„Mein tiefster Schrei“

Psyche Die schillernde Clarice Lispector wäre jüngst 100 Jahre alt geworden. „Aber es wird regnen“ versammelt nun ihre Kurzgeschichten
„Mein tiefster Schrei“
Die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector

Foto: GlobalImagens/IMAGO

Auf die Frage, ob Clarice Lispector eine bekannte Autorin sei, antwortet sie selbst in ihrem einzigen zu Lebzeiten gegebenen Fernsehinterview im Jahr 1977: „Alle sagen, ich sei hermetisch. Wie kann ich gleichzeitig hermetisch und bekannt sein?“ Im Dezember desselben Jahres verstarb die Autorin einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag an einer Krebserkrankung. In Brasilien war sie da längst eine verehrte Autorin, die durch ihre seltenen öffentlichen Auftritte ein sagenumwobenes Image trug – auch wenn sie es ablehnte, sich so zu sehen.

Ihre Texte, sei es in Magazinen, Romanen oder Kurzgeschichten, führen die Lesenden in eine Welt, die auf Gefühlen basiert. Lispector verlangt eine Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten, ihre Literatur ist tief. Ihre Werke, oft mit Franz Kafka oder Virginia Woolf verglichen, bahnten sich schon damals den Weg in andere Länder. Ihre Wiederentdeckung hörte nie auf. So auch im deutschsprachigen Raum. Hier erschien letztes Jahr zum 100. Geburtstag der Autorin der von Benjamin Moser herausgegebene Kurzgeschichtenband Aber es wird regnen. Zusammen mit Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau versammeln die zwei Bände sämtliche bis dato gefundenen Erzählungen von Lispector. Die Geschichten in Aber es wird regnen sind teilweise neu übersetzt und erstmals in Deutschland veröffentlicht. Beim Lesen ist schwer einzuschätzen, was fiktional und was autobiografisch ist. „Heimliches Glück“ klingt zum Beispiel wie eine Kindheitserinnerung..

Lispector, deren Familie jüdisch-ukrainischer Abstammung 1922 nach Brasilien emigrierte, wuchs ebenso wie die junge Protagonistin vieler Geschichten in der Hafenstadt Recife im Nordosten Brasiliens auf. Selten befinden sich die überwiegend weiblichen Protagonistinnen auch in europäischen Städten wie London. Als Frau eines Botschafters lebte Lispector mehrere Jahre in Europa. Die meisten Geschichten spielen jedoch in Rio de Janeiro. Lispector zog 1934 mit ihrer Familie in die Metropole, studierte dort später Jura. Nach ihrer Scheidung 1959 ging sie mit den Söhnen nach Rio zurück und veröffentlichte 1964 den Roman Die Passion nach G. H., der heute als ein Standardwerk der Moderne gilt.

Das Buch eignet sich gut, um Lispectors Ansatz zu verstehen. Ihre Protagonistin schildert darin das Zerquetschen einer Schabe, die sie im Kleiderschrank findet. Der Fokus ist ganz auf das Innere der Erzählerin gerichtet, in einer Art von innerer Passion durchschreitet sie ganze Gefühlswelten. Die wirklich erzählte Zeit ist dabei kurz, denn die wenigen Beschreibungen der Handlung deuten auf einen womöglich nur wenige Stunden andauernden Nervenzusammenbruch hin. Auch wenn die Kurzgeschichten in Aber es wird regnen mehr Handlung aufweisen, erkennt man Lispectors typische Handschrift, bei der kurze Momente oder Erinnerungen zum Zentrum einer Geschichte werden. In „Gott vergeben“ schafft sie es zum Beispiel, dass die Sekunden des Erblickens einer toten Ratte die Erzählung ausmachen. Erst schwelgt die junge Protagonistin in einem meditativen Moment, dann rast ihr Herz: „Nicht einmal eine Sekunde, und mir stellten sich die Haare auf, so erschreckend ist es, lebendig zu sein, nicht einmal eine Sekunde, und ich zersplitterte völlig in Panik und unterdrückte, so gut ich konnte, meinen tiefsten Schrei.“ Lispector war imstande der Komplexität von unterschiedlichen Emotionen Worte zu verleihen. Die Reflexionen klingen dabei wie geheimnisvolle Räume, zu denen die Autorin den Lesenden einen Schlüssel reicht.

Sie fühlte die Wahrheit

Lispectors Literatur klingt bis heute zeitlos. In ihrer Erklärung zum Kapitel „Der Kreuzweg des Leibes“ geht sie auf die Wirklichkeit ihrer Geschichten ein. Sie lässt die Lesenden wissen, dass die folgenden Geschichten Auftragsarbeiten mit der Vorgabe waren, etwas zu beschreiben, das wirklich passiert ist. „Miss Algrave“ ist eine dieser Geschichten. Dort durchläuft die Londoner Protagonistin eine innere Verwandlung. Anfangs ist sie prüde und auf Ordnung und Recht bedacht, doch eine Nacht mit einem wundersamen natterähnlichen Wesen ändert ihre gesamte Perspektive auf das Leben. Sie entdeckt ihre Sexualität und beschließt durch dieses Ereignis ihren Sekretärinnen-Job zu kündigen und eine selbstbestimmte Sexarbeiterin zu werden. Lispector schreibt in der Erklärung aber auch, dass ihre Geschichten nicht autobiografisch und nicht in ihrem engeren Umkreis passiert sind. Trotzdem bekommt man beim Lesen das Gefühl, in ihren Texten verschmelzen eigene Erfahrungen und intuitives Wissen miteinander. Die Autorin kommentiert diese Ahnung mit den Worten: „Woher weiß ich (...) davon? Ich weiß es halt“, und fährt fort, dass sie von einem inneren Antrieb gelenkt sei.

Dieses Innere macht ihre Texte glaubwürdig. Lispector war fähig, eine gefühlte Wirklichkeit und Wahrheit zu erkennen und niederzuschreiben. „Entweder berühren meine Geschichten, oder nicht“, fasst Lispector ihre Werke in ihrem letzten und einzigen Fernsehinterview zusammen. Sie erzählt dann von einem Lehrer, der Die Passion nach G. H. vier Mal gelesen habe und nicht verstand, um was es ginge. Einen Tag später habe ihr eine 17-jährige Teenagerin gesagt, dass jenes Buch ihr Favorit sei. „Ich glaube, es ist nicht eine Frage der Intelligenz“, schlussfolgert die Autorin, „es geht um Gefühle und um das Eingehen einer Verbindung.“

Info

Aber es wird regnen Clarice Lispector, Benjamin Moser (Hg.) Luis Ruby (Übers.), Penguin Verlag 2020, 288 S., 22 €

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06:00 08.03.2021

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