Mein langer Weg zu ihm

Medien-Bewusstsein Computer werden ziemlich schnell zu Reliquien. Computernutzer auch

Mein Zugang zum Computer war von jeher geprägt durch Misstrauen, Abneigung und Unverständnis für die Faszination, die dieses Artefakt auf andere Zeitgenossen auszuüben vermag. Relativ früh in meinem Leben, gegen Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, kam ich zum ersten Mal mit ihm in Kontakt. Mein Vater war Angestellter in einem wissenschaftlich-technischen Institut, und ich besuchte ihn recht häufig bei der Arbeit. Dort standen überall riesige Metallkisten herum mit blinkenden Lampen, Hunderten Schaltern und wichtig aussehenden Anzeigen. Draußen, auf den Feldern vorm Institut, waren große Antennen aufgestellt, die irgendwelche Strahlen sendeten oder empfingen. Was genau zu welchem Zweck gemessen wurde, konnte mir mein Vater nie genau erklären. Ich hab ihn neulich noch einmal gefragt und die Antwort immer noch nicht verstanden. Es ging um "Indifferenzen" in der Ionosphäre oder so ähnlich.

Die blinkenden Metallkästen hatten etwas Spannendes. In ihnen schienen die Geheimnisse der großen Welt gefangen zu sein. Mit ihrer Hilfe wurde anders als mit anderen Maschinen, die ich schon gesehen hatte, nichts Erkennbares produziert. Ich malte mir immer aus, was passieren würde, wenn ich einen der vielen Schalter umlegte. Das ganze Ambiente erinnerte an die finalen Szenen in James Bond Filmen, wo in den Zentralen des Bösen, solch große Kästen immer gigantische Weltvernichtungsmaschinen darstellen sollten. Die Apparate meines Vaters hatten zwar nichts damit zu tun, aber sie waren gleichermaßen sinnlich, greifbar und auf eine gewisse Art schön. Deshalb mochte ich sie und konnte verstehen, dass mein Vater sie liebte.

Neben diesen Reliquien des mechanischen Zeitalters gab es im Institut auch schon echte Computer. Diese waren nur unwesentlich kleiner als die anderen Metallschränke aber mit einem Bildschirm und einer Schreibmaschinentastatur ausgestattet. Computer waren langweilig. Da blinkte nichts, es gab keine Myriaden von Schaltern und auch keine Messanzeigen. Auf dem Bildschirm sah ich in grünlicher Schrift auf schwarzem Hintergrund nur ein komisches Geschreibsel, das kein Mensch verstehen konnte. Diese kryptischen Fragmente stellten nicht einmal ganze Sätze dar, sondern waren ein einziges alphanumerisches Durcheinander. Die sogenannten Computerberechnungen wurden auf breitem Lochrandpapier ausgedruckt. Das sah dann noch kryptischer aus und es sollte mich wundern, wenn sich jemals jemand diese "Ergebnisse" angeguckt, geschweige denn wissenschaftlich ausgewertet hätte. Ich durfte jedenfalls immer auf der unbedruckten Rückseite herummalen. So hatten diese Computer auch ihr Gutes.

Viel später dann in meiner ersten WG besaß ein Junge aus besserem Hause einen sogenannten Home-Computer. Es war Mitte der achtziger Jahre und das Ding hieß Mac 2c. Dass sich auf diesem Rechner der Mythos der Firma Apple aufbauen konnte, ist mir heute noch unverständlich. Sicher, ich entdeckte schnell die Vorteile der Kiste bei der Erstellung von Uni-Hausarbeiten, wenn man nicht Schreibmaschine schreiben kann. Doch meine Mitbewohner beschäftigten sich nächtelang mit einem dermaßen hirnrissigen Computerspiel - es imitierte Ping-Pong mit Hilfe zweier vertikal steuerbaren Balken, die einen "Ball" hin und herschubsten - dass mir dagegen das von mir nicht besonders geliebte Flippern in der Kneipe auf einmal wahnsinnig aufregend erschien. Sonst konnte man den Mac zu nichts gebrauchen.

Als ich ein paar Jahre später meine Diplomarbeit schreiben wollte, wohnte ich allein und musste mir wohl oder übel selbst einen Computer zulegen. Ich entschied mich für einen Atari, dem außer der Textverarbeitung gute musikalische Fähigkeiten nachgesagt wurden. Apple hatte seit der WG-Zeit einen schlechten Ruf bei mir und Windows-Rechner umwehte schon immer die Aura des Monopolkapitals. Als überzeugter Sozialist setzte ich also auf die Auslauftechnik und kaufte mir von einem Genossen zu einem völlig überzogenen Preis einen sogenannten 1040er mit 20 Megabyte Festplatte. Diese war vollends virenverseucht und tat alsbald gar nichts mehr. Natürlich hatte ich meine Diplomarbeit nicht ausreichend redundant gespeichert. Ich besorgte mir also als Ersatz einen billigeren Atari 520. Doch beim Einstecken des Apple-Stromadapters machte es nur kurz "Piff" und der zweite Atari meines Lebens war auch hinüber.

Mir waren die grundsätzlichen Inkompatibilitäten zwischen den verschiedenen Systemen überhaupt nicht bewusst und als ich ihrer gewahr wurde, konnte ich sie nicht verstehen. Warum benötigt ein Apple eine andere Spannung als ein Atari? Bei Gitarrenverstärkern war das doch auch nicht so. Und wieso konnte man eine Diskette, die man in einem Computer aufgenommen hatte, nicht in jedem anderen Computer abspielen? Jeder Uralt-Cassettenrecorder konnte Tapes von einem neuen Sony abspielen und umgekehrt. Die Computertechnik erwies sich als noch ziemlich unausgereift. Den dritten Atari richtete ich dadurch zu Grunde, dass ich, nachdem ich - Ehrenwort - alles richtig mit den dafür vorgesehenen Komponenten verbunden hatte, den "Ein" Knopf betätigte. Einfach so. "Piff". Ein befreundeter Ingenieur von Siemens konnte mir den Rechner dann doch soweit herrichten, dass ich meine Diplomarbeit noch zu Ende kriegte.

Ein Jahr darauf las ich anlässlich der Präsentation von Windows 95 im Spiegel einen Vorabdruck von Bill Gates´ Buch Der Weg nach vorn. Darin beschrieb er seine Vision von zentral auf Servern gehaltener Software, die on demand gekauft werden müsse, von allumfassender Kommunikation über das Internet und davon, dass der private Haushalt in Zukunft über Computer ferngesteuert würde. Der Mann war gemeingefährlich, ganz klar. Ein irrer Welteroberer und Vernichter ähnlich der Bösewichte in den James Bond Filmen, mutmaßte ich. Ich wunderte mich, dass es keinen militanten Widerstand gegen die Verbreitung solchen Wahnsinns gab. Hieß es bei den Demos nicht immer "Weg mit dem Scheißsystem"? Dies konnte doch kaum auf etwas mehr zutreffen als auf Windows. Ups, mache ich mich jetzt gerade strafbar?


Wieder ein Jahr später gab es gerade den Multimedia-Hype. Das Wort war in aller Munde. Keiner wusste genau, was damit gemeint war. Aber ich dachte mir, es hat irgendetwas mit Computern zu tun und wenn ich mich nicht bald systematischer mit diesem Teufelswerk beschäftigen würde, könnte ich mich bald überhaupt nicht mehr in der Gesellschaft zurecht finden. Von Mao hatte ich gelernt: Man muss seinen Feind kennen, um ihn zu besiegen! Außerdem ging ich auf die 30 zu. Also ließ ich mir vom Arbeitsamt eine Weiterbildung zum Multimediafachmann verschreiben. In dieser Maßnahme hingen lauter frustrierte Soziologen und Pädagogen rum. Die Ausnahme waren zwei Yuppies, die wussten, was sie wollten, und zwei Kommunisten, die wussten, was sie nicht wollten: Karriere machen in der Multimedia-Branche. Diese vier Leute, ich nannte sie das "realistisches Forum", ermöglichten mir den Kurs mental zu überstehen. Die anderen waren nämlich ständig damit beschäftigt, ihre soziale Kompetenz durch grundloses Opponieren gegen die Dozenten und durch die Veränderung der Lehrpläne unter Beweis zu stellen. Klar, dass wir so nicht besonders viel über den Computer lernten.

Bald nach Abschluss der Weiterbildung bekam ich eine Anstellung in einem CD-Rom-Verlag. Wie gesagt, es war gerade Multimedia-Hype, und jeder der zu der Zeit eine Maus halten konnte, bekam einen Job. Nebenbei programmierte ich zuhause für einen Freund, der unbedingt eine Firmenpräsentation auf CD-Rom brauchte - sagte ich schon, dass gerade Multimedia-Hype war? - um Geldgeber für eine neues Projekt zu finden. Dieser Freund war sehr geschickt im Akquirieren von Venture-Capital und er schaffte es, von irgendwelchen Leuten mit zuviel Geld ein paar Millionen für die Entwicklung einer neuen Anwendersoftware zu bekommen. Was diese Software leisten und wer sie kaufen sollte, wusste natürlich niemand. Umso offensichtlicher war dagegen, dass er einen Projektleiter für die Software-Entwicklung brauchte. Mit meiner jahrelangen Computererfahrung war ich dafür genau der richtige Mann. Von nun an hatte ich mit dem Computer nicht mehr viel zu tun, außer täglich meine E-Mails zu schreiben. Meistens bestand die Arbeit darin, Visionen zu präsentieren und präsentieren zu lassen, Strategiegespräche zu führen, Verträge auszuhandeln, zu brechen und zu kündigen, die ganze Palette dessen, was man in der Wirtschaft halt so macht. Darüber hinaus musste ich mich die ganze Zeit mit durchgeknallten New Economy Dödeln herumschlagen, die das Internet zweimal die Woche neu erfanden. Kurz, bevor das ganze Ding den Bach runterging, ereilte mich der burn-out und mir wurde gekündigt.

Und jetzt? Sobald ich den Computer starte, fühle ich mich auf Arbeit. Und ich gestehe, auch wenn man wohl bald bloß für dieses Bekenntnis in den Knast kommt: Ich arbeite nicht gern. Ob ich mich den Regeln eines Chefs oder eines Computerprogramms unterwerfe, macht kaum keine Unterschied. Man kann beides nicht verstehen und muss es einfach hinnehmen. Dafür sollte man zumindest Geld kriegen. Doch auch meine sogenannte Freizeit hat der Computer grundlegend verändert. Statt Musik zu machen, programmiere ich an immer gleichen Rhythmen herum. Ich habe fast verlernt, mein Instrument zu spielen. Aber ich benutze immer noch lieber rauschende Mischpulte und analoge Effektgeräte, als mit der Maus in einem digitalen Studio herumzuklicken. Denn die alten Geräte blinken so schön wie die Metallkisten damals im Institut. Ich kann an den Knöpfen und Schaltern herumdrehen und damit ihre Effekte, auch die ungewollten, sinnlich erfassen. Wenn sie Piff machen, gibt es immer noch meinen Vater, der sie reparieren kann. Und dass jemals ein kaputter Computer repariert wurde, hat ja wohl noch nie jemand gehört, oder?


00:00 19.03.2004

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