Meine Weisheit ist eine Binse

DIDEROTS NACHMIETER Siebzig Jahre Hans Magnus Enzensberger - meist in der Bundesrepublik

Es geht, mit einem Wort, um die Bewohnbarkeit der Bundesrepublik. Nicht bewohnbar nenne ich eine Gegend, in der es beliebigen Schlägerbanden freisteht, beliebige Personen auf offener Straße zu überfallen oder ihre Wohnungen in Brand zu stecken. (H.M.E.)

Dass Hans Magnus Enzensberger bei denjenigen, die man in der guten alten Zeit als Gutmenschen zu verspotten pflegte, spätestens wegen seiner Konsequenzen aus dem von ihm entdeckten "molekularen Bürgerkrieg" und seiner immigrationspolitischen Folgerungen aus dem Verhalten von Reisenden im Eisenbahnabteil gegenüber neu Hinzukommenden nicht mehr gelitten war, verwundert nicht. Aber auch die Gutmenschengegner zeigten nicht die Ehrfurcht, die man nach Meinung des Alters vorm Altersweisen haben soll: Obwohl sie ihm doch so viel zu danken hat - Oszillation zwischen Orientierung und Umorientierung, Dandysmus als Kippfigur der Kleinbürgerphobie, die Legitimierung des hochgestimmten Jünglingstums zwischen strategischer Frechheit und selbstgerührten Pathosanfällen, das Trockenwohnen bezugsfertiger Meinungen, den Abschied vom universellen Intellektuellen, ohne dessen Platz räumen zu müssen, das flinke Wechseln der Panzer unterm tadellosen Anzug und bei ungerührtem Selbst - ist, darüber würde sich Hans Magnus Enzensberger selbst am wenigsten wundern, die feuilletonistische Jugend und deren nachgeeilte Platzhalterschaft mit ihm nicht recht zufrieden.

Dennoch wird man ihm zweifellos die Honneurs machen, wenn man am 11. 11. seinen siebzigsten Geburtstag memorieren wird. Und artiger gewiss als die Gratulationen zu Grassens Nobelpreis. Wie auch anders: Wen sonst hätte man denn, in dem man sich so elegant ehren könnte?

Einen Hans Dampf hat man ihn genannt. Dandy, Highbrow, Snob ohnehin, auch Gaukler, Geschmeidigen, Reptil, Chamäleon, Irrlicht, Seiltänzer, eine "kapriziös-seltene, vielarmige Variante des Tintenfischs" gar. In Deutschland gilt als ausgemacht, dass in Deutschland der Artist nichts gilt. Also gilt uns Enzensberger ganz besonders viel - ein Artist in der als verrufen berufenen, guten Gesellschaft von Heine und Benn. Nennen wir noch Rühmkorf und Brentano, weil auch sie immer wieder genannt werden. Clemens Brentano, weil Enzensberger seine Dissertation über ihn schrieb, ein romantischer Wechsler zum Katholizismus, von dem Enzensberger herkommt. Brentano wachte jahrelang am Bett einer kranken Nonne, deren Visionen er aufschrieb. Was wäre, hat Hans Ulrich Treichel gefragt, wohl die Nonne Enzensbergers? Seine Antwort: das Ich. (Enzensberger: dass das Ich keine Tatsache ist, / sondern ein Gefühl, / das ich nicht loswerde.") Rühmkorf, das gleichaltrige, norddeutsch eingerichtete Pendant des Franken, Rühmkorf, der sich seit je auf Heine berief und das matratzengruftige Image von Hustensaft, Schaukelstuhl und Wolldecke pflegte, hat über Enzensberger gemutmaßt, der sei wohl "ein Luftwesen, das Prinzip Hoffnung auf Rädern, der Weltgeist auf Achse". Und: "Ich fand es immer bewundernswert, mit seinen Erbitterungen auf so gutem Fuß leben zu können". Enzensberger war schon immer der Mann mit dem "unverschämt guten Nerv für den Kairos, für den einmaligen, unversäumlich günstigen Moment". Der junge Enzensberger, als Rundfunkredakteur selbst Medienprofi, wird bekannt, verehrt für seine Medienkritik an Wochenschau, Spiegel oder FAZ, gesammelt zu Einzelheiten, 1962 und 1963. Ständig unterwegs, schrieb er eine furiose Kritik des Tourismus. Er schrieb Gedichte gegen die Lesebuch-Welt, die flugs ins Lesebuch der Oberstufe kamen. Er sammelte 1960 die Poesie der Moderne provokativ zu einem Museum. Das wurde sofort als Werkstatt und Flugplatz genutzt. Dabei hatte er einleitend geschrieben, der Kodex der modernen Poesie habe sich bereits derart verfestigt, "dass sie geringeren Geistern erlernbar scheint". Er deklarierte die Zeitgenossenschaft zum Kunsthandwerk, während er selbst doch seine technischen Tricks, seine Bauformeln in jedem Gedicht neuerlich ausstellte. Der Anfang des ersten Gedichts seines ersten Bandes, 1957, zeitgeisternd klein geschrieben, verteidigung der wölfe: meine weisheit ist eine binse / schneide dich in den finger damit / um ein rotes ideogramm zu pinseln, enthält nahezu alle Elemente, aus denen er fortan arbeitete - die Gegenläufigkeit zum Gewohnten, die Wiederverbildlichung einer Phrase im plastischen Denken, eine starke körperliche Wahrnehmung, mediale Reflexion und Gespür für unkonventionelle, wertsteigernde Begrifflichkeit. Seine derart produzierten Gedichte, landessprache (1960), blindenschrift (1964) - die Zeiten waren damals noch so - hatten dieselbe Provokativkraft wie seine Essays. Das begann auseinanderzutreten, als man glaubte, er habe in dem von ihm gegründeten Kursbuch den Tod der Literatur dekretiert, dann aber feststellte, dass er währenddes Gedichte geschrieben haben musste. Fortan war Enzensberger zahlreiche unaufmerksame Anhänger los, und die verbliebene Schar teilte sich in Essayistik- und Programm-Gemeinde einerseits, Lyrikfreunde andererseits. Mit Mausoleum (1975), dem Walhall des technischen Fortschritts, und vollends mit den 33 Gesängen der Komödie‚Untergang der Titanic (1978), war er zum Klassiker des mittelständischen Exegese-Gewerbes geworden. Das schlug ihn zum Ritter der Postmoderne, wofür er es mit der Furie des Verschwindens (1985) belohnte, mit seinem wunderbaren Lyrik-Lehrbuch Wasserzeichen der Poesie (1985) zugleich aber vorsorglich Einspruch erhob. (Es ist jetzt bei Eichborn auch ohral zu haben.) Während die einen zunehmend nostalgisch den gloriosen Essays und Dokumentarismen nachtrauerten - Politik und Verbrechen (1964), Freisprüche (1970), Das Verhör von Habana (1970), Der kurze Sommer der Anarchie (1972) - und sich von den neuen immer wieder neu schockieren ließen - Mittelmaß und Wahn (1988), Die große Wanderung (1992), Aussichten auf den Bürgerkrieg (1993) oder Zickzack (1997), genossen die anderen seine Gedichte - Zukunftsmusik (1991) oder Kiosk (1995) - als Brevierlektüre vorm Einschlafen, mannhafter Fatalismus, gelegentlich belohnt mit Fragen, "was so sublim ist / am Arsch einer Frau." Seine allerjüngsten Moralischen Gedichte unterm Titel ‚Leichter als Luft', imponieren noch mehr als bisher mit der Versiertheit der Formen zwischen Kalendersprüchen und Ghaselen. Ihre Ode an die früh gevögelte Unschuld, // stolze Besitzerin von zwei rosigen Zitzen, die Anekdoten von der Nietzscheausgabe statt eines Vibrators, das nimmt man ihm nicht so leicht ab wie. Der richtige Fehler, / einmal versäumt, / kehrt so leicht nicht wieder. Oder gar: Phantasielos und konservativ / halte ich mich an Verheißungen, / die älter sind: Erde zu Erde / und Staub zu Staub." (Er wird, nimmt man den Großvater zum Maßstab, damit allerdings noch warten müssen. Einem Gedicht zufolge wurde der nämlich 97.) Wie eben einer, der sich von Angeboten anderer nicht hinreichend herausgefordert fühlt, hatte Enzensberger dazwischen schon längst sich diversifiziert, allerlei anderes selbst gemacht. Er war schon immer ein flinker und origineller Sammler gewesen, mit der "Lust, sich fremde Arbeit anzueignen und weiterzureichen", wie er unlängst den homme de lettres definierte. Von den Kinderreimen in Allerleirauh (1961) bis hin zu Europa in Ruinen (1990), Nie mehr. Die schlimmsten Reisen der Welt (1995; nun auch als CD zu haben), und Eine literarische Landkarte (1999). Längst nicht genug damit. Den Nachwuchs hat der Vater zweier Töchter nicht aus dem Blick verloren: Wer kennt nicht seine Version des Fliegenden Robert', die jahrelang jeder unglückliche Deutschlehrer hinterm Spiegel stecken hatte: "Eskapismus ruft ihr mir zu..." 1998 hat er ihn gewissermaßen zum Helden eines Jugendromans gemacht, zu einem Angelus novus mit umgekehrtem Blick, Wo warst du, Robert? Ein Jahr zuvor hatte er in der Einführung Der Zahlenteufel mit spielerisch-souveräner Kenntnis der Mathematik verblüfft. Längst nicht genug damit. Erinnert sei an seine Reportagen Ach Europa!, in deren Epilog aus dem Jahre 2006 er, der 1963 die Wiedervereinigung gefordert hatte, bereits 1987 auf den noch imaginären Fall der Mauer zurückblickte, mit Berlin als der Natur anheimgefallenen Biotop: "Tatsache ist, dass die Deutschen einander nicht ausstehen können. Ossies und Wessies - das ist wie Hund und Katze!" Vor allem aber muss man der Transatlantik gedenken, seiner damals angegifteten, heute legendären Gründung einer mondänen Zeitschrift für das erwachsene Westdeutschland 1980, gewollt blasiert und dandyesk. Ihre Fortüne währte nur zwei Jahre, aber in denen hat er für die literarische Revitalisierung des Journalismus mehr getan als der Journalismus in Jahrzehnten zuvor. Während er selbst einmal mehr sich auf fremdem Terrain erprobte, und Werbeanzeigen für BMW produzierte. Seine nächstes Projekt von damals, die Andere Bibliothek, gestartet 1985 am Geburtstag Arno Schmidts, die Produktion fein gemachter Bücher, erfreut sich noch immer robuster Gesundheit. Ihr Spektrum reicht, ganz nach seinem Gusto, von literarischen Wiederentdeckungen bis Neuentdeckungen - Ransmayr, Dische oder Sebald -, von - jüngst - den Memoiren einer Puffmutter bis zu Tagebüchern aus dem zweiten Weltkrieg. Eine schier unendliche Enzyklopädie. Produkt einer Beweglichkeit, die aus dem Übermaß des Vielen, der anderen wie des anderen, das Beste macht: Eigenes. Erst im Sakrileg zeige sich, "was einer ernst nimmt", hat er in ›Geisterstimmen‹, der jüngsten Sammlung seiner Übersetzungen und Imitationen, geschrieben. Auch, könnte man hinzufügen, in dem, was ihm mißlang oder was er mied. Das sind bei Enzensberger die langwierigen Formen, Drama und Roman. Verschanzte er sich bei den Romanen im Dokumentenmaterial, fiel er mit dem Drama Die Schildkröte 1961 grandios bei der Gruppe 47 durch. Und Diderots Neffe von 1997 ist nicht eben ein Erfolg zu nennen. Doch legte sich von hierher einmal mehr die Spur zu Diderot, mit dem er sich seit je befasste, "ein Revolutionär, ein Bücherwurm, ein Spieler, und zu allem Überfluß...auch noch ein braver Familienvater." Enzensberger, alles das auch, wenngleich statt Revolutionär eher ein Sammler von Revolutionären, ist Diderots Nachmieter im Haus der hedonistischen Aufklärung, des Wissens, Denkens und Verfassens. Diderots Schatten, die Sammlung eigener Texte von 1994, zeugt davon. Über so einen feuilletonistisch zu mutmaßen, ist leicht, über ihn eine ganze, lange Biographie zu schreiben, nahezu unmöglich. Jörg Lau hat sich in seinem rechtzeitig auf Geburtstags- und Gabentisch gelangenden biographischen Versuch durch Klugheit höchst bemerkenswert aus der Affäre gezogen, indem er es ein "öffentliches Leben" genannt und ebenso ausgiebig wie kundig in die Zeitläufte eingebettet hat. Liest man es, der politischen Korrektur wegen, zusammen mit Axel Schildts Geschichte der Bundesrepublik, dann hat man nichts geringeres als eine lebendige Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Die gewählte Form, die behäbig-trauliche Rede von ‚unserem Dichter' macht Enzensberger zwar zum Mann des 19. Jahrhunderts, aber warum nicht? Jedenfalls liefert Lau auch Erhellungen zu Enzensbergers Herkunft, Kindheit und Jugend. Vielleicht ist es ja demnach doch so: Ein Voltigeur zwischen Überflüssigkeitsangst (Kriegskindheit) und Lust am Überfluss (Schwarzhändler), ein fliegender Wechsler des Habits und der Masken. Selbst der Habitus des älteren Herrn besagte dann nur, dass unter ihm der früherwachsene Kindskopf wacht. Dort wo der "moralische Schizo" die Norm ist, gilt um so höher die Eleganz der Diskretion: "Bleibe getrost wie Du bist", hieß es in ‚Voltaires Neffe', "aber verhalte Dich so, dass es die anderen nicht merken." Halten wir uns also daran, folgen wir der Aufforderung in einem seiner schönsten Gedichte, lachesis lapponica, gerichtet an den Vogel draußen, im Kopf, "der nicht aufhört: "Ich weiß, wer du bist, Totenkopf auf dem Kurfürstendamm", nämlich: "Laß mich im Unbeschriebenen." Diderot ist Diderot, ein einzig Individuum, wer an ihm oder seiner Sache mäkelt, ist ein Philister, und deren sind Legionen. Wissen doch die Menschen weder von Gott noch von Natur, noch von ihresgleichen dankbar zu empfangen, was unschätzbar ist. (Goethe)

Hans Magnus Enzensberger: Leichter als Luft. Moralische Gedichte, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1999, 132 Seiten, 32.- DM Hans Magnus Enzensberger: Geisterstimmen. Übersetzungen und Imitationen, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1999, 392 Seiten, 42.- DM Jörg Lau: Hans Magnus Enzensberger. Ein öffentliches Leben, Alexander Fest-Verlag, Berlin 1999, 395 Seiten, 49,80 DM Das Wasserzeichen der Poesie. Vorgestellt von Andreas Thalmayr. 2 CDs, Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main, 49,80 DM Die schlimmsten Reisen der Welt. Dargeboten von Hans Magnus Enzensberger. 2 CDs Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 1999, 49,80 DM

00:00 12.11.1999

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