Meine Freundin

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Meine Freundin und ich haben neulich ein Café gegründet. Es war ein alter Jugendtraum von uns, den wir uns nun erfüllen, nachdem alle unsere anderen Jugendträume geplatzt sind.

Meine Freundin verliebte sich recht zügig in einen Leichenbestatter, der jeden Morgen bei uns zwei Mehrkornbrötchen kauft. Er hat solche Hände, dass ich mich weigere, ihn zu bedienen. Sie sind weiß und glatt und glänzend. Er schrubbt sie bestimmt mehrmals täglich, nachdem er die Leichen angefasst hat.

"Mit den Händen würde er dich dann anfassen," gebe ich zu bedenken, wenn wir abends zusammen mit gebeugtem Rücken den Laden putzen. Sie nickt mit gesenktem Kopf, während sie den Wischlappen auswringt.

Nachts schlafen wir zusammengerollt auf den Kaffeehausstühlen und erzählen uns im Traum Geschichten, die alle mit Männern zu tun haben und alle schlecht ausgehen.

Meine Freundin hat meine Warnung offenbar nicht gut genug bedacht, denn eines Morgens steht ein großer schwarzer Leichenwagen in unserem Café. Er passt genau hinein, blockiert aber alle Ein- und Ausgänge und hat auch einige Stühle umgerissen.

Meine Freundin sitzt auf der Rückbank und schaut aus dem Fenster. Ich laufe sofort auf den Wagen zu und rüttele an den Türen.

"Wie teuer sind ein Kleid und ein Sarg," schreie ich. Meine Freundin hält von innen die Tür zu und ich ziehe von außen daran. Dabei frage ich unaufhörlich nach dem Preis für ein Kleid und einen Sarg.

Ich habe blitzschnell kombiniert, dass meine Freundin mit dem Leichenbestatter eine Affäre angefangen haben muss und jetzt unsere Ladenfläche als Verkaufsraum für Särge nutzen will. Sie ist sehr geschäftstüchtig. Durch mein Interesse an ihrem Angebot will ich sie dazu bringen, die Wagentür zu öffnen. Dann kann ich sie an den Haaren herausschleifen und sie und ihren Leichenbestatter aus dem Laden weisen.

Meine Freundin jedoch öffnet nicht die Wagentür. Sie kurbelt nur die Scheibe ein wenig hinunter und wispert durch den Spalt: "Du zerkratzt den Lack, zerkratz doch nicht den Lack so furchtbar. Er ist doch so schön. So schwarz und glänzend und neu."

Ich habe in meinem Eifer tatsächlich ein paar Kratzer in den schwarzen Lack des Mercedes gemacht.

Der Leichenbestatter ist nirgends zu sehen. Er bürstet bestimmt seine Hände, mit denen er zuerst meine Freundin und dann die Leichen, oder umgekehrt, angefasst hat.

"Ich will eine Ausbildung in seinem Beerdigungsinstitut machen", wispert meine Freundin durch den Fensterspalt. "Ich will mich verändern. Das wollte ich schon immer".

Ich ziehe weiter am Türgriff. "Wie teuer sind ein Kleid und ein Sarg," unternehme ich schreiend einen letzten Versuch. Es ist mir mittlerweile wirklich wichtig. Ich habe sogar schon eine Vorstellung davon, wie das Kleid und der Sarg aussehen sollen. Das Kleid weiße Spitze, der Sarg schwarzes Ebenholz, innen mit rotem Samt ausgeschlagen. Die Farbkombination hat es mir so angetan, dass ich immer heftiger an der Tür rüttele.

Dann betritt der Leichenbestatter den Laden, er trägt eine leere Brötchentüte in der Hand, die er aufbläst und dann platzen lässt. Krümel segeln durch die Luft.

Ich springe erschrocken von der Tür des Wagens zurück.

Er kommt auf mich zu, seine weißen Hände ausgestreckt, sie glänzen in der Kaffeehausbeleuchtung. Er legt sie mir klauenartig um den Hals, und ich sinke um, während meine Freundin endlich die Tür aufstößt, mir an den Kopf.

Als ich aufwache, liege ich in einem schwarzen Sarg, rot ausgeschlagen, und trage ein weißes Spitzenkleid. Meine Freundin und der Leichenbestatter stehen neben mir. Meine Freundin deutet auf die Preisschilder an dem Kleid und an dem Sarg. "Dreihundert Euro," sagt sie, "und zweitausend Euro, für dich machen wir einen Sonderpreis. Zweitausendzweihundertneunzig Euro". Sie schlägt den Sargdeckel zu und ich liege im Dunkeln, bevor ich nach meinem Portemonnaie suchen kann, das sie mir wahrscheinlich ohnehin abgenommen hat.

Ich höre meine Freundin und den Leichenbestatter ein Lied anstimmen. Dumpf klingt es durch das massive Holz des Sarges. Es handelt von grenzenloser Freundschaft und geplatzten Träumen. Ich lege ein Ohr an die Sargwand, um besser hören zu können. Dann wird es plötzlich still und ich vermute, dass ihnen der Text ausgegangen ist. Wenig später jedoch läuft ein Zittern durch das Holz und ich merke, wie ich langsam abgesenkt werde. Das dauert eine Ewigkeit. Die beiden scheinen mit den Seilen nicht klarzukommen.

Als die ersten Erdklumpen auf den Deckel fallen, breche ich in ein haltloses Gelächter aus. Ich stelle mir die Trauergäste am Rande des Grabes vor, die nur aus meiner Freundin und dem Leichenbestatter bestehen, wie sie Händchen halten, die Hand meiner Freundin in der weißen glänzenden Hand des Leichenbestatters. Wie eine Made frisst sich seine Hand in ihre. Ein Würgen schnürt ihr den Hals zu, während sie tapfer weiter das Lied singt, das sie eigens für mich komponiert hat. Ihre Stimme wird immer schriller, verwandelt sich in ein Kreischen, das ich deutlich unter der immer höher geschichteten Erde hören kann. Ich lache Tränen und klatsche Beifall dabei. Dann lege ich mich in eine bequemere Position. In diesen teuren Särgen steht an der rechten Sargwand die Nummer für Beschwerden und Einwände. Daneben das Tastenfeld eines Telefons. Ich wähle die Nummer der japanischen Zeitansage und stelle mir dabei den Zähler in der Vermittlungsstelle vor, der die Telefonrechnung des zukünftigen Bestatterehepaars in ungeahnte Höhen treibt. Es dauert eine Weile, bis mein Anruf sich durch die Weltmeere schlängelt, dann werde ich verbunden.

Sandra Niermeyer lebt in Bielefeld. Sie schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen.


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