Metastasen des Krieges

Flucht Die Tschetschenin Sabura floh mit ihrem Sohn vor den Bomben und Säuberungen in die Schweiz, ins "Land der Menschenrechte". Bleiben darf sie nur, solange ihr Tumor gedeiht

Sie haben Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium, dazu Metastasen in der Lunge und in der Wirbelsäule. Wir werden Sie behandeln, aber nicht heilen können. Genießen Sie jede Woche und jeden Monat, der noch kommen mag, erklärt die Ärztin der Patientin unaufgeregt, als sage sie etwas Alltägliches. Die Dolmetscherin reißt sich zusammen, um das Todesurteil auf Russisch mit ebenfalls liebenswürdig harmloser Stimme vorzutragen. Dann überschreitet sie die Grenzen ihrer Vermittlerrolle und fügt aus Erbarmen hinzu: Genießen Sie jedes Jahr.

Sabura nimmt es gelassen entgegen, sie hat es längst geahnt, erschöpft und zufrieden liegt sie in einem Schweizer Spital wie eine Läuferin am Ziel.

Die Schweiz ist kein Paradies

Saburas Rennen fing vor 14 Jahren an, als sie vor Bomben und Säuberungen von Dorf zu Dorf floh, mit ihrem Sohn Apti in den Armen. Dschochar, ihr Mann, wurde an einem russischen Kontrollposten von maskierten Männern auf einen Panzerwagen gezerrt und nur Allah weiß, wohin man ihn brachte. Sabura hätte gerne Dschochars Leichnam gewaschen, aber er liegt wohl vermengt mit anderen irgendwo in einem Massengrab. Sie hat auch keinen blutverschmierten Kleiderfetzen oder ein Stück Knochen von Dschochar und kann sich nicht wie andere Witwen, die als glücklich gelten, an diesen geheiligten Kriegsreliquien festhalten. Ich will für meinen Sohn leben, sagt Sabura der Ärztin. Ich habe Apti gut erzogen, er ist gehorsam, er wird der Schweiz alle Ehre machen. Die Ärztin murmelt: Die Schweiz ist kein Paradies.

Doch Sabura meint zu wissen, was dieses Ziel ist, das sie endlich erreicht hat: In der Schweiz achtet man die Menschenrechte! Sabura lässt sich ihren Glauben an das magische Wort nicht nehmen.

Ihr Bruder verkaufte sechs Kühe, ihre Schwester bettelte bei den Nachbarn, um die Schlepper zu bezahlen. Selbst verarmt, eingerichtet in nur dürftig geflickten Häuserruinen, spendeten die Dörfler nur ungern, doch sie ließen es sich nicht anmerken. Adat, das ungeschriebene kaukasische Gesetz, gebietet zu geben, wenn jemand fragt. Die Nachbarschaft geht über alles. Im Dorf munkelt man, Sabura habe dreitausend Kilometer westwärts flüchten müssen, weil sie etwas erlebt hat, was einer Tschetschenin nie geschehen darf. Im Morgengrauen, als fünf russische Söldnersoldaten ihren Hof betraten und zwei Stunden später Sabura auf dem Küchenboden liegend zurückließen, war Dschochar, Allah sei Dank, schon lange verschwunden. Wie hätte ihm Sabura noch in die Augen blicken können?

Nach diesem Tag wagte sie sich ein Jahr lang nur noch nachts aus dem Haus, sie wähnte sich schuldig, schmutzig, und da reifte in ihr der Entschluss, mit Apti an einem sauberen Ort zu leben. Wo Menschenrechte geachtet werden.

Zur Liebe wurde sie nicht erzogen

„Menschenrechte“. Was stellt Sabura sich darunter vor? Sie wurde in der Verbannung in Zentralasien geboren, wohin ihr Volk auf Stalins Geheiß deportiert worden war. Es war im Februar 1944, Saburas Großeltern starben während des tagelangen Transports in Viehwaggons, doch ihre Eltern überlebten und gruben sich ein Erdloch in der vereisten kasachischen Steppe. Sie aßen Graswurzeln. Die kasachischen Dorfleute beargwöhnten die erklärten Feinde der Sowjetunion, nur allmählich wuchsen Freundschaften mit den Verbannten. Dreizehn Jahre später feierten sie gemeinsam den Abschied, Saburas Familie durfte sich wieder am Fuß des verschneiten kaukasischen Bergmassivs niederlassen.

Sabura wurde eifrige Pionierin und dann Melkerin in der Kolchose. Auf Festen trippelte sie anmutig auf die überlieferte Art, im langen, weißen Gewand, die Arme ausgestreckt, den Blick gesenkt. Der Traktorist Dschochar stampfte wild um sie herum, ohne sie jemals zu berühren. Bis zur Hochzeitsnacht. Geliebt hat ihn Sabura nie, aber geachtet. Zur Liebe für den Mann wurde sie nicht erzogen, sondern zur Arbeit im Haus und zur Sorge für die Nächsten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat Sabura im Lärm der Bomber, im Geschrei der Verletzten und in der Stille der Toten von den Menschenrechten gehört. Die Menschenrechte sind ein heiles Haus mit einem großen Dach, in dem es Engelwesen in Weiß gibt, die Sabura liebevoll berühren, wenn sie ihr die Chemotherapie einspritzen. Die Ärztin warnt: Es wird nicht leicht für Sie und Ihren Sohn sein, Sie sind hier in der Fremde. Sabura ruft aus: Fremde? Wir sind nach Hause gekommen.

Was erwarten Sie vom Leben, fragt die Ärztin. Ich will ein normales Leben haben, und Sabura lächelt bei dem Gedanken an ein Leben unter dem Dach der Menschenrechte, ein paar Monate lang.

Der Krebs hat schon die Haut ihrer linken Brust durchstoßen, und wenn Sabura kein Schmerzmittel nimmt, stöhnt sie. Auch das Kreuz tut ihr weh. Dorthin, sagt die Ärztin, ist der Krebs von der Brust her gewandert. Und wenn Sabura Treppen steigt, hindert sie der Lungenkrebs am Atmen.

Der stille, um sich greifende Tod

Warum haben Sie es so weit kommen lassen, schüttelt die Ärztin den Kopf.

Sabura schweigt. War sie nicht im zerbombten Spital von Grosny und dann im Spital in der benachbarten ossetischen Stadt Wladikawkaz und auch in der südrussischen Stadt Rostow, und hat sie es nicht bis in die Moskauer Onkologie geschafft? Und überall begegneten ihr Tschetscheninnen jeden Alters, die ihre Brüste opferten, um noch ein wenig weiterzuleben. In Moskau ertastete die russische Ärztin einen Knoten und befahl barsch:

Die Brust muss weg!

Sabura widersetzte sich empört: Nein.

Sie hatte schon so viel verloren, und niemand erklärte ihr, dass ihre Sturheit tödlich sein würde. Wer nicht unter den Bomben und Raketen oder der Folter starb, den erwischt jetzt der Krebs, sagt man im befriedeten Tschetschenien.

In der Sprache der internationalen Politik heißt dieser stille, um sich greifende Tod: die üblichen Kollateralschäden in der Nachkriegszeit. Wie verseucht von chemischen Waffen war das Wasser, das Sabura und ihr Sohn getrunken, wie verseucht die Luft, die sie geatmet und wie vergiftet von der Uranmunition das Gemüse, das sie gegessen haben? Und was hat die jahrelange Angst in ihren Körpern und Seelen angerichtet?

Westeuropäische Politiker meldeten Jahr für Jahr dem Europarat von der sich bessernden Menschenrechtslage in Tschetschenien: Männer wie Dschochar würden nun nicht mehr so oft von Maskierten verschleppt. Stabilität sei eingekehrt, schrieben diese Männer in ihren Berichten, ohne sich an die Betten in den onkologischen Stationen gesetzt zu haben. Auch forderten diese Politiker von Russland nicht, die drei Elemente, von denen der Mensch lebt − Luft, Wasser und Boden − auf Gifte untersuchen zu lassen. Krebs zu bekommen ist keine Verletzung der Menschenrechte.

Im Sommer 2008, als Sabura ihr Ziel erreicht, erlässt das Schweizer Bundesamt für Migration eine neue Richtlinie für Flüchtlinge aus dem Kaukasus: Tschetschenien gilt von jetzt an als zumutbar.* Und schon sind Amtsschreiben mit der Aufforderung, die Schweiz zu verlassen, an zahlreiche tschetschenische Familien unterwegs.

Sabura und Apti bleiben verschont – doch nur solange Saburas Krebs gedeiht, solange gilt sie nämlich als Härtefall. Soll sich Sabura das Wunder der Heilung wünschen?

* Deutschland schiebt ebenfalls tschetschenische Flüchtlinge ab. Bundesamt und Gerichte gehen davon aus, dass sie in Russland sicher sind. Psychologen sagen, es gibt keine Flüchtlingsgruppe in Deutschland, die stärker an Kriegstraumata leidet. Dennoch wird auf geduldete Flüchtlinge Druck ausgeübt, dass sie freiwillig ausreisen mögen.

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00:00 07.05.2009

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