Mersin liegt am Mehr

Frauenbilder Die Regisseurin Aysun Bademsoy über die Angebote für deutsch-türkische Schauspielerinnen, ihre Entscheidung für das Genre Dokumentation und Ansagen am Set
Mersin liegt am Mehr
Sucht nach neuen Frauenbildern: Aysun Bademsoy
Foto: Wolfgang Borrs

In Mersin an der türkischen Südküste, wo ich aufgewachsen bin, ging meine Mutter jedes Wochenende mit uns in ein Freilichtkino. Fatma Girik, die Schauspielerin, die später Bürgermeisterin in Istanbul wurde, war damals ein großer Star und ein Vorbild für mich. Diese besondere Sommeratmosphäre im Kino hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.

Durch meine Mutter, Sabahat Bademsoy, die in den 70er Jahren in der türkischen Theaterszene in Berlin viele Freunde und Bekannte hatte, kamen mein Bruder Tayfun Bademsoy und ich in Kontakt zu Personen der Berliner deutsch-türkischen Film- und Theaterszene. 1979 entdeckte Peter Keglevic uns drei für seinen Film Zuhause unter Fremden, einen der ersten Filme zum Thema Migration, für den er auch einen Grimme-Preis gewann. Ich war die Partnerin von Herbert Grönemeyer in einer „problematischen“ deutsch-türkischen Liebesbeziehung. Die Laufbahn meiner Familie bekam durch diesen Regisseur einen gewissen Schub, sodass ich damals, als ich gerade mein Abitur machte, mehrere Spielfilmangebote erhielt. Aber ich begann, an der FU Berlin Theaterwissenschaft und Publizistik zu studieren. Mir war noch nicht klar, wofür ich mich entscheiden würde.

Gastgefühle

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass ich immer die gleichen Rollen spielen musste. Schon die Kostümbilder, diese Pumphosen, hässlichen Trenchcoats und Kopftücher, fand ich deprimierend. Obwohl ich mit der Schauspielerei sehr gut mein Studium finanzieren konnte, hatte ich bald keine Lust, nur ein Stereotyp der Türkin darzustellen. Selbst wenn ich moderne Türkinnen spielte, stammten sie aus dörflichen Strukturen und waren prinzipiell unterdrückt. Bilder der modernen türkischen Städte und des Bildungsbürgertums, aus dem ich stamme, existierten nicht.

Mersin ist einer der bedeutendsten Umschlaghäfen zwischen Europa und Asien, sehr modern, leider inzwischen ein wenig verbaut und hässlich. Als ich dort in den 1960er Jahren zur Schule ging, besaß die Stadt ein Lebensgefühl, das von Europa inspiriert war. Viele europäische Firmen und Wirtschaftsvertretungen hatten hier Dependancen und es entstanden moderne, an die Bauhaus-Tradition angelehnte Gebäude. Mersin strahlte etwas Freies aus.

Meine Mutter war damals eine der ersten Frauen, die sich zur Schneiderin ausbilden ließen und ein selbstständiges Leben erstrebten. Sie war es auch, die 1969 entschied, dass wir nach Deutschland gehen. Mein Vater, der studiert hatte, befürwortete die Idee zunächst überhaupt nicht. Als sie längst abgeflogen war, dachte er noch, sie würde es sich anders überlegen.

Während meines Studiums arbeitete ich immer öfter hinter der Kamera. Mir wurde klar, dass ich nicht weiter als Schauspielerin arbeiten konnte. Ich hätte dem deutschen Klischee einer Türkin entsprechen müssen. Auch mein Bruder Tayfun störte sich eine Zeit lang daran, immer die gleichen Typen zu verkörpern. Er spielt weiter, meine Mutter auch, aber ich entfernte mich von der Idee. Parallel arbeitete ich als Skript-, Regie- und Cutterassistentin in verschiedenen Filmproduktionen und hospitierte bei Peter Steins berühmter Theaterinszenierung von Tschechows Drei Schwestern. Ich übernahm die Recherche für ein großes Projekt von Harun Farocki und bei einigen seiner Filme die Produktionsleitung. Obwohl ich die Praxis der Spielfilmarbeit lernte, interessierte ich mich intensiver für den Dokumentarfilm.

Das Gefühl vieler Türken, in Deutschland nur Gast beziehungsweise „Gastarbeiter“ zu sein, hat mich oft gestört. Die Männer in meinem Umfeld, auch meine Brüder, empfanden übrigens viel stärker als ich, dass man als Türke in diesem Land nicht gern gesehen ist. Mädchen und Frauen erfahren im Allgemeinen weniger Ablehnung, stattdessen sind sie mit verqueren erotischen Projektionen konfrontiert. Als ich mit neun Jahren nach Deutschland kam und meine Mutter mich einer Nachbarin vorstellte, beugte sich die Frau herunter, fasste meine Beine an und machte Komplimente über meine braune Haut. Als Türkin bist du die Exotin, die hübsche Fremde mit den großen Augen. Sie meinte es nicht böse, aber mich irritierte es sehr.

Nirgends ist man richtig da (1994), mein erster Dokumentarfilm, der auf ein Volkshochschulprogramm der evangelischen Kirche zurückgeht, erzählt von türkischen und palästinensischen Jugendlichen, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind und sich hier fremd fühlen. Alle meine Filme beschreiben die Erfahrungswelt junger deutsch-türkischer Frauen und Männer, ohne das Klischee des dörflichen, ungebildeten, desinteressierten Türken zu bedienen. Ich versuche, so gut es geht, meine Protagonisten nicht aus den Augen zu verlieren. Fikriye Selen, die Boxerin aus Ein Mädchen im Ring (1996), traf ich in New York wieder. Sie ist ein gutes Beispiel für meine These, dass alte Strukturen irgendwann zerfallen.

Gerichtsbarkeit

Als ich den Film drehte, war sie eine der ersten türkischen Boxerinnen in einem Kölner Verein, wo sie mit drei Brüdern trainierte, die sie wie ihre kleine Schwester gehegt, gepflegt und verteidigt haben. Ich fragte die Sparringspartner, die Fikriye später im Disco- und Türstehermilieu wiedersah, was ihnen an ihr gefiel. Die überraschende Antwort: „Fikriye ist die einzige von uns, die Abitur hat! Sie ist sehr klug.“ Diese Sätze sehe ich als Symbol für die Energie, von der mein Film erzählt.

Durch ihre Erfolge bekam Fikriye einen Werbevertrag mit einer Haarpflegefirma. Das Geld setzte sie für ihr Studium an einer Hochschule für internationale Ökonomie in London ein, arbeitete dann bei einer international tätigen deutschen Firma und heiratete einen Türken, der ebenfalls studiert hatte. Beide zogen nach New York, wo sie in einem Auktionshaus arbeitet und für dessen Geschäfte in drei Regionen der Welt zuständig ist. Wahnsinn, wie zielstrebig diese Frau ihr Leben in die Hand genommen hat!

Als wir den Film damals präsentierten, wohnte sie noch bei ihren Eltern und betonte, wie wichtig ihre türkische Familie für sie sei, aber es war zu spüren, dass sie sich vorgenommen hatte, die Enge zu überwinden und selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Fikriye und ich sind uns mit Respekt, Toleranz und Interesse begegnet. Die Wahl meiner Protagonistinnen ist nicht zufällig. Ich suche nach neuen türkischen Frauenbildern und verkörpere selbst vielleicht ein Rollenmodell für sie.

Die Medien greifen das Thema Migration auf, wenn Menschen scheitern, wenn ihre Rückständigkeit stört oder bedrohlich wirkt. Ich arbeite an einem Perspektivwechsel. Mein Augenmerk richtet sich auf selbstbewusste türkische Frauen, gegen herrschende Klischees. Ich schaue auf die dritte und vierte Generation Deutsch-Türken, Deutsch-Palästinenser und frage, warum sie in der Politik und den Medien so wenig präsent sind. Warum gibt es nicht mehr türkische Nachrichtensprecherinnen? 50 Jahre Migrationsgeschichte in Deutschland sind eine Geschichte der Versäumnisse von beiden Seiten.

Als ich nach Deutschland kam, ging ich in den Religionsunterricht, um zu verstehen, wie diese Gesellschaft funktioniert und worin sie wurzelt. Meine Eltern haben mir die ethischen Grundsätze des Islam vermittelt und gleichzeitig Interesse für das Christentum eröffnet. Warum begreift nicht umgekehrt die Mehrheitsgesellschaft die Migrantenkultur als Bereicherung und beschäftigt sich mit dem Islam? Warum lernen nicht mehr Lehrer Türkisch oder Arabisch? Warum wird erst heute in einigen wenigen Bundesländern der Islam als Religionsfach in die Unterrichtspläne aufgenommen? Muslime bringt man selbstverständlich mit Fundamentalismus in Verbindung, obwohl auch christliche Fundamentalisten eine Form von Terror ausüben können.

In den 1990er Jahren arbeitete ich in einem Frauenhaus in Berlin-Spandau und betreute eine Frau, Nuriye Bekir, die später von ihrem Mann vor den Augen ihrer Kinder ermordet wurde. Bei der Gerichtsverhandlung pochte der Angeklagte darauf, das Richtige getan, nämlich „im Namen der Ehre“ getötet zu haben. Ich frage mich, wie es sein kann, dass Hatun Sürücüs Familie die eigene Tochter und Schwester tötete und diesen Mord als Ehrensache begriff. Ich kannte Hatun und begleitete sie mehrere Monate durch ihren Alltag, als ich für einen neuen Film recherchierte. Hatun wusste um die Bedrohung. Sie hatte sich von ihrer Familie gelöst, lebte mit ihrem sechsjährigen Sohn allein und hatte eine Lehre begonnen. Ich habe gespürt, dass sie in großer Not war, aber sie konnte nicht erzählen, was sie bedrückte. In meinem Film Ehre (2008), den ich Hatun Sürücü gewidmet habe, zeige ich alltägliche Orte, eine Telefonzelle, eine Straßenkreuzung, ein Wohngebiet in 360-Grad-Schwenks – Orte, an denen in Deutschland „Ehrenmorde“ geschehen sind.

Gerichtsverfahren

Als ich mit dem Filmemachen anfing, wurde mir schnell klar, dass ich mich in einer Männerdomäne bewege. Bei meinem ersten Projekt brach man mir fast das Genick: Kameramann und Tonmann drehten hinter meinem Rücken weiter, der Produzent holte das Material aus dem Schneideraum und schnitt es um. Es sollte unter seinem Namen auf Arte gesendet werden. Ich musste meine Urheberrechte in einem Gerichtsverfahren durchsetzen.

Die Gender- und Machtkonfrontation am Drehort ist eigentlich müßig, ich strebe immer eine Arbeitssituation an, in der alle an einem Strang ziehen. Bisher hatte ich Glück mit sehr guten Mitarbeiterinnen. Männern muss ich ständig erklären, was ich warum tue. Nach so vielen Jahren Berufserfahrung fällt es manchen immer noch schwer zu respektieren, dass sie der Ansage einer Frau zu folgen haben. Aber vielleicht ist auch dieses Phänomen in Auflösung begriffen. Bei meinen letzten Dreharbeiten mit einem jungen französischen Tonmann war ich erleichtert, dass er kein Problem damit hatte.

Der Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus:

Wie haben Sie das gemacht? Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen Claudia Lenssen, Bettina Schoeller-Bouju (Hg.) Schüren 2014, 500 S., 29,90 €

Zusätzlich zum Buch sind bei Absolut Medien zwei DVDs erschienen:

Wie haben Sie das gemacht? Filme von Frauen aus fünf Jahrzehnten. I: Spielen und Dokumentieren. II: Neue Formen je 14,90 €; absolutmedien.de

Am 16. Oktober wird das Buch in der Akademie der Künste in Berlin vorgestellt, ab 17. Oktober zeigt das Zeughauskino eine Retrospektive zum Thema

Protokoll: Claudia Lenssen
06:00 08.10.2014

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