Merkelmania

Kommentar Einspruch gegen die linke Nekrophilie

Der Ethikrat hat gesprochen. Er ruft nach starken Selbstbestimmungsrechten beim ganz persönlichen Abgang aus dem irdischen Jammertal und dem Eintritt in das philosophisch so bedeutungsschwangere NICHTS. Wegen der Neuwahlen besteht jedoch keinerlei Hoffnung mehr auf eine gesetzlich abgesicherte Patientenverfügung. Das derzeit umlaufende Gerede vom Selbstmord aus Angst vor dem Tode bleibt ein hübsches Bonmot, bewahrt aber im realen Leben nicht davor, im Fall der Fälle des Siechtums den vereinigten Ärzten, Pflegern, Juristen und Angehörigen hilflos ausgeliefert zu sein.

Wenn aber nicht einmal ein Tod unter menschenwürdigen Bedingungen garantiert werden kann, gibt es erst recht gute Gründe, das Sterben eines alternativen Gesellschaftsentwurfs zu verhindern. Zumal es berechtigte Hoffnungen gibt, dass die Vernunft gegen die wild wabernde Todessehnsucht wieder eine Chance bekommt.

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Energie sich die Allianz von taz und FAZ, Spiegel und Focus, FR und Welt, RTL/Sat1 und ZDF/ARD in ihren Nekrologen auf Rot-Grün zu überbieten sucht, in der vagen Hoffnung, ihr Medienleittier Bild wenigstens einmal übertrumpfen zu können. Nach dieser Lesart müssten in Anbetracht der Kassenlage die Wahlen als Zeit- und Geldverschwendung untersagt werden. Und wie immer, wenn es ernst wird, suchen diverse linke Wortführer, alle historischen Erfahrungen leugnend, ihr Heil in der Zersplitterung. Die ihnen in den Medien großzügig eingeräumten Schreib- und Sendeplätze werten sie in eitler Selbstverblendung gar als Zustimmung zu ihrem Vorhaben.

Nicht unwesentliche Teile der Linken, nekrophiler Neigungen gelegentlich zugetan, schwelgen geradezu in ihren Untergangsphantasien und fühlen sich so endlich wieder einmal als Teil des Großen und Ganzen, der Mehrheit. Jeder, der es wagt, an die schlichte Tatsache zu erinnern, dass Wahlen erst am Ende des jeweiligen Wahltages entschieden werden, wird mit sich überschlagenden Umfrageergebnissen traktiert und mit Verachtung gestraft. Was ist das eigentlich für ein Demokratieverständnis?

Nein, so viel Ende und Tod waren nie. Und da im Rausch nur wenig Platz mehr für eigenes Versagen bleibt, geht es nur noch um das gefühlte Ende von Rot-Grün. Anstatt dem rot-grünen Politikverständnis die neoliberalen Giftzähne zu ziehen, wird auf allen Seiten gemauert und auf bessere Zeiten vertröstet. Sind doch nicht wenige Linke verliebt in die Opposition und träumen von der Erneuerung in einem Schwebezustand ohne Entscheidungsverantwortung. Der letzte Irrtum dieser Art hat uns jedenfalls sechzehn quälend lange Jahre unter Kohl beschert. Wie viel Wartezeit darf es denn diesmal sein?

Deshalb bleibt mal auf dem Teppich, liebe Freunde des Begräbniswesens e.V. Ein regulärer Anspruch auf den Leichenschmaus besteht erst nach dem Abschalten aller Geräte. Noch lebt der Patient, schnappt zwar bedenklich nach Luft, hat den Kampf aber keineswegs aufgegeben. Rot-Grün hat sich frühestens dann erledigt, wenn die mit ihm verbundenen politischen Aufgaben realisiert sind. Davon kann bisher jedoch keine Rede sein. Was da jetzt droht, ist keine Episode temporärer Klimaverschlechterung mit ein paar Kollateralschäden. Bei allem berechtigten Zorn über die im Bund noch Regierenden: SCHWARZ-GELD wird unter Hilfestellung sämtlicher Medien den Sozialstaat erst so richtig abräumen, die Ökologie erneut zum Jobkiller erklären und uns wieder zu Vasallen der Bush-Administration machen.

Die Enttäuschung gebiert viele Ungeheuer und vernebelt oft die Sinne. Die derzeitige Merkelmania verdeckt, allem Gerede von der Alternativlosigkeit zum Trotz, dass bei dieser Wahl wichtige Entscheidungen fallen auf den Feldern Gesundheit, Altersvorsorge, Steuern, Kündigungsschutz, Tarifautonomie, Bildung, Sicherheit, Entwicklungshilfe und Umweltschutz. Oder glaubt wirklich jemand, dass es zum Beispiel dem Schichtarbeiter und der Krankenschwester egal ist, ob ihre Nacht- und Feiertagszuschläge künftig besteuert werden oder nicht?



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00:00 10.06.2005

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