Milch und Käse

Geheimnis des Balkans Luan Starovas Roman "Zeit der Ziegen"

Skopje, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg: Im Taumel von Zukunft und Aufbau beschließen die siegreichen Kommunisten, dass nun Schluss sein müsse mit den primitiven, orientalischen Verhältnissen in der ärmsten Republik Jugoslawiens. Die Hirten aus den Bergen sollen in die Stadt kommen, in ordentlichen Wohnungen leben und das rückständige Agrarland industrialisieren. Sie kommen tatsächlich. Aber zum Entsetzen der neuen Machthaber bringen sie ihre Ziegen mit, halten sie in ihren winzigen Häusern, in Gärten und Parks und treiben sie sogar auf den stolzen Hauptplatz. Die Ziegen waren für die Landbevölkerung Schutzengel und Lebensversicherung: Sie gaben Wärme, Milch und Käse - wer in jenen schweren Zeiten ein kleines Kind hatte, brachte es nur durch, wenn auch eine Ziege da war. Der mazedonische Romancier und Diplomat Luan Starova, Jahrgang 1942, erzählt die poetische, auch ein wenig groteske Geschichte der Ziegeninvasion halb aus der Geschichte des kleinen Jungen, der die freundlichen, weichen Gesellen einfach gern hat, halb aus dem Blickwinkel seines Vaters, eines skeptischen Gelehrten, der aus Albanien zugewandert ist, mit den Kommunisten sympathisiert und von den Tieren lernt, dass deren Utopie nicht nur schön, sondern auch gewalttätig sein kann.

Tschanga, der Anführer der Ziegenhirten, freundet sich mit dem Gelehrten aus Albanien an. Beide lernen voneinander: Der Wissenschaftler, ein Staatsbeamter im neuen Jugoslawien, erfährt alles über das harte Leben der Hirten und über die Mythen, die sie mit ihren Ziegen verbinden. Der Hirt, ein Analphabet, lernt durch seinen neuen Freund die Bücher kennen, vor allem die über die Geschichte des Balkans. Beide beginnen den Konflikt zwischen Hirten und Partei als Parabel auf den ewigen Streit zwischen Volk und Macht zu verstehen, der die Weltregion seit Jahrhunderten prägt. Luan Starova erzählt seine menschen- und ziegenfreundliche Geschichte milde, mit Humor und ohne Hass. Es ist ein lehrreicher Roman - über Geheimnis und Elend des Balkan erfährt man ebenso viel wie über die fast vergessene Haustierart. In Frankreich wurde Starovas sechstes Buch als "bester ausländischer Roman des Jahres 1997" ausgezeichnet. Leider geht er schlecht aus. Aber das hat er ja mit der Geschichte des Balkan gemeinsam.

Luan Starova: Zeit der Ziegen. Aus dem Makedonischen von Robert Mantovani. Unionsverlag, Zürich 1999. 196 S., 16, 90 EUR

00:00 20.09.2002

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