Mein kleiner grüner Ofen

Uganda In der Erntezeit verfaulen riesige Mengen Obst und Gemüse in dem ostafrikanischen Land. Ein junger Erfinder will das jetzt ändern

Lawrence Okettayot muss lächeln, als er seinem Praktikanten vonder Ndejje-Universität ein Zeugnis schreiben soll. Schließlich sind diese Hospitanten oftmals älter als er. Okettayot selbst hat nie an einer Universität studiert, lediglich ein technisches College besucht, was den 24-Jährigen nicht daran hinderte, den „Sparky Dryer“ zu entwickeln, einen kleinen Dörrofen, um gegen die fehlende Ernährungssicherheit anzugehen.

Laut UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) ist besonders in Afrika der Verlust von Lebensmitteln nach der Ernte („Post-Harvest-Loss“) ein entscheidender Grund für eine mangelhafte Ernährung. Es geht im globalen Süden um Einbußen von gut 40 Prozent nach der Ernte oder während der Weiterverarbeitung. Da gerade auf dem afrikanischen Kontinent viele Menschen von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft abhängig sind, leiden besonders sie darunter. Jahr für Jahr gehen Millionen Tonnen Obst, Gemüse und Getreide verloren, zuweilen kann es die Hälfte einer ganzen Ernte sein.

Lagermöglichkeiten fehlen

Dabei ernten Kleinbauern in fruchtbaren Ländern wie Uganda oftmals mehr Obst und Gemüse, als sie selbst konsumieren oder lokal verkaufen können. Nur sind während der kurzen Erntezeit die Preise niedrig, sodass sich der Verkauf kaum lohnt. Da es jedoch an Infrastruktur mangelt, geerntetes Obst und Gemüse zu lagern, verrotten die Früchte auf Feldern und Märkten. Die Ernte durch Kühlung länger zu erhalten, ist energie- und kostenintensiv. Für Kleinbauern und -bäuerinnen in oftmals marginalisierten ländlichen Gebieten ist dies zumeist alles andere als praktikabel.

Die gesundheitlichen und finanziellen Auswirkungen dieser Lebensmittelverluste sind laut Janet Maro, einer Expertin für kleinbäuerliche Landwirtschaft in Ostafrika, enorm. „Damit gehen schlicht die Lebensmittel für den Verkauf und eine gesunde Ernährung verloren.“ Zwangsläufig wird so das Familieneinkommen reduziert. „Das zieht Kreise“, urteilt Maro. Seit Jahren setzt sie sich mit diesem bisher zu wenig beachteten Missstand auseinander.

Lawrence Okettayot wurde darauf durch seinen Onkel Joe aufmerksam. Der lebt in Palabek Kal, einer Stadt im Norden Ugandas, und ist damit Bauer in einer Region, die über Jahrzehnte hinweg unter den Angriffen der Lord Resistance Army (LRA) gelitten hat. Eine Folge dieser Situation war eine Verknappung der Nahrungsmittel. Jedes Jahr verlor Joe Okettayot nach eigenen Angaben bis zu 85 Prozent seines Ertrages an Obst und Gemüse. Dies jedoch nicht nur, weil er in einem Konfliktgebiet lebte, sondern auch, weil es ihm an Lagermöglichkeiten fehlte.

Seit 2017 ist die LRA soweit zurückgeschlagen, dass sich ihr Aktionsradius erheblich reduziert. Was blieb, ist das Dilemma der weiterhin erheblichen Verluste an Nahrungsmitteln. „Die Mangos sind unter den Bäumen verrottet. Mein Onkel wollte den Anbau schon aufgeben“, erinnert sich Lawrence Okettayot, während er Bewerbungen neuer Praktikanten durchblättert und auf seine Idee des Dörrofens zu sprechen kommt.

„Meine Vision war es, so vielen Menschen wie möglich zu helfen und dadurch die Verschwendung von Lebensmitteln zu verringern. Zugleich sollte es neue Möglichkeiten geben, um den Armen ein Einkommen zu verschaffen“, erzählt Okettayot. Seine Idee: Wenn Bauern das Obst trocknen, wird es länger haltbar sein. Statt des üblichen Abfalls entsteht ein neues, gesundes und lange haltbares Produkt. Zusammen mit seinem College-Freund Opiyo Morris Ester designte und erprobte er den „Sparky Dryer“ – den kleinen, grünen Dörrofen, der sich auf 50 bis 65 Grad durch Solarenergie oder Briketts aus Biomasse erhitzen lässt. Nicht unbedingt die absolute Innovation, doch passten Okettayot und Morris ihren Ofen den lokalen Bedingungen an. So funktioniert der „Sparky Dryer“ auch im Regen und benötigt keinen Strom. Um die in Uganda weitverbreitete Holzkohle zu vermeiden, bringt Okettayot seinen Kunden bei, Gartenabfälle und Altpapier als Ersatz zu nutzen. „Das ist notwendig, denn mit der Holzkohle entziehen sich die Menschen auf Dauer die eigene Lebensgrundlage. Das wollen wir umweltschonend verhindern“, so Okettayot.

„Made in Uganda“

Der „Sparky Dryer“ funktioniert auf eine beeindruckend simple Art. Wie in einem Regal liegt das geschnittene Obst und Gemüse übereinander auf verschiedenen Ebenen. Durch die Solarzelle wird von unten Wärme erzeugt, die sich durch einen kleinen Ventilator an der Oberseite gleichmäßig verteilt. Eine Holzschicht als Isolierung verhindert den Wärmeverlust. Nun können Früchte wie Mangos, Bananen oder Ananas, aber ebenso Gemüse wie Auberginen und Tomaten oder Kräuter schonend und umweltfreundlich getrocknet werden. Die Haltbarkeit verlängert sich dadurch von einigen Tagen auf bis zu zwei Jahre. Und das in wenigen Stunden. Ein Katalysator verhindert wiederum das Entweichen klimaschädlicher Gase wie Kohlenmonoxid.

Inzwischen haben Okettayot und Morris mit ihrem Unternehmen „Sparky Social Enterprise Limited“ über 65 Dörröfen verkauft. Produziert wird in der Hauptstadt Kampala. Bestellungen gingen bisher aus Ruanda, Burundi, Simbabwe und sogar aus dem westafrikanischen Staat Burkina Faso ein. Doch erweist sich die Finanzierung als schwierig. Kleinbauern können sich die 70 bis 200 US-Dollar – je nach Größe – nicht so einfach leisten. Die Geräte werden daher vorzugsweise von Kleinunternehmern gekauft. Die beiden Erfinder hoffen, künftig mit lokalen und internationalen Organisationen zu kooperieren. Denn „unser Ofen ist im Gegensatz zu anderen auf dem Markt noch erschwinglich und sehr leicht zu bedienen. Außerdem wird er hier in Uganda quasi lokal und nicht irgendwo in Asien produziert“. Das schafft nebenbei noch dringend benötigte Jobs. Ein Patenschaftsprogramm, bei dem Dörröfen als Spende an Kleinbauern vergeben werden, gibt es schon. Eigentlich sollen die vorrangig von dieser Neuerung profitieren. „Mein Onkel hat mit dem ‚Sparky Dryer‘ seinen Umsatz innerhalb eines Jahres um 400 Prozent gesteigert. Warum sollte das in diesem Land nicht auch anderen Kleinbauern gelingen?“, fragt Lawrence Okettayot.

Neben der Finanzierung haben die Erfinder noch mit weiteren Hürden zu kämpfen. Zum einen unterstützt die Regierung des Langzeitpräsidenten Yoweri Museveni junge Unternehmer nicht angemessen. Zum anderen müssen Okettayot und sein Team mögliche Kunden zunächst immer wieder von ihrer Erfindung überzeugen. Auch ist das Label „Made in Uganda“ bisher nicht unbedingt von Vorteil. „Es dauert, bis die Menschen lokalen Erfindungen trauen. Sie sind es gewohnt, dass gute Technik aus Europa oder den Vereinigten Staaten kommen muss“, sagt Okettayot. Doch dieser Standard hält den lokalen Gegebenheiten oftmals nicht stand. Andererseits ist der Konsum von getrocknetem Obst und Gemüse, als Beilage oder gesunder Snack, in Ostafrika noch nicht sonderlich verbreitet. Für viele ist Dörrobst ein komplett neues Produkt. In Uganda kann man das bisher lediglich in den großen Supermärkten der Städte kaufen, sofern ein solches Sortiment aus Südafrika, Indien oder Saudi-Arabien eingeführt wurde. Uganda hat Derartiges bislang kaum zu bieten. Wie schwierig es ist, getrocknetes Obst und Gemüse als neues Produkt zu etablieren, weiß auch Janet Maro. Ihre Organisation Sustainable Agriculture Tanzania (SAT) begann schon vor sieben Jahren mit dem Verkauf ökologischer Dörrprodukte im tansanischen Morogoro. Auch da kamen selbst gebaute Trocknungsanlagen zum Einsatz. „Heute kennen die Leute diese Produkte und mögen sie. Aber es hat lange gedauert“, resümiert Maro.

Allen Vorbehalten zum Trotz ist Lawrence Okettayot von seiner Erfindung überzeugt. Der wachsende Erfolg bestärkt ihn. „Sobald die Leute einmal eine getrocknete Mango gegessen haben, wollen sie mehr,“ gibt sich Okettayot zuversichtlich. Nicht umsonst wurde über seinen „Sparky Dryer“ schon weit über die Landesgrenzen hinaus berichtet.

Janet Maro hält die Erfindung ebenfalls für den richtigen Ansatz. „Die nachhaltige Nutzung der bereits vorhandenen Lebensmittel ist der Schlüsselfaktor, um die Unter- und Mangelernährung zu bekämpfen, während man Mehrwerte schafft.“ Nach Maros Einschätzung fehlt es in Ländern wie Uganda oder auch Tansania nicht an gesunden Lebensmitteln, sondern an effektiven Strategien, diese auf den Markt zu bringen und für alle zugänglich zu machen. Der „Sparky Dryer“ könnte zu einem Teil der Problemlösung werden.

Lawrence Okettayot ist entschlossen, sich trotz aller Hürden nicht von seinem Weg abbringen zu lassen. Vielmehr werde er seinen „Sparky Dryer“ optimieren und die Produktion erhöhen, um noch mehr Menschen zu erreichen. Gleichzeitig möchte er demnächst Deutsch lernen, denn einen anderen Traum hat er auch noch: Ein Ingenieurstudium an einer deutschen Hochschule.

Thomas Beutler hat in Leipzig, Uppsala (Schweden) und in Morogoro in Tansania Afrikawissenschaften studiert

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06:00 04.02.2020

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