Meist hat es ja schon einen Namen

Alltag "Still geboren" heißen Kinder, die tot zur Welt kommen. Ob sie beerdigt werden, liegt am Gewicht

Auf die Frage, wie viele Kinder sie habe, antwortet sie: Drei. Kerstin W. geht zum Bettchen ihrer Tochter, die soeben nach ihr verlangt. Still ist es in der Wohnung, seltsam aufgeräumt wirkt alles, ungewöhnlich sauber für einen Haushalt mit drei Kindern und ernst. Es ist dieses "ernst", das irritiert. Alles wirkt hier so: die Möbel, die weißen Gardinen, die graue Auslegware, die bilderlosen weißen Wände, Kerstin W. Sie sitzt auf dem Sofa und stillt ihre Tochter. Als sie zur Welt kam, hat sie ihr gesagt, dass sie zwei Brüder habe: Paul und Collin - Zwillinge. Irgendwann einmal, wenn Kerstin W. ihre beiden Söhne wieder besuchen fährt, wird sie ihre Tochter mitnehmen. Begrüßung und Abschied heben sich an solchen Tagen auf. Für Kerstin W. hat beides längst stattgefunden, und es lag nicht viel Zeit dazwischen. Irgendwann einmal wird sie ihre Tochter mitnehmen, wenn sie zu Collin und Paul nach Lankwitz fährt, Malteserstraße 113-121.

Dort hat Christina Eisner ihren Arbeitsplatz. Sie verwaltet den Friedhof der evangelischen Kirchengemeinden Lankwitz und Luther. Vor drei Jahren hat sie gemeinsam mit den Initiatoren der 1992 gegründeten trauerbegleitenden Beratungsstelle Tabea e.V. auf dem Kreuzfriedhof eine Begräbnisanlage für still geborene Babys und gestorbene Kleinkinder geschaffen. Die Einzigartigkeit dieses Projektes besteht in erster Linie darin, dass hier auch ganz kleine fehl- und totgeborene Babys als Einzelbestattungen in zum Teil speziell gefertigten Sargkästchen ihre letzte Ruhe finden. Das mag für die meisten plausibel klingen. Ist es aber nicht. Denn gemäß Paragraf 15 Abs. 2 des Bestattungsgesetzes, muss eine tot geborene oder während der Geburt verstorbene Leibesfrucht mit einem Gewicht unter 500 Gramm nicht bestattet werden. Sofern keine individuelle Bestattung durch ein Bestattungsunternehmen erwünscht ist oder das Angebot von Krankenhäusern zur Sammelbestattung angenommen wird, besteht nach Paragraf 15 Abs. 3 die Pflicht, Leibesfrüchte "in hygienisch einwandfreier und dem sittlichen Empfinden entsprechender Weise zu beseitigen." Das gesetzlich sittliche Empfinden ist dehnbar wie Kautschuk. Auf den praxisorientierten Punkt gebracht bedeutet das nichts anderes, als dass Leibesfrüchte in Krankenhäusern mit Körperteilen und Organen gesammelt und als Abfall der Gruppe E beseitigt werden. Zum Abfall der Gruppe E gehören außerdem: Emulsionen, Elastomere, Entwickler und Elektroschrott.

Noch vor kurzem wären auch Paul und Collin nach dem Personenstandsgesetz nicht bestattungspflichtig gewesen. Mit ihrem knapp über 700 Gramm Körpergewicht entsprachen sie nicht der gesetzlichen Norm, die bei ursprünglich 1.000 Gramm lag. 1994 wurde die 1.000-Gramm-Grenze auf 500 Gramm gesenkt. Somit erhalten alle Totgeburten über 500 Gramm einen Totenschein, der für eine Bestattung erforderlich ist. Für alle kleineren Kinder wird eine Bescheinigung der Klinik benötigt, die die Namen der Eltern, Schwangerschaftswoche, Geschlecht und Gewicht des Kindes enthalten sowie den Hinweis, dass eine Beerdigung erwünscht ist. Die 1994 geänderte Gewichtsgrenze wird in den Bestattungsgesetzen nicht zwingend beachtet, zumal die Vorschriften im Bestattungswesen in die Zuständigkeit der einzelnen Länder fallen. In Nordrhein-Westfalen liegt überhaupt keine gesetzliche Regelung vor. In Bremen wiederum gilt als einzigem Bundesland eine Bestattungspflicht für alle Tot- und Fehlgeburten und alle aus Abtreibungen stammenden Föten ab der 12. Schwangerschaftswoche.

Vor sechs Jahren berichtete das ARD-Magazin Report, dass in Berliner Krankenhäusern Leibesfrüchte unter 1.000 Gramm zusammen mit Klinikmüll zu Granulat verarbeitet wurden und die daraus gewonnene Schlacke zum Straßenbau verwendet wurde. Der Aufschrei war daraufhin groß; zu hören ist von ihm längst nichts mehr. Erhalten hat sich ein ethisches Problem: Wie viel Gramm muss man auf die Waagschale legen, um als Individuum zu gelten? Der medizinische Fortschritt lässt heutzutage schon extreme Frühchen, die nur wenige Hundert Gramm wiegen, überleben. Ein genauso schweres Totgeborenes hingegen ist unter Umständen je nach Bundesland nicht bestattungspflichtig und landet im Klinikmüll.

Als Paul und Collin am 16. Mai vor drei Jahren geboren wurden, war ihre Lage bedenklich; aber nicht hoffnungslos. Infolge einer Lungenblutung starb Paul nach zwei Tagen. Kerstin W. bereut es, dass sie in der Sterbestunde nicht bei ihrem Sohn sein konnte. Sie war noch zu schwach, um ihr Bett zu verlassen. "Bereits nach zwei Tagen hat man mich gefragt, wie ich mir die Beerdigung vorstelle. Aber ich hatte keine Vorstellungen. Ich hatte doch mit einem Zuwachs an Leben gerechnet und keinen einzigen Gedanken an die gegenteilige Situation verschwendet." Ihre Mutter wird schließlich auf die Beratungsstelle Tabea e.V. aufmerksam. Sie ahnt, was auf ihre Tochter seelisch zukommen wird. Am 5. Juni macht der betreuende Arzt der jungen Mutter klar, dass sie auch ihren zweiten Sohn verlieren wird. Er plädiert dafür, die Maschinen abzuschalten, um Collin das Sterben zu erleichtern. "Natürlich willigte ich ein. Es war das beste für Collin. Ich musste ihn loslassen. Egal wie schwer es für mich sein würde, aber ich musste im Sinne meines Sohnes denken." Der Arzt schaltete im Beisein von Kerstin W. um 21 Uhr alle lebenserhaltenden Geräte ab. Dann legte er Collin in die Arme von Kerstin W. und ließ sie mit ihrem Sohn allein. Da saß sie nun im Liegestuhl. Das, was sie in ihren Armen hielt, war 33,8 Zentimeter groß und eine zärtliche Verabschiedung wert. Das, was da noch die Augen aufschlug, bevor es nach ungefähr zehn Minuten starb, wog 715 Gramm.


Jutta Bartholomé ist Hebamme am Benjamin Franklin Krankenhaus. Wie vielen Kinder sie geholfen hat, zur Welt zu kommen, kann sie nicht sagen. Sie hat aufgehört zu zählen. Das ethische Dilemma bezüglich der Bestattungspflicht still geborener Babys ist ihr seit langem bekannt. Es fehlt an Aufklärung. Betroffene Mütter wissen oftmals gar nicht, dass sie ihrem Kind das Recht auf eine individuelle Bestattung einräumen können. Die Frage, wie sich Kerstin W. eine Bestattung ihrer Söhne vorstelle, ist in Krankenhäusern nicht an der Tagesordnung. Gewöhnlich ist es so, dass tote Babys, deren Eltern von einer individuellen Bestattung keinen Gebrauch machen, in der Pathologie gesammelt werden und zwei Mal im Jahr in Form von Sammelbastattungen auf einem eigens dafür errichteten Gräberfeld, das die Klinik besitzt, beigesetzt werden. Die verwaisten Eltern werden in der Regel brieflich vom Tag der Beisetzung in Kenntnis gesetzt.

Sicher ist es befremdlich, wenn Christina Eisner in der Leichenhalle des Kreuzfriedhofs Lankwitz erzählt, wie liebevoll geschmückt mit Blumen und kleinen Kuscheltieren, ein Kind aufgebahrt wurde, das nur fingergroß war. Aus ihren Gesprächen mit betroffenen Eltern weiß Annette D.-Bornemann von Tabea e.V., dass diese in der Regel eine sehr distanzierte Haltung zu ihrem toten Kind einnehmen und in trauerbegleitenden Gesprächen nicht von "unser" oder "mein Kind" sprechen, sondern nur "das Kind" sagen.

Vielleicht steht diese Versachlichung damit im Zusammenhang, dass viele Eltern nach einer Fehl- oder Totgeburt ihr Kind gar nicht sehen. Sie haben Angst davor oder die Mütter quälen Schuldgefühle. "Viele werfen sich das in Gesprächen, die ich führe, immer wieder vor", sagt Annette D.-Bornemann. Erst wenn Geschwister kommen, verebbt dieses Verlangen. Ihrem Kind nie in die Augen gesehen zu haben, es nie berührt zu haben - dass diese Dinge Gewissen wie Seele lange Zeit belasten, weiß auch Jutta Bartholomé. Sie engagiert sich seit vielen Jahren in der Iniative "Regenbogen Glücklose Schwangerschaft e.V." Sie erlebt oft, dass sich Mütter nach einer pränatalen Diagnostik mit positivem Befund noch am selben Tag für einen Abbruch der Schwangerschaft entscheiden. Die Frage des Arztes "Möchten Sie abbrechen oder nicht?" kommt viel zu schnell, und trifft in solcher Situation auf den Schock, ein schwerstbehindertes oder nicht lebensfähiges Kind austragen zu müssen.

Die Plötzlichkeit der Frage hat auch Katja Baumgarten erlebt. Sie war in der 22. Schwangerschaftswoche, als sie vor die Entscheidung einer eventuellen Abtreibung gestellt wurde. Sie hat nicht wie 98 Prozent der betroffenen Mütter reagiert, sondern ist mit der Diagnose nach Hause gegangen und hat sich dafür entschieden, ihr Kind auszutragen. Über den Prozess der Entscheidung, die Geburt und die Verabschiedung ihres Kindes, hat Katja Baumgarten einen Film gedreht Mein kleines Kind. "Die Erfahrung lehrt", so Jutta Bartholomé, "dass es Eltern, die sich sofort für einen Abbruch entscheiden, auf lange Sicht schlechter geht. Die Entscheidung zu treffen, wann das Kind sterben soll, ist psychisch kaum auszuhalten. Mütter, die ihr Kind zur Welt brachten und ihr Kind entscheiden ließen, wann es sich verabschiedet, konnten auch im nachhinein mit der Situation besser umgehen." Der Abbruch, bei dem Kaliumchlorid in das Herz des Kindes gespritzt wird, wird als sehr schmerzhaft empfunden. Mütter empfinden beim Geburtsvorgang naturgemäß ein starkes Glücksgefühl. Vermischt sich dieses mit dem Wissen, ein totes Kind zur Welt zu bringen, endet das Ereignis in einem Trauma. Was nicht selten dazu führt, dass Paare auseinander gehen. Jutta Bartholomé war es immer wichtig, auch jungen Hebammen zu vermitteln, dass es für Eltern unerlässlich und sinnvoll ist, Zeit mit ihrem toten Kind zu verbringen. Meist hat es ja schon einen Namen. Manche Eltern lassen ihr Kind von einem Seelsorger im Krankenhaus taufen. Die toten Kinder werden in einem sogenannten Moseskörbchen in ein weißes Tuch gebettet. "Stück für Stück wird den Eltern ihr Kind gezeigt. Es kommt immer auf die Schwere der Behinderung an, wie weit wir das Tuch zurückziehen und was wir den Eltern optisch zumuten können." Auch in solchen Situationen erleben Hebammen, dass die Angehörigen auf der Suche nach Ähnlichkeiten sind, sie sogar entdecken oder Fotos machen. Es scheint nicht viel anders zuzugehen als nach einer normalen Geburt, obgleich das Ereignis mit einem Abschied gleichzusetzen ist. Wer käme in solchen Momenten auf die Frage, wieviel das Kind wiegt?

Alle sind gefragt. Vom Gynäkologen bis zum Bestatter. Es geht um behutsame Aufklärung. Es geht um Möglichkeiten, um Freiräume für Eltern, die ein Kind verloren haben oder wissen, dass sie es verlieren werden. Es geht darum, und da sind sich Jutta Bartholomé und Annette D.-Bornemann einig, Trauer zuzulassen und den Tod wieder in den Alltag zu integrieren.

Auf dem Wohnzimmertisch von Kerstin W. liegt ein Fotoalbum mit Bildern von Paul und Collin. Auf liebevoll gestalteten Karten haben die Hebammen Namen und Daten ihrer Söhne eingetragen. Darunter finden sich in blauer Farbe die Fußabdrücke von Collin und Paul. Manchmal streichen die Finger von Kerstin W. darüber; sehr behutsam, sehr vorsichtig, als wolle sie den beiden Leben, die nur etwas länger als eine Schwangerschaft dauerten, nicht weh tun.


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00:00 22.04.2005

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