Menschliche Orte

Robinson Streifzüge in arabischen Städten

Kairo - Lärmsuppe aus tausend Quellen

Menschliche Orte - was für ein seltsamer Ausdruck. Er steht in meinen Notizen vom dritten Kairo-Tag, als alle Sinne noch mit dieser Stadt kämpften, mit dem Lärm, mit der abgasblauen Luft, mit der Hitze. Die menschlichen Orte waren wie Inseln, hier geschah etwas ganz Unmögliches. Unmöglich jedenfalls für uns, die wir aus einer leisen, geordneten Welt kommen: Inmitten des Molochs hatten sich Menschen mit leichter Hand Zonen der Ruhe, sogar der Intimität geschaffen. Der Teeausschank zwischen den rohen Betonpfeilern einer Hochstraße: Bei einbrechender Dämmerung saßen die Gäste auf winzigen Stücken weinroten Teppichs; vertieft ins Gespräch oder ins Händchenhalten schienen sie den tosenden Verkehr ringsum nicht zu bemerken.

Oder der Mann mit Zeitung, auf einem Klappstuhl vor seinem Laden im dichtesten Gewühl; er las, als säße er in der stillsten Bibliothek. Und die Wasserpfeifenraucher am Stadttor Bab Zuweila; sie zogen nur die Füße ein wenig ein, als der Bus kam, damit er ihnen nicht über die Zehen fuhr, kein Grund zur Hektik.

Nach einer Weile spürt man, wie sich ein Netz solcher Orte über die ganze Stadt legt, sie sind stationär oder ambulant, sie können an jeder Straßenecke entstehen, durch eine Einladung zum Tee, eine Geste, einen Witz. Kairo, diese unregierbare 18-Millionen-Megapolis, erzählt zwei große Geschichten, die einander ständig ins Wort fallen: Die eine handelt davon, was Menschen einander antun durch eine latent selbst zerstörerische Lebensweise. Die andere Geschichte erzählt, was Menschen aushalten - und wie wundersam resistent sie sein können gegen jene Verrohung, die ihnen die Unwirtlichkeit der Verhältnisse doch nahe zu legen scheint.

Zwölf Reihen Wäscheleine vor einem Fenster. In der dichtest besiedelten Großstadt der Welt leben Hunderttausende Familien in nur je einem Zimmer, zwei Drittel der Kairiner gelten als arm, und doch ist die Kriminalität niedriger als in den meisten westlichen Großstädten. Kairo erschöpft, reizt die Augen, färbt den Hemdkragen schwarz, aber Kairo macht keine Angst. Man kann nachts unbesorgt durch finstere Winkel der Altstadt laufen; von irgendwo her wird eine Stimme "Welcome" rufen. Vielleicht ist Kairos Chaos nur so überlebbar: Mit einem Ausmaß an Herzlichkeit und Humor, das unsere geordnete Welt nicht aufzubringen vermag.

Schnell wird hier Freundschaft geschlossen, das geringfügigste Einverständnis mit einem euphorischen Handschlag bekräftigt, unter Männern mit Knietätscheln und Oberschenkelzwicken. Szenen von kindlicher Heiterkeit: Im hellerleuchteten Foyer der Nationalbank rangelten die Wächter nachts zum Zeitvertreib um eine Tüte Brot. Vielleicht geht das nur in Kairo so zusammen: Selbstironie, Religiosität und ein waches Gespür fürs Groteske.

"Al-Hamdulillah", Gott sei Dank, rief mein Taxifahrer, als die Motorhaube seiner Schrottkarre aufflog und ihm bei voller Fahrt die Sicht verstellte. Denn - Al-Hamdulillah - war die Straße gerade frei, wann passiert das schon in Kairo?

Kairos Lärm ist schwer zu beschreiben, es handelt sich um eine Lärmsuppe aus tausend Quellen, ein Lärmmeer, man geht mit seinem Rauschen zu Bett und wacht damit auf. Über das nie verebbende Hupkonzert legen sich fünfmal am Tag die Gebetsrufe von 4.000 Minaretten, dazu husten 60.000 betagte Taxis, aber das alles sagt noch nichts über die Lust am Krach, mit der jede nur erdenkliche Lautnische gefüllt wird. In der Metrostation hängt ein dröhnender Fernseher an der Decke, Mopedfahrer installieren Lautsprecherboxen am Fahrzeug, der Pferdekutscher knallt mit seiner Peitsche, als produzierte er eine elektronisch verstärkte Fehlzündung, und wenn der Verkäufer der Butangasflaschen werbend auf sein Leergut hämmert, will auch der arme Mann nicht zurückstehen, der in der Straße der Polstersessel-Macher zum eigentlich leisen Staubwischen verurteilt ist: Er haut den Staub, dass es nur so kracht.

Unterhalb der Zitadelle führen ein paar Stufen hinunter in eine Welt dörflicher Beschaulichkeit. Hinter der ersten Biegung wurde Baumwolle gesträhnt, Schafe rieben sich an Hausecken, Ziegen staksten über Türschwellen, und ehe ich mich versah, hatte mir eine Frau einen Blechteller mit Eintopf in die Hand gedrückt und zog mich auf einen Stuhl vor ihrem Haus. Kairo setzt sich aus Tausenden solcher Mikrokosmen zusammen. Dörfliche Milieus nisten nicht nur zwischen Mausoleum und Minarett, auch zwischen Betontrassen, sie liefern den sozialen Kitt, der das Chaos in einem leidlich stabilen Zustand hält. Eine Sackgasse im Arbeiterbezirk Shubra, das Pflaster ist bedeckt mit einer Liebeslandschaft aus Sand und knallbunter Farbe: eine Burg, ein Krokodil, ein Herz für Mansour Henna. Sie heiraten morgen, heute Abend wird schon gefeiert. Sieben Familien in 14 Wohnungen teilen sich dieses Stück Gasse, sie ist so schmal, dass die gegenüberliegenden Balkone nur eine Armeslänge trennt. Hier bleibt nichts verborgen. Noch eine Stunde bis zum Beginn der Party; plötzlich wummern die Lautsprecher zu einem Probelauf, und als würden sich in einem Adventskalender alle Türchen auf einmal öffnen, erscheinen Köpfe an allen Fenstern, rhythmisches Klatschen beginnt, versuchsweise Tanzschritte auf den Balkonen.

Das enge Beieinander-Leben in überschaubaren Abteilungen, wo es kaum Einsamkeit gibt, erst recht keine Anonymität, wo die Nachbarn einander kennen und die Familien Wert legen auf ihre Reputation, all dies trägt zu einem bemerkenswerten Niveau öffentlicher Sicherheit bei. In dieser verstopften Stadt gelänge einem Übeltäter selbst über die flachen Dächer kaum die Flucht: Dort stellen sich ihm Hühnerställe, Taubenhäuser und Satellitenschüsseln in den Weg, ein typisches Kairiner Gestrüpp aus Tradition und Moderne.

Nur eine begüterte Minderheit lebt in der so genannten "formellen" Stadt, mit legal gebauten Häusern und richtigen Straßen. Die Mehrzahl der Kairiner lebt "informell", in wildwuchernden Stadtteilen ohne jedwede Planung, wo bis zum Horizont kastenförmige Häuser aus roten Ziegeln stehen, die nie genehmigt wurden und stets unfertig aussehen, weil sie bis zur Einsturzgefahr um zusätzliche Stockwerke erhöht werden - wann immer der Platzbedarf es fordert.

Zwischen den Ziegelbauten von Manshiet Nasser liegt ein Geruchsteppich in der Luft, eine seltsam taube Süße, es ist der Geist aus der Flasche, aus Hunderttausenden Plastikflaschen. Sie werden hier sortiert, geschreddert, recycelt. Manshiet Nasser ist die Heimat von Kairos 40.000 Müllsammlern. Überall liegt Müll, Müll ist Ware, Müll ist das Leben. Die Gassen sind ungepflastert, ein festgetretenes Irgendetwas, über dessen Buckel Kinder in halsbrecherischer Fahrt ihre Eselskarren jagen. Die Müllsammler sind koptische Christen, gerade ist ihre Fastenzeit, an Drähten quer über die Straßen hängen Laternen aus Holz und Papier, groß wie Umzugskartons, aus denen abends bunt die Marienbilder leuchten. Wenn die Dunkelheit fällt, tauchen gelbe Glühbirnen das Viertel in eine Atmosphäre des 19. Jahrhunderts, marode Kutschen werfen bizarre Schatten, und Manshiet Nasser wird ein menschlicher Ort. Entspannt sitzen die Leute mit Tee und Wasserpfeife zwischen Haufen von Müll, so wie anderswo die Leute zwischen Geranien und Gartenzwergen.

Kairo war die erste arabische Stadt, die ich sah. Dass sie Maßstäbe setzte, bemerkte ich erst später, als ich anderswo etwas vermisste: den schnellen Witz und dieses fortlaufende Menschen-Theater, so armselig wie großartig. Auch die Religiosität schien in Kairo eine besondere zu sein, echter, nicht völlig durchpolitisiert. Eine Alltags-Religiosität.


Riad - amerikanisiert und orientalisch

Schnurgerade, überbreite Straßen kriechen bis zum Horizont über ein brettflaches Wüstenplateau. Langsam senkt sich die Sonne, rutscht hinter das Wüstenbrett. Erst hier oben, auf der Plattform des Faisaliya-Towers, bekomme ich ein Gefühl dafür, dass Riad tatsächlich eine Stadt ist, eine physische Stadt mit Geografie und Architektur - und nicht nur ein Gehege aus bizarren sozialen Regeln. In den schwarzgläsernen Rhomben der Turmspitze sehe ich mein Spiegelbild: Eine Frau in schwarzer Abaya, der Umhang bläht sich im Wind. Der Blick wandert hinüber zum Kingdom-Tower, wie ein riesiger Flaschenöffner wächst er aus dem Brett der Stadt, 99 Stockwerke hoch. Jetzt, da die Dämmerung fällt, beginnt er seine Farben zu wechseln, kleidet sich in weißliches, grünliches, violettes Licht. Für einen Moment ist Riad schön.

Welch seltsamer Hybrid! Amerikanisiert und orientalisch, eine Autostadt für vier Millionen Menschen, in der Frauen nicht Auto fahren dürfen und Fußgänger nicht vorgesehen sind. Eine Stadt, in der eine Frau nicht herumstreift, sondern sich von Punkt A nach Punkt B bewegt, mit ihrem Mann, mit ihrem Fahrer, äußerstenfalls im Taxi.

Kann es einen größeren Gegensatz zu Kairo geben? Hier wie dort wird arabisch gesprochen, doch die Sprache der Städte, ihre kulturelle, ihre gefühlte Sprache könnte nicht unterschiedlicher sein.

Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Geschlechtertrennung so strikt. Alles Öffentliche, Offene, Luftige ist in Riad ein männlicher Ort, ein rot-weiß markierter Ort - rotweiß gescheckt sind die arabischen Tücher der Männer. Ich war für eine Recherche über berufstätige Frauen nach Saudi-Arabien gekommen; ich traf ehrgeizige und tüchtige Ärztinnen, Professorinnen, Journalistinnen, Unternehmerinnen. Ihre Arbeitswelt ist wie eine geheime zweite Sphäre dieser Stadt, dem öffentlichen - das heißt männlichen - Blick entzogen.

Morgens am Tor 3 zum Frauen-Campus der König-Saud-Universität: Die Dozentinnen verschleiern sich für die wenigen Meter von ihrem Wagen bis zum Eingang. Drinnen ist die Atmosphäre wie ausgewechselt. Der Campus ist Abaya freie Zone, wie überall, wo Frauen unter sich sind - und plötzlich sieht man den weiblichen Teil einer jungen Nation entspannt flanieren. Bildung ist das Billett in eine freiere Zukunft, das haben die Mädchen längst begriffen, die an manchen Unis bereits knapp in der Mehrheit sind.

Wo der männliche Blick hinfällt, werden die saudischen Frauen in die Schranken goldener Käfige gewiesen. Die spiegelglatten Marmorgänge von Riads Shopping-Malls sind ihr Auslaufgehege: eine klimatisierte Halb-Öffentlichkeit. Vor der Kulisse einer globalisierten Markenwelt verkörpern die Schwarzverhüllten dort eine völlig inhaltsleer wirkende saudische Identität. Islam? Zaynab, die Tochter des Propheten, durfte auf einem Kamel von Mekka nach Medina reiten. 14 Jahrhunderte später sitzen die Urenkelinnen in so genannten family sections der Fastfood-Ketten, von der Außenwelt durch Stellwände und Milchglas getrennt.

Die schöne Lobby meines Hotels, die mit dem Slogan "Sehen und gesehen werden" wirbt, ist ein ausschließlich rot-weißer Ort. Er füllt sich und leert sich im Takt der Gebetszeiten. Ganz Riad ist diesem Rhythmus von Ebbe und Flut unterworfen, zur Gebetszeit muss jedes Restaurant, jedes Café, jeder Bankschalter schließen. Wirkt die Stadt deshalb so wenig religiös? Dem verordneten ständigen Öffnen und Schließen fehlt jede spirituelle Anmutung; entfallen ist der eigentliche Sinn des mehrmaligen Gebets: dass sich der Gläubige aus eigenem Willen von aller irdischen Geschäftigkeit löst und - Allahu akbar, Gott ist größer als alles - mit diesem Schritt auch innere Freiheit gewinnt.

Die indischen Gastarbeiter machen Riad freundlicher; sie sind die modernen Eunuchen Zentralarabiens, dürfen in den family sections Kaffee ausschenken, was kein Saudi dürfte - oder wollte. Es gibt auch Eunuchen aus Sri Lanka, Marokko und Pakistan. Neben meinem Hotel ist ein Starbucks, draußen sitzen die Rot-Weißen lässig mit Notebooks, wir Schwarzverschleierten sind verschwunden hinter sandgestrahltem Glas in der familiy section, dort scherzen die Studentinnen mit den hinduistischen Eunuchen, bis sie uns zur Gebetszeit hinauswerfen, obwohl keine Frau in die Moschee geht. Einmal darf ich bleiben, die Eunuchen haben Mitleid, weil ich gerade alle meine Papiere ausgebreitet habe; sie schließen mich ein, ich bleibe allein mit einer surrenden Kaffeemaschine und einer Batterie Schoko-Muffins. Vielleicht ist globalisierter Konsum doch nicht gleichbedeutend mit globalisierter Kultur.

Meine Abaya hatte ich im Kingdom-Center gekauft, genauer gesagt im Ladies´ Kingdom, zu dieser Etage des Einkaufszentrums haben nur Frauen Zutritt. Das schafft Jobs, beim weiblichen Sicherheitspersonal angefangen, und die Geschäfte bleiben zur Gebetszeit offen. Schmetterlings-Stil, China-Stil, Oman-Stil? Die Abaya ist ein Modeartikel, bestickt und mit Pailletten besetzt kann sie 1.500 Euro kosten. Immer mehr Varianten können in Riad getragen werden, ein Zeichen wachsender Freiheit. Saudische Frauen sagen: Nicht die Abaya als solche - wie sie getragen werde, sei entscheidend, nämlich "auf dem Kopf" oder "auf den Schultern". Politische Chiffren: "Auf dem Kopf getragen" macht aus der Frau ein formlosen Dreieck; so verlangen es die Ultrareligiösen. "Auf den Schultern getragen" ähnelt der Umhang einem schwarzen Mantel, fließender Stoff umspielt den Körper, und manche Männer starren ungeniert auf Abaya-Brüste.

Nach zehn Tagen in Riad: Atemnot, Bewegungshunger. Kein Sportplatz für Frauen im Freien. Nur eine schnurgerade Pflasterstrecke zum Marschieren in Abaya, im Volksmund "Straße der schwangeren Frauen" genannt. Nicht weit davon entfernt kreischen nachts die Reifen der männlichen Joyrider. Haben auch sie Atemnot? Aus dem Fenster des Hotelzimmers fällt der Blick auf einen Swimmingpool: Nur für Männer.

Am Wochenende, also am Freitag, fährt man zum Picknick in die Wüste. Seham, eine junge Lehrerin, lädt mich ein. Am Steuer ihr Bruder, er hat keine Lust, aber ein Mann muss uns ja fahren, eine große Familienkutsche mit Klimaanlage und Allradantrieb voller Frauen und Kinder. Am Stadtrand ist Sehams Mutter besorgt, den richtigen Ort fürs Picknick zu wählen: Bloß nicht dort, wo ringsum nur Männer picknicken! Es muss ein Flecken mit Frauen und Kindern sein, selbst die Wüste hat quasi family sections. Sonst, sagt die Mutter, könne eine der Töchter vergewaltigt werden, "und niemand hilft uns". Auf einem sicheren Platz wird ein Teppich entrollt, wir essen Bonbons, Donuts und Chips, umgeben von den Plastiktüten des Supermarkts. - "Gib´ mir den Wagenschlüssel", ruft Seham ihrem Bruder zu. Der Höhepunkt des Ausflugs: Illegales Autofahren! Sie sitzt lässig am Steuer, dreht die Musik hoch, eine selbstgebrannte CD, zu sinnlich, um legal zu sein, und dann gurken wir über die bucklige rötliche Erde, auch die Sonne ist rot, gleich wird sie untergehen, ein paar Kilometer Freiheitsromantik. Zurück zur Mutter, sie wartet schon, auf dem Teppich zwischen den Plastiktüten.


Beirut - Marmortische wie Kindersärge

Beirut ist teuer, auch das Sterben ist teuer, und darum ist der alte Friedhof in Bashura so schön. Dicht an dicht drängen sich die schmalen Gräber aus weißem Marmor, verziert mit arabischen Kalligrafien. Familiengräber, nur so breit wie ein einzelner Mensch. Hier wird übereinander bestattet, nach zwei Jahren darf der nächste Tote kommen. Kommt er früher, muss die Familie ein Stück mehr vom teuren Boden kaufen.

Ist es erlaubt, ausgerechnet in Beirut von der Schönheit der Friedhöfe zu schwärmen? Kein Mahnmal erinnert an die 150.000 Toten des Bürgerkriegs, in den Schulbüchern kein Wort über diese Zeit. Schweigen hat sich wie eine schwere Decke über anderthalb Jahrzehnte politisch-konfessionellen Machtkampfs gelegt.

Beirut ist eine überschaubare Stadt, nur 1,5 Millionen Einwohner. Die Überschaubarkeit verblüfft, sie will nicht zu den wilden Assoziationen passen, die sich mit dem Namen Beirut verbinden: Scharfschützen spurten durch Ruinenlandschaften. Im wiederaufgebauten Stadtzentrum leuchten gelbe Stiefmütterchen aus braven Kübeln. Es sind die Blumen der kollektiven Amnesie. Vielleicht sind wir zu nachtragend.

An der Rue Dumas halten Strichmännchen Händchen, schwenken Olivenzweige, überreichen Tauben. Rührende Friedensmalerei auf hundert Metern Mauer, wie für einen Schulhof. Hier wurde scharf geschossen, die Rue Dumas war die Green Line, die Frontlinie zwischen Westbeirut und Ostbeirut. Und wieder lockt ein Friedhof mit melancholisch verwitterten Marmorplatten, diesmal syrianisch-katholisch, das ist eine der ältesten Christengemeinden. Helena, eine blonde, füllige Frau, steht am Grab des Vaters, ihre Eltern seien im Tod auseinander gerissen durch den Krieg, klagt sie. "Die Front war genau vor dem Friedhofseingang; da konnte nicht beerdigt werden."

Wir fahren zum Grab der Mutter, ein Stück die Rue Dumas hinunter. Sie liegt unter der syrianisch-katholischen Kathedrale begraben, da gab es einen Hintereingang während des Krieges. Die Gruft ist nur heute offen, es ist Ostern. Auf dem Boden Blumen, rote Lichter. Aber seltsam, es gibt noch einen anderen Eingang zu diesem Geschoss unter der Kathedrale, und dort wohnen die Lebenden. Eine Notunterkunft, sie trägt alle Zeichen der Dauerhaftigkeit. Die Familien hatten Häuser in der Nähe besessen, sie wurden abgerissen, weil der Patriarch der Gemeinde dort einen Neubau hochzieht. Die Geschichte ist verworren und typisch libanesisch: Es scheint sinnlos, auf die Justiz zu setzen, zu mächtig ist der Führer einer Konfession.

Draußen sagt Helena: "Das ist Olivetti" und zeigt auf eine Beton-Ruine, von der Buchstaben herabhängen: o--e-t-t-i. Acht Stockwerke tote Fensterhöhlen, einige mit Plastikplanen verhängt, man sieht eine Wäscheleine, einen Sack Zwiebeln, eine Fernsehantenne. Auf einem Balkon sitzt ein Mann, später steht er Richtung Mekka. Syrer, sagt ein Passant. Die syrische Armee ist abgezogen, die ärmsten Teufel sind geblieben, ihre billige Arbeitskraft ist den Libanesen nicht unangenehm.

In der Nähe des Hafens führt ein rostbrauner Schacht in die Tiefe; die Schäbigkeit ist Design und dieser Untergrund berühmt, der Nachtclub B-018. Der Eingang sieht aus wie eine Tür zum Safe - oder zu einem Bunker. Die Preisliste hängt vorsichtshalber draußen, damit die Gäste gewarnt sind. Ein Bier sieben Euro, der Champagner maximal 700. Drinnen niedrige weiße Marmortische, sie wirken wie Kindersärge, vielleicht weil Windlichter drauf stehen und Fotos; die Fotos zeigen verstorbene Jazz-Größen, nichts Politisches. Ausländische Reporter haben geschrieben, die Fotos zeigten "Märtyrer" des Bürgerkriegs - so wild waren sie auf die Metapher, Beiruts Jugend tanze auf den Särgen der Toten.

In den siebziger Jahren stand hier ein Schlachthaus; eine Arme-Leute-Gegend, sie wurde zum Ort eines der ersten Massaker bei Kriegsbeginn. Die Opfer waren Beduinen, keine Kombattanten. Ein Mann, der damals eine alte Frau tötete, wurde unlängst von seinem Sohn gefragt: warum? Der Vater antwortete: "Ich habe mein Land verteidigt."

Immer die Toten, sie wollen nicht weichen in dieser Stadt. Beirut kennt zwei Sorten Tote: die Namenlosen, Beschwiegenen; das sind die meisten. Und dann die Märtyrer, die Helden, nur sie haben Anspruch auf öffentliche Trauer. Ein gutaussehender Mann, Optimismus in den Augen, blickt von Tausenden halbzerrissener Plakate: Samir Kassir, ein bekannter Intellektueller. Eine Autobombe tötete den eloquentesten Kritiker Syriens vor seinem Haus im christlichen Achrafye-Viertel; ein Jahr ist es her.

Samir war Publizist und Historiker, seine wöchentliche Kolumne erschien auf der Titelseite von An-Nahar, der größten Tageszeitung. Er liebte Beirut, schrieb auf Französisch eine voluminöse Geschichte der Stadt. Dass man das Werk Die Kassir-Geschichte nennen würde, war zu seinen Lebzeiten eine freundlichere Neckerei; nun ist es wirklich so. Als auf dem Märtyrerplatz im vergangenen Jahr Hunderttausende Libanesen unter nationalen Losungen demonstrierten, hoffte der Mitbegründer einer "Demokratischen Linken" auf einen politischen Aufbruch in der Region, einen "arabischen Frühling", eine geistige Renaissance.

"Natürlich" seien sie alle bei den Demonstrationen gewesen, sagen die jungen Leute in der Sandwich-Bar Zaatar-w-Zeit (Thymian Öl). Aber nichts habe sich geändert. Eine Runde von Medizinstudenten im ersten Semester, Christen und Muslime, sie unterscheiden sich nicht. "Wir brauchen einen richtigen Frieden, nicht diesen Nachkriegs-Frieden. Und wir brauchen Zeit für den Wiederaufbau, es geht nicht nur um Häuser. Politik ist hier ein Familien-Business. Wir müssen dafür sorgen, dass die Politiker keine Kinder mehr bekommen."


Tripolis - was ist wahr, was ist Trug?

Der Abendhimmel dunkelt, die weißen Kolonialbauten aus der italienischen Zeit treten schütter und majestätisch ins Flutlicht. Regungslos stehen Palmen in der weichen, feuchtwarmen Luft, von Scheinwerfern konturiert wie für eine Filmszene. Grellgrüne Laserspiele zucken über den Grünen Platz. Tripolis empfängt mit einem Spektakel, verwunschen mediterran und leicht surrealistisch.

Heute ist der Jahrestag der Revolution, vor 36 Jahren wurde die Monarchie gestürzt. Damals betrat ein schöner, rebellischer Offizier die Bühne, Sohn armer Beduinen. Weil seine älteren Brüder gestorben waren, hatten die Eltern ihn hoffnungsvoll Muammar genannt, "dem ein langes Leben gegeben ist". Nun ist er 64 und noch immer auf allen Bildern. Der Führer, sagen die Libyer.

Waffenlos tänzeln Soldaten und Soldatinnen über den Platz, fast unhörbar in ihren weichen Segeltuchstiefeln. Auf der Tribüne verschleierte Männer der Tuareg, im Zug tiefschwarze neben hellhäutigen Gesichtern; hier paradiert die Vielfalt des Wüstenstaats.

Ein Junge ruft mir zu "I love you", er meint nicht mich, er küsst das Bild des Führers. Chaotisch und fröhlich wälzt die Parade sich durch die laue Nacht. Ein Kamel mit einer Sänfte unbekannten Inhalts bleibt im Menschenstau stecken, Reiter balancieren stehend auf scheuenden Pferden, die Messingbeschläge der Sättel funkeln in der Dunkelheit.

Wird der Führer sprechen? Mish maruf, flüstern die Leute: niemand weiß es.

Plötzlich taucht er auf, die Menge schiebt sich nach vorn wie eine Wand, im Gequetsche vor der Tribüne zerbrechen Journalistenbrillen. Er sagt nichts, er winkt nur und grüßt mit der Faust, mit dieser Armbewegung wie auf Tausenden von Bildern, merkwürdig steif ist die Bewegung, wie in Zeitlupe, nicht kämpferisch, eher wie ein Verkehrspolizist, nur ohne Kelle.

Dann fällt Goldregen vom Himmel.

Auf der anderen Seite des Grünen Platzes, einen halben Kilometer Luftlinie entfernt, sitzen die Besucher eines Open-Air-Teehauses gleichmütig unter den Arkaden und rauchen Wasserpfeife. Der Menschenauflauf nebenan scheint nicht zu existieren, keine Journalistenbrille ist zerbrochen; nur der Putz rieselt sacht von den hohen weißen Säulen, als die Böller der Revolution durch die Nacht krachen.

Was ist wahr, was ist Trug?

Im kolonialen Stadtzentrum herrscht an gewöhnlichen Tagen die angenehme Ruhe einer Provinzstadt am Meer, obwohl in Tripolis 1,7 Millionen Menschen wohnen. Die neuen Luxusläden, die teuren Apartments sind weit weg, am westlichen Stadtrand. Hier im Zentrum ist Beschriftung in Englisch, der Sprache des Imperialismus, noch verpönt. Und eine halbe Fahrtstunde außerhalb der Stadt sind die Hinweisschilder noch immer mit fetten Pinselstrichen übermalt: Damit die amerikanischen Soldaten in die Irre marschieren, nach der Invasion.

Hinter einer blauen Glasfassade der modernste Supermarkt von Tripolis, im Regal stehen so viele Sorten Persil wie in Deutschland. Die Libyer kommentieren die Warenvielfalt, die über sie hereingebrochen ist, mit einer Redensart: "Heutzutage kannst du sogar Vogelsmilch kaufen!"

Die ersten Tage verbrachte ich im Hotel Kebir, dem staatlichen Grandhotel, auf Einladung der Regierung. Die Einladung kam überfallartig, eine Art Kidnapping an der Passkontrolle. Erst wollte man mich nicht ins Land lassen, dann war ich plötzlich zur Feier der Revolution Gast des Außenministeriums, Widerspruch zwecklos.

Die Lobby des Kebir beherrschten ein riesiger Kronleuchter sowie eine Rolltreppe, die ich nie in Bewegung sah. Auf den Sofas saßen Libyer in Anzügen, sie waren mit undefinierbaren Wartetätigkeiten beschäftigt und trugen dazu gleichmütige Mienen. Einige wenige Westler erkannte man sofort, das Warten bekam ihnen nicht. Auf allen Seiten der Lobby hingen Ghadaffi-Bilder, links das Größte, der Führer in Öl, man sah ihm von unten in die Nasenlöcher. Er trug eine Brille mit zu großen hellgrauen Gläsern. Im ganzen Land geht die Zahl von Ghadaffi-Bildern zurück, nicht im Kebir. Im ganzen Land gibt es Satelliten-Fernsehen, nicht im Kebir. Ein amerikanischer Pilot, der in Libyen aushalf und im Kebir zwangsuntergebracht war, erzählte mir von einsamen Nächten mit Tierfilmen; nur sie waren in Englisch.

Internationale Pressekonferenz im Kebir! Wann? Vielleicht um 11 Uhr oder um 12, nein, bestimmt um eins, oder doch um zwei? Und wer spricht? Mish maruf, niemand weiß es. Aber es gab eigens Presseausweise für dieses rätselhafte Ereignis, sie waren rot, in Plastik eingeschweißt, und jemand hatte alle Namen, gleich welcher Sprache, handschriftlich ins Arabische übertragen; so war es garantiert unmöglich, irgendeinen Namen wiederzufinden. Zig mal wurde der große Stapel durchgesehen, dann verschwanden die Ausweise, wurden nie mehr gesehen, und die libyschen Beamten lachten, als sei alles ohnehin nur ein Scherz gewesen.

Ich kam auch später gern in die Lobby des Kebir zurück; hier ist die Wirklichkeit noch nicht retuschiert, hier sind Zustand und Ästhetik in Harmonie.

Sche djau, so begrüßen sich die jungen Libyer. Wörtlich heißt das "Wie ist das Wetter?", gemeint ist das Wetter hier drin, sagt einer und tippt auf seine Brust, zum Herzen. Sche djau, das klingt weich und ein wenig träge, man spricht es mit fast geschlossenen Zähnen.

Abends ist Trubel vor der Espresso-Bar Al-Djundi, junge Männer halten sich an Pappbechern fest, gucken die Straße rauf und runter und sagen sche djau. Drinnen, im winzigen marmorverkleideten Café, hantiert Mohamed an der italienischen Kaffeemaschine, er ist 27, er hat einen Universitätsabschluss als Informatiker, sein Bruder neben ihm ein Diplom in Verwaltungswissenschaft. Aber sie zapfen lieber Cappuccino. Bloß nicht in einem Staatsbetrieb arbeiten! "Hier ist es privat", sagt Mohamed, "es ist frei!" Und dabei reckt er die Arme zur niedrigen Decke, um das Ausmaß an Freiheit zu unterstreichen.

Das Fußballstadion in Tripolis heißt "11. Juni", benannt nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte 1970. Da waren die Jungs auf den Rängen alle noch nicht geboren. Von der Bandenwerbung blickt sie nun die banale neue Zeit an: Coca Cola, Nutella, Kiri-Käse. Libyen gegen Sudan, die libysche Mannschaft spielt schlecht, zur Strafe bombardieren die Zuschauer den Trainer mit leeren Wasserflaschen (sie sind aus Plastik). Toben im Fußballstadion ist ein Ventil, andere Gelegenheiten sind rar. Kamikaze-Manöver im Auto: Die Sonnenbrille lässig ins gegelte Haar geschoben, so rasen manche in den Tod.

Die Älteren sagen nicht sche djau, sie pflegen zur Begrüßung das klassisch-arabische Rededuell: In drei, besser vier Varianten wird nach dem Befinden gefragt und jedes Mal im schnellen Wechsel Al-hamdulillah, Dank sei Gott!, eingeworfen. Dieses Ritual hat es unbeschadet ins Zeitalter des Mobiltelefons geschafft, nur dass jetzt erst nach dem Duell die Erkundung beginnt, wer überhaupt angerufen hat. Ah, Mohamed, du bist es!

Eine alte italienische Villa, im Eingang der Führer riesig hinter Glas, illuminiert. Delegationen aus der Dritten Welt gaben sich hier einst die Klinke in die Hand: das Weltzentrum zum Studium des Grünen Buches. Das schmale Bändchen, Ghaddafis Lehre vom Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, steht übersetzt in 53 Sprachen, stets in Grün mit Goldgravur, auf grünen Regalen; grün sind sogar die Polsterstühle im Lesesaal.

Eine Brutstätte neuen Denkens würde man hier nicht unbedingt vermuten - doch gefehlt! "Fast die Hälfte der Studien hier waren reine Propaganda", bilanziert Milud El Mehadbi kühl. Der Direktor für auswärtige Beziehungen überrascht durch offene Worte und legeren Stil. Ein in Frankreich ausgebildeter Jurist; nun reist er von einer Universität zur anderen, um sein Institut neu zu vernetzen: Oxford, Paris, Barcelona, Kiew. "Wir sind gegen Huntington, wir glauben an Dialog."

Was wird aus Libyen? "Keine Kopie von irgendetwas", sagt Milud selbstbewusst. Das Grüne Buch werde jetzt neu gelesen. "Wir sind nicht unter Zeitdruck." Wie sagte doch der Führer? "Ich bin ein Student der Geschichte der Menschheit."


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00:00 23.06.2006

Ausgabe 38/2020

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