Mich kann man nicht mischen

Alltag Die Leipziger Malerin Hannelore Röhl, keine Romanfigur und doch eine Buchheldin. Man kennt sie aus Maxie Wanders "Guten Morgen, Du Schöne"

Anonymen Ruhm könnte man das nennen, was sie erlebt hat. Hannelore Röhl, Jahrgang 1934, Kunsterzieherin und Malerin, lacht. Das war wirklich kein Problem für sie. Sie war in einem Buch über Frauen vertreten, das alle kannten, Frauen wie Männer. Über das viel geredet wurde, das man sich gegenseitig vorlas, das in verschiedenen Städten als Drama auf die Bühnen kam. Auch ihre Figur wurde von Darstellerinnen gespielt, die Lena, die der realen Hannelore Röhl entsprach und nicht entsprach, die nachempfunden, aber doch auch mit einer anderen Frau gemischt war. Diese Mischung, wie sie es nennt, brachte sie damals in Wut. Noch heute, scheint es, nimmt sie der Schriftstellerin das Verfahren ein bisschen übel. Sie denkt: "Mich kann man nicht mischen." Man glaubt der redegewandten, kraftvollen Frau sofort, wenn sie das sagt.

1977 erschien Maxie Wanders Protokollband Guten Morgen, Du Schöne in der DDR, bald darauf auch in Westdeutschland. Neunzehn Frauen, die jüngsten etwa Jahrgang 1960, die älteste schon vor 1900 geboren, gaben Auskunft über sich, ihr Leben und ihre Geschichte, wie sie sie erlebten und sich erklärten. Keine Kommentare der Schriftstellerin dazwischen, keine Fragen, sondern unverfälschtes Protokoll, wenn auch natürlich bearbeitet.

Obwohl schon vorher ein schmaler Protokollband von Sarah Kirsch erschienen war, erregte erst dieser von Maxi Wander Aufsehen. Zum ersten Mal redeten Frauen in der DDR so offen und individuell über sich, fern von Klischees, erst recht von Propaganda. Sprachen über Männer und Frauen, Sex und Ehrgeiz, Freundinnen und Arbeit. Über Sozialismus, Westfernsehen, Alkohol, Emanzipation und Abhängigkeit, Kinderkrippen, Ansprüche und Anpassung. Deutsche Geschichte und DDR-Alltag. Die wichtigsten Themen. Manche der Frauen, darunter Lena, sprachen auch von Gesellschaft und Politik. Formulierten Unzufriedenheit, Fremdheit und Kritik - das magische Wort. Man riss sich das Buch aus den Händen. Dass vieles nur angedeutet wurde, nahm man hin. Anders ging es nicht. Dass die Sprache einzelner Protokolle sich ähnelte, wen störte das? Hier ging es nicht um Fiktion, hier wurden endlich einmal direkt Dinge benannt, die die Leserinnen etwas angingen. Und die Leser auch. Einen besonderen Zauber gewann der Band durch sein Geheimnis. Keiner wusste, wer die Frauen im Buch waren. Daher also: anonymer Ruhm. Das hat Hannelore Röhl erlebt: Daneben sitzen, wenn über die Texte gestritten wurde, und nicht verraten: Ich bin dabei. Nur wenige vermuteten, dass sie im Buch sei. Diejenigen, die von ihrer engen Freundschaft mit Maxie Wander wussten, aber auch von denen nicht alle. Von ihrer Walkürenfigur spricht sie im Protokoll, das war für Eingeweihte verräterisch, meint sie. Um Neugierige zu täuschen und Hannelore Röhl zu schützen, hatte die Wander der Lena ein drittes Kind angedichtet, auch anderes an der Biographie korrigiert. Sicher veränderte sie an den Texten aller Beteiligter einige Zusammenhänge und Tatsachen. Noch immer ist es unmöglich, alle Frauen zu entschlüsseln. Einige leben nicht mehr. Zwei der Protokolle sollen Texte von Maxie Wander sein, möglicherweise ist das so. Eine Frau möchte immer noch auf keinen Fall "enttarnt" werden, andere sind nicht zu finden. Jemand, der helfen könnte, hütet Namen und Adressen eifersüchtig. Die Neugier bleibt ungestillt, noch 23 Jahre nach dem Erscheinen des Buches. Nur die 1934 geborene Hannelore Röhl macht öffentlich, wer sie ist, wer sie im Buch ist. Hin und wieder liest sie vor interessierten Leuten aus ihrem Briefwechsel mit Maxie Wander vor. Es berührt sie, wie fasziniert gerade jüngere davon sind. Vielleicht, vermutet sie, ist es die enge Freundschaft, die für Fremde interessant sein kann. Die Ehrlichkeit zwischen den beiden Frauen. Oder die Tatsache, dass da wirkliche Briefe verfasst wurden.

So schrieb Hannelore Röhl vor dem Erscheinen des Buches an Maxie Wander:

"Liebe Maxie, wenn Du aus diesem Tonbandgequatsche nicht mehr heraushörst, als dass mich H. als gefährlich empfinden muss, und anderen persönlichen Kram, dann bin ich wütend. Habe ich doch so viel zur Politik und Zeit gesagt. Ich fürchte, das geht alles nicht. Du willst ausschließlich auf die Geschlechterbeziehung hinaus und ich auf die Zeitbeziehung. Aber es ist Dein Buch. Und die schöne Schlanke, die Du mit mir vermischen willst (...). Diese ist nicht mit mir zu mischen. Du solltest mich überhaupt fallen lassen, wenn Du schon solche Mischungen herstellen musst. Trotzdem bin ich neugierig, wie es Dir und dieser Zeit bekommt, wenn Du Dich in die Weiberschicksale einbringst."

Zweierlei, scheint es, wollte Hannelore Röhl nicht: Dass alles, was sie über die DDR gesagt hatte, all ihre kritischen Kommentare, gestrichen wurde, um nur die persönliche Geschichte mit solchen Zügen zu erhalten wie ihrem (erfundenen?) Hang, ein weiblicher Don Juan zu sein. Aber dass die politischen Anmerkungen, die sie als gefährlich empfand, unbearbeitet gedruckt werden, wollte Hannelore Röhl wiederum auch nicht. Als gefährlich empfand sie das ursprüngliche Protokoll in Bezug auf die Machthaber in Leipzig, aber auch in Bezug auf Menschen, die manche Aussage auf Buchseiten nicht verkraften würden. Lebensgefährlich nannte und nennt sie das. Tatsächlich haben nach dem Erscheinen des Buches einige Beteiligte harte persönliche Konsequenzen gezogen oder erlebt, auch Hannelore Röhl. Andererseits hatte sie "große, politisch bedingte Angst" davor, das, was sie als ihr Lebenswerk ansieht, zerstören zu lassen, die von ihr ehrenamtlich geleitete Galerie des Kulturbundes in Leipzig. Dieses Projekt sollte man ihr nicht wegnehmen. Dort zeigte sie seit Jahren Ausstellungen, von berühmten wie unbekannten, offiziell anerkannten wie politisch unerwünschten Künstlern und veranstaltete Gespräche mit Malern und Schriftstellern, die ein begeistertes Publikum fanden. Das war ihr wichtiger als die Arbeit als Referentin von Bernhard Heisig, damals Rektor der Kunsthochschule in Leipzig, wichtiger als die Aufgabe einer Stadtverordneten und als das, womit sie neben dem Job bei Heisig ihren Lebensunterhalt verdiente, die Werkstatt für Textildesign, in der sie Kinderkleider entwarf und nähen ließ. Ganz vorn stand für sie die Klubgalerie. Politisch vorsichtig genug zu sein, um ihre Arbeit in der Galerie nicht zu gefährden - das traute sie Maxie, ihrer Freundin, der Wienerin, einfach nicht zu. Entstanden ist schließlich ein Protokoll, das Hannelore Röhl auch heute als "nicht stimmig" empfindet. Diese Lena hat viel von ihr, ja, aber es finden sich auf dem Papier auch Sätze der Figur, die der lebendigen Frau fremd sind.

Als das Buch schließlich in den Schaufenstern lag, war die ursprüngliche "Lena" dann doch gerührt. Letzten Endes war die Sache mit den "Mischungen" aus verschiedenen Frauen ganz egal, genauso wie die Frage, welches Maxie Wanders eigene Texte sind oder ob der Stil dem des Briefwechsels zwischen den beiden Frauen manchmal nahe kommt. "Entscheidend war die Wirkung und die war enorm. Damals, als das Buch gerade erschienen war, dachte ich: Mein Gott, jetzt hat sie wirklich ein Buch geschafft. Jetzt hat eine von uns beiden wirklich etwas geschafft." An Maxie Wander, die zu der Zeit schon wusste, dass sie Krebs hatte, schrieb Hannelore Röhl: "Heute bin ich durch die Stadt gerannt, wo Dein Buch in allen Fenstern liegt. Nicht mehr lange. Das wird der Bestseller! Erst dachte ich, jeder sieht mir meinen Anteil an. Dann habe ich vor mich hin geweint vor Seligkeit, dass es Dir gelungen ist: ein Buch."

Die Freundschaft zwischen den beiden Frauen hatte bis zum Tode der Schriftstellerin Bestand. Eine Freundin, mit der ein so enger Austausch möglich war, dass ein solches Protokoll entstehen konnte, hat Hannelore Röhl später nicht wieder gefunden. "Dieser Liebesfähigkeit, mich anzunehmen, wie ich war, bin ich bei keiner anderen mehr begegnet. Und die Kritikfähigkeit, diese Art Unempfindlichkeit, sich alles sagen zu können, hatte auch niemand sonst."

Die Klubgalerie besteht nicht mehr. 1990, nach mehr als 200 Ausstellungen, übernahmen andere Leute im Auftrag des Kulturbunds die vier ABM-Stellen, die für die Galerie eingerichtet wurden. Hannelore Röhl wusste nicht, was sie nun machen sollte. Die Galerie war für sie nicht mehr vorhanden, die von ihr entworfenen Kleider nicht mehr gefragt. Da besann sie sich auf ihr Studium und begann, was Maxie Wander ihr immer wieder geraten hatte: "Liebste Alte, tu was, male ..."

"Lawinenartig", erinnert sie sich, "ging es los." Sie malt Aquarelle, Zyklen, die sie über lange Zeit beschäftigen. Ihre Ausstellungen heißen wie einer davon: "...als gäbe es einen großen Zusammenhang". In ihrem alten Atelierhaus im Kohrener Land lädt sie Neugierige zu Malkursen ein. Sie kocht für die Teilnehmer - sieben Frauen und Männer -, versammelt sie um ihren großen Tisch und sorgt dafür, dass alle zu Wort kommen und einander zuhören. Am Ende gehen alle mit eigenen Bildern nach Hause, die sie sich niemals zugetraut hätten. Hannelore Röhl liebt diese Begegnungen mit Unbekannten. Nur eine potentielle Freundin, gemessen an der Freundschaft damals, war noch nicht dabei. So spricht sie von Einsamkeit, obwohl sie eine Tochter und einen Sohn hat und von vielen Menschen umgeben ist. Vor einigen Monaten hat sie die Leipziger Gruppe des Deutschen Verbandes "Frau und Kultur e. V." gegründet. Ein kleines Netzwerk, bestehend aus 30 Frauen, unter ihnen eine Radiologin, Galeristin, Rechtsanwältin, Therapeutin, Malerin, Kunsthandwerkerin, aber auch Rentnerinnen, die sich regelmäßig treffen. Hannelore Röhl erklärt ihr Anliegen so: "Diese Frauen können viel voneinander erfahren, Schicksale nach der Wende kennen lernen, sich kulturell und menschlich bereichern, auch mal nur einfach quatschen. So etwas wollte ich immer mit Maxie Wander machen. Ich war begeistert, als alle Frauen, die ich fragte, sofort mitmachen wollten. Frauen, die was zu sagen haben. Das ist ja auch der Ausgangspunkt von Guten Morgen, Du Schöne."

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00:00 22.06.2001

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