„Mein Vater wollte uns immer beschützen“

Porträt Erich Schneeberger lebt seit Jahrzehnten in Bayern, mag Biergärten und ist Sinto. Für ihn ist das ein Auftrag

Erich Schneeberger kenne ich seit einem knappen Jahrzehnt. Damals recherchierte ich für einen Kurzkrimi, in dem es um Antiziganismus ging – wie man die Vorurteile gegenüber den Minderheiten der Sinti und Roma nennt.

Eine Freundin gab mir den Kontakt, eine knappe Stunde erläuterte mir Erich Schneeberger dann geduldig die Geschichte der Sinti und Roma, die zugleich auch seine Geschichte ist, die seiner Familie. Eine von Diskriminierung, Verfolgung und Mord. Er war beharrlich, aber nicht verbittert, humorvoll.

Seitdem begegne ich Erich Schneeberger häufiger bei Veranstaltungen, er wirkt auch in der Öffentlichkeit ruhig, besonnen, überlegt. Wird nicht laut. Sei es bei einer Podiumsdiskussion der Allianz gegen Rechtsextremismus kurz vor derBundestagswahl 2017, bei Gedenkveranstaltungen zum Verbrechen der Nationalsozialist*innen an den Sinti und Roma, der Erinnerung an die „Nürnberger Rassegesetze“ vom September 1935 oder den Morden der Neonaziterorrist*innen des NSU.

Schneeberger ist ein zurückhaltender Mann – und dennoch sehr präsent. Er findet deutliche Worte, wenn es sein muss, kann aber auch sehr diplomatisch sein. Eine Eigenschaft, die er als Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes der Sinti und Roma gebrauchen kann.

Getauft in Stuttgart

Als ich bei Erich Schneeberger anrufe, muss er zuerst ein anderes Telefonat beenden, er ist ein gefragter Mann. Dann sagt er: „Kein Problem, wir kennen uns ja.“ Weil die Corona-Schutzmaßnahmen noch in Kraft sind und er aufgrund seines Alters zur Risikogruppe zählt, telefonieren wir „nur“.

Dass es 70 Jahre her ist, dass er in Stuttgart geboren wurde, sieht man ihm trotz seines bewegten Lebens nicht an. In dem kräftigen Mann steckt ein ehemaliger Gewichtheber, der sich seit Jahren für die Rechte der Sinti und Roma einsetzt – auch das ist schon immer ein Kraftakt gewesen.

Sinti und Roma verbinden viele mit Südeuropa. Wenn man Erich Schneeberger am anderen Ende der Leitung hört, kämen wohl wenige auf die Idee, dass er dieser Minderheit angehört, dass er Sinto ist. Bei ihm klingt sofort ein niederbayerischer Einschlag durch, mit einer Prise Fränkisch, die seiner Aussprache etwas Herzliches verleihen. Schneeberger beginnt zu erzählen: „Getauft und geboren wurde ich in Stuttgart, im Stadtteil Feuerbach, in der Pfarrei St. Georg.“

Als Erich Schneeberger ein halbes Jahr alt ist, ziehen seine Eltern mit ihm nach Nürnberg-Schniegling. Weil er ein kränkliches Kind ist, wird er erst mit acht Jahren eingeschult. Sein Vater möchte dort, auf dem Grund eines Freundes, ein Eigenheim bauen; die Frau des Freundes legt ein Veto ein, weil die Schneebergers Sinti sind, und der Traum zerplatzt. Also ziehen die Schneebergers nach Niederbayern, wo sie ihre Pläne verwirklichen können. Von hier stammt Erich Schneebergers Dialekteinschlag.

Schneeberger beendet die Schule nach der achten Klasse, obwohl er eigentlich aufs Gymnasium will. Die Angst des Vaters verhindert es, sein Sohn hätte in eine andere Stadt pendeln müssen, es scheint ihm zu gefährlich. „Das war eine große Enttäuschung für mich, weil ich ein sehr wissbegieriger Mensch war. Ich konnte sehr leicht lernen und hatte einen Notendurchschnitt von 1,6. Gerne hätte ich eine größere Herausforderung gehabt, als es in der Volksschule der Fall war“, sagt Erich Schneeberger.

Die Sorge des Vaters fußte auf den Erfahrungen des Terrors der Nationalsozialist*innen. „Mein Vater wurde mit nicht einmal 17 Jahren von seiner Arbeitsstelle abgeholt und samt seiner ganzen Familie verhaftet. Er und seine Geschwister kamen in das Vernichtungslager Auschwitz. Von dort ins KZ Buchenwald, dann ins KZ Sachsenhausen, und in den letzten Kriegstagen musste er sich auf den grausamen Todesmarsch vom Außenlager Nossen des KZ Flossenbürg in Richtung Dachau begeben.“

Farbkaufmann, Gewichtheber

Überlebt haben den Holocaust von der Familie außer dem Vater nur zwei seiner Brüder. Zwei Schwestern, ein Bruder und die Mutter wurden in Auschwitz vergast. Bei seiner Mutter, erzählt Schneeberger, war es ähnlich, sie und ihre Familie wurden ebenfalls interniert, die Großeltern und vier Geschwister von den Nazis ermordet. „Die sind alle in Auschwitz geblieben“, schickt er leise hinterher. „Mein Vater wollte uns immer beschützen, immer die Übersicht über die Kinder haben.“

Schlussendlich lernte Schneeberger 1969 Farbenkaufmann in München und Passau und akzeptierte damit den Wunsch des Vaters. Den Beruf habe er gewählt, um keine schwere körperliche Arbeit verrichten zu müssen. Auf die Frage, ob er damals immer noch kränklich gewesen sei, lacht er herzlich. „Nein, damals war ich Gewichtheber im Leichtgewicht und sogar dritter niederbayerischer Meister.“

Erich Schneeberger lacht viel, was ihm seinen jugendlichen Gesichtsausdruck mit den spitzbübisch nach oben gezogenen Mundwinkeln beschert hat. Seine aus Fürth stammende Frau heiratete er 1970 in Nürnberg. Und 1985 zogen sie in die jetzige Wohnung im Stadtteil Langwasser. „Damals war es in Langwasser sehr schön zu leben“, schwärmt Schneeberger. „Die Wohnungen waren nicht so klein geschnitten wie die anderen Wohnungen in Nürnberg. Sie verfügten bereits über Fernwärme und Kabel.“

Für ihn sind solche Details wichtig, weil sie Ankommen bedeuten. Er redet noch von der hervorragenden Infrastruktur: „U-Bahn vor der Tür, sämtliche Ärzte in unmittelbarer Nähe, wie auch das Naherholungsgebiet. Das gefällt mir sehr. Ich würde nicht gerne umziehen.“ Der Biergarten im Zollhaus ist einer seiner Lieblingsplätze: gutes Essen, große Bäume.

So verwurzelt er offenbar in seinem Viertel ist: Kommt es dennoch vor, dass er diskriminiert wird? Ja, obwohl er seit 35 Jahren in Langwasser wohnt, gebe es immer noch Menschen, die ihn nicht grüßten, sagt Schneeberger. Vielleicht, weil er eine dunklere Hautfarbe habe. Eine Frau mittleren Alters dreht immer den Kopf weg, wenn sie Schneeberger und seine Familie sieht. „Der Mann von ihr, wenn er alleine ist, der grüßt. Und der Vater und die Mutter von der Frau, die grüßen auch, die winken mir, wenn sie mich irgendwo sehen“, sagt Schneeberger. Allerdings grüßt ihn der Mann wiederum nicht, wenn seine Frau dabei ist. „Dann traut er sich nicht.“ Als „stille Nachbarn“ würde man die Sinti bezeichnen, ständig bestrebt, nirgends aufzufallen. „Sich immer nur in der Weise zu verhalten, dass man angesehen ist“, sagt Schneeberger und schnauft laut aus.

„Solange Sie nicht zugeben, dass Sie ein Angehöriger der Minderheit sind, können Sie in Deutschland fast alles erreichen. Aber bekennen Sie sich zur Minderheit, gehen plötzlich die Türen zu, die Jalousien runter. Dann will keiner mehr mit Ihnen was zu tun haben, ohne dass man den Menschen, der zur Minderheit gehört, eigentlich kennt.“

Das Schlimmste für Schneeberger ist, wenn ihnen Dinge unterstellt werden, die so abwegig sind, dass man nicht weiß, wie man darauf antworten soll. So wird oft behauptet diese Bevölkerungsgruppe sei dreckig. „Gehen S’ mal wirklich zu den Sinti, die hier in Fürth wohnen. Man kann vom Fußboden essen, so sauber sind die. Oder wenn die Leute sagen: die seien kriminell. Lieber Herrgott!“, sagt Schneeberger jetzt wieder lauter. „Es gibt böse Buben, wie es woanders auch böse Buben gibt, aber sie sind nicht krimineller als andere. Im Großen und Ganzen sind’s anständige Menschen, die sich wirklich um ihren Lebensunterhalt kümmern und ein anständiges Leben führen.“

Gerade junge Leute auf Jobsuche haben ihm schon öfter von einem Vorurteil erzählt, das ihn auf die Palme bringe. Wenn sie dort gefragt würden, warum sie so dunkel seien, und sagen würden: „Wir sind zwar Deutsche, aber gehören zur Minderheit der Sinti“, dann heiße es oft: „Ihr seid unzuverlässig, euch kann man nicht einstellen, weil ihr fahrt ja über Land. Und das ist schlimm“, sagt Schneeberger.

Der bayerische Landesverband der Sinti und Roma sorgt dafür, dass derartige Diskriminierungen thematisiert und bestenfalls beendet werden. Darum hat er 2018 mit dem damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer einen Staatsvertrag abgeschlossen. Damit wurde der Stellenwert der Minderheit in der Gesellschaft gestärkt, von behördlicher Seite wird nun angestrebt, ihr gerecht zu werden. „Wenn es Unstimmigkeiten gibt, kann man immer auf den Staatsvertrag zurückgreifen“, sagt Schneeberger. „Ein Passus sagt, dass man in freundschaftlicher Weise Situationen lösen soll. Da will man wirklich Streitigkeiten vermeiden, die man mit uns haben könnte, und mit uns gemeinsam einen guten Weg suchen.“

Vieles habe sich dadurch verbessert, und das gebe ihm Kraft, die er dringend brauche. Aber natürlich könne man nicht von heute auf morgen abstellen, was sich über Jahrhunderte aufgebaut hat.

Fast 700 Jahre leben die Vorfahren von Schneeberger bereits im deutschsprachigen Raum. Durch die Anpassung ging auch vieles verloren, sagt er. Darum versucht Erich Schneeberger, die Sprache zu retten, den altindischen Dialekt des Romanes.

Das Romanes zählt zu den ältesten indogermanischen Sprachen, die noch in Mitteleuropa gesprochen werden, und stammt vom Sanskrit ab. „Mittlerweile muss ich mit Bedauern feststellen, dass viele Angehörige der Minderheiten die Sprache nicht mehr sprechen können.“

Beim Essen hält es Erich Schneeberger mit der bayerischen Küche: Schweinebraten und Schäufele. Typisch fränkisch eben. „Wir selber haben keine besonderen Essgewohnheiten, wir sind der Mehrheitsbevölkerung ziemlich gleich. Da haben wir nix Extriges.“

Antiziganismus und Denkmalstreit

Vor wenigen Tagen hat die Europäische Kommission den Europäischen Rahmen für Gleichbehandlung und Inklusion von Sinti und Roma bis 2030 veröffentlicht. Und damit den „Antiziganimus“ als spezifische Form des Rassismus gegen Sinti und Roma anerkannt. Die Bekämpfung von Antiziganismus durch europäische und nationale legislative und politische Maßnahmen wird nun
Priorität sein.

Die Stigmatisierung und Verfolgung von Sinti und Roma ist ein verbreitetes und tief verwurzeltes Ressentiment. Lange Zeit war es nicht im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland verankert. Dabei kamen groben Schätzungen zufolge bis zu 500.000 Menschen in der NS-Zeit ums Leben. Noch lange nach dem Krieg fühlten sich Sinti und Roma diskriminiert, sie wurden polizeilich erfasst und als Opfergruppe nicht wahrgenommen. Erst 1982 erkannte die Bundesregierung an, dass die Ermordung der Sinti und Roma als „Völkermord“ zu bezeichnen sei. Zuletzt gab es im Sommer Streit über ein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin. Es sollte für ungewisse Zeit verschwinden, weil Berlin den Bau einer neuen S-Bahn-Linie plant, die unter dem Denkmal verlaufen soll. Der grobe Umgang mit dem Gedenkort empörte Aktivisten. Für die Hinterbliebenen ist er ohnhin unantastbar. Allein das Bemühen um ein solches Denkmal hatte bereits viele Jahre verschlungen.

Im Jahr 2012 war in Reichstagsnähe das von dem israelischen Künstler Dani Karavan gestaltete Mahnmal enthüllt worden. Nach massiven Protesten und dem Hashtag #dasdenkmalbleibt hat die Deutsche Bahn zuletzt versichert, die Pläne zu überdenken, sodass das Denkmal „nicht angetastet“ wird.

Leonhard F. Seidl lebt als Schriftsteller und Journalist in Fürth. Er war früher auch als Sozialarbeiter tätig und engagiert sich seit seinem 16. Lebensjahr gegen rechts

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06:00 06.11.2020

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