hier bereits über 7.000 Hühner aufgenommen hat. Sie tut dies seit 40 Jahren. Ihre Tochter und Freunde helfen ihr dabei.

„Ich glaube, die Legebatterie-Besitzer machen sich oft Sorgen, ob wir nicht Extremisten sind oder anderen verraten könnten, wo sich ihre Hallen befinden“, sagt Millard. „Aber wir müssen die Batteriebesitzer auch beschützen, denn von ihnen erhalten wir die Hühner, die wir retten wollen. Das Einzige, was wir sonst tun können, ist den Menschen zu zeigen, was Käfighaltung für die Tiere wirklich bedeutet. Die Hennen bezahlen den Preis für die billigen Eier.”

Die Recherche für die Fotoserie führte mich auch auf das Dach von Julia Stephenson. Sie war in den Neunzigern ein Londoner It-Girl. Dann verwandelte sie sich in eine überzeugte Grüne, sie arbeitete mehrere Jahre lang als Umweltkolumnistin für verschiedene Zeitungen und kandidierte für die Green Party. Auf dem Dach ihres Hauses in Kensington befindet sich jetzt ein Hühnerhaus, wo die von ihr adoptierten Ex-Legebatterie-Hühner leben. Hühner und Stadtleben ließen sich wunderbar vereinbaren, sagt Stephenson.

Der achtjährige Sam Bradley aus der Nähe von Plymouth hat das zweihunderttausendste Huhn adoptiert, das der Welfare Trust gerettet hat. Wenn er groß ist, will Sam Landwirt werden. Schon seit Langem begeistert er sich für Hühner – er verwendete sein Taschengeld, das er bis zu seinem sechsten Geburtstag gespart hat, um gerettete Hühner zu kaufen. Die Nummer zweihunderttausend nannte er Fizz. „Ich liebe Hühner“, sagt er. „Ich sammle jeden Tag ihre Eier ein, wenn ich von der Schule nach Hause komme. Am liebsten essen meine Hühner Spaghetti, Mais und Würmer.“

Wenn die Hühner aus den Batterien gerettet werden, haben sie oft keine Federn mehr, was manchmal als „ofenfertig“ bezeichnet wird. In drei bis sechs Wochen wächst das Gefieder nach, aber bis es so weit ist, frieren die Tiere, insbesondere natürlich in den Wintermonaten. In den Strickzirkeln des Landes ist es daher in den vergangenen Jahren zu einer Art Mode geworden, Pullover für das Federvieh zu stricken. Die Henne Barbara bekam etwa einen blauen Strickpullover verpasst.

2012 werden in der Europäischen Union neue Gesetze in Kraft treten, die Legehennen mehr Platz zugestehen. Da in Großbritannien gegenwärtig 16 Millionen und in Europa insgesamt 225 Millionen Hühner in Legebatterien gehalten werden, wird dieses Gesetz für sehr, sehr viele Tiere das Leben verbessern. Aber was wird aus den mehr als 18 Monate alten Hühnern? Eines ist sicher: Es wird weiterhin jede Menge Ex-Legebatterie-Hühner geben, die ein neues Zuhause brauchen.

Ed Thompson kommt aus Wales und arbeitet als freier Fotograf in London. Er fotografiert, außer Hühnern, besonders gern den Alltag normaler Menschen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

09:00 24.04.2011

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3