"Mir redet keiner rein"

20 Jahre auf der Bühne Der Kabarettist Volker Pispers bilanziert in seinem Jubiläumsprogramm deutsche Politik und deutsche Normalitäten

An Volker Pispers kommt man nicht so leicht vorbei; der Mann ist wuchtig, geschätzte 1, 80 groß, sein Kreuz breit, sein Kopf markant, die Augenbrauen buschig und geschwungen, der Bart voll und schwarz, seine Stimme sonorig dröhnend und sein Mundwerk perfide. Gerade letztes wäre nie weiter aufgefallen, hätte sich Volker Pispers nicht dem Kabarett verschrieben und seiner Zunge freien Lauf gelassen.

Pispers tritt angriffslustig auf, will frech und krass erscheinen. "Was erwarten sie denn noch? Ein Volk, das sich alkoholfreies Bier aufschwatzen lässt, dass greift auch zu einer kompetenzfreien Regierung", meint er, und weiter: "Menschen, die sich Bücher von Dieter Bohlen kaufen, denen kann es gar nicht so schlecht gehen". Mit ein wenig Polemik holt Pispers auf diese Weise sein Publikum ab, um anschließend den Wortmüll, den Politik, Gesellschaft und Wirtschaft produzieren, ad absurdum zu führen, und damit sein Publikum zu unterhalten - mit gleichzeitiger Aufklärungsabsicht. Wie im Wetterbericht zwischen realer und gefühlter Temperatur unterschieden wird, so unterscheidet Pispers Wirklichkeit und "gefühlte Wirklichkeit", denn - so sein Motto - die Wirklichkeit ist nicht die Realität. Für FDP-Wähler beispielsweise liege der gefühlte Steuersatz bei 90 Prozent und vielen Deutschen sei der Ausländeranteil mit gefühlten 50 Prozent zu hoch. Gegen Mutmaßungen und Behauptungen stemmt sich Pispers mit gespieltem common sense, seinem Taschenrechner und den absonderlichsten Zitaten der Mächtigen. Unter den Kabarettisten ist er der präziseste und wissenschaftlichste. Das Spiel mit der Sprache ist sein Faible.

In seinem nun 20. Bühnenjahr bringt Volker Pispers seine besten Stücke, Soloprogramme und Radioglossen noch einmal in die Kleinkunstsäle der Republik. Die Fragen der Rente, der Gesundheit, der Arbeitslosigkeit hätten auch, wie er ironisiert, den unglaublichen Umwälzungen des Volksaufstandes vom berühmten Herbst 1998 standgehalten, als die Deutschen Schröder wählten. Sein Programm sei also nicht veraltet. Für sein Jubiläumsprogramm Bis neulich hat er Szenen ausgewählt, die an Brisanz in den letzten Jahren eher noch dazu gewonnen haben. Angesichts leerer Staatskassen schlug er bereits 1994 vor, dass RTL und Arbeitsamt die damals 3,5 Millionen Arbeitslosen zum Werbefernsehen zwangsverpflichten; er rechnet aber auch die neue Steuerreform vor und stellt klar, was Männer wie Hans Olaf Henkel dadurch sparen; er stellt eine Kosten-Nutzen-Analyse über den Wert von Grubenarbeitern, Ossis, Gefangenen oder Ärzten auf. Pispers will kein Zyniker sein, sondern lediglich all das konsequent zu Ende denken, was unter dem Namen Neoliberalismus den Smog des politischen Alltags ausmacht.

In seinem Programm versucht er all die zu torpedieren, die "es verdient haben": den "Kanzlerdarsteller Schröder", der viel Blair, Blair und ein Schuss Clinton sei; "Wolfgang Opfer-Schäuble", die "Martinsgans Walser", "George W. Feld-Bush", die Ärzte, die Lehrer, die katholische Kirche ... Einseitig und polemisch zu sein, ist hier Absicht; Pispers wähnt sich fern vom "Konsenskabarett". Dem Westfalen sind auch allzu unschuldig dreinblickende Bürger verdächtig. Seine Kritik will dennoch nicht destruktiv sein, sondern implizit die Menschen dazu auffordern, ihren demokratischen Pflichten nachzukommen, aufzupassen und selbst zu denken.

Es sei Wut, sagt er, die ihn seit dem Studium motiviere, Texte zu schreiben. Da sich aber niemand einen wütenden Vortrag anhören wolle, habe er sich 1982 in Münster dem Kabarett hingegeben. Kabarett selbst könne man nicht lernen, das müsse man leben. Als Ventil seiner Wut diene es ihm, denn Kabarett dürfe alles, nur nicht schweigen. In diesem Sinne leitete er von 1989 bis 1991 das Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Seither tourt er durch die Republik, tritt auf bei Scheibenwischer oder den Mitternachtsspitzen. 1996 erhielt er den deutschen Kleinkunstpreis, seit 1998 moderiert er das Satirefest des (damaligen) Sender Freies Berlin (SFB) und seit 2000 produziert er den U-Punkt für den Westdeutschen Rundfunk (WDR). Trotz aller Wut und allen Erfolges ist Pispers abgebrüht genug, über Patzer zu lachen. Die Welt verbessern, das könne das Kabarett ja eh nicht, hat er nach sechzehn Jahren Kabarett gegen Kohl feststellen müssen und fragte schon beim Amtsantritt von Schröder: "Muss das kleinere Übel wirklich immer so groß sein?"

Pispers großes Thema heißt "Deutschland". Immer wieder geht es in seinen Tiraden um die deutsche "Normalität". Die sei "für Deutsche wie Martin Walser erst dann erreicht, wenn man als Deutscher an der Imbissstube in Auschwitz ganz unverkrampft bei einem Roma ein Zigeunerschnitzel bestellen kann". Wenn der Deutsche morgens aufstehe, so seine Theorie, sei es ihm zu kalt, zu warm, zu nass, zu trocken. Und das sei schon Scheiße. Die ganze Freundlichkeit sei den Deutschen zutiefst suspekt, was man schon an der Sprache erkenne. Wenn einer so wirklich freundlich sei, dann sage man immer: Der ist aber scheißfreundlich. Ein Begriff, den man in keine andere Sprache übersetzen könne. Und Pispers resümiert: "Das muss unsere vielgesuchte nationale Identität sein! Diese Unfreundlichkeit, dieses Meckern, Motzen, Muffeln."

Zwar wurde das Kabarett oft totgesagt, aber es lebt und es ist - in den Worten Pispers "vom Comedy-Boom der neunziger Jahre ungefähr so bedroht wie mein Lieblingsrestaurant durch den Verkauf von Hundefutter". Im Vergleich zur Comedy sei Kabarett nicht nur politisch, sondern auch grundsätzlich subversiv. Es hinterfragt, deutet an, fordert zum Mitdenken, es täuscht aber auch und parodiert. Der gelernte Lehrer Pispers entfaltet hier seine Stärke: "Wenn es kein Recht auf Faulheit gibt, warum gibt es dann eins auf Dummheit?" Auch Pispers zielt wie alle "ernsthaften Kabarettisten" letztlich darauf, dass dem Zuschauer trotz allen Witzes und aller Kurzweiligkeit das Lachen zuweilen im Halse stecken bleibt. Er soll heiter, aber gewissermaßen auch kleinlaut nach Hause gehen, beseelt von der Ahnung, dass all die Karikaturen in ihrem Kern eine Wirklichkeit enthalten, die eben nicht zum Lachen ist.


00:00 21.11.2003

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