Meine Tränen fließen

Familienschande Am 10. Mai jährt sich zum 75. Mal der Tag der Bücher-verbrennung in Deutschland. Drei Neuerscheinungen erinnern an die Barbarei

Adolf Stein, der unter dem Namen Rumpelstilzchen bis dahin regelmäßig Deutschnationales aus Berlin in die Provinzen geschrieben hatte und sich nun blitzschnell an die Nazis anwanzte, begrüßte die Bücherverbrennung als "Erlösung von fremdem Bann. Da wurde deutsche Freiheit gezeugt." - vergleichbar nur, meinte er, Luthers Verbrennung der Bannbulle. Denn was da verbrannt wurde, habe zum "semitischen Astarte-Kult" zurückführen wollen, kannte überhaupt "nur zweierlei Weltbewegendes: Geld und Geschlecht."

Zu den ausführlichsten und eindrücklichsten Beschreibungen der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin dürfte die gehören, die der polnische Graf Sobanski als Korrespondent nach Hause berichtet hat. Er schildert, wie zuvor in den Zeitungen unter Nennung von Sammelstellen aufgerufen worden war, unerwünschte Literatur abzugeben, wie insbesondere Behördenbibliotheken sich bei der Aussonderung beeilten, aber auch, dass angesichts des vorausgegangenen Presserummels ihm die Menschenmenge am Opernplatz ebenso wie der "Umzug" der fanatischen Studenten vergleichsweise klein erschien.

Sobanski zählt natürlich auch die Namen derer auf, die in den "Feuersprüchen" als Pazifisten und Sexualwissenschaftler, Juden und Marxisten, Jugendverderber, Republikaner und Internationalisten verfemt wurden - Remarque bis Hirschfeld, Tucholsky bis Kisch, Emil Ludwig bis Thomas Mann, Erich Kästner oder Ernest Hemingway. "Dann eine Liste mit völlig überraschenden Namen. Der Grund, warum sie verbrannt wurden, wird für immer ein faszinierendes Geheimnis bleiben." Er ist es bis heute geblieben. Es sei denn, man erklärt sich die Namen mit den Aversionen eines gewissen Dr. Wolfgang Herrmann, erwerbsloser Bibliothekar und Nazi.

Seine erste "Schwarze Liste" zur "Schönen Literatur", die für die Aktion der Studentenschaft die Grundlage bildete, enthielt 131 Namen - teils pauschal die von Autoren, teils einzelne Titel, teils Werke "mit Ausnahme von". Bei Leonhard Frank zum Beispiel Räuberbande und Ochsenfurter Männerquartett. Immerhin hatte er geschrieben: Bücher, die aus den Volksbüchereien entfernt werden "können". "Ob sie alle ausgemerzt werden müssen", hinge davon ab, wie schnell die Lücken durch "gute Neuanschaffungen" zu füllen sind. "Es ist nicht schwer, einen Index der schlechten Bücher aufzustellen. Es ist schon schwerer, ein Verzeichnis der guten Bücher anzufertigen." - hatte Rumpelstilzchen zu kommentieren gewusst.

In der Tat gab es schon mit dem Index Schwierigkeiten, alsbald kursierten Listen über Listen. Über Positivlisten verzankten sich Parteistellen, Buchhändler und Journalisten vollends. Auch hier die Farce auf die Tragödie. Wenngleich in so gut wie allen deutschen Universitätsstädten und darüber hinaus Bücherverbrennungen stattfanden, so ist doch die auf dem Berliner Opernplatz bis heute, was Sobanski ihr prophezeite, ein Symbol der Kulturbarbarei zu werden und zu bleiben.

Aus gegebenem Anlass - 75 Jahre ist das nun her - erinnert Volker Weidermann, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Autor von Lichtjahre (Freitag 15/2006), einer erfolgreichen Literaturgeschichte nach 1945 im Stil der Restaurantkritik, an die damals verbrannten Bücher und ihre Autoren. Sein Buch der verbrannten Bücher informiert umfassend über die Verfemten und Vergessenen, auch wenn man über die Quellen seiner Weisheit nichts erfährt und auch wenn - wohl bei der Unmenge nicht vermeidbar - das eine oder andere Detail so nicht stimmt. Eilige und Zielstrebige können zudem über ein Register navigieren.

Das Buch ist äußerst lebendig geschrieben, ein unbedingtes Lesevergnügen, das zugleich Lust auf viele der darin skizzierten Autoren und ihrer Werke macht. Dabei führt es aber auch plastisch vor, wie heterogen die in die Schwarze Liste Eingesperrten untereinander waren. Der schwäbische Pfarrersohn Hermann Essig, seit 1918 tot, was um Himmels Willen hatte sein Taifun, die bis heute frische und aktualisierbare Satire auf den Expressionistenrummel neben Ernst Glaeser zu suchen, der zwar erst Deutschland verließ, aber dann rechtzeitig zurückkam, um Propagandaillustrierte der Wehrmacht zu leiten?

Max Barthel, der sich vom Sowjetgläubigen zum Volksgenossen wandelte und dafür die Büchergilde leiten durfte, er neben Joseph Roth. Die härene Pazifistin Bertha von Suttner neben der quirligen Irmgard Keun, Ilja Ehrenburg neben John Das Passos, Biene-Maja-Vater Waldemar Bonsels, der versuchte, den Nazis durch Amerikaschimpfe gefällig zu sein, neben Arthur Schnitzler - und so geht das fort. Es ist eine nicht zu kleine Ironie, dass mit dem immer wieder wichtigen Versuch, Autoren und Bücher dem Vergessen zu entreißen, auch solche wiedererinnert werden, denen man eher die ewige Ruhe gönnte. Aber das ist ein geringes Manko, gemessen am Ziel der Wiedereinbürgerung in die Buchrepublik. Weidermanns Buch leistet da in seiner zupackend werbenden, von Fall zu Fall aber auch deutlich abratenden Weise Wichtiges.

Armin Strohmeyer, Autor von Biographien, unter anderem über Klaus und Erika Mann, geht mit seinen dreißig Porträts von verbotenen und vertriebenen Autoren nicht direkt auf die Schwarzgelisteten ein. Verlorene Generation will explizit Repräsentanten des anderen, integren Deutschland vorstellen, Autoren unterschiedlichster Herkünfte und Stile, unterschiedlichsten Glaubens oder Nichtglaubens, Partei- oder Nichtparteipolitik. Teilweise überschneiden sie sich mit Weidermanns Personal, aber auch andere sind darunter, zum Beispiel im Reich Gebliebene, Werner Bergengruen oder Ernst Wiechert, oder die in Deutschland eingesperrte Mechtilde Lichnowski wie die exilierte "Tochter zweier Vaterländer", Annette Kolb. Diese Porträts sind eher nüchtern gehalten, ihre Fakten sollen für sich sprechen. So dienen sie als Memorial von bitteren Schicksalen durch böse Zeiten eher denn als Stimulans zum Wiederlesen.

Begegnet man hier mit Bergengruen und Wiechert Figuren einer ›inneren‹ Emigration, so wird man damit zugleich erinnert, dass die Erinnerung an die Verstoßenen und Verdrängten nur halb ist, wenn man sie nicht auf der Folie der Gebliebenen, der zögerlichen oder stillschweigenden Nutznießer, Sichuntersteller und -kleinmacher, der zu Ängstlichen, aber auch hin und wieder (zu) spät Mutiggewordenen sieht. Jan-Pieter Barbian, dem wir die umfassendste Darstellung der Literaturpolitik des "Dritten Reiches" verdanken, gibt dazu Gelegenheit durch eine Sammlung exemplarischer Darstellungen zu Autoren, Verlegern und Buchhändlern damals: Rowohlts robustes Rudern durch die braune Zeit, die "Arisierung" von S. Fischer, das eher Lavieren zu nennende Verhalten des Herder Verlages. Vor allem die Studien zu Weg und Verhalten von so unterschiedlichen Autoren wie Gerhart Hauptmann, Ina Seidel, Erich Kästner, Jochen Klepper, Erik Reger oder Peter Huchel machen die Lektüre höchst empfehlenswert.

Lassen wir abschließend noch einmal Antoni Graf Sobanski zu Wort kommen: Er beobachte eine Gruppe von "Kulturträgern" - "sie reichten sich die Bücher von Hand zu Hand, bis der Letzte, der am Feuer stand, sie hoch in die Luft warf, wobei sie ihre weißen Blätter öffneten und, von unten von den Flammen beleuchtet, wie Vögel herunterflatterten. ... Große Traurigkeit ergriff mein Herz und ließ meine Tränen fließen. ... Ich trauere um die Bücher als sterbende Gegenstände; ich trauere um das Volk, das diese Schande auf sich lud. Ich bin beschämt darüber, als gaffender Ausländer Zeuge dieser ›Familienschande‹ gewesen zu sein. In diesem Augenblick der gemeinsam verspürten Scham war ich assimiliert." Was alles inzwischen an Ähnlichem geschehen ist, dieser Titanic-Untergang der Buchkultur bleibt noch lange unsere Familienschande. Wenn wir uns daran erinnern, können wir jedoch glücklich hin und wieder die Scham darüber vergessen - die beschämend Verbrannten wiederlesend.

Jan-Pieter Barbian Die vollendete Ohnmacht? Schriftsteller, Verleger und Buchhändler im NS-Staat. klartext, Essen 2008, 328 S., 23,95 EUR

Armin Strohmeyer Verlorene Generation. Dreißig vergessene Dichterinnen Dichter des ‚Anderen Deutschland´. Atrium Zürich 2008, 447 S., 24,90 EUR

Volker Weidermann Das Buch der verbrannten Bücher. Kiepenheuer, Köln 2008, 255 S., 18,95 EUR

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 09.05.2008

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare