Mirna Funks neues Buch: Gleitcreme und Ehevertrag

Feminismus Ruth Herzberg war bei der Vorstellung des Buchs „Who cares! Von der Freiheit, Frau zu sein“ und denkt, dass auch Männer davon profitiert hätten
Die Autorin Mirna Funk
Die Autorin Mirna Funk

Foto: Marcus Witte

Mirna Funks neues Buch heißt Who Cares! Von der Freiheit, Frau zu sein. Bei der Buchpremiere in Berlin letzte Woche, zwei Wochen nach Erscheinen, war schon die dritte Auflage auf dem Markt, und zwar mit dem Aufkleber der Spiegel-Bestsellerliste versehen. Zum Gegenwert von ungefähr zwei Modemagazinen bekommt frau hier eine im wahrsten Sinne des Wortes emanzipatorische Kampfschrift, schmal, in fancy Lila gewandet und im Handtaschenformat. Das mag sexistisch klingen, aber seien wir ehrlich, ohne es an dieser Stelle belegen zu können, Who Cares! dürfte hauptsächlich von Frauen gelesen werden und es richtet sich ja auch hauptsächlich an Frauen.

Die sollen aufhören zu jammern und sich nehmen, erkämpfen, für sich beanspruchen, was sie haben wollen, sei es sexuell, im Arbeits-, im Familien- oder im Liebesleben. Anstatt nervige Debatten zu führen und strukturelle Missstände anzuprangern.

In zehn Kapiteln beschreibt Funk sich und ihren Lebensweg als eine Art leuchtendes Beispiel. Sie erklärt es mit ihrer ostdeutsch-jüdischen Herkunft und Sozialisation als Kind einer alleinerziehenden, arbeitenden Mutter, dass sie sich schon immer als souveränes Subjekt begriffen hat, welches mit anderen souveränen Subjekten (Männern) in gleichberechtigtem Austausch stand.

Das liest sich sehr flüssig und teilweise recht schrill. Funks Schreibe ist tough, brillant und der Tonfall erinnert an den einer strengen Mutter oder resoluten Schwester, die sagt: „Mach’s einfach wie ich: Ich habe mir nie was gegönnt und auch sonst keinem und darum kann ich mir jetzt gönnen.“

Das Leben ist kein Ponyhof

Keinen Moment zweifelt der/die Leser*in daran, dass die Autorin bekommt, was sie will. Ganz ohne Debatte, einfach nur, indem sie „es“ durchzieht. Und wie zieht sie es durch? Indem sie seit Teenagerzeiten heißen, harten Sex praktiziert, ohne Gefühle zu entwickeln, und ebenso hart arbeitet. Das Leben ist kein Ponyhof, und es ist kindisch zu fordern, dass es einer sein soll, proklamiert Mirna Funk und unterstellt damit diese Forderung Frauen, die einer anderen feministischen Ideologie anhängen. Womit sie nicht ganz unrecht hat. Aber das ist ein philosophisches Dilemma. Auch wer, wie Funk laut Eigenwerbung des Verlages behauptet, „von den Debatten um Geschlechterungleichheit, Care-Arbeit und Vereinbarkeit“ genervt zu sein, nimmt an der Debatte teil, fügt ihr nur eine neue Drehung hinzu.

Klappern gehört nun mal zum Handwerk und in der Folge wird dann oft das Klappern zum Handwerk. Aber es ist natürlich richtig, die Bequemlichkeit anderer anzuprangern.

Der Lohn der Mühe ist beruflicher Erfolg, ein ausgeglichenes Bankkonto und ein ausgeprägtes Sexualleben. Darauf lässt jedenfalls der Inhalt der „Goodie Bags“ schließen, die bei der Buchpremiere an die geladenen Gäst*innen verteilt wurden: unter anderem Gleitcreme, Lecktücher und Massagekerze. Bei den Gästen des Abends handelte es sich, wie bei fast jeder Lesung, hauptsächlich um Frauen. Was schade war, denn wie, fragte ich mich, soll denn ein souveräner Austausch auf Augenhöhe mit der Männerwelt zustande kommen, wenn die gar nicht erst erscheint? Wie und wo soll ich denn jemanden kennenlernen, mit dem zusammen ich souverän die Gleitcremetube leer machen kann? Das mag jetzt kindisch oder vernölt klingen und ganz und gar nicht so, als würde ich mich als souveränes Subjekt begreifen. Aber dafür kann weder Mirna Funk etwas – noch andere Feministinnen, die einen weniger neoliberalen, kapitalismusgläubigen Appeal haben.

Egal, wie man sich der Frage der Geschlechtergerechtigkeit annähert, ob man wie Funk der „Just do it!“-Fraktion angehört oder sich als Radfem, Libfem oder Intersektionale definiert: Solange Frauen nur untereinander darüber verhandeln, welcher denn nun der Königsweg zu Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit sei, wird es noch lange dauern, bis sich etwas signifikant im Verhältnis der Geschlechter zueinander und damit im Leben von uns allen verbessert. Das Schlusswort überlasse ich einer tollen Frau, die ich bei Mirnas Buchpremiere kennengelernt habe: „Wenn sie auch nur fünf Reihenhausmamas dazu bringt, einen Ehevertrag zu machen, dann ist alles okay.“

Info

Who cares! Von der Freiheit, Frau zu sein Mirna Funk dtv Verlag 2022, 112 S., 10 €

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