Mein Leben ist meins

Orphisches Wortland Zum 100. Geburtstag des Karstpoeten Srecko Kosovel

Adria. Und doch nicht. Das ist nur ein schmaler Küstenstreifen Mediterran, auf dem Triest und eine Perlenkette kleinerer Orte liegen. Dahinter die Kalkklippe, die Felsstufe auf dem Karst. Hinter der Schulter des Berges aber liegt ein anderes Land. Steinig. Seit Jahrhunderten klauben Menschen die Steine von den Feldern, schichten sie am Rain zu Mauern hoch, Windschutz, damit die dünne Ackerkrume nicht fortgewirbelt wird - und immer noch sind die Äcker von Steinen übersät, als würden hier weit mehr Felsen als Ähren wachsen. Gelände mit doppeltem Boden. Die mit terra rossa gefüllten Dolinen, jene eigentümlichen Trichter mit dichtbepflanzten Böden sind eingebrochene Höhlen, angefüllt mit dem nachgerutschten Erdreich. Oben, auf dem Karst, sind die Böden karg und wasserarm, von den weißgrauen Pickeln des Kalks überzogen, der auf die ganze Landschaft abzufärben scheint, denn schon früh im Herbst ergraut das harte Gras. Dann nehmen die Hochflächen jene ausgebleichten, melancholischen Tönungen an, die vom schwarzen Grün der niedrigen, von der scharfen Bora gekrümmten Kiefern und Steineichen noch unterstrichen werden.

Hier wird im Kreisstädtchen Sezana am 18. März 1904 Srecko Kosovel geboren. Noch existiert das Habsburgerreich, die Südbahn von Wien über Laibach/Ljubljana führt nach Triest, 14 Jahre später wird man auf dieser Strecke zwei Grenzen passieren müssen. Das bäuerliche Hinterland wird dann Schreckliches hinter sich haben. Viele ihrer Söhne wurden in den zwölf Isonzoschlachten verheizt, bei denen dank der modernen Technik rund eine Million Menschen ums Leben kamen. Auch das nördlich vom Triestiner Karst gelegene Isonzotal ist eine ärmliche Region, im Krieg aber wegen seiner Eisenbahn "strategisch wichtig", daher muss gestorben werden.

Der junge Kosovel erlebt den Hungerwinter 1918, als nichts mehr klappt, die Kriegsparteien erschöpft sind, die Versorgung zusammenbricht, Väterchen Frost das Regiment übernimmt und die Sense schwingt und weiterführt, was die Technik nicht nieder kartätscht hat. Er erlebt als 14-Jähriger den Zusammenbruch eines Kulturraumes, die Neuziehung der Grenzen, wodurch der mehrheitlich slowenisch sprechende Karst Italien zugeschlagen wird, das sich als Kriegsbeute Istrien, Pula und Rijeka unter den Nagel reißt in der Absicht, aus der Adria das "Mare nostrum" zu machen. Wieder einmal neue Herrschaften für die Karstbewohner, die sich eigentlich der Sprache wegen Ljubljana zugehörig fühlen, zumal es nun einen neuen südslawischen Staat gibt. Der junge Kosovel hält sich oft in Ljubljana auf, dort studiert er auch, dort gibt er Kulturzeitschriften heraus; das liegt an der Sprache, nicht an der nationalen Gesinnung.

Wer aber ist dieser Srecko Kosovel überhaupt, der 22-jährig im Karstdörfchen Tomaj starb? Er schrieb rund 1400 Gedichte, doch zu Lebzeiten hat er kein Buch veröffentlicht. Auch in Slowenien wurde er von einer größeren Öffentlichkeit erst allmählich wahrgenommen. Die Herausgabe seiner Werke - neben den Gedichten schrieb er auch Essays und Prosanotate - erfolgte erst sukzessive nach dem Zweiten Weltkrieg: Eine fünfbändige Werkausgabe wurde 1977 abgeschlossen, ohne wirklich das Gesamtwerk zu erfassen. Namhafte Literaturwissenschaftler stellen den Karstdichter in eine Reihe mit Rimbaud, Apollinaire, Trakl und Celan.

Kosovel ist ein junger Mann, brennend interessiert an der Welt, dürstend nach neuen Ideen, voller Heißhunger auf Philosophien, immer interessiert am Experiment. Neugier treibt ihn an zu intensiver Suche, die Sprache aber, in die er die Resultate seiner Suche destilliert, ist klar und karg - wie der Karst, seine Landschaft, sein Wortraum. Irgendwo notiert er einmal: "Mein Leben ist meins, slowenisch, heutig, europäisch, ewig." Sein Ausgangspunkt ist die Landschaft, in der er aufwächst, die er schon als Jugendlicher in "samtene Lyrik" gießt. Aber nie ist es nur Abbilden, was ihn antreibt. Die Ruhe und das Einfache des Karstes zwingen zu adäquater Haltung des Betrachters, will er sich die Räume hinter den Flächen erschließen. Denn die Flächen sind nur Chiffren, Symbole für die Widersprüche, aus denen die Lebensenergie entspringt.

Kosovel liest wie ein Besessener. Platon, Schopenhauer, Dante, Emerson, die Russen, er kennt die neue französische Literatur, Anatol France, Rolland, Apollinaire, Cocteau, er liest Nietzsche, Bergson, Strindberg, vermutlich kennt er auch das surrealistische Manifest, bestimmt den Dadaismus. Eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, will verstanden sein. Dieses Übermaß an Inhumanität. Dieses Versagen des "müden Europas". Diese nervöse, gehetzte Zeit, in der für Schönheit, Harmonie und natürliche Ganzheit kein Platz mehr ist. Ein Symbol Kosovels ist der Baum: tief verwurzelt in seiner Lebensumwelt, doch die Äste sind gestutzt, kahl, der Blätter und Früchte beraubt, Symbol einer gescheiterten Sehnsucht nach dem Überirdischen, expressionistischer Schrei, dass die wesentlichen Dinge nicht mehr zugänglich sind.

Seine kurze Lebenslinie lässt ein Unterordnen in Schaffensperioden nicht zu. Man kann bestimmte Wandlungen verfolgen ebenso wie Durchgängiges. Mit dem Expressionismus setzt sich soziales Engagement immer deutlicher in Szene, doch ist Kosovel nie ein Ein-Weg-Dichter. Der Tod ist ein markantes Thema, sowohl in sehr weiter Form als Tod einer alten und Schuld beladenen Welt als auch aus der eigenen Todesahnung heraus. Mit dem Tod wird auch die Auseinandersetzung mit der Religion virulent. Mit seinen konstruktivistischen Gedichten begann er schließlich, so etwas wie im weitesten Sinne ein "Programm" zu formulieren, indem er eine multipolare ideale Gedankenwelt konstruiert, eine integrale und im Menschen, in seinem Geist und seiner Seele integrierten Welt, der die materiale Wirklichkeit mit all ihren Scheinhaftigkeiten gegenübersteht. Er selbst versteht sich als Suchender zwischen diesen Welten, als Reisender. Tatsächlich reist er viel, zwischen dem heimatlichen Karst und Ljubljana, doch zählen für ihn vor allem die imaginären Reisen, auf denen er ganz andere Räume überwindet, die er dann in Worträume umformt.

Es gibt nur wenig Übersetzungen seiner Gedichte ins Deutsche, das ist wohl ein häufiges Schicksal der Dichter kleiner Sprachen. Nun hat Christian Thanhäuser in seiner Edition zum 100. Geburtstag des Dichters einen Band herausgebracht, versehen mit seinen Holzschnitten und Federzeichnungen, ausgewählt und übersetzt von Ludwig Hartinger: Mein Gedicht ist mein Gesicht. Erfindung einer orphischen Landschaft. Schlägt man das Buch auf, liegt eine orphische Landschaft vor dem Leser. Es ist weit mehr als ein Lyrikband. "Dieses Buch wurde erwandert in Kosovels Wortland, auf dem Karst, in Ljubljana und an der Donau", schreibt Hartinger im Nachwort. Und es ist ein Buch, das Adornos Ausspruch, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, gewissermaßen widerlegt. Gelegentlich kommt es vor, dass richtige Bücher in diesem falschen Leben das Licht der Welt erblicken - dieser Kosovel-Band scheint eines zu sein. Nichts für den schnellen Konsum, sondern für das Immer wieder. Wunderschön gemacht, das kann man nicht neben der Dutzendware von Random House und Suhrkamp einschichten. Und wer sich einmal in diese Worträume hineinliest, den verlangt es bald nach der orphischen Landschaft des Dichters, nach dem europäischen Karst.

Srecko Kosovel: Mein Gedicht ist mein Gesicht. Erfindung einer orphischen Landschaft. Auswahl, Übersetzung aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger. Holzschnitte, Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser, Ottensheim an der Donau 2004, 174 S., 20 EUR


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Europa stirbt.

Völkerbund und Apotheke
beides ist Lüge.
Operationen, Revolutionen!
Auf grauer Straße steh ich
Braunes Laub fällt von den Ästen
und ich, ich fürchte nur eins
Diese Bäume werden nackt schwarz dastehen
und grau die Felder
und klein die Häuser sein
und ich werde schreien
aber alles, alles ringsum
wird schweigen.

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Ballade

Zur stillen Zeit im Herbst
fliegt die Wacholderdrossel
auf den Karst.

Auf dem Feld
ist schon keiner mehr
nur sie
fliegt über Weiden
einher.
Und nur der Jäger
folgt hinterher ...

Ein Schuß durch die Stille;
ein dünner Strahl Blut;
die Wacholderdrossel
liegt tot, liegt tot.

00:00 19.03.2004

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