Meine Heimat in der Katastrophe

Blog Die Atomgefahr wächst, aber unsere Autorin will in Japan bleiben und berichten. Jetzt reist sie durch ein Land, ihr Land, nahe am Abgrund. Ein Resümee der ersten Woche

Gestern Nacht habe ich schlecht geschlafen. Ich bin aus dem Erdbebengebiet nach Akita im Nord-Westen geflohen. Ich habe alle meine Kleider gewaschen, weil sie radioaktiv sein könnten.

Ich habe seit Samstag früh für die 18-Uhr-Nachrichten von Network Ten gedreht, eine der größten TV-Firmen in Australien. Wir sind in der Nacht von Tokio aus mit dem Auto gen Norden, nach Iwanuma, gefahren – und mussten ganz nah am Atomkraftwerk Fukushima vorbei. Niemand wusste, ob wir mit dem Auto durchkommen würden. Am meisten Sorgen machten mir aber die Strahlen. Die Behörden hatten gerade eine 20-Kilometer-Sperrzone rund um das Kraftwerk eingerichtet.

Es war schließlich 5 Uhr 20, als wir in Iwanuma ankamen, eine Stadt, die nur 32 Kilometer entfernt von Fukushima liegt. Die Sonne ging gerade auf, es war atemberaubend. Ich konnte es gar nicht glauben, so viel Schönheit in einer solchen Situation.

./resolveuid/d125d635d483ee5a59b51acaa5c5918b/image_previewDie US-Regierung warnt ihre Bürger, Fukushima in einem Radius von 80 Kilometern zu meiden. Die japanische Regierung spricht nur von einem Gebiet von 30 Kilometern. Warum?

Ich kann der Regierung nicht vertrauen. Sie haben sich alle in Sicherheit gebracht, also habe auch ich mich entschlossen, nicht nach Tokio zurückzukehren. Meine Filmcrew hat sich gestern nach Singapur ausfliegen lassen und mich gebeten, mitzukommen. Ich habe abgelehnt. Vielleicht kann ich mehr tun, wenn ich hier bleibe.

Frühstück

Die Frau von der Hotelrezeption in Akita serviert leckere Reisbällchen zum Frühstück. Ich freue mich, dass ich endlich etwas zu essen bekomme. Akita ist berühmt für seine Reisfarmen.

Mein Vater hat mir früher erzählt, man müsse selbst dann guten Reis essen, wenn man verarmt sei. Sonst verarme der eigene Geist nämlich auch noch.

Ich habe seit dem Erdbeben nicht mehr mit ihm gesprochen. Er ist in Tokio. Hoffentlich ist er in Ordnung.

Den Pfad verloren

Es schneit. Ich habe mich einer anderen Filmcrew angeschlossen und fahre nun wieder gen Süden, Richtung Kraftwerk.

Etwa 200 Kilometer nördlich des Reaktors passieren wir den einzigen Hafen, von dem aus noch Öl in das Erdbebengebiet geliefert werden kann. Der Schnee wird immer dichter, fast wie Schaumstoff.

Pfad verloren

Hoffnung verloren

Wahrheit verloren

Ich muss eine wiederfinden.

Der Geist der Kamikaze

Ich möchte lieber nicht mehr weiter in Richtung des Reaktors fahren. Ich habe mit einem Bürgermeister geredet. Er will einen seiner Angestellten mit einem Auto nach Fukushima schicken, um Lebensmittel, Wasser und Decken dorthin zu bringen. Ich habe auch mit dem Fahrer gesprochen. Er erscheint sehr entschlossen. Er weiß, dass er in die Sperrzone fährt.

Vor dem Rathaus grüßte ihn jeder feierlich, die Leute hielten eine Art Zeremonie ab. Ganz leise sprachen sie dem Fahrer Mut zu und sagten ihm mit großem Respekt Lebewohl. Als ich die Szene sah, dachte ich: „der Geist der Kamikaze“. Die Atmosphäre war heilig. Und sie belastet mich. Müssen wir für so etwas sterben?

Bitte keine Bilder

Direkt nach der Kamikaze-Zeremonie traf ich dieses alte Ehepaar vor dem Rathaus. Es ist ein altes, dunkles Gebäude, in dem sich die Neuankömmlinge registrieren, bevor sie sich im Krankenhaus untersuchen lassen. Ich hatte gerade einen Kaffee an einem der Automaten gekauft – es gibt mir immer ein Gefühl von Sicherheit, wenn ich etwas Heißes trinke.

Das Paar kam mit dem Taxi. Die Frau sagte tausende Male „Vielen Dank“ zu dem Fahrer. Ihr Mann hatte nicht einmal Schuhe an und schrie sie an, doch endlich ins Haus zu kommen. Als ich sie fragte: „Sind Sie in Ordnung?“, brach sie in Tränen aus. Er war derart zornig, dass ich nicht mit ihm sprechen konnte.

Ich wollte sie lieber umarmen, anstatt sie zu filmen oder anders über sie zu berichten. In solchen Momenten hasse ich meinen Job. Wahrscheinlich kann ohnehin niemand, der nicht schon mal in der gleichen Situation war, die Gefühle dieser Menschen nachvollziehen.

Ich hatte meine Handykamera zwar dabei, aber ich habe weder von dem Mann noch von der Frau ein Foto gemacht.

Strahlenkontrolle

Der Reaktor ist bisher nicht explodiert. Und der Wind weht aus dem Norden, was bedeutet: von uns aus gesehen vom Kraftwerk weg. In der Klinik erzählt mir eine Ärztin, dass sie auf Strahlenkontrollen nicht vorbereitet waren. Aber immerhin haben sie die notwendigen Geräte für einen Test da.

Ein Strahlentest dauert nur fünf Minuten. Sie kontrollieren den Körper sowohl auf äußerliche, als auch auf innere Verstrahlung. Unser Filmteam will sich ebenfalls testen lassen.

Der Test macht mir Angst. Ich weiß nicht, ob ich das Ergebnis wirklich wissen will. Aber ich beantworte brav alle Fragen: Wo sind sie gewesen? Welche Kleider haben sie getragen? Fühlen sie sich irgendwie komisch?

Wir alle werden negativ getestet. Puh!

Jetzt ist es offiziell: Ich bin kein dreckiges Mädchen.

Dringend benötigt

Wir fahren wieder in den Norden, diesmal nach Noda an der Ostküste. Das Städtchen wurde auch schwer vom Tsunami getroffen. Der Wind weht zum Glück immer noch in Richtung Süden.

Ich gehe durch die Stadt, um Leute für Interviews zu finden. Hier standen einmal tausende Häuser, jetzt sind sie weg. Die Bewohner waren gut auf Tsunamis vorbereitet, so dass sogar die meisten Alten in den Gebetsschrein auf dem Hügel flüchten konnten, als sie den Alarm hörten. Von dort oben sahen sie dann, wie das Wasser ihre Häuser mitnahm. Nach Angaben der Stadt lebten in Noda etwa 4.800 Menschen. Nur 29 davon werden offiziell vermisst, auch wenn ich an dieser Zahl zweifle. 12 sind tot.

Als ich einen Offizier frage „Was brauchen Sie am dringendsten?“, antwortet er: „Wissen... um diese Situation bewältigen zu können.“

Urlaub?

Vergangene Nacht haben wir gut geschlafen, zum ersten Mal wieder. Wir haben uns entschieden, in der Gegend zu bleiben und hier zu arbeiten. Es fühlt sich ein bisschen wie Urlaub für mich an.

Ich bleibe lieber hier, im Erdbebengebiet, anstatt nach Tokio zurückzugehen. Dort herrscht eine andere Art von Chaos: die Leute horten Lebensmittel und Benzin für den schlimmsten Fall. Es ärgert mich, wenn ich höre, dass in manchen Geschäften die Lebensmittel ausverkauft sind.

Ich denke, dies ist für uns in Japan der Moment, um unsere wahre Stärke zu zeigen. Ich glaube wirklich, dass all das unser Land auch zum Guten verändern kann. Es ist schwer für mich, das zu erklären. Trotzdem glaube ich daran.

Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir auf westliche Weise gelebt und nach west­lichen Regeln gelebt. Ich zweifele, ob das gut für uns ist. Es hat zu Spannungen in unserem Geist geführt. Es mag seltsam klingen, aber ich glaube, wir haben etwas von unserem Menschsein verloren. All das ist eine Tragödie, aber sie könnte eine Chance für uns sein, um wieder zur Vernunft zu kommen.

Unsichere Gewässer

Die Regierung sagt, das Meerwasser werde jetzt auch verstrahlt. Japan war bekannt für saubere Böden, sauberes Wasser und sicheres Essen. Wir sind eine Nation von Fischessern. Und jetzt habe ich Angst vor Fisch gerichten – unglaublich.

Sollen wir jetzt nur noch Kartoffeln essen? Niemals! Das macht fett!

Chikayo Morijiri ist 32 und TV-Produzentin (Vorstellung hier). Auf freitag.de/japanblog schreibt sie täglich über ihre Erlebnisse in ihrer Heimat Japan. Eine Galerie mit ihren besten Fotos steht auf freitag.de/japanfotos

Übersetzung: Steffen Kraft

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08:00 24.03.2011

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