Meine Beine wollen zu Dir!

Marionettenspiel Catalin D. Florescus Roman "Zaira"führt zurück in das Rumänien der Vergangenheit

Rumänien Anfang der dreißiger Jahre: Die kleine Zaira Izvoreanu liegt im Bett und starrt auf ihre Zehen. Ihre Eltern, wohlhabende Großgrundbesitzer, sind häufig unterwegs, und auf dem Gutshof hat kaum einer Zeit, sich mit dem Kind abzugeben. Der Cousin Zizie aber strengt all seine Fantasie an, um Zaira aufzuheitern; er führt Puppenspiele auf, die so frech wie einfühlsam sind, und damit schaffen sich die beiden eine eigene, beglückende Welt.

Catalin D. Florescu, 1967 in Rumänien geboren, lebt seit 1982 in der Schweiz. Nach seinem vielbesprochenen Debütroman Wunderzeit (Freitag 13/2001) erzählt er in seinem neuen Roman Zaira eine Lebensgeschichte aus dem 20. Jahrhundert, in der die großen politischen Ereignisse ihren direkten, drastischen Einfluss auf einen individuellen Lebenslauf ausüben.

Den Zweiten Weltkrieg erlebt das Kind Zaira in dem abgelegenen rumänischen Dorf mehr oder weniger verschwommen; aber als die Kommunisten nach ´45 die Macht übernehmen, als sie die Familie enteignen und die Eltern als Kollaborateure der Deutschen erniedrigen, ist Zaira bereits eine hellwache, eigenwillige junge Frau. Zizie scheitert an den neuen Verhältnissen, er geht am Alkoholismus zu Grunde. Zaira verliebt sich in den Puppenspieler Traian, und gemeinsam betreiben sie ein beliebtes Marionettentheater. Im sozialistischen Rumänien haben die spottlustige antikommunistische Heldin und ihresgleichen allerdings nicht viel zu lachen. Das Puppentheater gilt bald als ideologisch verdächtig, und auch Traian tröstet sich leider allzu oft mit der Flasche.

Zaira verschweigt ihm, dass er der Vater ihrer Tochter Iona ist. Während des Prager Frühlings, 1968, flieht Zaira mit der Tochter und dem Meeresbiologen Robert über die CSSR und Österreich in die USA; dort baut sie sich energisch eine neue Existenz als Köchin auf. Nur mit den Männern hat sie kein Glück: Eines Tages erfährt sie, dass Robert sie jahrelang mit der Tochter betrogen hat. Zaira selbst trauert im Grunde Traian nach. Als alte Frau wird sie ins postsozialistische Rumänien zurückkehren und ihn dort wiederfinden - was dann aus den beiden wird, bleibt dahingestellt.

Ein düsteres Buch? Nein. Denn man spürt auf jeder Seite dieses Buchs die Zuneigung, die der Autor seiner Heldin gegenüber empfindet. Zaira ist keine Lichtgestalt, auch sie pokert mit der geschmähten kommunistischen Macht. Sie ist egozentrisch, ihr Standesbewusstsein und ihre Eitelkeit, eine "echte Izvoreanu" zu sein, hindern sie oft daran, sich in andere hineinzuversetzen - aber man könnte natürlich auch von ihrem Stolz sprechen, der bewirkt, dass sie nicht alles mit sich machen lässt. So weigert sie sich, eine Scheinehe mit einem schwulen rumänischen Minister zu führen, die ihr materielle Vorteile verspräche.

Florescus Buch hat ein paar Längen, und der Versuch, die "große" politische Zeitgeschichte mit dem "kleinen" individuellen Schicksal zu verbinden, wirkt gelegentlich weit hergeholt, etwa wenn es um den Vietnam-Krieg der Amerikaner geht. Auch die Konstruktion von einem einzigen schurkischen Kleinbauernsohn und Kommunisten, der im Hintergrund die Fäden zieht; der Zaira und ihrer Familie alles Unglück einbrockt, das sie erleben, ist vielleicht etwas bemüht.

Was einen mit dem Roman versöhnt, was einen oft bezaubert, ist die liebevolle, detailgenaue Darstellung des Kleinen, Alltäglichen. Die Figuren haben ja nicht nur ein "Schicksal", sie haben auch ihre Schrullen, die sie herzhaft ausleben - und das gibt dem Roman seine Wärme und seinen Witz. Florescus Sprache hat die Leichtigkeit, die Komik und den Charme eines Marionettenspiels, sie nimmt dem oft traurigen Geschehen seine Schwere und lässt die Figuren sozusagen schweben.

Traian, grundlos eifersüchtig auf den Minister, sagt seiner Zaira etwa: "Ich will nicht zu dir, aber meine Beine wollen es. Was soll ich schon machen? Die sind in der Mehrzahl." Oder: Zairas Mutter war als junge Frau so dünn, dass der Vater damit prahlt, sie durch den Ehering ziehen zu können. Schräge Vergleiche, originelle Bilder, das bewusste und dabei spielerische Vermischen von deutschen und rumänischen Redensarten: Florescus entwurzelte Heldin ist nicht etwa um eine Sprache ärmer geworden, sondern um eine reicher - und das gibt diesem Buch seine Lebendigkeit.

Catalin Dorian Florescu Zaira. Roman. Beck, München 2008, 477 S., 19,90 EUR

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00:00 11.04.2008

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