Meine Berliner Mauer

Wendeherbst Für einen sowjetischen Auslandskorrespondenten der Agentur "Nowosti" in Berlin war die Ost-West-Grenze ein Ort der Gratwanderung, die schon mit der Kindheit begann

Meine erste schmerzhafte Berührung mit Deutschland hatte ich als Elfjähriger. Als Schüler der fünften Klasse wollte ich weder Deutsch lernen noch neben Walja Kind sitzen, einem niedlichen Mädchen aus einer wolgadeutschen Familie, die im Krieg zwangsweise nach Sibirien ausgesiedelt worden war. Walja verweigerte ebenfalls den Deutschunterricht und lehnte es ab, die Bank mit mir zu teilen. Auf diese Weise haben wir Kinder uns identifiziert. Ich wollte mit Walja nichts zu tun haben, um zu zeigen, dass wir Russen die Deutschen hassen. Das traf kurz nach dem Krieg auf fast jeden in der Sowjetunion zu – das war unsere „Mauer“, die uns von Deutschland trennte.

Trotzdem lernte ich Deutsch. Wir lebten während der fünfziger Jahre in einer sibirischen Bergarbeiterstadt und alle Fachwörter im Bergbau waren deutsch. Mein Vater arbeitete als Markscheider unter Tage und kam trotz des erlebten Krieges zu dem vernünftigen Schluss, dass in seinem Fach Deutsch mehr gebraucht werde als Englisch. Deutsch wurde schließlich auch zu meinem Werkzeug, als ich Journalistik studierte, mich auf moderne deutsche Politik konzentrierte und später im Beruf merkte, in diesem Fall führen alle Wege nach Berlin.

Jewtuschenko ist vorlaut

Es passierte nach meiner Erinnerung im Jahr 1988. Ich arbeitete bereits als Nowosti-Korrespondent in Westberlin und stand mit Pawel Naumow, viele Jahre Chef unserer Agentur, in der Nähe vom Checkpoint Charlie, damals einer der Grenzübergänge zwischen West und Ost. Naumow, der als einer der ersten Prawda-Korrespondenten in der Nachkriegszeit aus Ostdeutschland berichtet hatte, meinte in diesem Augenblick, er spüre deutlich die tektonischen Verschiebungen, die es im Sog von Gorbatschows Perestroika gäbe. Und dann geschah etwas Unerhörtes. Er sagte zu mir: „Wir haben diese Mauer errichtet, ihr müsst sie zerstören.“ Der versierte Parteijournalist gab sich keinen Illusionen hin, was in der Luft lag.

Der sowjetische Dichter Jewgeni Jewtuschenko erlaubte sich um die gleiche Zeit eine Bemerkung über „den zeitweiligen Charakter von ingenieurtechnischen Anlagen dieses Typs in der Weltgeschichte“ und wurde aus Moskau in grober Weise zurechtgewiesen. Valentin Falin, in den siebziger Jahren sowjetischer Botschafter in Bonn, sprach verschwommen vom „Willen der Völker“ und einem „historischen Prozess“, der sich nicht aufhalten lasse. Gorbatschow sollte sich 1989 kaum anders äußern, aber was Jupiter erlaubt ist, wird dem Ochsen noch lange nicht gestattet, wie auch mir klar wurde. Nachdem ich geschrieben hatte, dass in Gorbatschows „Gemeinsamem Haus Europa“ für ein geteiltes Berlin kein Platz mehr sei, hieß es, ich würde meinen Job verlieren. Die Berliner Mauer war ein viel zu politisches Bauwerk, als dass ein sowjetischer Journalist sie in Zweifel ziehen und von einem „zeitweiligen Charakter“ sprechen durfte.

Als die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten und Großbritannien den Sieg vor Augen auf ihrer Jalta-Konferenz Anfang 1945 Deutschland in Besatzungszonen einteilten, wurde mit Berlin nach dem gleichen Prinzip verfahren. Die Sieger wollten gemeinsam regieren, standen aber bald an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg.

Panzer von beiden Seiten

„Nur wenige Sekunden und Meter trennten uns vom Unglück“, schreibt Valentin Falin in seinen Memoiren über die Berlin-Krise. Als in der Nacht zum 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde, genauer gesagt: die ersten Sperranlagen entstanden, schauten die ehemaligen westlichen Verbündeten der Sowjetunion zunächst verwundert zu. Als sie danach nicht mehr in den Ostteil von Berlin gelassen wurden, ließen sie ihre Panzer am 27. Oktober 1961 bis an die Grenze zum sowjetischen Sektor am Checkpoint Charlie rollen. Daraufhin rollten ihnen unsere Panzer von der anderen Seite entgegen. Die UdSSR „rettete die Welt vor amerikanischer Erpressung und Imperialismus“, hieß es später. „Nur wenige Sekunden und Meter“, anders formuliert, die guten Nerven der Panzerfahrer, trennten uns vom Dritten Weltkrieg. Und das nukleare Zeitalter war längst angebrochen.

Meine persönliche „Berliner Mauer“, wie ich sie aus meiner Kindheit kannte, begann im Jahr 1973 einzustürzen, als ich meine Garnison bei Güstrow in Mecklenburg verlassen hatte, um mir Berlin anzusehen. Ich stand vor dem Brandenburger Tor und winkte mit meiner Offiziersmütze den Leuten zu, die jenseits des Tors standen. Ich, Leutnant der sowjetischen Armee, war mir dessen, was ich tat, kaum bewusst. Vielleicht dachte ich im Unterbewusstsein, wo ist Walja Kind, mit der ich keine Schulbank teilen wollte? Wenn sie das bloß gesehen hätte!

Warum habe ich das Winken der Menschen auf der anderen Seite erwidert? Die Antwort kam später. In einem seiner Gedichte erklärte der ehemalige Frontsoldat und feinfühlige Lyriker Alexander Meschirow diese scheinbar paradoxe Annäherung mit den Zeilen: „Wir haben so lange einander getötet / Dass ich plötzlich ungewollt sehr tief empfinde / Dass dieser Deutsche in diesem übervollen Saal / Wohl der Einzige / Wohl der Allernächste ist / Von allen ringsumher.“

Ende der achtziger Jahre, als ich diese Zeilen las, war schon vieles nicht mehr so, wie es sein sollte. Ich passierte als Korrespondent fast jeden Tag den Checkpoint Charlie. Sie hieß Viola. Ich reichte ihr meine Brieftasche, die nichts außer einer teuren Tafel Westschokolade enthielt. Viola, die in ihrer Uniform sehr elegant aussah, tat so, als prüfe sie meinen Ausweis, nahm unbemerkt die Schokolade und ließ mich mit militärischem Gruß vorbeigehen. Das war ein Spiel, das seine Regeln hatte. Trotzdem steckte ein gewisser Wahnsinn darin. Wenn die Mauer für solch eine ideologisch getrimmte Personen wie Viola nichts mehr oder nicht mehr viel bedeutete, was konnte man dann erst über die anderen sagen?

Endgültig wurde mir klar, dass die Mauer ins Wanken geriet, als zu jener Zeit ein Konzert von Michael Jackson vor dem Reichstagsgebäude veranstaltet wurde. Kurz zuvor gab es den Besuch von Ronald Reagan, der gerufen hatte: „Mister Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor!“ Ich glaube, es war dieser Satz, der mehr als alles andere zum Auslöser einer „Gorbi-Manie“ in Deutschland Ost und West wurde. Doch zurück zu Michael Jackson. Tausende Westberliner standen vor dem Reichstagsgebäude, Tausende von Ostberlinern waren östlich der Mauer zusammengeströmt. Aus den nach Osten gerichteten Lautsprechern ertönten heiße Rhythmen von King Michael. Die begeisterten Zuhörer, die Deutschen in West und Ost, spendeten Beifall. Mich überkam ein wahnsinniger Gedanke: Was wäre, wenn sie jetzt die Mauer durchbrechen? Mir wurde schwindlig. Ein König der Popmusik würde Europa umwerfen. Doch es geschah nichts. Im Osten warteten sie auf ihre Stunde und ahnten, dass diese kommen und Gorbatschow ihnen helfen würde.

Keine andere Wahl

Ich kenne seine Berater, die verlangten, die sowjetischen Truppen ausrücken zu lassen, als im Herbst 1989 die Situation für die Staatsführung der DDR immer kritischer wurde. Michail Gorbatschow tat nichts dergleichen. Er gab niemanden preis. Er traf seine Entscheidung und widerrief sie nie mehr. Die DDR-Führung hatte keine andere Wahl, als das zu begreifen. Ihr wurde klar, das Tor musste geöffnet werden. Sonst würden es die Menschen selbst tun. Im Getümmel endloser Kundgebungen und der Flucht von Tausenden nach Westen sagte Günter Schabowski am 9. November 1989 den entscheidenden Satz, dass Ausreisen ob sofort möglich seien auch ohne besondere Genehmigung. Schabowski sprach gegen sieben Uhr abends. Eine Stunde später versammelten sich Tausende unweit meiner Wohnung in der Leipziger Straße in Rufweite zum Checkpoint Charlie. Anfangs herrschte noch Ordnung, doch schon Tage später begannen Mauerspatzen die Mauer zu zerstören. Jeder Berliner hielt es für angebracht, wenigstens ein kleines Stück Beton herauszubrechen. Die Mauer verschwand vor aller Augen.


Boris Kaimakow war von 1986 bis 1989 Leiter des Büros der sowjetischen Presseagentur Nowosti in Westberlin

16:51 22.10.2009

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