Minenfeld

Linksbündig Erika Steinbachs "Zentrum gegen Vertreibung"

Das zuerst: Wie wir gerade sehen, gehört nicht viel dazu, die Wut von Menschen so zu schüren, dass sie sich zur Gewalt in jede gewünschte Richtung ballt.

Seit Jahren versucht der Verband der Vertriebenen in Deutschland für seine Sicht auf Geschichte ein Denkmal durchzusetzen, genannt "Zentrum gegen Vertreibung". Ohne Erfolg bislang, wenn auch seit der Regierungserklärung der Großen Koalition mit verwaschen wohlwollender Begleitung der Kanzlerin, die das Vorhaben in ein "sichtbares Zeichen" der Versöhnung umdeklarierte und für möglich hielt. Nun wurde ein neuer Anlauf genommen. Auf einer Pressekonferenz des Bundes der Heimatvertriebenen stellte Erika Steinbach eine für August in Berlin geplante dreimonatige Ausstellung "Erzwungene Wege" vor. An Hand von 13 ausgewählten Beispielen soll die Geschichte der europäischen Vertreibungen, etwa von Polen, Balten, Ukrainern und natürlich Deutschen zwischen 1939 und 1949 dokumentiert werden. Ergänzt durch den Völkermord an Armeniern.

Dass es eine ganz ähnliche Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte gibt, ließen die Veranstalter nicht gelten: ihnen ginge es um die europäische Dimension. Die wesentlichste "Vertreibung" bliebe danach allerdings ausgespart, die der Juden aus Europa. "Vertreibung", das spielte in der Ankündigung natürlich auch keine Rolle, war höchst selten purer Boshaftigkeit geschuldet, sondern Folge des von Deutschen begonnenen Krieges, also vermeidbar ohne diesen Krieg. Und sie war keineswegs zu allen Zeiten gleichwertig, wie der Bund der Vertriebenen meint. Der Vormarsch der Deutschen Richtung Osten "vertrieb" nicht einfach, sondern deportierte, erschoss, hinterließ verbrannte Erde. Dass die "Volksgenossen" nach der Niederlage mit wenig Freundlichkeit bedacht und ebenso gedemütigt wurden ist nach christlichen Maßstäben verwerflich, aber verständlicher als das Herren-"Volk-ohne-Raum"-Gebaren, das dem vorausging. Das Leid der Betroffenen wird von all dem ohnehin nicht mehr gemindert.

Einmal vorausgesetzt, das ganze Vorhaben wäre so "selbstlos", wie die Initiatoren gern tun: Was soll ein solches Zentrum gegen Ereignisse eines vergangenen Jahrhunderts eigentlich erreichen?

Erinnerung? Nur daran? Warum nicht an Tausende toter Zivilisten in allen Ländern Europas? Wie lange soll die Wunde offen bleiben? Ewig? Warum dann nur die Vertreibungen des 20. Jahrhunderts? Die Geschichte Europas ist voll davon. Es gibt einen historischen Atlas, der die Flucht vor Krieg, marodierenden Truppen, das Hin und Her der verschiedenen Völker auf dem Kontinent - je Volk eine Farbe - über die Jahrhunderte nachzeichnet. Übereinander kopiert ergeben die Blätter ein Farbengemisch, das nur an wenigen Stellen uni bleibt. Ein beredtes Zeugnis dafür, dass es ein von den Vertriebenenverbänden beschworenes "Recht auf Heimat" nur dann gibt, wenn sich die Völker friedlich begegnen.

Erinnerung macht dann Sinn, wenn sie in historische Abläufe eingeordnet bleibt. Das aber hieße, alles liefe auf ein Antikriegsmuseum hinaus. Schon der Gedanke ist Affront. Denn natürlich soll "Heimat" als Besitz in Erinnerung bleiben, Anspruch begründen. Getreu der Deklaration der Heimatvertriebenen: "Wir wollen auch jetzt und künftig wie ehedem in die Heimat zurück." Es geht nicht um die Respektierung von Heimat, sondern um deutsche "Rechte", was zwangsläufig mit den Rechten derer kollidiert, die dort seit 60 Jahren heimisch sind. Der Grundsatz Rückgabe vor Entschädigung im Umgang mit Ostdeutschen lässt immerhin ahnen, was auf Polen, Tschechen oder Ukrainer zukäme. So etwas zuzulassen gleicht der Verminung eines Teils des Kontinents; Lunte legen zu jeder Zeit möglich.

Im Übrigen verschleiert der Terminus "Vertreibung", der zur sudetendeutschen Geschichte gehört, die Tatsache, dass die Mehrheit vor der heranrückenden Front floh. Oder aber als Folge alliierter Beschlüsse das Land östlich der Oder verließ. Um derlei Übel zu ächten, wäre nicht Besitzanspruch, sondern das Bewusstsein vom Ende der ethnisch strukturierten Nationalstaaten nötig. Davon aber ist seit den Kriegen im alten Jugoslawien in Europa kaum noch etwas zu spüren. Unsere Toleranz und Liberalität gilt immer dann, wenn eigene Ansprüche untermauert werden sollen. Wir unterscheiden uns nur graduell von denen, die eben vorführen, wie überzogene nationale oder religiöse Vorbehalte instrumentalisierbar sind. Ihre katastrophalen Auswirkungen hat dann angeblich nie einer gewollt.


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00:00 10.02.2006

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