Message und Messias

Österreich Kanzler Kurz nähert sich mit seiner Inszenierung in infizierten Zeiten einer absoluten Mehrheit
Message und Messias
Der Superheld einer neuen Normalität ist uns erschienen

Foto: Roland Schlager/APA

Schlagwörter sind Worte der Schlagenden zum Gebrauch für die Geschlagenen“, wusste der Philosoph Günther Anders. Sie stehen bereit, werden politisch magaziniert und medial multipliziert. Das Arsenal ist voll mit ideologischen Granaten. Neue und alte Phrasen werden geladen und abgeschossen. Manches wird adaptiert, vor allem aber wird vieles „neu“ geheißen: von der Normalität im Allgemeinen bis zur Freiheit im Besonderen. Spricht Kanzler Sebastian Kurz stets von „neuer Normalität“, dann entdeckt die Jubelpresse sogleich „Die Woche der neuen Freiheit“, um schwer begeistert die „sehr harten Maßnahmen“ zu loben, denn: „Neue Freiheit erfordert weiter viel Disziplin“, so das Boulevardblatt Österreich.

Zucht und Ordnung verlangt das Seuchenregime. Wer den Feind im Virus ausmacht, kann diesen nur im Virusträger orten. Lediglich dort ist er zu Hause. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) spricht bezüglich der Infizierten wie von Kriminellen. Da werden „Glutnester lokalisiert“, „Verdachtsfälle isoliert“, Infektionsketten „mit der Flex durchtrennt“. Daher war und ist man auch so geil auf „Contact Tracing“ via Überwachungsapp. Solch Vorwand für solch Vorhaben findet man so schnell nicht wieder. So ließe sich auch express erkunden, ob die Menschen wirklich als Wächter ihrer selbst funktionieren. Regt sich jemand auf, wird eilends der totalitäre Hammer geschwungen, indem ein Bündnis von rechten und linken Extremisten behauptet wird. Die Desinfektion wirkt gefährlicher als die Infektion. So gilt nicht mehr, dass erlaubt ist, was nicht verboten ist, sondern umgekehrt, dass verboten ist, was nicht erlaubt ist. Im Infotainment der österreichischen Bundesregierung bleiben oft wichtige Informationen auf der Strecke, wird aus gebotener Vorsicht ein Besuchsverbot. Ist das bloß ungeschickt oder schon Absicht?

Verwarnung statt Warnung

Die Debatte, falls es überhaupt eine ist, gerät auf die Ebene von Tugend und Laster. Da gibt es Brave und Schlimme. Irgendetwas dürften sie angestellt haben, die Infizierten. Kranke werden zu potenziellen Tätern, denen man habhaft werden will. In des Kanzlers Leibblatt Österreich steht geschrieben: „Offiziell lobt Sebastian Kurz derzeit Kärnten und Salzburg. Dort seien einige Bezirke bereits virusfrei.“ Was heißt das? Doch nur, dass, wo welche zu loben sind, auch andere zu tadeln wären. Vor allem Wien, namentlich die SPÖ-geführte Stadtregierung, wird hier angerempelt und drangsaliert, man denke bloß an die schikanöse Schließung der Bundesgärten in der Hauptstadt. Auf derselben Seite des zitierten Blattes findet sich auch ein Beitrag mit dem Titel „Auffällige Zunahme in Wien bei Covid-Erkrankungen“. 42 Infektionen innerhalb von 24 Stunden, apportiert die Tageszeitung. Die passen nicht auf, die Wiener, die muss man zur Räson bringen. Dass das mit den Wiener Fallzahlen nicht ganz so stimmt, berichtet das Blatt gleichentags wie zufällig auf seiner Website. „Entwarnung in Wien: Nur 10 neue Corona-Fälle“, heißt es nun. Des Rätsels Lösung ist einfach: Die statistische Schwankung der absoluten Zahlen bewegt sich im Bereich nicht aussagekräftiger Signifikanz. Der Warnung folgt nun „vorerst Entwarnung“. Ziel der Warnung war jedoch nicht die Warnung, sondern die Verwarnung.

Typisch für die Phraseologie und Dramaturgie war auch des Kanzlers Rede zum 75. Jahrestag der Gründung der Zweiten Republik am 27. April 2020. Seine Hände hält er quasi betend in die Kamera, öffnet sie gelegentlich in der vereinnahmenden Weise. Der junge Mann dirigiert sein Volk. Angestimmt wird die Litanei von den Leuten, derer die „zeitlebens hart gearbeitet haben“, da ist die Rede von „Eigenverantwortung“, vom „Team Österreich“, vom „Lebensmodell der Demokratie“, vom „großen Erbe“, von „Wiedereröffnung“, um abschließend den „Wiederaufbau“ zu propagieren. Wir stehen vor einem „Comeback“, was heißt, „dass der Standort stark ist und die Menschen arbeiten gehen“, so der Kanzler bei einer Pressekonferenz vom 29. April. Neues meint lediglich Erneuerung, besonders neu ist also die Reinstallation des Alten.

Sebastian Kurz wirkt in seinem Auftritt wie ein smarter und souveräner Seriensieger gymnasialer Redewettbewerbe. Das gehörige Vokabular spult sich in gängiger wie eingängiger Weise ab. Da ist vieles drinnen, was drinnen sein muss. Man hört und horcht, worauf man wartet. Schlagworte, wohin wir blicken. Aber sie treffen und passen. Sie wollen vernommen werden. Sie gleichen ideologischen Dauerlutschern, die zwar den Gaumen verkleben, aber trotzdem reißenden Absatz finden, selbst wenn sie den Geschmackssinn verderben. Kurz ist inzwischen vom Gesellen zum Meister serieller Umgarnung aufgestiegen. Vorerst scheint der Hype unstoppable.

Natürlich könnte man sich über das triste Niveau des Trivialen mokieren, doch das bringt wenig, vor allem erschüttert es dieses in keiner Weise. Das Publikum will es so. So simpel das auch gestrickt sein mag, Sender und Empfänger treffen sich in der Botschaft. Nicht nur in Österreich. Vor allem in deutschen Springer-Zeitungen wird alles abgefeiert, was der österreichische Kanzler von sich gibt. Reputation wiederum wächst mit dem Zuspruch aus dem Ausland. Wir gelten wieder als wer, fühlt das nationale Gemüt. Sätze wie: „Gerade Österreich scheint aus heutiger Sicht die Krise in vorbildlicher Weise zu meistern“, sind da bezeichnend. Kurz verkörpere „große Entschlossenheit, Entscheidungskraft und Klarheit“. So Die Welt. Nun gilt er gar als der Corona-Musterschüler. „So einen brauchen wir auch“, fordert Bild. Und in Österreich gibt es aktuelle Umfragen, die Kurz knapp unter der absoluten Mehrheit sehen wollen. Wird das nur lange genug kolportiert, dann wird das Land, geschüttelt vom hochansteckenden Türkis-Fieber, wohl stracks in jene stolpern.

Es geht um das Ranken im Konkurrenzkampf der Standorte. Kein Selbstlob, auf das Kurz verzichtet. Die Frage – wer ist besser? – meint: Wer beeindruckt mit den besseren Daten? Mögen die Zahlen nun stimmen oder nicht, sie sind nötig, um Erfolge messen und kreieren zu können. Da gibt es Tote, Verletzte, Rekonvaleszente, Gesundete. Die Schlacht ist auch ein Gemetzel der Zahlen. Die Wortwahl des „Musterschülers“ ist tückisch, genauer gesagt heimtückisch. So werden ausgewählte Staaten – Österreich, Australien, Israel, Dänemark, Griechenland, Tschechien, Norwegen und Singapur – hervorgehoben, die in der Corona-Krise, zumindest der offiziellen Lesart nach, bisher am wenigsten Schaden genommen haben. Kurz, „the Master of Briefing“, spricht von „smarten“ Ländern, mit denen er auch gelegentlich Videokonferenzen abhält, um deutlich zu machen, wo denn die Avantgarde zu sehen sei. Deutschland, obwohl stets eingeladen, sträubt sich. Man will wohl doch nicht den Kotau vor dem Oberstreber in Wien machen. Das ist verständlich. Interessanterweise sind aber auch Kroatien und Slowenien nicht dabei. Da lässt sich wohl vermuten, dass die Alpenrepublik in der Reisezeit mehr auf Touristenzufluss als auf Urlauberabfluss setzt. Wer hätte das gedacht?

Ministerin und Ministrantin

Kritiker bescheinigen dem Bundeskanzler hingegen „maximale Inszenierung und minimale Transparenz“. Tatsächlich sorgt ein „hoher Angstpegel für Herdendisziplin“, wie es in einem Gastkommentar des Standard heißt. Kurz empfiehlt sich dabei als Retter der Nation, eine Art Lord Protector. Elisabeth Köstinger, die rechte Hand des Kanzlers, Ministerin und Ministrantin in einer Person, garniert ihre ehrfürchtigen Statements oft mit: „Dank Sebastian Kurz“ oder „Danke, Sebastian Kurz“. Das sind Fürbitten pur. Niederknien. Aufschauen. Anhimmeln. Schon jetzt kursieren Gerüchte, dass das „politische Jahrhunderttalent“ Tausende, ja Zehntausende von Menschenleben gerettet habe. Das Team Kurz ist ganz auf Message und Messias trainiert. Selbst Ungläubige kapitulieren.

Und geht was schief, dann liegt der Fehler nicht beim eingeschworenen Kader der Jungtürkisen. Sich selbst haben sie unter Kontrolle, doch wenn die Anhängerschaft aus dem Häuschen gerät, wird es selbst für die Kontrolleure schwierig. Geschehen zuletzt an einem Mittwoch im vorarlbergischen Kleinen Walsertal, als die beflaggten und befeuerten Gläubigen bei einer spontanen Prozession des Kanzlers mehr an Basti-Himmelfahrt dachten als an einen anderen Erreger. Maske hin, Abstand her, da ist der Kanzler wirklich nur knapp einer Busselorgie entgangen. Da gab es keine Regie mehr. Da wurde die Herde zur Horde. Schwer verliebte Fans auf Distanz zu halten, das ist selbst in Corona-Zeiten schwierig. „Ich bitte euch alle, a bissl an Abstand zu halten, so gut als möglich“, sagte der so Bedrängte zu seinen Fans. Zweifellos, je größer, desto besser.

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06:00 31.05.2020

Ausgabe 27/2020

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