Merkel bei den Portugiesen

Europa Der 48-Stunden-Besuch der deutschen Bundeskanzlerin war ein entspannter Kurzausflug und eine nette Pause vom Welt-Zoff, der überall die Fetzen fliegen lässt
Merkel bei den Portugiesen
Der portugiesische Regierungschef António Costa zeigt der Firmenchefin, wie reibungslos alles läuft

Foto: Francisco Leong/AFP/Getty Images

Ein bisschen hatte man das Gefühl, hier zeigt der Zweigstellenleiter der Firmenchefin, wie reibungslos alles läuft. Schon jetzt sind deutsche Unternehmen nach dem Staat der größte Arbeitgeber in Portugal. Deutschland ist auch der wichtigste Handelspartner des Landes. Jede eine schwarze Null anbetende schwäbische Hausfrau würde sich freuen, zu wissen, dass Portugal zwar dringend notwendige Investitionen im Gesundheits- und im Schulwesen streichen musste, aber dafür klar die Berliner Sparauflagen einhält.

Am Mittwoch hat sie im Norden Portugals mit Doktoranden der Universität Porto über die Zukunft Europas parliert, danach wohlwollend die lokale Zusammenarbeit deutscher Unternehmen mit portugiesischen Forschungsinstituten zur Kenntnis genommen. Am Donnerstag dann der Empfang im Präsidentenpalast und die abschließende Konferenz in einem anderen Stadtteil, im Stadtschloss. So ist Europa natürlich super, kostet kaum etwas und die investierten „Hilfsmilliarden“ bringen noch gute Rendite.

Die Bundeskanzlerin wirkt entspannt im prunkvollen, goldenen Spiegelsaal des Palácio Foz in der Lissabonner Innenstadt. Als hätte sie der portugiesische Regierungschef António Costa soeben auf einer Tour im Tuk-Tuk durch die Stadt kutschiert und ihr die steile Erfolgsgeschichte des Landes in den letzten zweieinhalb Jahren vor Augen geführt („Schauen Sie dort: noch ein Hostel und da ein neues Hotel, dahinten wohnt jetzt der Pop-Star Madonna und Scarlett Johansson zieht auch zu uns”).

Tatsächlich lassen die Wirtschaftsindikatoren des Landes aufhorchen: die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit 14 Jahren nicht: kleiner Aufschwung, Defizit im Maastrichter Rahmen. „Alles gut, schöne Frau“, scheint Costas bezauberndes Lächeln an jeder Ecke des harmonischen Ausflugs zu sagen. Angefeuert wird das Fest von einem Steuerdumping, das nicht nur amerikanische Pop- und Kinostars, sondern auch deutsche Rentner fiskalisch verschont. Wenn in ihrem geliebten Italien alles schief läuft, kann Merkel, sollte sie eines Tages die Regierungsgeschäfte aufgeben und eine politische Rente anvisieren, nach Portugal ans Meer kommen. Costa und sein Finanzminister, Eurogruppenchef Mário Centeno, haben sich darauf spezialisiert, EU-Rentnern nette Steuerfreikarten zu besorgen.

Merkel lächelt, wenn auch selten. Es herrscht in Portugal wieder der übliche soziale Frieden, keine politischen Extremisten an der Macht wie in Italien, keine wackligen Regierungen wie in Spanien, kein Dauerkrisenzustand wie in Griechenland. Vor allem gibt es keine Demonstrationen wie vor sechs Jahren, als die Bundeskanzlerin das letzte Mal in Portugal war, die Menschen unter dem deutschen Spardiktat ächzten und Plakate schwangen mit Merkels Konterfei plus Oberlippenbärtchen und der Aufforderung "Nazi go home".

Heute sind die jungen Portugiesen, die nicht mit der letzten Auswanderungswelle (eine halbe Million in fünf Jahren) aus dem Land gespült wurden, froh, für 550 Euro im Monat in der boomenden Tourismusindustrie ohne Probleme einen Job zu finden.

Vor der Pressekonferenz im goldenen Spiegelsaal wurden die Fragen an die Kanzlerin besprochen. Die portugiesischen Journalisten dürfen zwei Fragen stellen, die deutschen zwei weitere. Der Korrespondent des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, der Portugal von Paris aus „abdeckt“, will die Kanzlerin zu Italien befragen. Italien? Er winkt ohne Interesse ab, als ich vorschlage, etwas zu Portugal zu fragen: ob Deutschland, statt immer nur Wirtschaftsrezepte zu exportieren und finanzpolitische Vorgaben zu machen, nicht das soziale Konzept Portugals importieren wolle, um besser Immigranten und Flüchtlinge zu integrieren. Schließlich hat Portugal das letzte halbe Jahrtausend, bis zum heutigen Tag, kleine und große Einwanderungswellen aus Afrika heil überstanden – ohne Fremdenhass, Aggressionen oder rechtsradikale Parteien.

Aber diese Frage ist nicht adäquat. Im Öffentlich-Rechtlichen geht es um die ganz große Politik, und da man schon im Süden ist: natürlich um die Zustände in Italien. Von Deutschland aus gesehen ist der Süden irgendwie gleich, und Italien kennt der Zuschauer ja schon länger.

Miguel Szymanski ist deutsch-portugiesischer Journalist. Er lebt in Lissabon

08:20 01.06.2018

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