Meine Heimat

Porträt Aylin Arabaci-Pfab leitete als erste Muslima einen CDU-Ortsverband. Dann schmiss sie hin, nicht nur wegen der Diskriminierung
Ausgabe 47/2014
Aylin Arabaci-Pfab: „Bevor ich angefangen habe, war die Partei hier tot“
Aylin Arabaci-Pfab: „Bevor ich angefangen habe, war die Partei hier tot“

Foto: Miguel Hahn für der Freitag

Angenommen, eine Politikerin erhält Drohbriefe. Darin fallen Ausdrücke wie „türkische Hure“ oder: „Wann werdet ihr endlich abtransportiert?“ Was muss sie unternehmen, um Hilfe zu erhalten? Sich einem Menschen anvertrauen? Oder zwei, drei? Oder mindestens fünf? Die Frage nach der richtigen Anzahl der Eingeweihten klingt absurd, und doch wird sie gerade erbittert diskutiert: „Mindestens fünf“ Mitgliedern ihres CDU-Ortsverbands will Aylin Arabaci-Pfab von den Briefen erzählt haben. Stimmt doch gar nicht, es seien höchstens zwei oder drei gewesen, behauptet die Partei in einer Mitteilung. Mehr Menschen seien nicht eingeweiht gewesen, deswegen habe man ihr auch nicht helfen können. Darüber streiten sie gerade im badischen Waghäusel.

Aylin Arabaci-Pfab war einmal der Stolz der CDU, eine deutsche Muslima mit Migrationshintergrund – und als erste solche Vorsitzende eines Ortsverbands der Partei. Im Oktober ist sie von ihrem Amt zurückgetreten, nach nur 16 Monaten. Man könnte es sich leicht machen und sagen: aus dem Amt gemobbt von anonymen Rassisten. Das stimmt sicher ein bisschen und ist zugleich falsch, denn zur ganzen Geschichte gehören auch politische Unbedarftheit, möglicherweise parteiinterne Intrigen – und die Frage, wo eigentlich die Grenze zwischen legitimen politischen Grabenkämpfen und unterlassener Hilfeleistung verläuft. Die Geschichte von Aylin Arabaci-Pfab könnte eigentlich eine schöne sein. Sie erzählt davon, wie jemand, der nicht Müller oder Meier heißt, daran arbeitet, seine Nachbarschaft zu gestalten, und zwar so, dass es auch den Müllers oder Meiers gefällt. Und doch gibt es am Ende dieser Geschichte nur Verlierer.

Waghäusel ist eine 20.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Karlsruhe. Aylin Arabaci-Pfab, 38 Jahre alt, ist hier geboren, aufgewachsen und schließlich Grund- und Hauptschullehrerin geworden. Wer sie besucht, der ist zu Gast beim deutschen Mittelstand: Specksteinofen, weiße Fliesen, graubraune Möbel. Die Wohnung wirkt kühl. „Als ich jung war, hat mich einmal eine Schulfreundin gefragt, wieso in meinem Elternhaus keine Teppiche an der Wand hängen. Sie dachte, das wäre bei Moslems so“, sagt sie in breitem Badisch. Arabaci-Pfab, die den zweiten Teil ihres Nachnamens von ihrem deutschen Ehemann angenommen hat, wuchs auf in einer Wohnung, in der es keine Kopftücher gab und nur dann Schweinefleisch, wenn der Vater mal wieder den Fleischkäsebrötchen beim Metzger nicht widerstehen konnte. „So ähnlich halte ich es noch heute. Ich esse kein Schwein – außer im Sommer, wenn gegrillt wird.“

Politik, das war für Aylin Arabaci-Pfab die meiste Zeit etwas, das in Berlin gemacht wird oder in Stuttgart. Dafür hatte sie keine Zeit. Sie regte sich über die unsinnigen Zeiten des Kindergartens auf, die es ihr schwer machten, ihren Sohn vor der Arbeit dorthin zu bringen. Und über grotesk hässliche Zuckersilos, die den Blick auf die Eremitage verstellen, ein barockes Lustschloss am Stadtrand. Dass die CDU im Ort einfach keinen neuen Vorsitzenden fand, war ihr eigentlich egal, aber weil ihre beste Freundin dort Schriftführerin war, wurde irgendwann auch sie gefragt. Sie überlegte eine Weile, dann sah sie ihre Chance, etwas an den Öffnungszeiten des Kindergartens zu ändern und die Zuckersilos loszuwerden. Sie sagte zu. Das war im Juni 2013.

Dann kamen die Zeitungen und die Prominenz. Der frühere Innenminister Heribert Rech von der CDU ließ sich an der Seite von Arabaci-Pfab fotografieren, Landesparteichef Thomas Strobl schickte über die Medien eine Grußnote. Die CDU sei „offen für alle Menschen, die unsere Werte und unsere politischen Überzeugungen teilen“. Natürlich gab es auch Unverbesserliche, die das anders sahen, sie schrieben: „Gute Nacht, CDU“, aber das stand irgendwo im Internet und war total egal. Auf einer Parteiveranstaltung klopfte ihr eine ältere Frau auf die Schulter und sagte: „Ich bin froh für die CDU, dass Sie das jetzt machen.“

Und es lief gut. Gemeinsam dachten sie sich eine Veranstaltungsreihe aus, Talk im Viertel. Ein Parteimitglied verteilte in seiner Nachbarschaft Flyer und lud die Menschen ein. Sie kamen, oft ein Dutzend oder mehr, und wollten mehr Tempo-30-Zonen, andere Routen für die Müllabfuhr, manche von ihnen dachten auch so wie Aylin Arabaci-Pfab über die Zuckersilos. Aus den Wünschen der Leute machten sie dann Anträge im Gemeinderat. Heute sagt Arabaci-Pfab über diese Zeit: „Bevor ich angefangen habe, war die CDU hier doch tot.“ Das heißt auch: Mit mir lebte sie.

Das sahen nicht alle so. Immer wieder kamen jetzt Parteifreunde zu ihr und trugen ihr weiter, was sie von irgendwem aus der Partei gehört hatten. So jedenfalls erzählt es Arabaci-Pfab: Eine Muslima als Vorsitzende, das ginge doch nicht. So etwas können wir doch nicht haben. „Aber wer das war, hat man mir nie gesagt.“ Und warum auch? Man schwärzt ja nicht an. Und es ist doch ohnehin alles nur Gerede.

Für den 25. Mai 2014 hatte Arabaci-Pfab ein großes Ziel. Es war der Tag, an dem in ganz Baden-Württemberg neue Kommunalparlamente gewählt würden und für sie die Gelegenheit auf einen eigenen Sitz im Gemeinderat. Es würde nicht leicht werden, die meisten scheiterten beim ersten Anlauf. Aber das war kein Grund, es nicht zu versuchen.

C wie christlich

Aylin Arabaci-Pfab bekam jetzt E-Mails. Die waren nicht freundlich formuliert, aber immer noch so, dass man keine Angst bekommen musste. „Ich trete aus der CDU aus“, stand da. Oder: „Bei uns steht das C für christlich.“ Sie erhielt auch eine Nachricht, in welcher der Verfasser Suren aus dem Koran zitierte. Aus diesen ging hervor, dass Arabaci-Pfab sich nur verstelle und ihr Amt in Wahrheit dazu benutze, Land und Partei zu islamisieren. Nun ja, es war Wahlkampf, vielleicht gehörte das ja dazu.

Dann kamen die Briefe. Sie waren derber im Tonfall, drohend. Und weil sie alle im selben Stil waren wahrscheinlich auch immer von derselben Person. Aylin Arabaci-Pfab hatte zwar keine Angst um ihr Leben, aber wohl fühlte sie sich dabei nicht, wenn jemand ihre Deportation forderte. Trotzdem ging sie damit nicht zur Polizei, sondern nur zu ihrer Partei. Es ging ihr nicht um Schutz, sondern um Rückhalt. „Ich habe das einigen Leuten erzählt. Aber ich habe nur zu hören bekommen: ,Wir erhalten alle anonyme Briefe.‘“

Spätestens an dieser Stelle gibt es sie nicht mehr, die Geschichte von Aylin Arabaci-Pfab und der CDU, stattdessen gibt es zwei Geschichten. Für alles, was von nun an geschieht, hat die Partei eine andere Version als ihre ehemalige Vorsitzende. Und das gilt nicht nur für die Frage, ob diese sich zwei Leuten anvertraut hat oder vielleicht fünf, auch viel simplere Dinge sind davon betroffen: etwa die Frage, ob die CDU die Kommunalwahl eigentlich gewonnen oder verloren hat. Arabaci-Pfab verweist darauf, dass sie 1.700 Stimmen bekommen hat, was im komplizierten Kommunalwahlverfahren Baden-Württembergs wesentlich mehr ist, als man bei 20.000 Einwohnern vielleicht denkt. Aber es war immer noch zu wenig, um in den Gemeinderat einzuziehen. „Ich war total zufrieden. Dass ich nicht reinkomme, war eigentlich von vornherein klar“, sagt Arabaci-Pfab. Allerdings hatte die Partei vor der Wahl das Ziel ausgegeben, von zehn auf elf Sitze zu kommen. Das verfehlte sie um genau einen und schrieb das auch auf ihrer Webseite.

Die Wahl war vorbei, die Briefe blieben. Arabaci-Pfab hielt es aus und unternahm nichts. Warum auch? Die Dinge liefen ja, und sie hatte sich irgendwie dran gewöhnt. Zu Beginn des Herbsts will sie dann einen Anruf bekommen haben: „Komm schnell vorbei, ich muss mit dir reden“, sagte demnach ein Parteifreund, dessen Namen sie nicht nennen will. Er erzählte ihr davon, dass der Ortsverband wahrscheinlich bald eine neue Vorsitzende haben würde. Einer von Arabaci-Pfabs Stellvertretern habe vorgeschlagen, eine Frau dort zu installieren, die bei der Wahl ebenfalls erfolglos geblieben sei und die nun ohne Sitz im Gemeinderat dastehe. Arabaci-Pfab berief daraufhin eine außerordentliche Mitgliederversammlung ein und legte ihr Amt nieder.

Was Deutsch-Tüken wählen

Rund drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben in Deutschland. Davon sind etwa 900.000 wahlberechtigt. Damit stellen sie rund 1,5 Prozent der 64,4 Millionen Wahlberechtigten. Aus einer Studie der Hacettepe-Universität in Ankara und eines Berliner Markt- und Meinungsforschungsinstituts von 2013 geht hervor, dass die SPD bei den türkischstämmigen Wählern nach wie vor am besten abschneidet. Und zwar mit Abstand: Bei der letzten Bundestagswahl kamen die Sozialdemokraten hier auf 64 Prozent. Grüne und Linkspartei lagen mit jeweils 12 Prozent gleichauf. Die Christdemokraten steigerten ihr Ergebnis im Vergleich zur vorangegangenen Bundestagswahl nur geringfügig – von fünf auf sieben Prozent.

Vor allem Studien aus Skandinavien belegen, dass Migranten grundsätzlich dazu tendieren, Politiker zu wählen, die ihrer eigenen Zuwanderungsgruppe entstammen. Das haben auch SPD und CDU mittlerweile erkannt. Doch die CDU tut sich noch schwer mit der Integration von Politikern mit Migrationshintergund. Während in den Reihen der SPD fünf türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag sitzen, ist es bei der CDU gerade mal eine. Obwohl viele Deutschtürken durchaus die konservativen Werte der Union – Familie, Ehe, Kinder – teilen, werden sie immer wieder von anderen CDU-Positionen abgeschreckt. Im Streit um die doppelte Staatsbürgerschaft etwa bleibt die Union weiter hart und lehnt jede Erleichterung ab. GS

„Zu behaupten, es habe eine Intrige gegeben, ist ein ziemlicher Hammer. Meine Frau war zum Zeitpunkt des Rücktritts nicht einmal CDU-Mitglied.“ Das sagt Jürgen Scheurer. Er ist nicht nur Ehemann der neuen Parteivorsitzenden, sondern auch Pressesprecher des Ortsverbands. Seine Version der Geschichte geht so: Unmittelbar vor der Mitgliederversammlung habe Aylin Arabaci-Pfab die CDU über die Briefe und die Mails informiert und anschließend der geschockten Partei eröffnet, dass sie für den Vorsitz nicht mehr zur Verfügung stehe. Man habe ganz plötzlich ohne Vorsitzende dagestanden, erst dann habe sich seine Frau Ursel dazu entschlossen, sich zur Wahl zu stellen. „Hätte Frau Arabaci-Pfab gesagt, sie tritt wieder an, dann wäre sie auch gewählt worden.“

Wer Recht hat, Aylin Arabaci-Pfab oder die CDU in Waghäusel, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen – Aussage gegen Aussage. Sicher ist aber, dass beide Seiten für sich in Anspruch nehmen, als Verlierer dazustehen, und wahrscheinlich beide auch mit einigem Recht. „Frau Arabaci-Pfab hätte einfach nur sagen sollen, dass sie diese Mails und Briefe kriegt. Dann wäre uns bestimmt etwas eingefallen“, sagt Jürgen Scheurer. „Ich hätte gern gehabt, dass jemand sagt: ,Komm, wir nehmen dein Problem ernst und unterstützen dich‘“, sagt Aylin Arabaci-Pfab. Sie sind in ihrem Ansinnen erstaunlich nah beieinander und doch weit voneinander weg.

Eine Intrige der Partei?

Kann es sein, dass man sich in Waghäusel einfach nur furchtbar missversteht? Ist das ganze Drama dadurch entstanden, dass Aylin Arabaci-Pfab eine Spur zu leise war und die Partei ein bisschen zu wenig hingehört hat? Oder hat man es mit Ignoranten zu tun, die Probleme nicht ernst nehmen, wenn es nicht solche sind, die sie auch selbst betreffen könnten? Gab es eine Intrige? Oder ist das nur die Interpretation einer von ihrem Umfeld enttäuschten Politikerin? All das ist möglich. Sicher ist nur: Eine Frau an der Spitze einer Partei ist Anfeindungen ausgesetzt, weil ihr Großvater vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Waghäusel zog. Dann gibt es einen plötzlichen Wechsel an der Spitze des Ortsverbands, und am Ende streiten sich Leute darüber, wer wann wie viel wusste.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Geschichte in der CDU spielt. Die Spitze in Berlin versucht, mehr Menschen mit Migrationshintergrund für die Parteiarbeit zu gewinnen. Erst kürzlich lud Generalsekretär Peter Tauber demonstrativ Dutzende von ihnen zu einer Integrationskonferenz ins Konrad-Adenauer-Haus. Und Angela Merkel wiederholte da noch einmal Christian Wulffs Satz, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Doch an der Parteibasis gibt es noch viele Menschen, die sich vor jenen fürchten, die sie als fremd empfinden. Und trotzdem geht das Problem weit über die CDU hinaus. Denn eigentlich ist Aylin Arabaci-Pfab nicht an ihren Feinden gescheitert, sondern daran, dass sie zu wenig Freunde hatte. Aber wo in der Politik hat man die schon?

Manchmal aber sind die Verhältnisse auch klar. Dann geht es nicht um fehlenden Rückhalt oder Fehden innerhalb einer Partei. Manchmal sagen Menschen einfach, was sie denken. Etwa Waghäusels SPD-Bürgermeister Walter Heiler. Gefragt nach den Gründen für Arabaci-Pfabs Rücktritt, ließ dieser sich zitieren, man müsse vielleicht „nicht hundert Mal sagen, dass man Muslimin ist“. Er sei katholisch und sage das auch nicht dauernd.

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