Mir wird kalt

Literatur Die Schriftstellerin Stefanie de Velasco ist in den Klimastreik getreten – Auszüge aus ihrem Tagebuch

Dienstag, 11.11.2019. Um gleich zur Sache zu kommen, Ich möchte Euch allen mitteilen, dass ich ab sofort in einen Klimastreik treten werde. (...) Ich habe sechs Jahre an meinem letzten Roman gearbeitet, einem Roman, in dem ich das Leben in einem fiktiven Weltuntergang verhandele. Durch Kein Teil der Welt hatte ich mir erhofft, diesen Weltuntergang auch künstlerisch endlich hinter mir zu lassen. (...) Die Klimakrise ist eine Imaginationskrise. Jonathan Safran Foer nennt den Klimawandel „eine schlechte Geschichte“ (oder so ähnlich). Doch begeht Foer den gleichen Denkfehler, den er selbst anprangert, weil er an dieser Imagination scheitert. (....) Wenn ich mich weigere, mir vorzustellen, welch unermessliches Leid auf uns zukommt, macht meine ganze Arbeit überhaupt keinen Sinn mehr, sind meine Texte nicht mehr relevant. (...) Viele von euch werden die Stirn runzeln, genervt sein, sich erschrecken, mich dumm und lachhaft finden. Ich bin keine Pessimistin, (...) aber ich habe keine Lust mehr, mir selbst die Waffe an den Kopf zu halten. Das hier ist ein Projekt voller radikaler Hoffnung.

18.11. So viel ist schon mal klar: Das Streiken und das Schreiben haben viel mehr gemeinsam, als ich je gedacht hätte – der Rücken und der Hintern tun weh, und die letzte Stunde hat man keine Lust mehr. (...) Am ersten Tag hatte ich so schlimmes Lampenfieber, Lampenfieber, als müsste ich mich auf eine Bühne stellen, dabei hatte ich nicht einmal ein Schild dabei. (...) Probleme gab es immer wieder mal mit der Polizei. Heute wollten sie meine Personalien checken, das dauerte fast eine Stunde. Es war kalt, der Wind pfiff über den Pariser Platz und meine Füße froren wie von unten aus. Ich musste lachen, weil es sich plötzlich alles anfühlte wie früher bei den Zeugen Jehovas. (...) Heute war mir zum ersten Mal kalt. Wie lange ich hier sitzen werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht finde ich in den kommenden Monaten einen Weg, mit dem drohenden Kollaps umzugehen, vielleicht finde ich einen Weg, zumindest die Literatur von der Gegenwart in die Zukunft zu retten. Auch deswegen sitze ich hier. Um mich selbst zu problematisieren, um mich meines eigenen sozialen Status als Schriftstellerin zu berauben, denn es ist das, was mir und allen Kunstschaffenden droht, wenn sich nicht JETZT etwas ändert. (...)

21.11. (...) Er spricht nur gebrochen Deutsch, gibt mir jedoch zu verstehen, dass er meine Sorgen ernst nimmt. „Glauben Sie an den Klimawandel?“„Die Wissenschaftler sind sich einig“, antworte ich. Der Mann wiegt den Kopf hin und her. „Wir sind auch Wissenschaftler.“ „Nein“, sage ich, „ich bin Schriftstellerin.“ Er blickt mich an. „Kennen Sie die Bibel?“, fragt er. „Ja“, sage ich, „ich kenne die Bibel sehr gut. Ich bin bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen.“ Der Mann strahlt. „Ich bin Zeuge Jehovas“, sagt er. Der Mann zeigt an den Himmel. „Das hier ist Harmagedon“, sagt er. Ich winke ab, der Mann versteht und geht. Life is stranger than fiction.

25.11. Morgens packe ich meinen Rucksack: eine Thermoskanne mit Tee, ein Brot mit Erdnussbutter, was zu lesen, eine Wärmflasche, ein Kissen, eine Decke und mein Plakat. (...) Ich steige am Brandenburger Tor aus, passiere die Absperrungen vorm Hotel Adlon und nehme auf dem Boden vor der Akademie der Künste meinen Platz ein. Zweimal bin ich bisher nicht gleich zu meinem Platz durchgekommen, zweimal hielt mich die Polizei auf, einmal so lange, dass ich bis auf die Knochen durchfror und später trotz Wärmflasche und dicker Decke nicht mehr warm wurde. Im Adlon übernachten alle Prominenten, egal ob Elon Musk oder der ägyptische Präsident, deswegen ist dort immer die Polizei präsent. Sitzt man jedoch rechtzeitig unter der Decke, ist es normalerweise nicht sehr kalt.

28.11. Heute haben sie den Weihnachtsbaum aufgebaut, mitten auf dem Pariser Platz. Ein Mann auf einem Kran hat ihn geschmückt – von unten nach oben.

30.000 Lichter sind es und Hunderte Kugeln, das habe ich im Berliner Fenster gelesen und, dass die Tanne über 17 Meter hoch ist. Weihnachtsstimmung kam bei mir trotzdem nicht auf. (...)

2.12. (...) Ich denke viel an Fitzi, frage mich immer wieder, wie er dazu steht, dass ich seine Geschichte nicht mehr weiterschreibe, ihn habe fallenlassen, aber er sieht es gar nicht so, glaube ich. Fitzi ist (...) vielleicht sogar derjenige, der mich überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, neue, angemessene Wege des Schreibens zu suchen, sich dem Scheitern der Fiktion an der Klimakrise zu stellen und stattdessen anzuhalten und zu dokumentieren, wie ich im Trüben fische, wie ich nach einem Weg suche, weiterzuschreiben.

6.12. Statt vor der Akademie zu sitzen, war ich in dieser Woche auf Lesereise. Im Literaturhaus Frankfurt sprachen wir auch über meinen Streik. Über mein Anliegen, warum ich das tue. (...) Was bedeutet es, wenn Lebensstile kollabieren? Und wie lebt man danach weiter?

In Darmstadt lasse ich ein Lebkuchenherz beschriften: Du bist so dumm, soll darauf stehen. Es ist für meinen Freund, es ist unsere Form, „Ich liebe dich“ zu sagen. Nach der Lesung sitze ich mit dem Lebkuchenherz im Schoß auf dem Hotelbett, der frische Zuckerguss muss die Nacht über noch durchtrocknen. Es stimmt, denke ich. Ich bin wirklich dumm. Als Bewohnerin des globalen Nordens vergesse ich ständig, dass die Zerstörung von Lebensgrundlagen nicht erst durch die Klimakrise, sondern schon seit Jahrhunderten durch den europäischen Kolonialismus betrieben wurde. Wir leben nicht im „Anthropozän“, es ist nicht „die Menschheit“, die zu einer geologischen Kraft geworden ist, sondern die europäische Kultur, und zwar auf Basis von Genoziden und Ökoziden.

10.12. Wenn ich mit dem Hund zum Schöneberger Südgelände laufe, komme ich immer an der ehemaligen Kohlenhandlung von Julius Leber vorbei.

Julius Leber war SPD-Mitglied und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er und seine Frau Annedore verkauften dort Kohlen und richteten während der NS-Terrorherrschaft einen geheimen Ort des Widerstands ein, in dem regelmäßige Treffen stattfanden. Genau dort, zwischen Cheruskerpark und Torgauer Straße, wo ich fast jeden Tag entlanglaufe, wurde Julius Leber von der Gestapo verhaftet, anschließend von den Nazis gefoltert und schließlich zum Tode „verurteilt“, und das alles fußläufig von meiner Wohnung, bis er schließlich am 5.1.1945 von den Nazis in Plötzensee ermordet wurde. (...) Ich träume von einem Ort, in dem wir wie Julius und Annedore der Hoffnungslosigkeit ins Auge blicken können – gemeinsam, damit wir nicht den Halt verlieren –, um schließlich an den Punkt zu kommen, den wir eh schon so lange ahnen, nämlich, dass es nichts mehr zu verlieren gibt, und diesen Funken Wahrheit wie in einem Brennglas bündeln, um uns aus diesem unmündigen Status zu befreien, um alles, was uns daran hindert, zu gestalten, anzuzünden.

Mein Gott, klingt das pathetisch. Es ist so bitter. Selbst dem Pathos hat man uns beraubt, das wir so bitter nötig hätten. Okay, nicht mal die richtige Fallform für Pathos kriege ich hin. (...) Pathos ist das Benzin der Revolution. Vielleicht schmiere ich diesen Satz heute an die Klowand der Gästetoilette in der Akademie. Ich muss jetzt auch los. Streiken.

13.12. (...) Bin völlig platt und weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich wollte eigentlich von Anvar erzählen. Anvar ist mit seiner Mutter vor nicht allzu langer Zeit aus Afghanistan hierhergeflohen. Ich habe ihn gestern bei einer Lesung kennengelernt. Ich habe aus meinem Debüt gelesen, es ging um Sprachräume, um Sisterhood und um Rassismus. (...)

15.12. „Was machen Sie hier, wenn ich fragen darf?“ Vor mir steht ein älterer Mann – Marke Flaschensammler. Er wartet nicht auf meine Antwort, sondern fängt munter an zu erzählen, seine Meinung zum Thema kundzutun. Verbote bringen nichts – die Leute sollen nicht so viel in den Urlaub fahren –, Greta ist eine Marionette. In so einer Situation ist es blöd, auf dem Boden zu sitzen und nicht wegzukönnen. Streiken heißt auch, nicht ausweichen können und sich dem Gelaber der Leute stellen zu müssen. Der Mann trägt einen Schlapphut, zum Glück nicht in den Deutschlandfahnenfarben, er trägt eine von diesen recycelten Umwelttüten von Rewe, die noch viel mehr nach Plastik aussehen als früher die echten Plastiktüten. Ich erkläre ihm, warum ich hier sitze, warum es für mich mit dem Romaneschreiben gerade keinen Sinn mehr macht. (...)

„Ich mache grad so was Ähnliches“, sagt der Mann und lächelt geheimnisvoll.

„Was denn?“, frage ich. (...)

„Ich probiere gerade aus, wie es ist, im Wald zu leben. Im Zelt, und nur vom Flaschensammeln leben.“

„Im Wald?“, frage ich, „in welchem?“

„Im Spandauer Forst.“ Der Mann lacht. „Ist ganz schön kalt nachts. Tagsüber auch. Ich fahre nämlich auch nirgends mehr hin, sondern laufe nur.“ Er erzählt von den Wildschweinen, vor denen er manchmal Angst hat. (...)

„Warum schreibst du denn nicht über den Klimawandel, wenn’s dich so beschäftigt?“ „Na, weil das irgendwie nicht geht. Das ist ja viel zu überwältigend, um daraus einen Roman zu machen. Das funktioniert einfach nicht.“ Wieder hört es sich an wie Quatsch, was ich da rede. Ich will von Amitav Ghosh erzählen, von seinem Buch Die große Verblendung: Der Klimawandel als das Undenkbare. Ich will von der Imaginationskrise erzählen, von Latours terrestrischem Manifest und der Verschiebung der linearen Moderne. Ich sehe meine Mutter neben mir, wie sie die Augenbrauchen hebt und sagt (auf Spanisch): „Wenn du es nicht auf den Punkt bringen kannst, verstehst du es selbst nicht richtig.“

Über die Autorin

Stefanie de Velasco wurde 1978 im Rheinland geboren. 2013 erschien ihr Debütroman Tigermilch. Kein Teil der Welt (KiWi 2019). Das Buch erzählt vom Aufwachsen in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas in einem ostdeutschen Dorf nach der Wende. De Velasco verarbeitet hier auch ihre eigene Geschichte. Im Januar will die Schriftstellerin mit einem „Literaturwohnfahrrad“ losradeln. Ihr Klimastreiklogbuch erscheint auf kiwi-verlag.de

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06:00 05.01.2020

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