Milliardäre fordern Millionäre zum Arbeitskampf

USA In den USA ist die kommende Saison der NFL in Gefahr. Das ist, als würde in Deutschland die Bundesliga ausfallen. Es geht um die Gehälter

Das ist so, als würde in Deutschland die Bundesliga ausfallen, als bekäme Bayern München nächstes Jahr keine Chance zum Wiedergutmachen: In den USA ist die kommende Saison der National Football League (NFL) in Gefahr. Die Eigentümer haben die Spieler der 32 NFL-Mannschaften ausgesperrt, um geringere Gehälter und eine Verlängerung der Saison um zwei Spiele zu erzwingen. Der Arbeitskampf ist symptomatisch für ein politisches Klima, in dem immer zuerst Arbeiter und Angestellte gemeint sind, wenn es heißt, „alle“ müssten den Gürtel enger schnallen.

In der Welt des amerikanischen Footballs mit dem „Ei-förmigen“ Ball und den mit Helmen, Gesichtsschutz und Brustpanzern vermummten Spielern gelten Mai und Juni als Vorbereitungsmonate: Die Spieler absolvieren Krafttraining, machen sich fit und studieren die Playbooks der Trainer. Im Juli geht es dann richtig los in den Trainingcamps, im August und Anfang September finden die vier Pre-Season-Spiele statt – danach beginnt die „richtige“ Saison mit ihren 16 Ansetzungen. Doch 2011 ist alles anders. Seit dem 12. März dürfen die Spieler das jeweilige Trainingsgelände nicht mehr betreten. Die Eigentümer haben „mit Bedauern“, wie sie betonten, ihre Equipe nach ergebnislosen Tarifverhandlungen mit der Spielergewerkschaft NFLPA ausgesperrt. Die Gerichte befassen sich längst mit der Sache. Eine Zivilklage von zehn NFL-Star-Spielern wirft den Eigentümern „konspirative und wettbewerbshindernde“ Praktiken vor. Die in den USA finanziell erfolgreichste Sportliga mit Einnahmen von rund neun Milliarden Dollar im Vorjahr verstoße gegen das Anti-Kartellgesetz. Und der Lockout sei rechtswidrig.

Obama greift ein

2006 hatten die Gewerkschaft NFLPA und die Teambesitzer einen bis zum Lockout geltenden Tarifvertrag ausgehandelt. Entsprechend wurde der Kuchen vergangenes Jahr so aufgeteilt: Die erste Milliarde ging an die Eigentümer. Von den restlichen acht Milliarden bekamen die knapp 2.000 Spieler 60 Prozent und die Eigentümer nochmals 40 Prozent. Das brachte 2010 jedem einzelnen Eigentümer rund 130 Millionen Dollar und jedem Spieler im Schnitt gut zwei Millionen, wobei die Top-Stars wesentlich höhere Schecks bekamen, während die jungen Spieler oft nur Gehälter im sechsstelligen Bereich verbuchten. Die Crews wären mit einer Beibehaltung weitgehend einverstanden gewesen – nach Darstellung von NFL-Commissioner Roger Goodell, der die Eigentümer vertritt, ein „eindeutiges“ Zeichen, dass der Tarifvertrag die Besitzer benachteilige.

Präsident Barack Obama hat sich mit Hinweisen auf die miese Wirtschaftslage der Nation als Vertreter des „kleinen Mannes“ in Szene gesetzt, der keinen Magen habe für die Streitigkeiten der Football-Großverdiener. Auf der einen Seite stünden die Besitzer, sagte Obama, die meisten davon seien Milliardäre – auf der anderen die Spieler, die Millionen verdienten. Da viele Amerikaner sparen müssten und „sich Sorgen machen um die Abzahlung ihrer Hypotheken wie die Studien-Gebühren für die Kinder“, sollte man meinen, „dass die beiden Parteien in der NFL eine Lösung finden können“. Der Präsident steuert bei Arbeitskämpfen gern in der Mitte. Dabei haben konservative Politiker und Publizisten eine regelrechte Hetzjagd auf die Gewerkschaften ausgerufen. Was fast anachronistisch anmutet in einer Nation, in der nur noch zwölf Prozent der Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind (im öffentlichen Dienst noch 36 Prozent). In den republikanisch regierten Bundesstaaten Wisconsin, Michigan, Indiana und Ohio haben die Gouverneure Gesetze vorgelegt oder sogar schon durchgesetzt, um die Gewerkschaften der Regierungsangestellten zu entmachten, die schuld seien an den enormen Haushaltsdefiziten.

Geringe Lebenserwartung

Eine ähnliche Stimmung begleitet die Bildungsreform, bei der gerade eine großflächige Privatisierung angesagt ist: Die absolut unflexiblen Lehrergewerkschaften seien schuld, dass so viele Kinder nicht richtig lernen. In der Hauptstadt Washington besucht schon jetzt etwa die Hälfte der Kinder Privatschulen oder so genannte Charter Schools, die zwar staatlich finanziert, aber von gemeinnützigen oder profitorientierten Konzernen gemanagt werden und nicht an die traditionellen Tarifverträge der Lehrergewerkschaft mit den Kommunen gebunden sind.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sowie Bill und Melinda Gates haben amerikanischen Schulen Hunderte Millionen Dollar gespendet; sie müssten künftig Lehrer nach „Leistung“ bezahlen, heißt es, und nicht nach traditionellen Tarifverträgen.

Auch in Bezug auf Hautfarbe spiegelt der NFL-Konflikt gesellschaftliche Realitäten wider. Die NFL-Eigentümer sind fast ausschließlich weiß. Die Football-Spieler mehrheitlich schwarz, viele kommen aus den unteren Stockwerken der sozialen Hierarchie. Sie leisten Gladiatoren-Dienste für eine Gesellschaft, die sich amüsieren will. Durchschnittlich dauert eine NFL-Karriere nicht einmal fünf Jahre, bevor Verletzungen einen Spieler für immer ausschließen, berichtet eine von Sportärzten durchgeführte Untersuchung.

Und die Lebenserwartung eines Footballspielers ist deutlich niedriger. Die NFL räumt inzwischen ein, dass der gewalttätige Sport häufig Gehirnerschütterungen verursacht und dass diese Belastungen des Gehirns langfristig oft zu Demenz führen. Aber gleichzeitig fordern die Besitzer in der laufenden Kontroverse, es sollten in Zukunft pro Saison 18 Spiele ausgetragen werden. Und vor allem sollten die Gehälter der Spieler in den ersten Spieljahren nie­driger angesetzt werden. Dabei haben viele Spieler in ihrer Karriere nicht mehr als „erste“ Spieljahre.

Konrad Ege ist USA-Korrespondent des Freitag

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15:00 31.05.2011

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