Milan Kundera

A-Z Seine Protagonisten verzweifeln nicht nur an der Leichtigkeit des Seins, sondern urinieren auch in Waschbecken. Am ersten April wird er 90 Jahre alt. Unser Wochenlexikon

A

Ausländer Milan Kundera ist der berühmteste tschechische Schriftsteller – bloß ist er kein Tscheche mehr. 1979 entzog die Tschechoslowakei dem vier Jahre zuvor nach Frankreich emigrierten Dichter die Staatsbürgerschaft. Er hatte den Prager Frühling unterstützt und sich nicht an das poetische Regelwerk des real existierenden Sozialismus (Kitsch) gehalten. Seit 1981 ist er nun Franzose.

Der tschechische Premier machte 2018 einen Versuch, den weltberühmten Schriftsteller zurückzugewinnen. Kundera verdiene es, wieder tschechischer Staatsbürger zu werden. Und wo sieht sich der Ausländer Kundera? Über die – wie er – in Brünn geborene und in Frankreich lebende Věra Linhartová schrieb er: „Wenn Věra Linhartová auf Französisch schreibt, bleibt sie dann eine tschechische Schriftstellerin? Nein. Wird sie zu einer französischen Schriftstellerin? Wieder nein. Sie ist woanders.“ Marlene Brey

B

Bild „Die Skizze unseres Lebens ist ein Entwurf ohne Bild“, heißt es am Beginn von Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Anders als der Maler, der eine Linie vermittels eines Radiergummis wieder tilgen, anders als der Schauspieler, der für eine Aufführung vielfach proben kann, ist im Leben jede Skizze schon das Bild, jede Probe schon die Aufführung.

Folgt aus dieser Überlegung nun, dass einmal zu leben bedeutet, dass man überhaupt nicht lebt, wie Protagonist Tomas traurig konstatiert? Das Prüfen dieser Frage während der Lektüre führt direkt zurück zum Bild: Wir stellen uns den radierenden Maler vor und setzen uns selbst dazu ins Verhältnis, wodurch sich das vom Text vorgegebene Bild zu verdoppeln scheint: Einmal wäre dann also zweimal! Kunderas Romane laden zu einer prüfenden Reflexion ein, die im Moment des Vollzugs Tomas’ These und das vermeintlich Unabänderliche des Seins außer Kraft zu setzen scheint. Beate Tröger

E

Eremit Der fast 90-jährige Milan Kundera lebt zurückgezogen, manchen Zeitungsberichten zufolge sogar „sehr zurückgezogen“ in Paris. Von einem berühmten alten Schriftsteller, der in Paris lebt, erwarte ich nichts anders, als dass er sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Eigentlich müsste es so sein, dass man den berühmten, sehr zurückgezogen lebenden Schriftsteller zufällig in irgendeinem randständigen Bistro, sagen wir: im 14. Arrondissement, antreffen kann. Rein theoretisch müsste es dann so sein, dass man in demselben Bistro gleich zwei berühmte alte Schriftsteller an getrennten kleinen Tischen sitzen sehen kann (als Kostgänger). Mir fiele da Paul Nizon ein, der dieses Jahr nun auch schon 90 wird und seit Jahrzehnten sehr zurückgezogen in Paris lebt. Michael Angele

Essayist Hinter dem gefeierten Romancier steckt immer schon ein Essayist. Die Philosophie bildet für Kundera die fruchtbare Erde, auf der seine Geschichten wachsen und erblühen (Philosoph). Ohne Friedrich Nietzsches Denken im Zeichen von Vielfalt und Ambivalenzen wäre etwa Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins kaum denkbar gewesen.

Essayismus ist ihm zur Lebensform geworden: Um dem Wahrheitsanspruch totalitärer Systeme etwas entgegenzusetzen, plädiert er für das Uneindeutige und verwirft absolute Welterklärungen. Den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei, in dessen Gefolge es ihn ins französische Exil (Ausländer) verschlug, könnte man als eine Urerfahrung Kunderas beschreiben, die den Ideologiekritiker zeit seines Lebens prägen sollte. Und so gab es auch keine thematischen Schranken: Über Adalbert Stifter vermochte er genauso souverän und unerschrocken zu reflektieren wie über die europäische Gemeinschaft. Dass die ehemaligen Ostblockstaaten einmal zu diesem Club gehören sollten, war für ihn früh eine klare Sache. Also: Entdecken wir die Essays wieder! Björn Hayer

G

Geste In Die Unsterblichkeit winkt die 60-jährige Agnes nach einer Schwimmstunde ihrem Lehrer zu. Der Erzähler sinniert über die Diskrepanz zwischen Agnes’ biologischem Alter und der Mädchenhaftigkeit der Geste. Auch die Geste, mit der die fieberkranke Teresa nach der ersten Liebesnacht die Hand von Tomas festhält, ist von großer Tragweite. An ihr macht Tomas den Unterschied zwischen Teresa und seinen Affären fest, durch diese Geste wird sie schicksalhaft zur ewig betrogenen Ehefrau (Sexismus).

Kundera versteht es, über Gesten die Körperlichkeit seiner Figuren ins ➝ Bild zu setzen und dieses zugleich zu reflektieren. So prägen sich die Figuren unverwechselbar und prototypisch ein. Beate Tröger

J

Juliette Binoche Die Verfilmung von Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, das war der Beginn von Juliette Binoche als Schauspielerin. Zumindest für uns, die wir sie 1988 zum ersten Mal auf der Leinwand sahen. Ihre Filmografie beginnt zwar schon 1983 – aber es war Philip Kaufmans Film, der sie 1988 auch über Frankreich hinaus bekannt machte.

Der Film wurde damals von Andreas Kilb in der Zeit zu Recht markant als „Lehrstück über die Schwierigkeit des Scheins“ kritisiert. „Ihr müsst streichen, streichen“, soll Kundera zu Kaufman gesagt haben. Zum Glück aber ist bei allen Streichungen genug Binoche alias „Teresa“ in dem Film geblieben – genug von einer Schauspielerin, die in ihren Filmen und in ihren Rollen bis heute überzeugt. In mehr als 70 Filmen hat Binoche inzwischen gespielt – und wurde als erste europäische Schauspielerin bei den Filmfestivals in Berlin, Venedig und Cannes ausgezeichnet. Marc Peschke

K

Kitsch Kitsch ist für Milan Kundera ein so widerwärtiges Phänomen, dass er ihm in der Leichtigkeit einen zornigen, langen Essay (Essayist) widmet. Ganz vereinfacht entsteht aus seiner Sicht immer dann Kitsch, wenn die Tatsache geleugnet wird, dass Menschen Scheiße produzieren, und dies sowohl im ganz realen als auch symbolischen Sinne.

In einer Diktatur wie der des Stalinismus werde das besonders auffällig. Dort werde alles, aber auch alles beschönigt und in eine betrügerische Harmonie gebracht, wie sie sich bei den Jubeldemonstrationen – zum Beispiel zum 1. Mai – manifestiere. Beschönigung und Kitsch gebe es in allen Herrschaftsbereichen, aber da, wo eine einzige politische Partei alle Macht hat, befänden wir uns im Bereich des totalitären Kitsches. Kitsch schließe einfach alles aus, was an der menschlichen Natur unannehmbar scheine. Seltsamerweise fand ich aber schon den Titel seines berühmtesten Werkes selbst ziemlich kitschig. Magda Geisler

P

Philosoph Man muss Kundera nicht zum Philosophen erheben, um seine Gedankentiefe anzuerkennen. Aber aus seinen Arbeiten sprechen philosophische Aspekte: insbesondere Fragen des Existenzialismus (Tiefsinn). Der Mensch ist in der Welt und der Geschichte gefangen, so die Botschaft. Leben ist kontingent und kann sich nicht entziehen.

Unsere Existenz hat keinen Sinn, auch weil es keine höhere, göttliche Instanz gibt, die sie mit Bedeutung aufblasen könnte. Und ja: Leben bedeutet auch Leiden an diesem Sinnverlust. Unser Dasein kann nur im Sich-Abfinden damit bestehen und im individuellen Ausleuchten nach Sinn. Kundera-Biograf Květoslav Chvatík hat das griffig als Titel formuliert: Die Fallen der Welt. Tobias Prüwer

S

Sexismus Sexismus und Frauenfeindlichkeit in Milan Kunderas Romanen wurden immer wieder kritisch thematisiert. Die Autorin Joan Smith hat in ihrem Buch Misogynies (Frauenhass) erklärt, dass Feindseligkeit der gemeinsame Faktor in allen Schriften Kunderas über Frauen sei. Ein Rezensent des Guardian argumentierte abschwächender und konstatierte einen überwältigenden Androzentrismus.

Marcel Reich-Ranicki wurde in der FAZ gefragt, ob er Kunderas Roman – es ging auch hier um seinen bekanntesten – für sexistisch halte. Und er hat geantwortet: „Nein, nicht Milan Kunderas Roman ist sexistisch, sondern das Leben in Europa in unserer Epoche. Was aber viele Menschen für sehr angenehm halten.“ Eine überraschende und zutreffende Zeitdiagnose. Magda Geisler

T

Tiefsinn Von Michael Ende führte mein Weg 1984 recht nahtlos zu Kundera. Die Leichtigkeit war wohl das erste Buch, das mir das Gefühl eines gewissen Erwachsenseins vermittelte. Erste Gedanken über Widersprüche, zwischen denen diese Erwachsenen offenbar umgetrieben werden, tauchten da am Geisteshorizont auf. Das Leben in einer Diktatur wurde plastisch bedrückend nachvollziehbar. Und natürlich die Liebe ...

Das Buch erweckte da einen ganzen Seelenkomplex zum Leben (Bild). Am Ende hatte ich das Gefühl, eine neue Qualität der Vertiefung erlebt zu haben. Die Verfilmung saugte dann meine Imagination auf wie ein Staubsauger. Was für ein Verlust. Marc Ottiker

W

Waschbecken Kunderas bekanntesten Roman las ich, als ich sehr jung war. Es wird am zarten Alter gelegen haben, dass ich über seine zwei Hauptthemen, Sex und Politik, wenig wusste. Das mit dem Sex war schlimm, fürs Lesen aber egal. Um zu verstehen, warum Tomas und Teresa die Tschechoslowakei verlassen und sich der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ im Westen aussetzen, wäre ein bisschen Wissen über den Prager Frühling hilfreich gewesen.

Was mich damals am meisten faszinierte, hat mit dem Beruf zu tun, den Tomas nicht mehr ausüben darf, da er sich weigert, seine dissidenten Positionen zu widerrufen. Tomas pinkelt mit Vorliebe in Waschbecken. Dass Chirurgen das machen, um sich die Hände nicht dreckig zu machen, war eine echte Neuigkeit. Mein bester Freund, der vom Prager Frühling auch keinen blassen Schimmer hatte, von Sex allerdings schon, hatte auch hier die Nase vorn. Er war Sohn eines Internisten. Manche brauchen eben Bücher. Andere nicht. Mladen Gladić

Z

Zeit Wenn nichts dazwischenkommt, wird Kundera elf Tage nach Erscheinen dieser Ausgabe 90 Jahre alt. Sein Werk gilt schon seit einer Weile als praktisch abgeschlossen. Die Zeit ist also nicht nur gekommen, sondern drängt auch, ihm ein Denkmal zu setzen. Sollte die Schwedische Akademie sich dieses Jahr wieder zusammenraufen, wird die Frage, ob Kundera den Literaturnobelpreis bekommt, unweigerlich im Raum stehen.

Ob er ihn verdient hat, wird indes nicht nur auf dem Feld der Literatur diskutiert. Seitdem 2008 Vorwürfe erhoben wurden, Kundera habe als junger Mann einen Antikommunisten denunziert und ihm so jahrelange Zwangsarbeit beschert, gilt seine Arbeit – obwohl alles unklar blieb – manchem als moralisch kontaminiert. Aber bekanntlich gibt die Liste der Nicht-Preisträger ohnehin besser Auskunft über die Weltliteratur. Leander F. Badura

06:00 01.04.2019
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