Mimikry Noir mit Blondine

Reanimation John Banville wird schon lange als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Unter dem Pseudonym Benjamin Black erweckt er Philip Marlowe zu neuem Leben
Ekkehard Knörer | Ausgabe 18/2015
Mimikry Noir mit Blondine
Polizisten bei der Arbeit in Belgien, aus der Serie „Police“ (siehe Info)
Foto: Sébastien Van Malleghem

Eine mordsmäßig attraktive Frau kommt in Philipp Marlowes wenig nobles Büro und gibt ihm den Auftrag, einen Ex-Lover zu finden, der erstens bei einem schlimmen Unfall zermatscht worden ist – und der ihr zweitens ganz unlängst, und zwar nach seinem Tod, in San Francisco über den Weg lief. Clare Cavendish heißt sie, schwerreich ist sie auch: eine Femme fatale, wie sie im Buch steht. Nico Peterson hieß der Mann, mit dem manches nicht stimmt, nicht nur, dass er nicht tot ist. Marlowe setzt sich auf die Spur, begegnet dabei zwei lebensgefährlichen Mexikanern, der Schwester des Untoten, die bald darauf leider ihrerseits stirbt, und zwar richtig. Bald darauf müssen aber auch die Mexikaner dran glauben. Was folgt, bewegt sich in den Bahnen des Erwartbaren und Vertrauten: Dunkelmänner stehen im Weg, einer, der es halbwegs verdient, baumelt am Laken, einer stürzt in den Pool, ein anderer verstirbt fast an Schüssen ins Knie. Marlowe hat Sex und wird es nicht froh, er wird zusammengeschlagen, kurz mal verdächtigt, alles also, wie man es kennt aus dem Leben des gottverdammt berühmtesten Hurensohns und Privatdetektivs.

Stephen-King-Blurb

Es geht einem mit dieser Roman gewordenen Wiederbegegnung mit Marlowe lange nach dem Tod Raymond Chandlers genau so, wie im Stephen-King-Blurb auf der Buchrückseite beschrieben: Es ist, „als würde ein alter, tot geglaubter Freund plötzlich den Raum betreten.“ Seltsam genug, denn er ist auch nach sechzig Jahren nicht gealtert. Kings beziehungsreiche Bemerkung macht aber auch klar, dass der zentrale Plot-Knotenpunkt des Romans etwas wie die Allegorie des Buchs selbst ist. John Banville erweckt unter seinem Kriminalpseudonym Benjamin Black eine fiktive Figur, die man tot glauben durfte, wieder zum Leben. Und so spaziert auch der Mister Peterson spät im Roman zurück ins Geschehen.

Bilder der Beilage

Police ist die erste Monografie des international renommierten Fotografen Sébastien Van Malleghem. Der 1986 geborene, gebürtige Belgier studierte Fotografie in Brüssel. Seine Langzeitprojekte befassen sich mit dem Thema Justiz in einem vereinigten Europa. Police ist der erste Teil einer Trilogie. Vier Jahre lang begleitete Sébastien Van Malleghem belgische Polizisten in ihrem Arbeitsalltag.

Für den zweiten Teil seiner Justiz-Trilogie besuchte Van Mallaghem 2011 drei Jahre lang ein belgisches Gefängnis. Die Serie Prisons wurde im Januar 2015 mit dem vierten Lucas Dolega photography Award ausgezeichnet. Prisons wird im Sommer 2015 von André Frère Éditions herausgegeben - Van Malleghem sammelt derzeit dafür über eine Crowdfunding-Kampagne.

Der dritte Teil des Projekts ist in Arbeit, Van Mallaghem will dafür im kriminellen Milieu fotografieren.

Nun war Marlowe, anders als der einmal wiederauferstandene Sherlock Holmes bei Conan Doyle, schon bei Chandler niemals gestorben. Nach den kanonischen sechs großen Werken die zwischen 1939 und 1953 entstanden und mit dem eigentlich sprechenden Titel Der lange Abschied zu enden versprachen, folgte fünf Jahre später ein letzter Roman namens Playback, den man wie manche späte Platte einst großer Bands besser höflich verschweigt. Was es dann noch gab, waren die ersten vier Kapitel eines weiteren Romans im Nachlass. Für dessen Vollendung wurde Marlowe im Jahr 1989 schon einmal wiederbelebt. (Ein Jahr zuvor hatten 14 Autoren zu Chandlers 100. Geburtstag bereits eine Hommage in Form von Erzählungen publiziert.) Autor des postumen Romans Poodle Springs war Robert B. Parker, selbst ein Hardboiled-Autor von Graden und in gewisser Weise der perfekte Epigone des Goldenen Zeitalters. Schließlich hatte er, bevor er selbst Detektivromane zu schreiben begann, erst einmal eine Doktorarbeit über den Hardboiled-Roman verfasst, in der auch ein Chandler-Kapitel nicht fehlt.

Über Parkers epigonale Vollendung eines schwachen Fragments hatte die Kritik eher milde geurteilt; ein von Parker zwei Jahre später verfasster, von allen Originalbeständen freier Marlowe-Roman wurde dann aber so weithin verrissen, dass bis jetzt keine Fortsetzung folgte. Nun aber durfte Banville auf ausdrückliche Einladung der Chandler-Nachlassverwaltung für eine weitere Fortsetzung ran. Es ist leicht zu sehen, was ihn qualifiziert. Banville hat sich seit den 1970er Jahren mit abgründigen und virtuosen Romanen als hochliterarischer Autor bewiesen, war mehrmals für den Booker Prize, also die renommierteste Auszeichnung in Großbritannien und Irland, nominiert – und erhielt ihn dann auch, 2005, für Die See. Er ist seit Langem ein ernsthafter Nobelpreiskandidat, dürfte seine Chancen allerdings deutlich dadurch gemindert haben, dass er nach dem Booker-Preis-Sieg als Benjamin Black historische Kriminalromane um einen vornamenlosen Pathologen namens Quirke vergleichsweise rasch runterzuschreiben begann: Er selbst spricht davon, dass er für einen Banville-Roman zwei bis drei Jahre, für ein Black-Werk rund drei Monate braucht. Nun hat es von John D. MacDonald bis Georges Simenon im Genre immer auch hochbegabte Schnellschreiber gegeben. Banville gehört nicht dazu. Was den Black-Romanen an der oft atemberaubenden banvilleschen Sprach- und Stilgenauigkeit fehlt, machen sie leider weder durch Spannung noch Zeitatmosphäre noch Plotkonstruktion so recht wieder wett.

Unter seinem von Anfang an offenen Pseudonym hat Banville nun auch den Marlowe-Roman verfasst – der deutsche Verlag schreibt freilich sicherheitshalber gleich beide Namen aufs Cover. Stilistisch ist er dabei weder als Black noch als Banville wiederzuerkennen, wenngleich von banvillescher Sorgfalt auch diesmal arg weit entfernt. Dass er auch den Black-Sound nicht trifft, wird nicht überraschen, denn er hat ein anderes Ziel: die Mimikry an Ton, Stil, Sprache und Weltsicht der Chandler-Romane, in deren Zusammenhang sich das neue Werk ausdrücklich einschreibt. In der fiktiven Chronologie liegt Die Blonde mit den schwarzen Augen zwischen Der lange Abschied und Poodle Springs und spielt mutmaßlich im Jahr 1952. Darauf deuten manche Indizien, vor allem die Rolle Linda Lorings, mit der Marlowe hier zwar bekannt, aber noch nicht wie dann in Poodle Springs verheiratet ist. Das Ziel der Übung ist klar: Banvilles Roman soll sich so lesen, als ob ihn in einem Paralleluniversum Chandler selbst verfasst haben könnte.

Das Spiel nicht ernst nehmen

So ungefähr kriegt Banville das sogar hin. Das Buch ist ein halbwegs gekonntes Pastiche. Die Vergleiche tendieren eher ins Chandler- als ins Banville-Outrierte, der Plot ist vielleicht etwas zu unkompliziert, aber angemessen egal, den Dialogen fehlt ein wenig der Punch, Chandlers und Marlowes traditioneller Femme-fatale-Sexismus ist dagegen intakt. Das Buch ist also Fanfiction erster Kajüte. Keine Frage, dass Banville seinen Spaß daran hatte. Gerade als offiziell legitimierte Fanliteratur ist das Ergebnis aber auch etwas matt. Es sind abgelebte Formen, die hier museal wiederbelebt werden, ohne dass man vom Bewusstsein der Abgelebtheit etwas merkte.

Heraus kommt eine Kopie, die so tut, als gäbe es die Jahrzehnte von Chandler beeinflusster Detektivliteratur nicht. Es fehlt auch jede Lust am détournement, also der entwendenden Aneignung des Originals. Man spürt keinen Willen zum Spiel mit der Differenz von Parodie und Pastiche, das umso näher läge, als gerade das brave Pastiche als brutaler Anachronismus in einer Nähe zur Parodie steht. Banville nimmt das Spiel nicht ernst, und zwar gerade nicht als Spiel, in dem es um Treue und Verrat, Einfluss und Angst gehen müsste. Die Blonde mit den schwarzen Augen ist eine so respektable wie gerade ihrer Respektabilität wegen sinnlose Fingerübung. Eine Auftragsarbeit, die einen Großen wie Chandler vor allem dadurch verfehlt, dass sie ihm allzu akribisch gerecht werden will.

Info

Die Blonde mit den schwarzen Augen Benjamin Black Kristian Lutze (Übers.), Kiwi 2015, 288 S, 14,99 € 

Ekkehard Knörer ist Redakteur der Zeitschrift Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

06:00 06.05.2015

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