Mentor

Dialog Dem "disziplinlosen" Intellektuellen Gerhard Wolf zum Achtzigsten

Gerhard Wolf hinreichend zu ehren, verlangte, ihn in jeder seiner, mit Engagement und Leidenschaft ausgeübten Professionen zu würdigen. Das sind nicht wenige: Schriftsteller, Essayist, Autor von Filmdrehbüchern, Verleger, Herausgeber, Lektor und Kritiker. Am 16. Oktober wird der Ehemann von Christa Wolf 80 Jahre alt.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat er sich als Förderer und Beförderer von Literatur und Malerei, als "Wissenshalter" und "Wissensverwalter", wie es Jens Reich genannt hat, verdient gemacht. Wolf ist ein Kommunikator, einer jener "disziplinlosen" Intellektuellen im besten Sinne des Wortes, der sich mit Vorliebe für die Unangepassten in ihren Metiers interessiert und eingesetzt hat, damit sie nicht vergessen oder übersehen werden: Johannes Bobrowski beispielsweise oder den Maler Albert Ebert. Besonders gekümmert hat er sich um all jene, die als erste den "Riss der Zeit" (Anna Seghers) empfunden und sich "die Stirnen" wund gerieben haben an den gesellschaftlichen Mauern. In den siebziger Jahren wandte er sich den deutschen Romantikern wie Hölderlin und Kleist zu. Zusammen mit Günter de Bruyn hat er in den frühen achtziger Jahren Autoren wie Ludwig Tieck, Friedrich de la Motte Fouque, E.T. A. Hoffmann, Schmidt von Werneuchen oder auch den schriftstellernden Buchhändler Nicolai in der Buchreihe "Märkischer Dichtergarten" einem breiten Publikum in der DDR erschlossen.

Wolf liebt besonders die Lyrik. Er brachte Namen wie Peter Huchel, Erich Arendt oder Stephan Hermlin ins Gespräch, als sie noch alles andere als etabliert waren. In den sechziger Jahren verwandte er sich für Günter Kunert, Hanns Cibulka, Reiner Kunze, Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch, Uwe Greßmann, Elke Erb und Adolf Endler. In den siebziger Jahren betreute er die literarische Protestszene der DDR. Ohne ihn ist die heute oft nostalgisch beschriebene Prenzlauer-Berg-Szene nicht zu denken.

Zahlreiche von ihm unterstützte Lyrik- und Grafik-Editionen und bibliophile Künstlerbücher, in den achtziger Jahren jenseits des reglementierten Verlags- und Kunstbetriebs der DDR entstanden, legen Zeugnis ab von dem künstlerischen Eigensinn einer Generation und ihres Mentors, der 1988 ein für die DDR singuläres Projekt unter dem Titel außer der Reihe im Aufbau Verlag durchsetzen konnte. Hierin machte er auf die "zügellose" Sprache einer nachwachsenden Dichtergeneration aufmerksam: Bert Papenfuß-Gorek, Jan Faktor, Stefan Döring oder Gabriele Kachold-Stötzer.

1990 versuchte Wolf mit der Gründung seines Verlag Janus Press der experimentellen Literatur und Malerei neue Räume zu erschließen. Namen wie Franz Mon und Günther Uecker tauchten in seinem Programm auf. Der Vertraute von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker vereinte Mitte der neunziger Jahre in seinem Projekt Gruß von Berlin nach Wien und zurück neodadaistische Autoren aus Deutschland und Österreich und dokumentierte damit eine transnationale moderne Lyrik, die in unterschiedlichen politischen Systemen verschüttet gegangen war.

Gerhard Wolf ist ein freundlicher, bescheiden wirkender Mann. Einst zitierte er den mit Zuversicht überschriebenen Vers von Günter Eich: "In Saloniki weiß ich einen, der mich liest, und in Bad Nauheim. Das sind schon zwei." Dass die Zahl seiner Leser wieder ansteigt, dafür hat auch der Suhrkamp-Verlag gesorgt, der Christa und Gerhard Wolfs Prosa und Essays zur Romantik unter dem Titel Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht wieder aufgelegt hat. Dazu haben eine Reihe von Malerfreunden, unter ihnen Angela Hampel, Hartwig Hamer, Helge Leiberg, Martin Hoffmann Gerhard Wolf zum 80. Geburtstag neue Arbeiten gewidmet. Zu sehen sind sie vom 17. Oktober an in der Berliner Galerie Forum Amalienpark. Noch so ein Dialog-Projekt.

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