Mein Tag war lang und meistens sonnig

Günter Gaus Seine Autobiografie blieb unvollendet, aber beleuchtet doch eine ganze Epoche

Widersprüche - der Titel ist ein in den Medien eher abgenutztes Wort, aber im Verlauf des Textes zeigt es seinen doppelten Sinn, und man merkt, wie sehr der Titel für Gaus richtig ist. Da ist sein eigener Widerspruch, den er so häufig erhob, obwohl es ihm als heiterem, versöhnlichen Menschen überhaupt nicht auf Konfrontation ankam. Da sind die Widersprüche in der Gesellschaft, die er früh wahrnahm, auch wenn die Menschen um ihn herum sie gern ignorierten. Er schaute nicht weg, er sprach darüber. Doch selbst im Nachhinein weiß er kaum, woher er das hatte.

"Mein Tag war lang und meistens sonnig. Vor gut zehn Jahren ist er zu Ende gegangen." Zu Ende? Dabei blieb es bei seiner Vita aktiva, wie er selbst schreibt. Er hat die Interviewreihe Zur Person fortgesetzt und war Herausgeber der "links-pluralistischen Wochenzeitung Freitag", wie er unser Blatt bezeichnete. Schon 1990 erschien seine Erzählung Wendewut, die im Westen als "Ärgernis" (FAZ) aufgenommen, im Osten damals fast wie ein Kultbuch gelesen wurde. Er schrieb Aufsätze, hielt Vorträge, sie sind im Sammelband Kein einig Vaterland versammelt. Doch er beharrt darauf: "... mein Tag, der sprichwörtliche, die Epoche, zu der meinesgleichen gehörte - jener Tag, jene Epoche sind vor einem Jahrzehnt mit der sogenannten Wende in Deutschland und Europa vergangen."

Denn nach dem Krieg gab es "eine Pause". Gaus meint die "Spanne Zeit, die der Mensch als historisches Wesen nach einem tiefen Sturz braucht." Es war eine Schonfrist, wie er schreibt. Sie dauerte in Europa fast ein halbes Jahrhundert. Das war seine Zeit. In ihr kam es zur Entspannungspolitik. Die "wurde zum Opfer ihrer Erfolge".

Gaus überrascht dann mit unerbittlichen Sätzen, er zitiert, was er im Sommer 1989 selbst im Spiegel kommentierte, noch vor der Maueröffnung: "Über Europa rauscht der ominöse Mantel. In einem Satz gesagt, der seine Vergangenheit hat und jetzt neuerlich eine Zukunft beansprucht: Nun ist Polen wieder offen - im hergebrachten wie im übertragenen Sinne."

Die Erinnerungen von Günter Gaus enden 1972, bevor er als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in die DDR ging. Womit etwas ganz Neues in sein Leben trat: der Osten Deutschlands und Europas, den Westeuropa lange weggeschnitten, von sich gewiesen hat. Dass er darüber nicht mehr schreiben konnte, dass ihn der Tod aus dieser Erinnerungsarbeit gerissen hat, bedauern viele zutiefst. Wie viele Legenden, falsche Heldengeschichten, dem Vergessen unterworfene Begebenheiten aus jüngster Vergangenheit wären korrigiert worden? Er hätte sicher ungleich differenziertere Berichte gegeben als die üblichen, er hätte auch Feindbilder zerbröckeln lassen.

Manche aber werden erleichtert sein: Gaus hat sie nicht mehr beschreiben können. Durch das Buch gehen viele Kollegen, Politiker, Freunde. Fast nur Männer, so war die Zeit, keine Redakteurinnen bei den großen Zeitungen, in den Rundfunkanstalten, den politischen Gesprächsrunden. Er merkt es selbst mehrfach an, es fiel ihm erst später auf. Gaus ist diskret, aber er charakterisiert die Menschen doch, mit ihren Vorlieben, Allüren oder Tricks. Er benennt gerecht ihre Rolle, aber verzichtet nicht auf Vermutungen über Triebfedern, Ehrgeiz, Machtliebe.

Gaus hat im Bundeskanzleramt die Entdeckung Guillaumes und den Rücktritt Brandts erlebt, dann die Jahre 1974-1981 in der DDR, an diesem heiklen Punkt der Weltpolitik. An ihn als den ersten westdeutschen Botschafter waren die gegensätzlichsten Erwartungen gerichtet. Alle Protagonisten jener Phase sind nun verschont geblieben oder um das Vergnügen gekommen, von ihm beurteilt zu werden. Er konnte die Freundschaften, die noch entstanden, nicht mehr beschreiben. Seine Neugier und große Aufmerksamkeit, die Lust am Gespräch, an Bildung, seine auserlesene Höflichkeit (die bescheinigt er wiederum Rudi Dutschke im Unterschied zum selbstverliebt rüpelhaften Verhalten vieler seiner Gefährten), auch die Freude am Genuss, seine Warmherzigkeit machten ihn offenbar zu einem guten Freund.

Interessant wäre auch gewesen, was er in den vergangenen 15 Jahren an Versuchen beobachtet hat, seine Autorität in Ost-West-Fragen anzukratzen. Ihn, der zunehmend unbequem wurde, als Gestalt einer vergangenen Zeit abzuwinken oder "in eine linke Ecke" wegzuschieben. Die Linke muss in Deutschland in der Ecke stehen, das ist aus dem politischen Alltagsdenken nicht rauszukriegen.

Gaus hat das aufmerksam registriert. In den Redaktionssitzungen sagte er gern: Ich bin der Gleiche geblieben, jetzt stehe ich links, weil die Gesellschaft sich an mir vorbei nach rechts bewegt hat. Bei Diskussionen über das Selbstverständnis der Zeitung hat er gelacht: Haben Sie ein Problem mit dem Begriff "links"? Ich nicht. Links ist einfach die Vorstellung von einer Gesellschaft, in der die Schwachen geschützt sind und leben können. So ähnlich sagte er es und lehnte sich zurück. Die Definitionen, Abgrenzungen und so weiter überließ er mit leicht gönnerhaftem Spott anderen.

Gaus beobachtet die Rolle der Erinnerungen für das Älterwerden und die Folgen für das Schreiben genau. Er nennt es das "Plusqampräsens". Damit meint er, dass Ereignisse, "die sich unmittelbar hinter der letzten Ecke, um die wir gerade gebogen sind, befinden" und die für ihn und seinesgleichen (wie er gern statt Generation schreibt) zu einer "immerwährenden Gegenwart hinter der akuten Gegenwart" gehörten, für Jüngere schon ferne Geschichte seien, selbst wenn sie die als Jugendliche miterlebten.

Die Familie, aus der er kam, war groß: Bauern, Handwerker, Arbeiter, seine Eltern haben es zu einem Gemüseladen gebracht. Er ist 1929 in Braunschweig geboren und erst nach dem Abitur weggegangen. Er hat gern den Gesprächen in der Großfamilie zugehört. Es gab lange Sommerferien auf einem Hof. Pferde. Seine Irrwege als 15-jähriger Kriegsverpflichteter, der nichts begriff, aber alles beobachtete und die Widersprüche später nicht vergaß, sind historische Dokumente. "Der Besitz dieser Bilder, die Kraft, sie mir zu vergegenwärtigen, ist ein Teil meiner Identität." Bis zu seinem neunten Lebensjahr hatten seine Eltern mit ihm zur Untermiete in einem Zimmer mit Küche gewohnt. Dann endlich der Umzug in eine Wohnung, eine verlassene, leer geräumte jüdische. Seinen Eltern fehlte die Nazibegeisterung, und doch gerieten sie in ein solches Quartier. Der Sohn jener jüdischen Familie tauchte nach dem Krieg als britischer Soldat noch einmal in dem Haus auf. "Das Gespräch floss spärlich ...", schreibt Gaus.

Die britische Besatzungsmacht ließ 1945 Plakate kleben mit der Aufnahme eines Leichenberges im nicht weit entfernten Konzentrationslager Bergen-Belsen. Er schaute es an, viel länger als die meisten in Braunschweig. Er hielt es nicht für unvorstellbar, dass Gräueltaten dieser Art geschehen waren. "Warum nicht?" Er weiß es nicht. Er blieb stehen. "Hielt mich die Ahnung fest, daß von dem, was da plakatiert wurde, eine Emanzipation meiner Geisteshaltung von Grund auf ausgehen würde?" Seine neuen Fragen - mehr war es noch nicht als die Bereitschaft zu fragen - musste er schon an diesem Tag gegen Vorhaltungen und Tränen verteidigen. Er war 16.

Dann kam die Lesezeit. Gaus hat die Autoren aufgezählt: mein Bildungsroman. Und er fängt an zu schreiben, noch in der Schule die ersten Theaterstücke. Trennende Klassenunterschiede haben ihn früh beschäftigt. "Die in Armut leben, leben fern", endet ein Stück. Gaus bekennt: "Der Satz ist mir in all den Jahrzehnten seither nicht aus dem Gedächtnis entschwunden. Ein Teil meiner Weltauffassung hatte sich früh zu Wort gemeldet."

Zum Studieren geht er nach München, es hält ihn nur einige Semester an der Uni, in dieser Zeit lernt er seine Frau Erika kennen, E. genannt von ihm und Freunden. Er ist stolz, dass "ich seinerzeit nicht versäumt habe, mein Glück zu erkennen." Er wechselt an die berühmte Journalistenschule Werner Friedmann. Er liebt den Beruf, die Setzerei, das Reisen, detektivisches Recherchieren, Urteilen, die Begegnungen, das Schreiben.

Das Leben bekommt ein schnelleres Tempo. Gaus geht nach Freiburg zur Badischen Zeitung, vier Jahre später für die Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung nach Bonn, aber schon nach kurzer Zeit zum Spiegel, wo er sich deplaziert fühlt. Nach drei Jahren gelingt ihm der Sprung zur Süddeutschen Zeitung. "Ich datiere den Beginn meines glückhaften Berufslebens von hier an."

Dort beginnt er neben der Redaktionstätigkeit 1963 beim ZDF die Interviews Zur Person, die er in fast unveränderter Form bis zum März 2004 fortführt. Über seine Arbeitsprinzipien gibt er freimütig Auskunft. Rund 200 Porträts entstanden. Sie "sind ein wesentlicher Teil meines Lebens gewesen", nur die "Arbeit im Staatsdienst", schreibt er ein wenig altmodisch, also die Zeit als Ständiger Vertreter in Ostberlin, rangiere davor.

1965 wird er vom Südwestfunk als Programmdirektor und stellvertretender Intendant abgeworben. Er ist ein Hierarch geworden, wie er selbst seine Position nennt, ist in "eine mir bis dahin verschlossene Welt" eingetreten, eine "Welt abgestufter Privilegien". Er hat Macht, ist in der Nähe der Macht. Gaus kann es genießen, aber hat die Qualität, sich nicht zu verbiegen. Er charakterisiert alle, die ihm begegnen, seine berühmten Kollegen, Verleger, Politiker. Erzählt Anekdoten.

Er beschreibt Helmut Kohl. Auch die Geschichte um das berühmte Zitat von der "Gnade der späten Geburt", erzählt er, die seine Findung war. Kohl hat später im Bundestag zu Protokoll gegeben, "daß die Metapher nicht aus seinem Sprachvermögen stammt." Gaus ärgert sich vor allem darüber, dass Kohl den Satz in Israel als Ablasszettel missbraucht hat. Für Gaus ging es um "eine Gnade, die keine Schuld tilgt".

Beim SWF gibt er der Sendung Report das kritische Profil. Er veröffentlicht auch Bücher, unter anderen Gesprächsaufzeichnungen mit Herbert Wehner, die mit der Idee einer deutsch-deutschen Wirtschaftsgemeinschaft ein unerhörtes Echo haben. Die Freundschaft, die zu diesem schwierigen Menschen entsteht, einige Jahre hält, aber dann doch bröckelt, beschreibt Gaus in einem eigenen Kapitel. 1969 gewinnt ihn Augstein als Chefredakteur des Spiegel. Es ist die Zeit der neuen Ostpolitik, die Willy Brandt durchsetzen will. Im Spiegel findet er bei den Auseinandersetzungen darüber erhebliche Unterstützung.

An dieser Stelle enden die Erinnerungen.

Im Untertitel heißt sein Buch Erinnerungen eines linken Konservativen. "Links von der Mitte", so beschrieb er sich politisch immer wieder. Regeln zu akzeptieren, dazu war Gaus bereit. Auch dazu, sie zu unterlaufen, wenn möglich, schnell zu vergessen. Er hat "Anpassung für ein Menschenrecht der Schwachen" gehalten. "Ein Recht, freilich, nur der Schwachen." Sich selbst habe er nie als Schwachen angesehen - "womöglich leichtfertig".

Eine Report-Sendung widmete er dem seinerzeit unterentwickelten "gesamtdeutschen Bewußtsein". (Er sieht darin sein frühes Interesse für die Menschen "drüben". Seine Tochter Bettina widerspricht in ihrem Nachwort: Das sei zu diesem Zeitpunkt noch kein großes Interesse gewesen.) Gesprächspartner wurde Joachim Herrmann, Staatssekretär für westdeutsche Angelegenheiten, später Chefredakteur des Neuen Deutschland. Sein erstes deutsch-deutsches Gespräch war "eine Groteske, in der beiderseitiges Mißtrauen, Verlegenheiten, aber auch Neugier sich mischten." Dann interviewte Gaus in derselben Sendung Adolf von Thadden, Chef der NPD, die in mehrere Landesparlamente eingerückt war. Vom DDR-Presseamt bekam er daraufhin den "gröbsten Brief meines Lebens", ein förmlicher Protest. Er fühlte sich im Recht, aber fragt im Rückblick, ob ihm wohl dabei gewesen sei? Der "journalistische Einfall hatte über den journalistischen Anstand gesiegt".

In den Jahren als Spiegel-Chefredakteur gab es dann zwei überwältigende Erfahrungen: Das Erlebnis oder das Gefühl eines Epochenwechsels, verbunden mit der Nähe zu Willy Brandt. In der Redaktion wurden Linien-Konflikte teils offen, teils intrigant ausgefochten. Streitpunkt war die Parteinahme für die neue Ostpolitik. Die Kollegen waren das Opponieren aus Prinzip gewohnt, eine Abart ihrer apolitischen Grundhaltung, schreibt Gaus. Zugleich zogen sich monatelang die Kontroversen zwischen der "Hauslinken", unter ihnen Hermann Gremliza, und dem "Herrenclub" um Rudolf Augstein hin. Wieder sind viele Personenbeschreibungen zu lesen. "Über die Grundsubstanz alles Politischen, uns Menschen, war mir der Machtkampf im Spiegel im Jahr 1971 Lehre genug."

Das sind die Lehren, die sich ständig wiederholen. Jeder macht sie wohl an irgendeinem Ort. Aber im Einklang mit einer politischen Entwicklung, an der man beteiligt ist, und dadurch auf der Höhe der Zeit zu sein, das geschieht einem nicht oft. Günter Gaus beschreibt es als Glück: "Die Unsrigen waren im Kanzleramt angekommen. Es war eine schiere Gefühlsaufwallung, und wenn ich heute davon schreibe, geniere ich mich. ... Aber seinerzeit zeigte die naive Freude, wie sehr und wie lange meinesgleichen auf ein Ende der restaurativen Epoche der Bundesrepublik, wie wir sie sahen, gewartet hatten."

Günter Gaus: Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen. Mit einem Nachwort von Bettina Gaus. Propyläen Verlag Berlin 2004, 25 EUR.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 15.10.2004

Ausgabe 16/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare