Meisterwerke en gros

Kulturnetzwerk Die Guggenheim-Foundation zeigt ihre Sammlung in der Bonner Bundeskunsthalle - und nebenbei auch ihre globale Export-Ideologie

Thomas Krens, Direktor der New Yorker Guggenheim-Foundation und nach eigener Einschätzung somit Impresario eines global agierenden Kunstkonzerns, hat soeben für die Dauer von sechs Monaten eine neue Filiale eröffnet: die Bonner Bundeskunsthalle. Nach vielen Fehlschlägen endlich ein Erfolg: sich eines der größten deutschen Museen zu krallen und zur Abspielstation des eigenen Spektakels zu machen, das man zu Hause immer nur häppchenweise zeigen kann. Die derart Gekaperten sind auch noch froh darum: Sie haben keine eigene Sammlung, und ihre Aktivität besteht vor allem darin, "die großen Museen der Welt" nach Bonn zu holen.

Das Guggenheim-Gastspiel aber löst zwiespältige Gefühle aus: Einerseits ist man ja froh, sonst weit entfernte Werk-Blöcke einmal im Original sehen zu können; andererseits beschleicht einen großes Missbehagen angesichts einer Philosophie, die Ausstellungen lediglich als Hitparade von Meisterwerken begreift und hier auf mindestens 600.000 Zuschauer ausgerichtet ist. Werden es unwahrscheinlicherweise weniger, trägt das der Sponsor, die Telekom; werden es mehr - und so sieht es aus - verdient der Sponsor mit.

Zuerst der MoMA-Zirkus in Berlin, nun die Guggenheim-Show in Bonn: Kunstbetriebsamkeit besteht gegenwärtig offenbar darin, ganze Museumsbestände in Kisten zu packen und von einem Ort zum anderen zu transportieren. Nicht der Einzelne muss sich, wie im 19. und 20. Jahrhundert, bewegen, auch intellektuell, und auf altmodische Weise zum Kunstwerk bemühen, sondern die Kunst wird nunmehr zum solventen Endverbraucher gebracht - obgleich das Reisen vergleichsweise einfacher geworden ist. Einfacher ist es heute auch, Geschmack zu diktieren. Und die Guggenheim-Foundation macht sich daran, weltweit ihre Sicht der Dinge unters Volk zu bringen.

Zumindest für die Bonner Schau muss man sagen, dass Krens sich dabei äußerst geschickt anstellt. Die Ausstellung zeigt tragende Werke der immer noch wachsenden Guggenheim-Sammlung von Kandinsky bis Matthew Barney - Dinge, für die man sonst eben sehr weit fahren müsste. Die klassische Moderne kann man in der Bundeskunsthalle in einem kompakten Schnelldurchgang ablaufen, wichtige Gegenwartskünstler wie Roni Horn, Rachel Whiteread, Kara Walker oder Matthew Richie sind im benachbarten Bonner Kunstmuseum schick in Szene gesetzt.

Zwar wird fast schmerzlich der Niveau-Unterschied zwischen den Bewegungen des 20. Jahrhunderts und dem Talmi mancher auf dem Markt erfolgreichen Gegenwarts-Konzeptualisten deutlich (David Almejds scheinmythologisch sich in sich selber spiegelnde Werwolf-Installation ist leider nur aufwendiger Kitsch). Aber das alles wollte man dann schon mal gesehen haben: Kandinsky, von dem ja das allererste von Salomon Guggenheim erworbene Bild stammt, ist hier von der expressionistisch-farbwütigen Phase bis in die Abstraktion, in die Zwiesprache der puren Zeichen vor leergefegtem Bildgrund dokumentiert - eine kleine Ausstellung für sich. Danach ein Impressionismus-Zwischenspiel und ein fast klösterliches Cézanne-Stillleben, schließlich, einfach so, die kubistischen Zwillinge Picasso und Bracque mit ihren zerbrochenen Räumen und zerquetschten Musikinstrumenten.

Ursprünglich war die Sammlung ja ausschließlich der nicht-gegenständlichen Kunst gewidmet: Salomon Guggenheims Beraterin, die deutsche Baronesse Hilla von Rebay, wollte die Abstrakten durchsetzen - und schwatzte dem reichen Sammler auch zahlreiche Gemälde ihres damaligen Liebhabers auf, des Malers Rudolf Bauer. Jenseits dieser persönlichen Voreingenommenheit hat sie aber sehr umsichtig eingekauft - die Ausstellung referiert die Pariser Avantgarde von Delaunay bis Duchamps und Dubuffet, sie hangelt sich von Beckmann und Kokoschka vor zu Pollock, zur Farbfeldmalerei und zur Pop-Art.

Solche Ankäufe hat Rebay natürlich nicht mehr verantwortet; schon vor der Eröffnung des von Frank Lloyd Wright entworfenen, sich in einer grandiosen Spirale in die Höhe windenden Guggenheim-Baus 1959 war sie entlassen worden. Aber so, wie es einem in Lloyd Wrights Zentrifuge mit dem sanft ansteigenden Treppenhaus schwindlig werden kann (ein Foto der Museums-Eröffnung holt das Mutterhaus nach Bonn), so schwindelt es einem auch in dieser Ausstellung. Denn wer nicht nur brav den Parcours abläuft, sondern sich vor und zurück bewegt, die Zeiten ineinandergreifen lässt, der befand sich gerade noch vor dem dunklen, surrealistischen, hingekratzten Wald des Max Ernst - und steht nun vor einer angerosteten, riesenhaften, tonnenschweren, in den Raumwinkel gelehnten Stahlscheibe von Richard Serra. Ellsworth Kelleys Blue Curve hängt nicht weit von den Torsi von Constantin Brancusi und den Geometrien des Piet Mondrian. Eben war man noch bei expressionistisch in die Länge gezogenen Kirchner-Frauen, schon steht man vor Donald Judds minimalistischen Kästen, Dan Flavins Leuchtfenstern, Mark Rothkos Farb-Exerzitien oder vor Andy Warhols 150fach vervielfältigter Marilyn. Allein der Blick von oben auf den großen, wie eine Theaterbühne inszenierten Haupt-Saal ist den Eintritt wert.

Dort sind einige Hauptwerke des Minimalismus zu sehen, ein Labyrinth und stählerne Barrieren von Robert Morris, Bodenplatten von Carl Andre, ein Kiesbett von Richard Long - und Bruce Naumans Platzangst machender, extrem schmaler Grüner Korridor von 1970. Das alles ist wunderbar, aber es ist auch ein bisschen viel. Es wird dem Zuschauer zu einfach gemacht: Meisterwerke en gros, so könnte man die Ausstellung überschreiben. Wenn man immer nur vom Feinsten bekommt, verliert man den Blick für die Unterschiede, für die Nuance. Warum etwa Kandinsky kompositorisch, in der Bild-Rhythmisierung ein Meister ist, sieht man nur im Vergleich zu schwächeren Zeitgenossen - und die fehlen hier.

Denn der Kunst-Konzern Guggenheim will nur das Beste - für uns, die Konsumenten, die Kunden. Sprach man in den siebziger Jahren in Deutschland von der Suhrkamp-Kultur, die allerdings noch mit aufklärerischem Anspruch antrat, so wird man demnächst - in der Kunst - von der Guggenheim-Kultur sprechen müssen. Die (vorerst) gescheiterten, aber architektonisch zum Teil schon durchgeplanten Projekte in Salzburg, Rio, Guadalajara, Tokio, Peking oder Taijung haben Thomas Krens keineswegs entmutigt; das Guggenheim-Haus in Bilbao floriert, Sammlungsbestände werden zwischen Spanien und New York, wo die ursprüngliche Sammlung seit Jahren nicht wirklich zu sehen war, munter herumgeschoben; in Venedig stehen die Guggenheim-Surrealisten, in Berlin und Las Vegas unterhält man kleinere Dependancen. Lloyd Wrights New Yorker Museums-Zentrifuge scheint die Stiftung metaphorisch aufzufordern, nach außen zu gehen. Zur Zeit plant Krens ein Museum für Abu Dhabi. Was Kandinsky oder Matthew Barney dort sollen, ist zwar etwas schleierhaft - aber Kultur überwindet angeblich alle Grenzen und hat nur friedliche Absichten ...

Wir wollen kein Spielverderber sein: Die Bonner Ausstellung ist exzellent gemacht und verdient ein großes Publikum. Und natürlich ist es richtig, dass die Guggenheim-Kunstwerke auch gezeigt werden, statt im Depot zu verstauben. Allerdings: Die Kanonisierung von Kunst, einer gewissen Kunst, die die Guggenheim-Foundation betreibt, folgt vor allem Marketing-Gesichtspunkten: man will über hohe Leihgebühren Geld damit verdienen. Und: Das globale Expandieren dieser Stiftung ist das Expandieren eines bestimmten Kunstbegriffs. Zumindest die Dritte Welt wird da nicht ganz einverstanden sein. Die Gegner der Guggenheim-Strategie sammeln sich schon, auch in Europa - und es wird sich zeigen, ob staatliche, also von uns finanzierte Museen dem Guggenheim weiter die Schleppe tragen werden oder ob sie sich nicht auf die eigenen Stärken besinnen. Das privat finanzierte Guggenheim und die öffentlich bezuschussten Museen sind Konkurrenten - das wird von der Bonner Veranstaltung ausgiebig vernebelt.

Bundeskunsthalle Bonn, bis 21. Januar 2007. Katalog, Hatje Cantz, 25 EUR


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00:00 04.08.2006

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