Meine alte Heimat ist in die Geschichte ausgewandert

Russland als Nachbar - ein Blick aus der Ukraine Mein Heimweh nach der Sowjetunion dauerte ziemlich lange - ungefähr fünf Jahre. Ich habe Stoffe für zukünftige Romane im Kopf, in denen das Thema der ...

Mein Heimweh nach der Sowjetunion dauerte ziemlich lange - ungefähr fünf Jahre. Ich habe Stoffe für zukünftige Romane im Kopf, in denen das Thema der sowjetischen Vergangenheit plötzlich wieder auftaucht. Und ich erinnere mich noch gut an jenes seltsame Gefühl: Man bleibt am selben Ort, aber lebt auf einmal in einem andern Land. Die eigene Heimat ist in die Geschichte ausgewandert. Dazu noch ähnelte das Ganze einer Amputation, nur dass man nicht physisch, sondern geografisch beschnitten wurde. Das Terrain meiner geografischen Freiheit verkleinerte sich um einiges.

Heute verfolge ich das Geschehen in Russland wie ein Ausländer. Ich beobachte und freue mich des öfteren über mein "Ausländertum", darüber, dass ich keine Verantwortung trage für das, was dort geschieht. Nachdem es seine Randstaaten in die Unabhängigkeit entlassen hatte, brauchte Russland lange, um wieder zu sich zu kommen. Man versuchte, mit dem moralischen und mentalen Erbe der Sowjetvergangenheit zurecht zu kommen und dann, offensichtlich erschöpft von diesen Versuchen, erkrankte man an der Idee des physischen Wachstums. Es mussten wieder Muskeln gezeigt und die Bevölkerung sollte durch Patriotismus gestärkt werden. Zwei Tschetschenienkriege reichten und reichen im Übrigen dafür. Aber das Ausbleiben eines spürbaren Fortschritts in Tschetschenien wird schon bald ein Umlenken der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit auf leichtere Probleme nötig machen. Und auf einmal, ganz plötzlich erheben sich in Russland Ansprüche auf ukrainisches Territorium. Im Asowschen Meer baut Russland einen Damm in Richtung Tusla, einer Grenzinsel. Was soll werden, wenn der Damm bis zur Insel geführt wird? Soll die Insel dann russisch werden? Schwer zu sagen. Es fällt nur auf, dass mit dem Bau begonnen wurde, unmittelbar nachdem die Ukraine den Vertrag zum Beitritt zum "Einheitlichen Wirtschaftsraum" unterzeichnet hat, einem weiteren Zusammenschluss ehemaliger Sowjetrepubliken.

Mir scheint, dass es Russland gefällt, dass man es fürchtet. Ich selbst würde ehrlich gesagt nicht so gern in einem Land leben, das man fürchtet. Erstens deshalb, weil man als Bewohner eines solchen Landes im Ausland schief angesehen wird, und zweitens, weil ein Mensch nahezu unbewusst das Benehmen seines Landes nachahmt, sozusagen um ihm zu entsprechen.

Ich zum Beispiel wohne jetzt in der Ukraine. Wie benimmt sich die Ukraine? Einerseits gar nicht, sie ist passiv; auf der anderen Seite, und das sehe ich sehr positiv, ist die Ukraine ein friedfertiges Land. Und ich bin ein friedfertiger Mensch. Ich weiß noch, wie ich vor einem Jahr in Moskau war und mit lauter intelligenten Leuten sprach, die mir wohlwollend auf die Schultern klopften und versprachen: "Keine Sorge, Russland lässt die Ukraine nicht im Stich; bald werden wir einen Staat bilden ..."

So sieht sie aus, die Nachbarliebe. Wenn man allerdings weiter macht mit dieser Form der "vergleichenden Politologie" und absieht von ihren imperialen Anwandlungen, dann löst die Russische Föderation bei mir manchmal Respekt und geradezu grünen Neid aus. Erstens deshalb, weil dort Politiker an der Macht sind und keine Geschäftsmänner, die lediglich ihr Kapital schützen. Russland entwickelt sich sehr dynamisch, man könnte sogar sagen: aggressiv. Für die Wirtschaft ist diese aggressive Entwicklung ein Segen. Die russischen Staatsmänner scheinen sich tatsächlich um die Staatsinteressen zu kümmern - vielleicht kommt das Streben nach einem neuen Sammeln der sowjetischen Lande ja daher? Wenn ein Land eine so reiche Geschichte hat, kann es nicht ausbleiben, dass viele seiner Bürger in der Vergangenheit leben beziehungsweise versuchen, es mit der Vergangenheit des russischen Reiches aufzunehmen.

Wie die neue Generation russischer Politiker wird, kann ich nur schwer sagen. Ich bin nicht einmal sicher, ob sie sich von der heutigen groß unterscheidet. Schließlich durchläuft sie dieselbe Schule des historischen Patriotismus, deren Lektionen täglich in Funk und Fernsehen gesendet werden. Allerdings sei eingestanden, dass auch die ehemaligen Sowjetrepubliken ihren Teil beitragen zur Förderung des Patriotismus: durch ihren Kampf gegen die Russifizierung, gegen die russische Sprache und die russischsprachige Kultur. In solchen Situationen erhebt Russland sehr gern vorwurfsvoll den Zeigefinger in Richtung Usbekistan oder eben der Ukraine und verspricht den eigenen Landsleuten, das heißt den "ethnischen Russen", sie nicht im Stich zu lassen. Die russischen Politiker mögen dabei denken, dass sie es den USA nachmachen, die für den Schutz von zwei, drei Amerikanern auf irgendwelchen namenlosen Inseln gleich ein paar Flugzeugträger losschicken. Mit dem Unterschied, dass die Russen, von denen hier die Rede ist, meist schon Bürger anderer Staaten sind. Denn auch wenn es im Baltikum Probleme mit der russischsprachigen Bevölkerung gab und in nicht geringem Ausmaße noch gibt, so kann ich in der Ukraine zum Beispiel kein ungutes Verhältnis zu ethnischen Russen, von denen ich selber einer bin, feststellen.

Überhaupt - vielleicht wird das große Russland ja wirklich zu den zweiten Vereinigten Staaten von Amerika. Möglicherweise erreicht der russische Patriotismus noch das Niveau des amerikanischen - bis dahin, dass auf jedem Balkon und jedem Dach Flaggen wehen. Schön wäre es natürlich, wenn gleichzeitig mit dem Patriotismus in Russland auch die Demokratie zunähme. Um es auf einen Punkt zu bringen: Ich hätte sehr gern angenehme, freundliche und kalkulierbare Nachbarn. So wie ich das aus meinem Dorf kenne. Aber ich selbst habe in dieser Hinsicht wohl mehr Glück als die Ukraine mit Russland. Zumindest im Moment. Links und rechts von mir leben sehr nette Menschen. Sie passen auf mein Haus auf, wenn ich wegfahre. Weshalb mir mein Haus auch weniger Sorge bereitet als meine neue Heimat - die Ukraine.

Übersetzung aus dem Russischen von Barbara Schweizerhof

Andrej Kurkow, geboren in Leningrad, ist in Kiew aufgewachsen. Er studierte Fremdsprachen und arbeitete als Redakteur, Gefängniswärter, Kameramann und Drehbuchautor. Ins Deutsche wurden von ihm bereits vier Romane übersetzt, u.a. Ein Freund des Verblichenen, Petrowitsch, Picknick auf dem Eis.


00:00 07.11.2003

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