Mein Schland-Shirt war schlauer als eure

Mode Unsere Kolumnistin bereut eine Jugendsünde – ein Deutschland-Trikot
Mein Schland-Shirt war schlauer als eure
2006 war nicht nur modisch zum schämen: Fußballfan nach der Niederlage der deutschen gegen die italienische Nationalmannschaft

Foto: Lutz Bongarts/Getty Images

Ich saß mit meiner Freundin in einem Café, und am Tisch gegenüber saß eine Frau, die ein T-Shirt trug, auf dem vorne „beautiful“ stand und hinten „people“, und meine Freundin fragte mich, warum ich denke, dass diese Frau dieses T-Shirt trägt. Warum Menschen meinen, Botschaften auf Kleidungsstücken transportieren zu müssen, und was dieses Phänomen, was diese Botschaften über unsere Gesellschaft aussagen. Sie fragte mich das, obwohl sie selbst gerne T-Shirts mit Schriftzügen trägt, nur keine mit „beautiful people“. Ich mache das auch manchmal, vielleicht hatte ich auch deshalb keine gute Antwort darauf, und dann dachte ich an ein anderes T-Shirt, eines, das ich vor langer Zeit trug.

Es war der Sommer 2006, und die Medien nannten ihn alle ein Märchen, obwohl eigentlich nichts Märchenhaftes geschah. Es war Sommer, und die Sonne schien, und Männer jagten einem Ball hinterher, und sehr viele Menschen schauten diesen Männern dabei zu und freuten sich sehr. Sonst war eigentlich nicht viel. Ich weiß nicht, warum dieser Sommer 13 Jahre später immer noch herhalten muss, als Erklärung für Phänomene, die uns Angst machen, also manchen von uns, für gesellschaftliche Entwicklungen und Rechtsüberschreitungen, für wachsenden Nationalismus, vielleicht weil uns die Worte fehlen, oder Sätze, die Sinn ergeben. Dieser Sommer jedenfalls ... Seien wir doch mal ehrlich: Hätte es in jenem Sommer nur geregnet. Wäre das Wetter nur schlecht gewesen, und hätten wir alle nur weiterhin gejammert, wie wir es bei diesen Unbedeutsamkeiten gerne tun: Man muss schon viel Glück im Leben haben, um sich an Regen zu stören. Jedenfalls hätte es dieses Märchen im Regen nicht gegeben und nichts, was die Medien dann als einen positiven Patriotismus hätten beschreiben können. Sommermärchen, sagten sie alle, es wurde Fußball gespielt. Und die Menschen in Deutschland freuten sich daran, weil die Sonne schien und in der Sonne und vor der Leinwand das Bier gut schmeckte, und weil alle um einen herum derselben Meinung waren wie man selbst, was diese eigene Meinung irgendwie zu einer Weisheit machte. Und die Menschen in Deutschland waren freundlich zu anderen Menschen, die nach Deutschland kamen (um Fußball zu sehen und ganz bald wieder zu fahren, im Übrigen!), wir waren freundlich, mehr nicht. Oder war das Märchen, dass alle begeistert „Deutschland“ riefen, dass sie ihr Land liebten (und hier muss ich irgendwie das Subjekt wechseln, obwohl es feige ist, von „wir“ zu „sie“).

Feige, weil: Jugendsünde, die 256ste. Ich habe mich damals auch heiser geschrien. Ich sah jedes Spiel und trug dabei jedes Mal dieses T-Shirt, das mein bester Freund für uns beide in zwei Größen hatte anfertigen lassen, es war weiß und hatte die schwarz-rot-goldenen Farben nur ganz klein an einem Ärmel, und hinten diese Schrift: „Ich bin auch irgendwie für Deutschland“. Was waren wir stolz, wir beide, auf dieses eine Wort, „irgendwie“. Es war, als würden wir uns erheben, über den blinden, über den simplen Patriotismus, wir stellten unsere Freude an unserem Land irgendwie selbst auf individuell angefertigten T-Shirts in Frage und waren ein wenig stolz darauf. Heute weiß ich nicht mehr, warum. Ich hatte dieses T-Shirt wieder vergessen, aber heute fiel es mir wieder ein, weil ich über T-Shirts nachdachte und zwangsweise über „beautiful people“. Und darüber, wie wir Botschaften auf Kleidungsstücke drucken und was das über unsere Gesellschaft aussagt.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin über interkulturelle Begebenheiten für den Freitag

06:00 27.08.2019
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