Messen

A–Z Im Herbst läuft der Messebetrieb wieder richtig an und gerade auch die kleinen, skurrilen Ausstellungen machen diesen Markt so interessant: unser Wochenlexikon
Ausgabe 37/2014

A

Absahnen Einmal im Jahr zelebriert Berlin die Grüne Woche. Kennern ist die Veranstaltung als das größte All-You-Can-Eat-Buffet der Welt bekannt. Bei so viel Gratishäppchen an jeder Ecke lohnt es sich, vorher auf dem Messeplan schon mal eine Speisekarte zu entwerfen: „Erst eine Runde durch den Lammkontor in Halle 22, dann mit einer Einkaufswagenladung Chicken Wings und dem Rucksack voll Rostbratwürstchen immer den Soljankatropfen auf dem Boden folgen.“ Profis nehmen einen Rollator mit, um sich am Wochenende noch irgendwie aus der Halle schleppen zu können. Mittlerweile scheinen das aber auch die Aussteller selbst gemerkt zu haben und bieten weniger Häppchen an. Auch bei anderen Messen setzt ein Umdenken ein: Nach der Musikmesse in Frankfurt passte man früher vor lauter Gitarrenplektren, Saiten und Schweißbändern nicht mehr durch die Bustür. Mittlerweile bin ich froh, wenn ich wenigstens noch die Hosentaschen vollkriege. Simon Schaffhöfer

Antisaisonal Schnee zu Ostern. Wer im Frühjahr die Geschenk- und Konsumgütermessen wie die Leipziger Cadeaux besucht, kann sein weißes Wunder erleben. Weihnachts- und Schneemänner tummeln sich an jedem zweiten Stand, Baumschmuck hier, Adventskränze da. Eine halbe Halle wird von Ausstellern aus dem Erzgebirge gefüllt. Hier stehen Räuchermännchen und Nussknacker neben Schwibbögen und Pyramiden. Höhepunkt für mich waren aber künstliche Weihnachtsbäume mit nicht minder künstlichem Schneefall. Auf einem verkehrt herum aufgespannten Regenschirm stand ein zwei Meter hoher Plastikbaum mit blinkenden Leuchtdioden. Aus der Spitze wurden Styroporkügelchen geblasen, die den Baum herunterkullern und tanzende Schneeflocken darstellen sollten. Man soll ja antizyklisch investieren, sagen Ökonomen. Weihnachtskitsch aber wirkt bei beginnendem T-Shirt-Wetter sogar doppelt so schlimm. Tobias Prüwer

B

Buchmesse Wenn Rowohlt am Mittwochabend in die Frankfurter Schirn zur Party einlädt, sind all die Verlagsmitarbeiter, Buchhändler, Autoren, Kritiker und sonstige Intellektuelle noch gut gelaunt, okayer Kondition und froh, sich zu sehen. Viele bleiben deshalb dann bis drei Uhr morgens. Donnerstags sieht man sich bei S. Fischer, am Freitag bei Piper oder Dumont, am Samstag bei Eichborn, kleinen Verlagen oder wasweißichwonoch. Aber das ist auch schon ziemlich egal. Alle sind übermüdet, haben an den Ständen zu viele Kekse gegessen und zu wenig Tageslicht gesehen, und treffen, nein, treffen will man all die anderen Idioten sowieso nicht mehr. Wollte man eigentlich noch nie! Man sehnt den Sonntag herbei und bemitleidet jene, die auch noch auf den FAZ-Empfang müssen. Jana Hensel

D

Deutschland Unser Land ist ein „Messeland“, das wird immer wieder gern betont. Nur was soll das eigentlich sein? Gewiss, Deutschland gibt sich gern als Musterland, und den Zahlen zufolge darf es sich zu Recht Mustermesseland nennen. Allein der Umsatz der Messegesellschaften ist gewaltig: Er betrug 2013 dem Verband der Messebranche AUMA zufolge rund 3,2 Milliarden Euro. Fünf der zehn umsatzmäßig größten Messegesellschaften der Welt haben ihren Sitz in Deutschland: Frankfurter, Münchner und Düsseldorfer Messe, sowie Deutsche Messe und Koelnmesse. Drei der fünf größten Messegelände gibt es hier, außerdem finden zwei Drittel der weltweit führenden Messen ihrer jeweiligen Branchen in Deutschland statt. Im Jahr sind das 150 internationale Veranstaltungen mit 180.000 Ausstellern und zehn Millionen Besuchern. Dazu kommen regionale Fachmessen mit sechs Millionen Interessenten. Nur was sagt das jetzt über Deutschland aus? Eigentlich nicht viel, außer dass sich mit Messen hierzulande viel Kohle machen lässt. TP

F

Fleischbeschau Tattoo-Conventions kann man heute in jeder größeren Kreisstadt besuchen. Solche Fleischbeschau bunter Haut zieht Fans in Massen an. Und Tätowierer können sich bei Wettbewerben in ihrem Handwerk messen. Andere setzen auf die Mitnahmementalität von Besuchern, die sich zwischendurch ein paar Sternchen stechen lassen wollen. Warum Gogo, Burlesque oder Striptease unbedingt ins Show-Programm der Tattoo-Messen gehören, ist aber nicht ganz klar.

Für Besucher von Erotik-Messen sind diese Formate eher müde Versuche: Unter expliziten Porno-Live-Darstellungen geht da nichts. Dabei haben die Veranstaltungen etwas mit Heim- und Nutztiermessen gemein. Wenn dort Züchter fachsimpeln, taucht auch oft die Frage auf, was wichtiger sei: Größe oder Technik? TP

G

Guerilla „Von der Jobmesse nach Afghanistan?“ So war unser Flugblatt überschrieben. Die Bundeswehr hatte auf der Berufsmesse den größten Stand – und wir etwas dagegen. Wir entschieden uns für eine Guerilla-Aktion: Um nicht als linke Aktivisten erkannt zu werden, tarnten wir uns mit Geschäftsanzügen. In Zweiergruppen liefen wir über die Messe und drückten schnell und unauffällig den Besuchern unser Flugblatt in die Hand. Dort waren die Informationen zu lesen, die die Bundeswehr verschwieg: Wie gefährlich Soldaten leben und dass immer wieder unschuldige Zivilisten von ihnen erschossen werden. Als wir merkten, dass wir bei der Undercover-Mission beobachtet wurden, gingen wir schnell zum Ausgang. Wir waren aufgeflogen! Ein Soldat lief uns noch hinterher, aber wir waren schon auf unseren Rädern. Fritz Walders

H

Hostess Okay, ein paar Mal habe ich es für Geld gemacht. Doch ich erzähle ungern, dass ich als Hostess gearbeitet habe. Vor allem verschweige ich es in jenen Kreisen, in denen viel über ambitionierte journalistische oder künstlerische Projekte gesprochen wird, aber nie darüber, wie diese und das eigene Leben eigentlich finanziert werden. Denn immer, wenn ich meinen früheren Nebenjob erwähne, verändert sich der Gesichtsausdruck meines Gegenübers. Insbesondere dann, wenn mir ein Mann gegenübersitzt. Er schaut mich dann für einen Moment ebenso abschätzend und abschätzig an wie damals die Verkäufer oder Messegäste. Und ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als ich für 100 Euro am Tag an komischen Ständen rumstand.

Auch wenn es nach leicht verdientem Geld aussieht, ist es kein gutes Gefühl, zwischen Fernsehern und DVD-Playern zu posieren und zu wissen: Man steht jetzt auf einer Stufe mit Lounge-Sesseln und Lichterspektakel. Es fühlt sich beschissen an, wenn man nur deshalb da sein soll, um gut auszusehen und den Verkauf zu fördern. Anna Fastabend

P

Politikerrundgang Messen sind per definitionem ein Ort zur gesitteten Selbstinszenierung – Spitzenpolitiker dürfen da nicht fehlen. Hier können sie der Wirtschaft signalisieren: Die Entwicklung genau dieser Branche ist elementar wichtig – und ich kümmere mich. Den Wählern wird suggeriert: Wir Politiker haben ein Auge für Innovationen des jeweiligen Fachbereichs. So ist der Politikerrundgang zum festen Bestandteil der Messe-Rituale geworden. Mitunter erleben Politiker dabei Unerwartetes. So wurde Philipp Rösler auf der Cebit 2012 mit einer Torte beworfen. 2013 wurde Wladimir Putin auf der Hannover-Messe von barbusigen Femen-Aktivistinnen attackiert.

Ungekrönter König des Politikerrundgangs ist aber Hans-Peter Friedrich. Gerade vom Innen- zum Landwirtschaftsminister degradiert, genoss er voll ungespielter Begeisterung die neue Stelle und lustwandelte auf der Grünen Woche 2014 von Häppchen zu Häppchen. Kurze Zeit später verlor er dann auch diesen Ministerposten. Benjamin Knödler

Prospekte „All that glisters is not gold“ – Nicht alles, was glänzt, ist Gold, hat Wiliam Shakespeare geschrieben, und dabei sicher nicht an Werbeflyer gedacht. Vielleicht hätte es gutgetan, im Englischunterricht ein bisschen besser aufzupassen, aber so neigt der durchschnittliche Messebesucher dazu, sich an jedem Stand bei bunten Hochglanzheftchen zu bedienen. Vielleicht gibt es ja irgendwelche Neuheiten. Oder ein Sonderangebot. Für irgendwas muss das zusammengetackerte Papier ja gut sein, sonst hätte man es nicht bedruckt, denkt das Besucherhirn und zwingt den müden Körper, sich noch eine Broschüre in die Jackentasche zu quetschen. Was man angerichtet hat, merkt man erst, wenn man zu Hause die Taschen leert. Dann taugen die Heftchen und Kataloge höchstens noch, um den Gartentisch auszutarieren. SIS

S

Skurrilitäten Messen, das sind eben nicht nur die medial aufgebauschten Großveranstaltungen. Jenseits des schnöden Mainstreams hat sich eine rege Subkultur skurriler Messen entwickelt, eine Gegenöffentlichkeit sozusagen. Vor allem in Bereichen, von denen man zuvor kaum je etwas gehört hatte. Man fragt sich schon, wie viele Menschen wohl eine Messe zur Pokal- und Gravurtechnik besuchen. Größerer Beliebtheit dürfte sich hingegen wohl die Messe Rohvolution erfreuen, bei der es um Rohkostzubereitung geht.

Für geschiedene Paare in spe eignen sich dagegen Scheidungsmessen, um schon einmal mit Anwälten, Mediatoren oder Privatdetektiven zu reden. Außerdem gibt es natürlich Messeklassiker für Rassehunde, Amateurfunker und Esoteriker – für wirklich alle ist etwas dabei. Und deshalb ist das Messewesen in seinem Kern auch urdemokratisch. BK

T

Texas State Fair Es gibt diese herrlich-blöde Szene der Fernsehgeschichte namens Baking Fat, in der das Moderatoren-Duo Joko und Klaas in einem Wohnmobil im Niemandsland sitzt und völlig absurde Dinge frittiert, um sie mit ekelverzerrtem Gesicht zu essen. Was den deutschen Zuschauer an der Grimme-Würdigkeit des Formats zweifeln lässt, gilt in Amerika als kulinarisches Highlight. Zumindest in Dallas auf der Texas State Fair. Dort scheint es einen Wettbewerb zu geben, wer das ungesündeste Essen kredenzen kann. Logisch, dass die Fritteuse eine zentrale Rolle einnimmt. Und so gibt es neben frittierten Cheeseburgern und frittierter Hühnerpelle auch frittierten Kuchenteig und frittierten Kaugummi. Sogar gefrorene Cola soll man in Öl ausgebacken genießen können. Wohl bekomm’s. SIS

Z

Zuschlag Jene Städte, die im Mittelalter den kaiserlichen Zuschlag bekamen, eine Messe abhalten zu dürfen, booteten ihre Konkurrenz gnadenlos aus. Für Leipzig etwa wurde der Bannkreis, keine zeitgleiche Messe abzuhalten, über 120 Kilometer bis nach Erfurt und Magdeburg gezogen. Und Zuschläge sind bis heute eine Geldquelle: Aussteller zahlen Aufschläge von bis zu 50 Prozent, fällt ihnen zu spät ein, dass sie für ihren Stand noch ein Kabel brauchen oder eine Nachtwache. Besonders die Hotels orientieren sich bei der Preisgestaltung an der erhöhten Nachfrage. In Köln waren bei der Gamescom Zimmer 80 Prozent teurer, bei der Dmexco für digitales Marketing sogar mehr als 1.000 Prozent. Die Nürnberger Spielwarenmesse wies in diesem Jahr explizit auf die Privatunterkunft-Vermittlung Airbnb hin und lobte München als nahe gelegene Ausweich-Schlafstadt. TP

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