Meine Kippe gehört mir

Medien Warum Role Models immer auch Klischeefallen sind und wie eine Tasse Tee darüber hinweghilft
Meine Kippe gehört mir

Illustration: Jonas Hasselmann für der Freitag

Lady Arya Stark in Game of Thrones fechtet und mordet. So bricht sie mit dem gängigen Bild des braven und liebevollen Mädchens. Dass sie dabei oft als jungenhafte Unlady gilt, manifestiert wiederum das Klischee, dass nur diejenigen Girls kämpfen, die wie Jungs sind.

Die Erfolgskanone Miss Sloane (im gleichnamigen politischen Thriller) bestellt sich zur abendlichen Arbeitspause regelmäßig einen Prostituierten. Damit kratzt sie am Bild der männlich dominierten Konsumentengruppe von käuflichem Sex und pflegt andererseits gleichzeitig das Klischeebild der liebesunfähigen Karrierefrau.

Oder Imperator Furiosa: In Mad Max: Fury Road bricht sie als Anführerin, Truckfahrerin und kämpfende unromantische Verbündete von Max mit dem üblichen Gefälle zwischen Mann und Frau, in dem der Mann Retter und Befehlsgeber und eine Verbindung zwischen beiden in erster Linie romantisch ist. Gleichzeitig verfestigt sie das Image, dass unsexualisierte Frauen kurzhaarig bis glatzköpfig sind. Wenn dagegen Daenerys Targaryen in Game of Thrones Anführerin mit wohlgeformtem Busen und blonden Locken ist, bricht sie wiederum hier mit der Verknüpfung von kämpferisch-kurzhaarig, spielt damit aber dem Barbie-Bild in die Hände.

Error, Error, Error

Mit jedem Klischeebruch geht eine Klischeemanifestation einher. Es gibt kein Entkommen aus machtvollen Geschlechterbildern. Die größte Falle tut sich in der Behauptung auf, frau könne mit dem eigenen freien Willen über die Aneignung oder Ablehnung von Schönheitsidealen oder Rollenbildern entscheiden. Diese Sicht auf den Menschen als loses Individuum, unberührt von seinem Gefüge, verbreiten sowohl Antifeministinnen als auch Feministinnen gerne in Betonung ihrer Selbstbestimmung. Das Gefühl der Selbstbefreiung ist ja auch wertvoll: sich gegen den Protest des eigenen Freundes eine Zigarette anstecken, ihm mit dem Rauch die Angst vor dem Reiz der Außenwelt, der Nichtbeziehungswelt in die Augen treiben. Befreiung und Weltzugewandtheit zwischen Fingern, Lippen, in der Lunge.

Dass sich hinter dieser vermeintlichen weiblichen Selbstbestimmungskippe ein männlich gestaltetes Frauenbild verbirgt, macht der Dokumentarfilm The Century of the Self von Adam Curtis besonders deutlich: Der Film erzählt von einem der Väter der Public Relations, Edward Bernays, der in den zwanziger Jahren von der amerikanischen Tabakindustrie den Auftrag bekam, Frauen als Konsumentinnen für den Tabakmarkt zu gewinnen. Das damals herrschende Rauchtabu für Frauen sollte unbedingt gebrochen werden. Bernays, der übrigens Sigmund Freuds Neffe war, suchte daraufhin den damals führenden Psychoanalytiker A. A. Brill in New York auf, der ihm die Bedeutung von Zigaretten als Phallussymbol nahelegte. Bernays müsse es nur schaffen, Zigaretten mit der Vorstellung zu verknüpfen, männliche Macht herauszufordern: Die Idee, mit der Zigarette einen eigenen Penis haben zu können, würde Frauen zum Rauchen anregen.

Davon inspiriert, beauftragte Bernays eine Gruppe von Frauen, auf der jährlichen New Yorker Osterparade als Sufragetten zu marschieren, im passenden Moment vor den Pressefotografen Zigaretten zu zünden und diese als „torches of freedom“ zu bezeichnen. Dieses Bild ging als Symbolakt um die Welt.

Leider können wir bei allen möglichen Bildern der sich selbst befreienden Frau vermuten, dass diese von Männern erschaffen, propagiert oder angeeignet wurden. Mit dieser Annahme verkommt jede Selbstbestimmung zur Fremdbestimmung.

Dieses Dilemma zu leugnen, bedeutet allerdings, den Ruhestand im Entweder oder im Oder finden zu wollen. Entweder überwiegt der Klischeebruch die Klischeemanifestation oder andersrum. Entweder die Kippe ist befreiend, da wir uns ja ganz alleine hier und heute für sie gegen männlichen Protest entschieden haben. Oder die Zigarette kann gar nicht befreiend sein, weil wir mit ihr einer männlich-kapitalistischen Massenmanipulation auf den Leim gehen. Da dröhnt das Gehirn sofort „Error. Error. Error“. Weil das Eine sofort aufschreit, wenn das Andere das letzte Wort hat.

Dieses Dilemma wertzuschätzen, bedeutet hingegen, beides zu sehen: Mit der einen Rollenzuschreibung zu brechen und anzuerkennen, dass die andere Zuschreibung sich während des Brechens manifestiert. Diese Manifestierung zieht dem Bruch nichts ab und umgekehrt. Das Nicht-entkommen-Können aus machtvollen Bildern lädt nicht zur Resignation, sondern zur Inspiration ein. Das Dilemma führt in die Bewegung. Genau diese ständige Wechselbewegung zwischen Bruch und Manifestierung ist die Erschaffung von Freiraum. Wie bei einem Pfahl, der in die Erde gerammt ist. Um ihn zu befreien, müssen wir ihn in die eine, dann in die andere Richtung stemmen. An jeder Stelle wird der Pfahl auf der einen Seite von der ihn umliegenden Erde beengt und auf der anderen Seite ist er unberührt, frei. Je mehr unterschiedliche Richtungen, desto mehr Freiraum bekommt der Pfahl um sich herum.

Der Befreiungsprozess kann genau dann in Bewegung kommen, wenn es ein großes Spektrum an unterschiedlichen Frauenfiguren gibt, die Normenbrüche nicht nur in sich selbst tragen, sondern auch gegenseitig ihre Rollenbilder konterkarieren. So wie Daenerys’ Barbie-Aussehen in Game of Thrones mit Aryas Tomboy-Darstellung bricht. Erst Filme, Serien, Geschichten mit einer hohen Bandbreite an unterschiedlichsten Frauencharakteren ermöglichen diese nie still stehende Bewegung.

Das lässt sich genauso auf unser Kopfkino übertragen. Unentwegt spielen wir in unserem Inneren unbewusst Bilder ab, die unser Verhalten beeinflussen. Wir können uns innerer Bilder ermächtigen, indem wir sie bewusst aus Gesehenem auswählen oder selbst gestalten. So entfalten wir im Geflecht der Manipulation eigene Manipulationskompetenzen, erkennen uns selbst als Manipulatorinnen, angefangen mit unserem Handlungsspielraum der Selbstmanipulation.

Durch die Arbeit mit inneren Bildern können wir Haltungen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten verändern und währenddessen spannende Klischeebewegungen aus unserem Verborgenen herausbefördern.

Stellen wir uns einmal eine Person vor, die weniger Rotwein trinken will. Vielleicht ist das in erster Linie Anziehende an Wein für sie nicht die Entspannung, die ihr nach dem ersten Schluck in die Knochen schießt, sondern eine Verruchtheit. Um Alkohol loszuwerden und Verruchtheit beizubehalten, malt sie sich im Kopf eine Fotokampagne mit einer verruchten Teetrinkerin aus. Wie diese in orientalischem Morgenmantel und verrutschten Strümpfen an ihrer Staffelei steht, den Pinsel mit tropfend roter Farbe in der einen Hand und den Tee in der anderen.

Mehr Selbstmanipulation!

Der Gipfel der Verruchtheit ist der Teebeutel, der im nassen Heiß schwebt, seine Farbe ausstößt und dessen Schnur lasziv wie ein lockerer Gesichtszug aus dem Glas hängt. Diese innere Werbung entfaltet sich dermaßen dominant in ihrem Kopf, dass der Tee in ihrem Leben bald fast vollständig den Rioja ersetzt. Die Selbstmanipulation funktioniert. Sie befreit sich von der zwingenden Verknüpfung zwischen Wein und Verruchtheit und ermächtigt sich über die bildgewaltige Erzählung in ihrem Kopf. Unbewusst spielt sie mit dem Bild der verruchten Frau. Einerseits lässt sich in dieser die sexuell selbstbestimmte Frau der zwanziger Jahre sehen. Andererseits verstärkt die Verruchte die männliche Fantasie von Frauen als Sexobjekten.

Wird innerhalb dieser Teekampagne eine Vielfalt sich gegenseitig brechender Bilder kreiert, so kann neben der Verruchten eine Göre mit Spaghettischnute und Thermoskanne gestellt werden. Oder eine High-Heel-Karrierefrau, die sich zu Feierabend am Tresen einen Shot Ingwertee reinballert. Oder eine schwitzende Bauarbeiterin, die zur Mittagspause mit heißem Tee anstößt.

Wir können unser Rollendenken durch innere Bilder umnarrativieren. Wenn wir mit eigenen Klischees brechen, können wir uns im nächsten Schritt bewusst machen, welches Klischee wir dabei gleichzeitig manifestieren. Daraufhin lässt sich wieder ein neues brechend-manifestierendes Bild schöpfen, usw. Mit dieser „inneren Diashow“ können wir erstens uns selbst manipulieren. Zweitens wirken wir auf das uns manipulierende System ein, in das wir innere Bilder durch Erzählungen und Verhalten hineinbringen.

06:00 06.03.2018

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