Meine Untermieter

Berliner Abende Kolumne

Als ich bei meinen Eltern auszog, damals in der DDR, geriet ich in eine Wohnung, die hatte Stuck und hohe Fenster, Ofen und Innenklo, eine Duschkabine, die in der winzigen Küche im Weg stand, Spanplattenfußboden mit Linoleum, morsche Elektroleitungen, schöne alte Türen und morgens und abends Sonne. Eigentlich war sie nur Segment einer viel größeren Wohnung, die ich mit einer alten, etwas verwirrten Frau teilte. Teilhauptmiete hieß das amtliche Wort, allerdings wussten die Ämter nicht, dass ich dort wohnte.

1988 überredete ich eine Freundin, mir einen Untermietvertrag zu geben. Sie zog bald weg, ich blieb einfach drin. In der Wendezeit, als auf den Ämtern kreatives Chaos herrschte, ließ ich den Mietvertrag auf mich umschreiben. Es war, als hätte es sie nie gegeben, all die Vorschriften und Lenkungsmaßnahmen, die es mir vorher nahezu unmöglich gemacht hatten, eine eigene Wohnung zu bekommen. Nach drei Jahren zog ich zu meinem Freund. Ich wollte mich aber noch nicht endgültig von der Wohnung trennen. Zu viel hatte sie mir bedeutet. Also suchte und fand ich meinen ersten Untermieter.

Herr Schwarz war ein riesiger, sehr solider Mensch, der grundsätzlich Anzüge trug. Wenn er zu viele Weizenbierrunden im Antikcafé mitmachte, wurde sein Blick düster. Seine Eltern waren in Südamerika ermordet worden, erzählte man. Die näheren Umstände blieben unklar. Herr Schwarz selbst redete nicht darüber. Wir konnten uns denken, dass ein solch ungewöhnliches Schicksal eine große Last für ihn bedeutet haben muss, noch dazu in einem Land, das seine Bürger nur ungern ins Ausland schickte. Wie auch immer - als Untermieter war er völlig unauffällig, außer an Abenden, an denen er die anderen Hausbewohner durch heftige, unartikulierte Schreie und Gepolter erschreckte. Dann spielte er Erster Weltkrieg, am Computer. Es gab inzwischen Computer, Anfang der Neunziger. Die über ihm wohnende alleinstehende Mutter, die langsam nervös wurde, war froh, als Herr Schwarz nach zwei Jahren auszog. Ich musste allerdings einen neuen Untermieter finden.

Wohnungen waren zu der Zeit rar, trotzdem wollte sich niemand für patinierte Gründerzeit begeistern. Aber dann meldete sich doch noch ein Indologie-Student. Auf Luxus kam es ihm nicht an. Warum, wurde mir klar, als ich ihm Mietvertrag und Schlüssel in seine alte Wohnung brachte. Das Haus, in die spitzwinklige Fläche zwischen zwei Straßen eingepasst, war sehr groß und sehr vernachlässigt. Es war Dezember, ein Dauerregentag. Die Haustür stand offen, ich kam in einen vermüllten Flur. An seinem Ende führte eine weitere Tür in den Hof, auf dem unendliche Wassermassen wie Kaskaden aus den zerlöcherten Dachrinnen schossen. Natürlich gab es kein Licht. Im ersten Stock fand ich die Wohnungstür mit dem Namen meines Untermieters und einem weiteren Zettel: Krishna-Zentrum. Der junge Mann öffnete, er trug ein Mönchsgewand. Die einstmals riesige Wohnung, in die er mich bat, war durch Sauerkrautplatten in verschiedene Teilhauptmieten aufgegliedert worden. Im Flur klebte Siebzigerjahre-Blümchentapete unter dem Stuck, den jemand mit Wasserfarbe bunt angemalt hatte. An der Decke breiteten sich braune Wasserflecken aus. Beunruhigend, schließlich waren wir gerade mal im ersten Stock. Im Zimmer meines künftigen Mieters standen keinerlei Möbel, es gab nur eine Hängematte und Räucherstäbchen. In den vielleicht viereinhalb Meter hohen, schmal unterteilten Räumen fühlte ich mich wie in einer hochkant stehenden Wohnung. Der junge Mann unterschrieb den Vertrag, dann begleitete er mich hinaus. Er ging hinter mir her und murmelte etwas, wahrscheinlich hatte mein Karma seine Zimmer verpestet und er musste eine rituelle Reinigung vornehmen. Zum Abschied bekam ich eine Tüte Energiebällchen geschenkt, die ein Mister Gopha gefertigt haben wollte.

Zu Hause mischte ich sie unter die christlichen Weihnachtsplätzchen, sie fielen dort nicht weiter auf.

Der neue Untermieter versuchte, in meiner Wohnung Kochkurse für Veganer abzuhalten. Als im März keine Miete mehr überwiesen wurde, ging ich hin und merkte, er war spurlos verschwunden. In unserer traditionell realistischen Stadt konnte Krishna wohl nie richtig Fuß fassen.

Ich gab es auf, einen neuen Untermieter zu suchen, ließ die Wohnung leer stehen, zahlte die Miete selbst und wartete. Zwei Monate später kaufte eine westdeutsche Firmengruppe das Haus. Sie bot mir zwölftausend Mark Abfindung. In den achtziger Jahren hätte man für diese Summe hundertzwanzigtausend Ostmark oder einen VW Golf bekommen.

Und gegen den eine Wohnung eintauschen können, vielleicht.


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00:00 03.08.2007

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