Menschen retten

Kehrseite Scheiß-Meer. Ich hasse das Meer. Das Meer ist ein verschissener Geheimnistuer. Man müsste das Meer nehmen und wegschmeißen, gucken, was es da unten ...

Scheiß-Meer. Ich hasse das Meer. Das Meer ist ein verschissener Geheimnistuer. Man müsste das Meer nehmen und wegschmeißen, gucken, was es da unten auf dem Grund zu verstecken hat.

Die Menschen springen rein, ziehen Sonnencremeschlieren durch das Wasser und stolpern über den viel zu heißen Sand zurück auf ihre Handtücher. Abtrocknen. Eincremen. Ein Stück Melone von den Melonen-Negern gefällig? Ja, sehr gerne. Hach, schmeckt die erfrischend. Und das ganze von vorn.

Aber was da unten ist, davon haben die keinen Schimmer.

Ich sitze auf meinem Hochsitz und sehe zu wie keiner ertrinkt.

Erst kamen die Pfleger und holten meinen Vater aus seiner Wohnung. Die Nachbarn standen in Türrahmen wie Heiligenbilder und schüttelten ihre gepflegten Heiligen-Köpfe, schüttelten ihre gepflegten blonden Heiligenscheinhaare. Mein Vater heulte lange Rotzfäden und schrie wie ein ekelhaftes Kind.

Danach sind die Müllmänner gekommen und haben den Müll aus seinem riesigen Apartment geschafft. Eine Woche lang von morgens bis abends haben sie die dicke Schicht Abfall, die sich an allen Wänden, vor den Fenstern und Schränken bis unter die Decke auftürmte, in schwarzen Plastiksäcken rausgehievt. Kakerlaken. Käfer. Tausendfüßler. Verschiedene Sorten Fliegen. Im Büro erschien er immer ganz gepflegt. Keine Ahnung wie er das gemacht hat. Keine Ahnung.

Dann haben meine Schulkameraden aufgehört, mit mir zu sprechen.

Ich trage eine beschissene rote Badehose und eine beschissene rote Rettungsboje. Meine Haut ist braun, meine Haare sind salzwasserbleich. Die Mädchen schauen mit zusammengekniffenen Augen hoch zu mir.

Abends nach dem Strand. Kaufe ich mir auffällig Porno-Magazine und Alkohol im einzigen Supermarkt auf der verschissenen Insel und gehe in mein Zimmer ohne Fernseher.

Wäre doch ganz gut, wenn du das machen würdest. Du bist doch früher schon gern geschwommen. Außerdem kommst du auch raus aus der Stadt. Seeluft tut dir bestimmt gut.

Meine Mutter ist nett. Sie liebt mich. Weil ich das Einzige bin, was ihr nach der Scheidung von ihrem Mann geblieben ist. Sie haben sich scheiden lassen, weil sie sich zu sehr geliebt haben, sagt sie manchmal. Dann ist er in das riesige Apartment gezogen und verrückt geworden. Meine Mutter liebt mich, weil ich bin wie er.

Hinten, etwa 50 Meter raus, kräuselt sich das Wasser zu flachen Wellen. Eine Familie schwimmt. Der Vater voran. Sie denken, da ist eine Sandbank. Das passiert ständig. Wettschwimmen zur Sandbank. Aber die Sandbank ist ein Strudel. Ein kleiner, aus dem ein guter Schwimmer leicht wieder rauskommt.

Ich sehe zu, wie sie hinschwimmen, wie ich immer zusehe. Den Surfern, den Familien und Kururlaubern. Ich sehe, wie sie hineinschwimmen und warte ein bisschen, bis sie verstanden haben und Panik bekommen.

Der Mann rudert mit den Armen und brüllt wie am Spieß. Sein Sohn ist am Rand des Strudels. Ich warte, bis er mit reingezogen wird. Bis die beiden in der Mitte des Strudels um ihr Leben paddeln und sich dabei gegenseitig unter Wasser drücken. Dann schwimme ich raus, baywatchmäßig, als wäre der Teufel hinter mir her, angel sie mit meiner scheißroten Boje aus dem Strudel, schlepp sie an Land und lass sie ein wenig erschöpft und dankbar sein, wie sie es aus den nachgestellten Rettungsszenen in "Notruf" kennen.

Währenddessen glotzen die Mädchen mit ihren zusammengekniffenen Augen auf meine braune Haut unter der sich die Muskeln spannen und in mein ebenmäßiges Gesicht. Ich habe am Anfang versucht, mir diese Mädchen beim Wichsen vorzustellen. Aber ich sehe immer nur zusammengekniffene Augen.

Die Essenseinladung an ihren Retter lehne ich ab, gebe ihnen aber meine Adresse und nehm´ das Geld, das sie mir schicken. Vor einer Woche kam eine Familie mit ihren kleinen Kindern persönlich, um mir Blumen und einen Fresskorb zu bringen. Ich bat sie rein zwischen die Pornohefte und die leeren Flaschen.

Die Wochenenden bei meinem Vater waren das Beste. In seiner Wohnung war es wie in einem Wald. Ein Wald aus Dingen. Für mich war das alles kein Müll, sondern die Sachen meines Vaters. Wie meine Mutter Sachen hatte und meine Oma und sowieso alle. Nur dass mein Vater eben viel mehr davon hatte. Einen Abenteuerspielplatz voll mit Sachen und kleinen Tieren die ausgegraben und untersucht werden wollten. Am Ende der Wochenenden ging mein Vater dann mit mir auf ein Hotelzimmer, wusch mich und meine Kleider. Wir sahen Musikfernsehen bis alles trocken war und er lieferte mich bei meiner Mutter ab.

Wie war´s mein Schatz? Schön.

Die Müllmänner sind in Astronautenanzügen gekommen und haben sein ganzes Leben in schwarze Säcke gestopft und aus der Wohnung geschleppt. Und ich habe ganz still daneben gestanden. Ich habe mal gelesen, dass, ich glaube, indische Mönche nach innen abspritzen können. Ich glaube, ich habe nach innen geheult. Soviel Leben. Dann hat Mutter mich abgeholt.

Morgens, ganz zuerst, laufe ich zum Strand und gehe schwimmen. Ich lege mich aufs Wasser, ziehe die rote Badehose aus, halte sie nur noch am kleinen Finger und spüre, wie das Wasser durch meine Poren in mich eindringt.

Der menschliche Körper, das habe ich mal in einem Magazin gelesen, besteht zu 85 Prozent aus Wasser. Ich liege da, lasse mich treiben, lasse mich einweichen, trinke von dem salzigen Wasser, spiele Schiffbrüchiger und lasse mich von der Strömung aufs Meer und zu dem Strudel ziehen. Ich trinke und treibe und träume davon, dass irgendwann das ganze Wasser in mir drin ist, dass meine Haut die Oberfläche von Regentropfen, Flüssen und Meeren ist, und ich schlage an die Strände von England, Hawaii, Tokio und Australien. Ich gefriere an den Polen, verdunste in den Wüsten und falle über den Städten.

Jeden Morgen dasselbe. Ich treibe um den Strudel. In immer kleineren Kreisen. Und immer in der letzten Runde denke ich daran, wie die ganzen geretteten Familien in meinem verdreckten Hotelzimmer stehen und verängstigt ihre Kinder an sich drücken.

Dann ziehe ich meine rote Badehose an und gehe zu meinem Turm.

Benjamin Maack, geboren 1978, lebt als freier Schriftsteller und Redakteur in Hamburg. Soeben erschien sein erster Gedichtband Du bist es nicht, Coca Cola ist es
(28 Gedichte eine Kurzgeschichte).


00:00 18.06.2004

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