Georg Seeßlen
Ausgabe 4313 | 28.10.2013 | 06:00 20

Millionenmal Du

Boom Andrea Berg singt über die Liebe in den Zeiten der prekären sexuellen Ökonomie. Damit wird die Schlagersängerin zur Queen der neuen Volksmusik

Millionenmal Du

„Bin ich von allen guten Geistern verlassen, fall ich schon wieder auf dich rein?“ ist so eine typische Zeile von ihr

Foto: Sony Music

Nach Max Weber werden „Klasse und Stand“ durch Ökonomie und Kultur bestimmt. Dabei ist Ökonomie nicht einfach der Grund und Kultur die Wirkung, beides ist ineinander verspiegelt. Die Kulturware sucht den sozialen Ort seiner Adressaten, sie erzeugt ihn aber auch. Wer an einem bestimmten sozialen Ort lebt, braucht eine bestimmte Form der Kultur. Sonst muss er oder sie aufbrechen oder wird ausgestoßen. Die Kulturware muss Heimat werden. Andrea Berg zum Beispiel.

Andrea Berg, als Andrea Ferber 1966 in Krefeld geboren, begann ihre Performance-Karriere, während sie als Krankenschwester arbeitete, als Funkenmariechen im Karneval. Das steckt ein wenig immer noch in ihren Bühnenshows, eine erotische Offenheit, die in einem System der Erlaubnisse und Kontrollen steckt. Sex, der irgendwie immer in der Familie, im Rahmen bleibt, niemandem wehtut und keine Mehrdeutigkeiten zulässt. Feuchte Träume für die Kinder von KiK und Beate Uhse.

Laut Media Control ist Andrea Berg die Sängerin mit den meisten Nummer-eins-Platzierungen, der längsten Verweildauer auf Platz 1 (Best of hielt sich 16 Monate lang) und der größten Dauer in den Top-100 (in Deutschland 345 Wochen, in Österreich gar über 500 Wochen). Ihr aktuelles Album Atlantis ist soeben fünf Wochen nach Veröffentlichung mit Platin ausgezeichnet worden. Andrea Berg spricht offensichtlich mehr Menschen in unserer Gesellschaft aus dem Herzen als Lady Gaga, Robbie Williams und Justin Bieber zusammen. Nur wird ihr Erfolg, im Gegensatz zu den letztgenannten, nicht beschrieben oder diskutiert. Die gewiss nicht sehr leise Musik von Andrea Berg erzeugt ein kulturelles Beschweigen.

Vielleicht ist dieses Schweigen so zu verstehen: Über Geschmack kann man nicht streiten, schon gar nicht ohne Klassismus; wer etwas wie das Gesamtkunstwerk Andrea Berg zum Kotzen findet, der handelt sich schnell den Vorwurf der kulturellen Überheblichkeit ein, wer sich ihrem Publikum (wie dem der Bild-Zeitung) mit Sympathie zu nähern versucht, unterstützt womöglich eine Unterdrückungs- und Verblödungsmaschinerie, wie sie Adorno sich in seinen schrecklichsten Albträumen nicht hätte ausmalen können.

Niemand heult

Ihre Karriere begann 1992 mit Du bist frei, drei Jahre später folgte das zweite Album, das Gefühle hieß und mit Liedern wie „Wenn du mich willst, dann küss mich doch“ oder „Die Gefühle haben Schweigepflicht“ die Erfolgsformel entwickelte: Andrea Berg verband Elemente des alten Schlagers mit denen der verschärften volkstümlichen Musik und mit solchen des internationalen Pop, und sie verhielt sich konsequent monothematisch: Ein weibliches, mehr oder weniger lyrisches Ich, das seine Ansprüche an ein männliches, ganz und gar nicht lyrisches Du formuliert. Dieses männliche Gegenüber tendiert offensichtlich zur Untreue, nicht selten aber auch zu schlichter Langeweile. Es scheint sich weder sexuell noch sozial um einen Traummann zu handeln, und doch will sich dieses weibliche Ich ihm unterwerfen, ihn behalten, ihn sich immer wieder schön und stark träumen. Und kann auch nicht recht von ihm lassen, wenn sie geht.

In den scheinbar so nebulösen und von pathetisch-sentimentalen Metaphern wimmelnden Texten von Andrea Berg hebt sich der Widerspruch von Begehren und Enttäuschung immer nur in einer Geste auf: im Träumen. So begleitete sie die sexuelle Ökonomie des unteren Mittelstands in Deutschland durch die Krisen. Es war die Zeit der versiegenden Aufbruchshoffnungen. Das Phänomen Andrea Berg als klassischer Mythos des Alltags war geboren.

Im Unterschied zum alten deutschen Schlager gibt es bei Andrea Berg nirgendwo Ironie, keine Nonsense-Ausflüge, keine Genre-Zitate, keine Novelty-Experimente, nicht die geringste Überraschung, nicht einmal ein etwas exaltiertes Role Playing. Es gibt kein Lied, das von etwas anderem handeln würde als von diesem Ich und diesem Du, das aus allen emotionalen und kognitiven Katastrophen rekonstruiert wird. Sowenig in dieser Performance angesprochen wird, dass es eine Welt außerhalb der Paar-Fixierung geben könnte, so wenig kommt in der Andrea-Berg-Welt die Ahnung vor, eine Frau könne auch ohne den Mann zurechtkommen. Man könnte Andrea Berg wohl mit guten Gründen ein radikales antifeministisches Projekt nennen.

Und die Musik? Der Rhythmus: Stumpfa-stumpfa-stumpfa. Ein Ballermann-Disco-Rhythmus. Die Melodie: Das alte Schlager-Modell, skelettiert zur Modern-Talking-Schlichtheit. Die Produktion: Zu viel ist nie genug. Der Sound: Wie in der volkstümlichen Musik werden kindliche Instrumente elektronisch aufgepimpt, irgendein Klavier oder eine Harfe schmiert Bedeutung über das gnadenlose Geschunkel. Die Stimme: Ein schiemlich schweres Sch manchmal, anschonschten keine weiteren Beschonderheiten. Keine Höhen, keine Tiefen, keine Stimmungswechsel. Die CD: Bloß keine Abwechslung, wenn man doch immer nur mehr vom selben will.

Wie bei anderen der neuen deutschen Schlagerstars scheint auch Andrea Bergs Show nicht zuletzt für bestimmte Räume geschaffen, eine Mischung aus Mehrzweckhalle und Kreuzfahrtschiff-Ballsaal. Das große Paradoxon liegt in der Verbindung von Gigantomanie und Subjektivität: Je manischer sie ihre Seelenwunden und ihre Sehnsucht beschwört, desto bombastischer geht es in der Musik und in der Bühnenshow zu.

Stumpfa-stumpfa-stumpfa

Doch wie ist das möglich, dass jemand, der (angeblich) von den intimsten Gefühlen singt, von einem solch gefühllos alles niederwalzenden Gestampfe begleitet wird? Wie verträgt sich dieses von Trennungsängsten gebeutelte Ich mit der besoffenen Massenstimulation? Niemand heult bei Andrea Berg. Die Botschaft von der Frau, die nichts anderes als den Mann will, wird uns buchstäblich eingehämmert. Und an solchen Punkten pflegt Unterhaltung in Ideologie umzuschlagen.

Andrea Berg konstruiert die sexuelle Ökonomie des unteren Mittelstandes in den Zeiten des Finanzkapitalismus. Sie macht aus dem unangenehmen Umstand, dass die sexuelle Ökonomie in der Krise wieder mal zuungunsten der Frauen im unteren Mittelstand ausgeht, ein pathetisches Programm. Sie tröstet die Frauen mit der Aussicht aufs Weiterträumen und damit, wie man an ihr sieht, auch mit 47 noch „sexy“ (Andrea Berg) wirken zu können, und die Männer damit, dass sie vielleicht sozial absteigen, aber immer noch eine Frau wie Andrea Berg finden, der es am Ende nichts ausmacht, wenn die betrunkenen Vollspacken mal mit der Nachbarin rummachen. Nicht Alleinsein, das ist die einzige, gewaltige Botschaft der Marke Andrea Berg (einer eingetragenen Marke übrigens: Andrea Berg hat sich selbst zum kulturellen Warenmuster erklärt). „Bin ich von allen guten Geistern verlassen, fall ich schon wieder auf dich rein?“, fragt sie und antwortet mit Ja, denn: „Es gibt kein Gegenbild“. Das fürwahr ist programmatisch. Es ist das Merkelistische der Alternativlosigkeit, was hier ins Intime und Erotische gewandt ist. Sie möchte sogar, dass der Mann, der schon bei einer anderen ist, ihr die Illusion lässt, dass die Liebe weitergeht. Explizit ist die Rede von der „Wahrheit, die so viel zerstört“. „Lass mich einfach weiterträumen“ ist die militante mythische Botschaft, immer weitermachen, nicht kämpfen, nicht rebellieren, nicht aufwachen.

Dass Stars wie Helene Fischer oder Andrea Berg derzeit boomen, kann man sich nicht ohne den Merkelismus in Deutschland vorstellen. Und vielleicht kann man sich umgekehrt auch die ungebrochene Popularität von Angela Merkel nicht ohne diese Schlagerstars vorstellen. Sie bezeichnen eine Art des kollektiven Beschweigens und der ästhetischen Hegemonialisierung. Nach all den Krisen, den Katastrophen im Kleinen und im Großen wird der Innenraum von Klasse und Stand verteidigt.

In der Welt von Andrea Berg ist die Familie als Ordnungselement zusammengebrochen, hier läuten keine Hochzeitsglocken mehr, hier gibt es keine Braut in Weiß mit einem Blumenstrauß. Aber es ist keine Freiheit entstanden aus diesem Zusammenbruch. Die Geschlechterordnung muss jenseits dieser Institution errichtet und erhalten werden. Man muss das lernen wie in der Politik: nicht zu genau hinschauen. Sich selber und den anderen jeden Verrat verzeihen, Gefühle kontrollieren, notfalls auch lügen. Emotionaler Opportunismus. Den Rest einfach erträumen. Und die Musik geht stumpfa-stumpfa-stumpfa. Was zum Teufel ist das für eine Welt, in der man sich von Andrea Berg retten lassen muss?

Andrea Berg, 47, ist neben Helene Fischer die erfolgreichste deutsche Schlagersängerin. In den deutschen und österreichischen Album-Charts hielt sie sich länger als Pink Floyd oder die Beatles. Sie ist eine eingetragene Marke und seit 20 Jahren einem Thema treu: Halte zu deinem Mann!

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 43/13.

Kommentare (20)

Paul Pawlowski 28.10.2013 | 12:35

Interessant geschrieben - aber zwangsläufig voll am Thema vorbei. Andrea Berg will niemanden retten. Sich selbst weinerlich zu fragen, was das für eine Welt sei, aus der man sich auf diese Weise retten lassen muß, ist die Arroganz - oder doch nur Angst - vor dem eigenen emotionellen Debakel.

Immer wieder amüsant zu sehen ist, wenn "Alt-Rocker" mit Pensionsanspruch sich in Coverbands über de regionalen Bühnen mit eigenem "familieärem" Fanclub rollatieren. Über "Schlager" die Nase rümpfen und dann zu später Stunde bei der Gartenfete im Bionade-Ghetto "Du hast mich tausendmal belogen..." grölen.

Die Internetforen, Gesprächskreise und Praxen sind voll mit Menschen, die mit dem sooo modernen präkären Beziehungs- und Sexualstatus nicht zurecht kommen. Dazu gehört - entgegen der Annahme des Autors - nicht nur die untere Mittelschicht. Die stellt sich diesem Dilemma wesentlich früher als es uns lieb ist. Dieses Stellen füllte den RTL-Nachmittag in den letzten zehn Jahren. Hat sich der Autor nur nicht getraut, das Wort Untersschicht in den Mund zu nehmen..? Die anderen fressen Pillen, versuchen Sado-Maso-Spielchen, Partnertausch mit und ohne Ahnung und Billigung des Partners, esoterische und erotische Erleuchtungskurse und bleiben in der enttäuschenden Partnerschaft stecken. Oder sind der glückliche Single, der in drei Partnersuchportalen angemeldet ist und sich von der Kartenlegerin die Flirtchancen bei der nächsten Afterworkparty ausloten lässt. Dieses zeiht sich durch alle , auch Bildungs-Schichten. Wenn Sex zur Mangelware wird und Beziehung zum Ausnahmezustand, dann trifft Andrea Berg in Schwarze -aber sowas von...

Andrea Berg ist kein Gegenentwurf der Emanzipation, sie ist die Essenz, wenn der intellektuelle Überbau nicht mehr die Seele beruhigt, die Sehnsüchte im Schach halten kann.

kolumnarde 28.10.2013 | 17:51

Naja, ich kannte die Dame bisher nicht mal vom Namen und ich höre vermutlich die falschen Sender, so daß ich nicht einen ihre Top-Hits kenne noch erinnern könnte.
Aber ich habe mir mal eines ihrer Videos auf youtübe angeguckt – bis zur 2ten Minute, länger ist das nicht zu ertragen. Immerhin, „auf zu neuen Abenteuern“ bedeutet in der Quintessenz die Ermutigung dazu sich im drögen Alltag immer wieder aufzuraffen zur Animation des nahe am Versterben vor Langeweile und / oder am burnout vorbeischrammenden Gatten für irgendeine Unternehmung und der neuesten Variation von Sex etc.

Außerdem singt sie dabei nicht nur, sie lässt sich auf dem Live-Video http://www.youtube.com/watch?v=fAU7KUjsgKM

auch von einem Diener im Livree auf offener Bühne von ihrem Schleppenkleid befreien, worunter dann ein sexy-hexy-Glitzer-Kleidchen zum Vorschein kommt, daß sie als Unterstreichung für den nächsten Einsatz auf Pumps – besagte neue Abenteuer – benötigt. Tatsächlich ist das Open-Air mit Tausenden Menschen eng besetzt und die Dame macht Konzerttourneen, von denen andere nur träumen können...

Ansonsten zitiert wikipedia noch den Stern:
„Andrea Berg ist nicht nur für ihre Musik bekannt, sondern auch für ihre Bühnenoutfits. Sie bevorzugt Miniröcke, Strapse und hochhackige Overknee-Stiefel. Berg sagte 2008 über sich selbst: „Als 42-jährige Frau muss man sich anstrengen, damit die Männer einem hinterhergucken.“
Eben.
Genau diese Altersgruppe (die shades-of-grey, Feuchtgebiete usw. Fan-Club-Generation) mit ihren postsexualrevolutionären speziellen Bedürfnissen nach fortlaufenden Kicks im gesicherten Partnerschaftsrahmen peilt sie an und zwar sehr erfolgreich – u.a. dank Dieter Bohlen als Produzent und Sounddesigner.

So wie die Frau sich anstrengt, wäre sie mir vor allem eins: zu anstrengend.
(und zu laut und zu bemüht sexy und zu und zuviel, ganz schnell zuviel)

alalue 28.10.2013 | 23:28

Es gibt so eine Art statistischer Verteilung der menschlichen Möglichkeiten.

Die moderne, hier in der FC als Standard gehandelte und gehoffte Beherrschung von Eigenständigkeit, Intellktualität und Wahlsicherheit kann nur ein kleiner Teil der real existierenden Menschheit verwirklichen. Die Befreiung von den Klischee-Normen war für die Minderheiten nötig, die ihnen nicht entsprechen. Aber als Norm überfordert sie das sogenannte Mittelmaß, das man auch Mittelmäßigkeit nennen kann.

Darum ist Bild die meistgelesene Zeitung Deutschlands, und AB so erfolgreich.

Die so gepriesenen gehobenen Normen helfen nur denen, die sie verwirklichen können. Für die, die nicht so weit kommen, bringt das ncihts: es gefällt ihnen nicht, es spricht sie nicht an, sich suchen sich, was in ihr Fassungsvermögen paßt.

kolumnarde 29.10.2013 | 00:20

Also ich hatte vorsorglich vor der Besichtigung der Boom-Berg den Ton abgeschaltet und mir die Bühnenshow und das Publikum angeguckt. Ganz normale Leute, die sich da versammelten und offenbar Spaß hatten, tanzten und augenscheinlich auswendig mitsangen und an den kleinen Überraschungen der professionellen Pyrotechnik und Beleuchtungstechnik des Abends Gefallen fanden – und somit den Preis für ihre Tickets ok fanden.
Das Bühnenarrangement und der Sound waren offenbar für diese Ohren optimiert und ich habe mal rein gehört.
Die Stimmgewalt der Dame verdankt sich in erster Linie Effektgeräten, die hier für den Live-Einsatz und das Marketing ihrer „brandneuen“ CD auch mal ein wenig vehementer und brillianter eingestellt wurden. Die Band spulte den von einprägsamen Wiederholungen dominierten Song routiniert und präzise, mit einstudierten Gesten emotionaler Involvierung in einen nichtssagenden Text und ein simples Arrangement, runter. Keine Überraschungen, abgesehen vom Auftritt des sittsamen Dieners, der als junger Mann die imaginierte erotische Ausstrahlung der - ohne perfektes Make-Up, Lifting und Botox-Kur wohl sichtbar alternden – damit aber nahezu zeitlos schlagernden Dame unterstreichen sollte. Die einfallslose music passt zu den gleichartig standardisierten Wohn – und Schlafzimmern des Publikums, sowie in die zugehörigen PKWs als Verlängerung der Gewohnheiten derselben in denselben.
Diese Geschäftsfrau weiß ganz genau, daß die anwesenden Frauen ihre zahlenden Gatten zu diesem Konzert mitgeschleift haben, um deren Versprechungen ihn auch nach der gebärfähigen Phase phantasievoll bei Laune zu halten eine popkulturelle Grundierung zu verleihen.
Daß die Berg so unfassbar viel „Musik“ verkauft, hat doch sehr viel damit zu tun, daß es da sehr weibliche Bedürfnisse und Abnehmerinnen für ihre Produkte gibt, die sich damit zu trösten und über die Ödnisse ihrer Lebenswelt hinweg zu träumen wissen.
In Kurzform: weibliche Emanzipation war in D & Ö zuallererst eine Medienereignis. Die Berg ist der von denselben Medien ignorierte Gegenbeweis für die weibl. Beharrung auf einem für sie zumindest materiell, weniger sexuell, günstigen Geschlechterverhältnis.

Ich frage mich nur, wie blöd müssen deren Kerle sein, die da auch noch mitsingen...

Sophia 29.10.2013 | 16:44

Die so gepriesenen gehobenen Normen helfen nur denen, die sie verwirklichen können. Für die, die nicht so weit kommen, bringt das ncihts: es gefällt ihnen nicht, es spricht sie nicht an, sich suchen sich, was in ihr Fassungsvermögen paßt.

Man könnte vielleicht auch so sagen: Irgendwie müssen die Massen ja dumm, aber dennoch bei Laune gehalten werden. Und da ergänzen sich doch Bildzeitung, Fußball, Autorennen und das mit billigem Sexappeal aufgepimpte „Stumpfa-Stumpfa“ einer Andrea Berg doch in idealer Weise.

alalue 29.10.2013 | 18:33

Ob sie durch Berg dumm gehalten werden, weiß ich nicht. Durch Bild schon. Ich werde durch Fußball, noch dazu von den BAyern, dumm gehalten, aber so schlimm finde ich es nicht.

Privatfernsehen ist sehr schlimm. Aber es ist fraglich, ob man diese Menschen recht viel schlauer machen könnte.

Mir ging es jetzt aber nur um Ästhetik: auch da ist alles relativ, finde ich.

Ein Dirigent ernster Musik, oder die Orchestermusiker erleben Musik anders, intensiver als wir, und den gehobenen Pop, Jazz und was sonst noch, den wir der Berg vorziehen, finden die langweilig. Da gibt es sozusagen open end nach oben.

Ich sah mal eine Doku über den Maler Gerhard Richter. Der sagte: wenn man so viel übt zu sehen, und zu malen, dann weiß man viel mehr über das Sehen und beim Sehen, als man mit dem Verstand erklären kann. Ich habe nebenbei Galerien besucht, auch selber gemalt: da bekommt man einen anderen Blick. Vor allem durchs selber malen. Mit Profis oder ernsten Dilettanten kann ich nicht mithalten.

Deshalb möchte ich auf "Stumpfa stumpfa" nicht so herabsehen. Ich bin sensibler, okay, aber was kann ich dafür ? Mich hat es zu ernster Musik hingezogen, neben dem obligatorischen Rockpop , habe einiges Zeit aufgewendet, das muß man auch lernen, und habe als Belohnung schönen Genuß bekommen, den die Berg-Fans nie bekommen.

Aber ich will mich nicht so hinwegheben, auf die deshalb runtersehen.

Ich würde einiges drum geben, diese Physik richtig zu verstehen, Strings und Quantentheorie. Das ist aber so schwer, keine Chance. Jetzt auch zu alt dazu, es braucht alles so lange. Aber deshalb verurteile ich mich oder andere, die es nciht können, ncihts so.

Und bei Musik auch nicht: wenn die es nicht anders aufnehmen können, was sollen sie machen ? Wird die Musik besser, wenn die Texte statt "du du du" "die armen Asylanten" lauten ?

Sophia 29.10.2013 | 23:12

Wird die Musik besser, wenn die Texte statt "du du du" "die armen Asylanten" lauten ?

Lach! :)) Natürlich würde die Musik dadurch nicht besser! Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass sie nicht so boomen würde, weil es sich dazu nicht so schön schunkeln und träumen ließe. :-)

Deshalb möchte ich auf "Stumpfa stumpfa" nicht so herabsehen. Ich bin sensibler, okay, aber was kann ich dafür ?

Nunn ich finde schon, dass man getrost auf Stumpfa-Stumpfa Töne herabsehen kann- aber natürlich nicht auf die Menschen, die das aus mir unbegreiflichen Gründen schön finden. Und ja sicher, die nichts oder nicht viel dafür können.

@ rechercheuse

doch du hast recht - die erwartungen an genuss sind unterschiedlich ...

Ja, das hat eben mit dem individuellen „Geschmack“ zu tun. Und Geschmack wird ja auch kulturell geprägt – hat also auch ein klein wenig mit „Klassenzugehörigkeit“ und den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Chancen zu tun. Wer den ganzen Tag malocht, dem ist am Feierabend vielleicht mehr nach träumen und schunkeln und nicht unbedingt danach, sich noch viel Mühe mit anspruchsvoller Musik zu machen.

alalue 29.10.2013 | 23:58

Ist bei mir so eine Entwicklungssache. Ich war ziemlich verkorkst, es war mir unmöglich, einfach "normal", unbeschwert zu sein, ich zu sein, wie immer man das nennt.

Ich hörte gerne und viel Musik, machte mir viel Freude, Deep Purple damals, dann Pink Floyd, Genesis, Supertramp, und so fort, dann auch Bartok, Beethovens Symphonien.

Immer war mein Geist aber gedrängt, gepreßt. Einfache Stücke, die nicht Intensität, sondern nur gute Laune, lockere Freude bedeuteten, konnte ich nie genießen.

Erst die letzten Jahre, ich entkomme doch noch, kenne ich solche Zustände selber bei mir und verstehe auch solche Musik. Und das finde ich ganz nett. Bayerische Volksmusik, aber auch so seichte Sachen: wenn man es zulassen kann, man muß ja nicht gleich voll darauf abfahren, irgendwie ist es ein bischen schön. Nicht sehr, aber besser als der Streß, den ich früher nur kannte.

alalue 30.10.2013 | 12:13

Das geschieht nicht, DAnke der Nachfrage.

Bei solchen Gelegenheiten, wie diesem Blog, lausche ich ein paar Minuten, das wars dann auch.

Wir sind im ländlichen Raum, der Musikverein des 2000-Einwohner-Kaffs veranstaltet einen Konzertabend mit bayerischer Blasmusik & Tombola, ich habs genossen: endliche die Melodien beim ersten Hören verfolgen, verstehen zu können, bewußt, dann auf die Zweitstimmen achten: und man bekommt das Gefühl für den Grund dieser Musik früher: nach der Arbeit ausruhen und sich wohl fühlen, ohne Besonderes zu erwarten. Bei dem Weiß & Blau am Himmel auch nicht so schwer.

H. Schläfrich 31.10.2013 | 09:55

Aus meiner Beobachtung der überwiegend weiblichen Berg-Fans in meiner Umgebung komme ich zu dem Schluß, dass diese schlichten Menschen sich tatsächlich der Alternativlosigkeit ihres Daseins ergeben haben. Leidensvermeidung durch Einlullung - jedes Lied ein Einschlaflied -, ist das vielleicht das, was als falsches Bewusstsein bezeichnet wird. Und war das nicht zu allen Zeiten die Funktion von Schlager? Angesichts des Erfolges der Schlagermusik in den deutschsprachigen Ländern muss man annehmen, dass das Bedürfnis danach, trotz stechender Tageshelle im Zustand des Halbschlafs zu verbleiben, womöglich massenhaft ist. Ach ja: Danke, Georg Seßlen, für diesen erhellenden Artikel!

S.C. 17.08.2014 | 03:55

Werter Herr Seßlen,

leider scheint ihre Strategie, erwiesenen Neid oder zumindest Kritik unterster Schublade als sachlich fundierten Beitrag zu verkaufen, aufzugehen. Offensichtlich liegt das an ihrer - vergleichsweise zu anderen Kritikern ihrer Art - höheren Bekanntheitsgrad und -Reputation durch ihre Tätigkeit.

Sicherlich soll es erlaubt sein, Menschen des öffentlichen Lebens zu kritisieren. Sicher lässt sich auch über Geschmack trefflich streiten. Eine - zurecht - Erfolgsgeschichte und einen Menschen, den man angesichts ihrer Leistung insgesamt als Vorbild für die Gesellschaft sehen muss, derart falsch, unbegründet und billig abzuwerten wie Sie das tun, verbietet sich allerdings.

Sie stellen ihre persönliche Meinung als allgemeingültig dar. Sie stellen krude Thesen auf (z.B. "Merkelismus") und kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen.

Wenn Sie oder die Kommentatoren von unterer Mittelschicht sprechen, von Konsumgesellschaft und "Unterschicht", dann verwechseln Sie wohl Deutschlands Nr. 1 im Musikgeschäft mit Produkten dieser Prekärgesellschaft wie Sido, Bushido, Fler u.s.w. - oder Sie sind selbst Teil davon und nur neidisch des Erfolgs und wünschen sich anstelle einer vorbildlichen traditionellen Powerfrau lieber die Versager, welche "vom Bordstein zur Skyline" wollen aber nicht einmal eine Friseurlehre erfolgreich abschließen können, an ihre Stelle.

Auch sollte man, bevor man jemanden kritisiert, sich mit diesem Menschen gründlich befassen. Man sollte nicht nur genauer die Musik hören (dann erübrigt sich die Kritik bezüglich mangelnder Vielfalt in Klang und Text von selbst) sondern sich auch mit dem Menschen befassen. Es gibt niemanden, der in einer ähnlich bequemen Lage wie Andrea getragen von Erfolg und dem dadurch verursachten Prestige und Reichtum die Bodenhaftung so bewahrt hat wie sie, der ähnliches soziales und gesellschaftliches Engagement zeigt und gezeigt hat wie sie. Und genau das ruft leider nunmal auch Neider und "Kritiker" auf den Plan, die das schwarze unterm Fingernagel nicht gönnen können.

Es ist sehr schade, dass es so ein belangloser und unsachlicher Beitrag wie ihrer tatsächlich in die Wikipedia-Seite zu Andrea geschafft hat. Ich bin fest davon überzeugt dies ist nur temporärer Natur. Anderenfalls würde ich mich zu sowas auch gar nicht äußern, da dies unter meinem Niveau ist.

Jayden Jong 13.12.2015 | 21:15

Ein Glück, dass dieser Artikel den Weg zu Wikipedia gefunden hat, denn ich hätte ihn sonst gar nicht bemerkt.

Natürlich ist Andrea Berg eine Zumutung für den Geschmack eines jeden Individuums, welches über eine gewisse geistige Entwicklung und künstlerische Ausprägung verfügt.

Der Artikel ist fast noch zu harmlos bei dem, was Berg darbringt. Dieses (deutschsprachige) Volk bleibt ein unheimliches Volk, und es liegt jenseits meiner Vorstellungskraft, was in Menschen vorgehen mag, die bei solcherlei Darbietungen glücklicher werden. Vermutlich nicht viel. Berg bietet dieses Menschen eine Welt, die sie zu ertragen bereit sind, in der es keines besonderen geistigen Aufwands bedarf, nichts weiter erfordert, alles leicht zu bewältigen ist. Das ist grausam, denn es stumpft sowieso schon desinteressierte weiter ab und festigt die ohnehin schon traurigen Strukturen.

Sie verstehen dies natürlich nicht, denn in Ihrer Welt sind solche Zeilen, beziehungsweise die Zeilen des Autors, Ausdruck eines Neidkomplexes. So schön sortiert und übersichtlich kann eine Welt sein, wenn man Besitzer einer solchen, speziellen Realität ist. Eine Welt, die Berg "besingt".

Nein, nein, der Artikel ist gut und er tut gut.

Es soll gesagt sein, dass soziales Engagement nichts besonderes ist, wenn man Ideale des Humanismus lebt - es ist der Normalzustand. Millionen Menschen machen dies - meist im Verborgenden. Man sollte Selbstverständlichkeiten eigentlich nicht nach außen tragen.

0408marion 08.03.2016 | 05:43

Leider ein Bericht voller Neid und Intoleranz gegenüber anders denkenden Menschen...............................und keine gute Arbeitsleistung, da gleich mit einem Fehler in der Recherche begonnen wird: Andrea Berg wurde nicht als Andrea Ferber sondern als Andrea ZELLEN geboren. Aber genau so unwahr geht ja auch der Rest weiter - also alles nicht so wichtig ;-).