Mein Vater, der "Doktor"

Alltag Was die Akten der Geheimdienste über das Leben erzählen. Gesammelte Familienerfahrungen

In den Archiven der ehemaligen tschechoslowakischen Sicherheitspolizei (StB) entdeckt die in Basel lebende deutschsprachige Autorin slowakischer Abstammung, dass ihr verstorbener Vater Agent war. Zudem erhält sie die Akte eines Spitzels, der im Jahr 1984 auf ihre Familie im Schweizer Exil angesetzt war. Gleichzeitig wurde sie selbst vom Schweizer Geheimdienst erfasst.

Ich rufe den einstigen Spitzel in K. an, und er weist mir klar den Weg der Versöhnung: "Es waren schreckliche Zeiten, ich gehe täglich zwei Mal in die Kirche, mache Wallfahrten, hatte einen schlimmen Autounfall, trage noch Folgen davon, und es quält mich die Vorstellung, meine Töchter könnten einmal erfahren, was ich getan habe. Ihr Herr Väterchen war für mich das Vorbild eines großen Sportlers, und ich habe ihn so hintergangen! Er ist also kürzlich gestorben, sagen Sie. Mein aufrichtiges Beileid." Die Grenzen zwischen Täter und Opfer zerfließen, Peinlichkeit breitet sich aus. Wie viele solcher Gespräche finden wohl derzeit in der Slowakei statt?

Dank der Öffnung der Archive der tschechoslowakischen Sicherheitspolizei erhielt ich in diesem Herbst die 64-seitige Akte des Innenministeriums mit dem Vermerk "Streng geheim". Darin gibt der Agent mit dem Decknamen "Fajciar" ("Raucher") Details aus unserem Basler Privatleben während seines zehntägigen Besuches im Jahr 1984 preis.

Das ehemalige Gerichtsgebäude von Bratislava, wo sich der heutige Sitz des Institutes für das nationale Gedächtnis (ÚPN) befindet, ist randvoll mit Vergangenheit. In einem kahlen Raum mit vergitterten Fenstern - nur ein Tisch und drei Stühle, keine Bilder, keine Ablenkung - wird mir nicht nur die Akte mit der Schnüffelei des "Rauchers" ausgehändigt, sondern auch eine zweite Akte mit dem Decknamen "Doktor". Sie beinhaltet die Agententätigkeit meines Vaters in den Jahren 1966-68 und löst bei mir einen Schock aus. Die Sekretärin tröstet mich: "Sie alleine wissen, wer Ihr Vater war, Sie kannten ihn besser, als es in der Akte steht."

Jene Seite, die die Akte offenbart, kannte ich nicht. Ich fühle mich betrogen von einem Vater, der stets vorgab, lediglich ein Opfer der kommunistischen Verfolgung gewesen zu sein, und der mich wegen meiner Ansichten als "rot" bezeichnete. Während der letzten Jahre seines Lebens wollte er mich nicht mehr sehen. War es die verdrängte Wut auf seine eigene Zusammenarbeit mit den "Roten", die er auf mich übertrug? Weil er von Beruf Anwalt war, wurde er in den fünfziger Jahren von den Kommunisten als bürgerliches Element in die Produktion geschickt. Er schuftete als Hilfsarbeiter im Steinbruch und am Brückenbau. Doch er fand einen Ersatz für die gekappte Karriere. Als zweifacher tschechoslowakischer Tennismeister gab er sich weiterhin dem Sport hin. Rackets, Tennisbälle und Siegespokale waren seine geheiligten Gegenstände. Dem Tennis ordnete er alles unter, wegen des Tennisspiels wurde er erpressbar.

Aus der Akte geht hervor, dass er im Januar 1966, bevor er für einige Wochen als Tennistrainer nach Österreich und später nach Wuppertal reiste, "auf freiwilliger Grundlage zur Zusammenarbeit" mit der StB eingewilligt hatte: "Er ist eine geeignete Person, um auf der ›Basis Österreich‹ Personen und Emigranten zu überprüfen." Und dem Wunsch des frischgebackenen Agenten wird entsprochen: "Über die Kontakte mit den Organen des Innenministeriums wird Schweigen bewahrt, da man ihn sonst in seinem Bekanntenkreis anders als bisher sehen könnte."

Die Lebenslogik ist nicht ohne Ironie. Der "Doktor" wurde fast zwei Jahrzehnte später von seinem eigenen ehemaligen Tennisschüler ausspioniert, der wiederum so gerne in der Schweiz und in der BRD Tennis spielen wollte. Mein Vater quartierte ihn bei sich ein, ermöglichte ihm, bei einem Tennisturnier in Baden-Baden zu spielen und machte ihm Geschenke. Als Gegenleistung für die Bewilligung zur Ausreise vom "Raucher" wurde vom StB in K. die Akte "Laco" (der Vorname meines Vaters) angelegt, ein dämlicher Krimi ohne Verbrechen und ohne Auflösung.

Da werden vom "Raucher" Verdächtigungen über mittelosteuropäische Emigranten rund um die Tennisplätze des Basler Pharmakonzerns Sandoz (heute Novartis) im Elsass und in Baden-Baden kolportiert. Auch von meiner damaligen Arbeit bei der Gefangenenhilfeorganisation Amnesty International zugunsten von sowjetischen politischen Gefangenen (AI wird als ein Verein von russischen Emigrantinnen bezeichnet) und meiner Radiosendung über die Slowakei im slowakischen Sender von Free Europe wird berichtet. Vage Vermutungen wechseln sich mit Nichtssagendem ab. Der Gang zum Telefon, der Restaurantbesuch, das Einschalten des Fernsehapparates werden minutiös beschrieben. Alles im Westen wirkt mysteriös.

Der "Raucher" erklärt, er sei bemüht gewesen seine westlichen Erlebnisse spannend zu schildern, da er vorhatte, am Tennisturnier im nächsten Jahr teilzunehmen. Aber dann habe ihn der Schrecken über sein Tun befallen, er habe den Tennisschläger endgültig in die Ecke geworfen. Bei diesen Worten verfällt er wieder dem Selbstmitleid. Ich konfrontiere ihn mit folgendem Akteneintrag: "Die Meinung der Quelle (des "Rauchers") ist, dass Dr. iur. Ladislav Brezny wahrscheinlich die Rolle eines Begutachters für den Feind spielt, d.h. dass er die tschechoslowakischen Bürger, die in die Schweiz und in die BRD reisen, selektiert." Diese gewagte Vermutung, dass mein Vater zum Agenten der Westmächte mutiert sei, wehrt der "Raucher" vehement ab: "Diese Schlussfolgerung haben sich die StB-Männer aus den Fingern gesogen." Die Akte "Laco" wird im Dezember 1985 von einem StB-Oberleutnant mit dem Vermerk geschlossen: "Es wurde nicht bewiesen, dass die überprüfte Person eine Straftat nach Artikel 122 StGB (Verletzung des Wirtschaftsgeheimnisses) begangen hatte".

Der "Raucher" klagt am Telefon über das schwere Agentenleben. Seine Ehefrau habe ihn der Untreue verdächtigt, da er sich wöchentlich in verschiedenen konspirativen Wohnungen mit seinen Kontaktpersonen traf. Auch sei auf ihn ein Freund angesetzt worden, der sich ihm damit anvertraut hatte, so dass sie dann gemeinsam die Informationen besprachen, die dieser melden sollte. Wieso hat mein Vater, der doch die Bedingungen zur Ausreise kannte, keinen Verdacht geschöpft? "Ihr Herr Väterchen wusste von meiner tiefen Religiosität, und dass ich deswegen Schwierigkeiten mit dem Regime hatte. Die StB hat auf dieses Vertrauen gesetzt", seufzt der "Raucher".


Während die ältere Generation in der Slowakei bei der Aktenlektüre von Beklemmungen heimgesucht wird, löst die polizeiliche Schundliteratur bei den Jüngeren ungläubiges Gelächter aus. Dass ich mit dem Ex-Spitzel überhaupt sprechen kann, verdanke ich der großzügigen Offenlegung der Akten - kein Name, keine Angabe ist darin eingeschwärzt. Und man ist bereit, die Identität, die sich hinter dem Decknamen verbirgt, auf Wunsch mitzuteilen. Wenn die Schnüffelei allerdings das Opfer ins Gefängnis gebracht oder seine Karriere ruiniert hat, geht es wohl kaum so gesittet zu wie beim Plaudern mit dem redseligen Raucher.

Seit knapp zwei Jahren kann man auf der Website des Institutes für das nationale Gedächtnis (www.upn.gov.sk) beim Eintippen eines Namens erfahren, ob es zu dieser Person Akten gibt - als Agent, Informant, Vertrauensperson oder sonstiger Mitarbeiter der StB oder als beobachtete Person. Diese Angaben schlagen in der Slowakei auch Wellen der Empörung, da zwischen einem Agenten, der anderen massiv geschadet und einem, der das Spiel geschickt mitgemacht hat, nicht unterschieden wird. Selbst wenn ich Verständnis für die letztere, "harmlose" Agententätigkeit - für die mitnichten harmlose StB - aufbringe, die Frage bleibt: Mussten sich wirklich alle, die damals ins kapitalistische Ausland reisen wollten, anwerben lassen? Der knapp über 30-jährige ÚPN-Mitarbeiter, der ehemaligen Agenten und Opfern ihre Akten aushändigt, sagt: "Sie mussten es nicht tun." Eine 43-jährige Verlegerin meint wiederum, der ÚPN-Mann sei zu jung, um zu wissen, wie vertrackt damals alles war. Ein 80-jähriger Jugendfreund meiner Eltern, der sich in Bratislava, sowohl im Kommunismus wie auch im Kapitalismus erfolgreich zu behaupten verstand, zeigt besonders viel Nachsicht: "Ihr Vater war ein anständiger Mensch, er meldete doch nur Unverfängliches, um die StB hinters Licht zu führen."

In der Akte "Doktor" steht in der Tat auf der letzten Seite: "Es handelt sich nicht um einen Mitarbeiter, der sich willig zeigen würde und der auch dermaßen kompromittiert wäre, dass man es gegen seine Person benützen könnte. Auf Grund seiner Meldungen wurde keine Person überführt". Und weiter: Für seine Spitzeldienste habe der "Doktor" "weder Geld noch Wertsachen erhalten", seine "Personenbeschreibungen waren oberflächlich". Übrigens ist man bei der ÚPN dabei, die Namen all der Angestellten der StB, die mit den Aktenführungen ihre Karrieren gemacht haben, ins Internet zu stellen.

Mich beschämt die Erkenntnis, dass ich als Jugendliche in den sechziger Jahren das Ausmaß der Perversion eines politischen Systems nicht begriff, in dem ich aufwuchs. Als mir die Mutter 1968 mitteilte, dass sie für meine Aufnahme an der Universität in Bratislava Schmiergelder bezahlt habe, fragte ich nicht, woher das Geld kam. Es waren die begehrten Devisen, die mein Vater als Tennistrainer in österreichischen Kurorten und in Wuppertal verdient hatte. Aus dem Universitätsstudium in Bratislava wurde nichts. Am 21. August 1968 besetzten die Truppen des Warschauer Paktes die Tschechoslowakei, wir wurden zu Flüchtlingen und ließen uns in Basel nieder, wo ich schließlich studierte.

Die Auseinandersetzung mit den Akten hilft mir besser zu verstehen, aus welcher Quelle das Misstrauen meines Vaters gegenüber den Menschenrechtlern in der Sowjetunion gespeist wurde, für deren Freilassung ich mich in den siebziger und achtziger Jahren einsetzte. Meine Ersatzvateridole waren bereit, für ihren Standpunkt jahrelang im Gulag zu leiden. Das machte meinem Vater wohl seine eigene Schwäche bewusst; er ging auf Distanz zu mir.


Dass die ost- und mittelosteuropäischen Emigranten während des Kalten Krieges auch von der Schweizer Geheimpolizei scharf beobachtet wurden, flog 1989 mit der Fichenaffäre auf - insgesamt 900.000 Personen wurden, wie die Erfassung in der Schweiz heißt, fichiert. Meine Akte aus den siebziger und achtziger Jahren steht an Unbedarftheit und Phobien den tschechoslowakischen in nichts nach. Als 20-jährige Russischlehrerin würde ich in Basel mit dieser kommunistischen lingua franca womöglich "Linksextremisten und politisch Verdächtige" um mich scharen, die überprüft werden sollten - so die Empfehlung des ficheführenden Berner Beamten. Und obwohl alle Namen schwarz überdeckt sind, ist es nicht schwierig, den Bundeshausjournalisten zu identifizieren, der mich 1986 als mutmaßliche StB-Agentin denunziert hat. Den Grund für seinen Verdacht sah er in meiner Recherche für eine BBC-Radiosendung über einen als Spion entlarvten Diplomaten in der tschechoslowakischen Botschaft in Bern.

Eine Meldung mit Folgen. Ein Verhör vom Basler Sicherheitsdienst über meine politische Gesinnung, das Abhören der Telefone und 1987 die Ablehnung des Einbürgerungsgesuchs "mangels genügender Assimilierung". Erst als 30 Personen aus dem Schweizer Kulturleben für meine Assimilation bürgten, erhielt ich den Schweizer Pass, allerdings "mit einigen Bedenken", wie im Begleitschreiben stand. Der eifrige Kollege, den ich nach dem Erhalt der Fiche anrufe, ist kurzangebunden und prinzipientreu: Seine Wachsamkeit angesichts der kommunistischen Gefahr sei damals gerechtfertigt gewesen. Solche "Wachsamkeit" im Journalistenmilieu blieb zum Glück ein Einzelfall. Auch wenn die Fichenaffäre an der Fassade der schweizerischen Demokratie gekratzt hat, so sind doch die Folgen der Überwachung mit denen in den Diktaturen des Proletariats nicht vergleichbar.

Von der Autorin erschien zuletzt Die Sammlerin der Seelen. Unterwegs in meinem Europa (Aufbau).


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00:00 09.03.2007

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