Merkels lautes Schweigen

CDU Bei einer Festveranstaltung der Union stellt sich Angela Merkel der Basis. Doch die Bundeskanzlerin meidet den Befreiungsschlag - und hinterlässt so Ratlosigkeit

Die Basis grummelte nicht, sie murmelte viel mehr. Konrad-Adenauer-Haus, kurz nach 16 Uhr: Die Sitzreihen im Foyer füllen sich langsam, die für die Presse vorgesehenen Plätze sind schon längst vergeben. Einige Journalisten drängen sich sogar noch in den Eingangstüren, um einen guten Platz zu bekommen. Denn die Erwartungen sind hoch.

Heute morgen hatte sich CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmals laut zu Wort gemeldet. Via Bildzeitung hatte sie sich gegen ihre Kritiker gestellt und ihre umstrittenen Handlungen der letzten Monate bekräftigt. Die Kritik am Papst, ihr Abwiegeln im Fall Steinbach, die Verstaatlichung von Banken – Merkel verteidigte allen: „Wenn ich Parteivorsitzende bin, lege ich meine staatliche Verantwortung nicht ab. Und umgekehrt bin ich in allem, was ich als Kanzlerin tue, immer auch CDU-Parteivorsitzende“, sagte sie der Zeitung. Für Ruhe in der Union hat sie damit allerdings nicht gesorgt.

Gerade aus Bayern rissen auch heute die Querschüsse nicht ab. „Wir wollen in allen Bereichen einen klaren Kurs für die Bevölkerung, damit sie weiß, was die Union in den Fragen unserer Zeit inhaltlich will“, giftete Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer. Sein Innenminister Joachim Herrmann sprang ihm bei. Er wetterte gegen Merkels Kritik an Papst Benedikt XVI. und ihr Zögern bei der Frage der Aufnahme von Guantánamo- Häftlingen: „ Es muss bei solchen Dingen schon auch schneller wahrgenommen werden, wo die Kanzlerin steht“, sagte er.

CDU feiert sich - und nicht Merkel

Entsprechend groß ist die Spannung im Konrad-Adenauer-Haus. Wird Merkel nachlegen? Der Anlass wäre günstig. „Einheit in Freiheit – 20 Jahre Friedliche Revolution“ ist das Thema der Veranstaltung, zu der die CDU geladen hatte. Mit solchen Themen können Konservative die Basis elektrisieren. Die CDU könnte sich wieder einmal selbst feiern – als Partei der Deutschen Einheit.

Das Publikum scheint empfänglich für diese Lesart. Vor Beginn der Veranstaltung blättern viele in den Sitzreihen in den Aufsatzsammlungen der Konrad-Adenauer-Stiftung über die Staatsdoktrin der DDR oder das Scheitern der Planwirtschaft. Vielleicht deshalb merkt kaum jemand, als Merkel in Begleitung von Generalsekretär Ronald Pofalla plötzlich im Raum stand. Kein Applaus brandet auf, keine „Angie“-Sprechchöre wie in besseren Zeiten. Merkel lächelt trotzdem. Sie schüttelt ein paar Hände und winkt in den Saal. Dann setzt sie sich in die erste Reihe. Jetzt muss Pofalla den Saal aufwärmen.

Das macht der CDU-General mit links. Er muss nur den Namen Helmut Kohl fallen lassen, und schon dankt es ihm das Publikum mit rauschendem Applaus. Die Erinnerung an den Schwarzen Riesen, an sechzehn Jahre Kanzlerschaft und eine pflegeleichte FDP – sie scheint das Herz der Basis immer noch zu wärmen. Noch ein paar Kanten gegen die SPD, immer in Verbindung mit der SED genannt, und er übergibt das Podium an die Kanzlerin.

Verglichen mit dem Applaus für den abwesenden Kohl ist der für Merkel vielleicht etwas knapp. Und auch während ihrer Rede überschüttet das Publikum sie nicht gerade mit Applaus. Dabei hält Merkel eine gute Rede. Sie spricht über ihre persönlichen Erfahrungen in der Wendezeit, über das langsame Lernen von Freiheit nach Jahrzehnten in einer Diktatur. Nur einmal schlägt sie den Bogen ins Jetzt: „Wir sollten aus der Gestaltung der deutschen Einheit die Gewissheit mitnehmen, dass das Land aus der Krise stärker hervorkommen könne als es zuvor“, sagt sie mit Blick auf das Chaos in der Wirtschaft. Nur einzeln streut sie kleine Spitzen gegen ihren Koalitionspartner, die SPD. Die Abteilung Attacke war ja schon in Form von Ronald Pofalla dran. Ihre innerparteilichen Kritiker erwähnt die Kanzlerin hingegen weder direkt, noch indirekt.

Merkel hält eine Festtagsrede an einem Tag, an dem es nichts zu feiern gibt. Als es vorbei ist, erntet sie wieder höflichen Applaus. Ein Journalist zuckt mit den Schultern. Dann zieht der Pressepulk ab. Der zweite Befreiungsschlag ist heute Abend ausgeblieben.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden